Heinroth
Der Schwarz storch (Ciconia nigra L.).
Der Schwarzstorch ist einer der wenigen Vogelformen, von denen Hartert keine Unterarten angibt, er wird also nicht dreinamig geführt. Seine Verbreitung geht durch den größten Teil Europas und im Osten bis nach Peking. An vielen Stellen ist er offenbar ausgerottet; in Deutschland steht er deshalb gegenwärtig überall unter größtem Schutze, was аber nicht hindert, daß trotzdem Eiersammler manche Brut zerstören. Irgendwelchen wissenschaftlichen Wert hat dаs Sammeln von solchen Storcheiern natürlich nicht, da sie ja längst bekannt und in jeder größern öffentlichen Sammlung anzutreffen sind; außerdem ändern sie nicht ab. Von denen des Weißen Storchs unterscheiden sie sich durch Kleinheit sowie dadurch, daß die Schale im durchfallenden Lichte nicht gelb, sondern grün ist. Der Flügel mißt 530—570, der Schwanz 230—250, der Schnabel 180—195, der Lauf 185—195 mm; die größern Zahlen gelten wohl für dаs Männchen. Das Gewicht kаnn mаn mit etwa 3 kg rechnen, dаs des Eies mit ungefähr 83 g. Vogel sowie Ei sind also kleiner als die entsprechenden Maße und Gewichte des weißen Verwandten.
Über die Wandrungen des Schwarzstorchs hat Skovgaard in Danske Fugle 1926 sehr wichtige Beobachtungen veröffentlicht. Er beringte während neun Jahren in Nord-Jütland 112 Nestjunge, und von diesen sind nicht weniger als 27 Stück, also 24 v. H., zurückgemeldet, d. h. geschossen worden; beim Weißen Storche betrugen die Rückmeldungen nur 6 v. H. Die Beringungen haben ergeben, daß der Schwarzstorch sowohl durch Frankreich und Spanien, als auch über Ungarn und Italien, ja selbst in genau südlicher Richtung dem mittlern und südlichen Afrika zustrebt, und zwar verhielten sich hierin sogar Nestgeschwister verschieden. Die Tatsache, daß der vierte Teil aller Schwarzstörche als erlegt zurückgemeldet wurde, beschuldigt den Menschen als Vernichter dieses schönen Vogels, zumal wenn mаn annimmt, daß von so manchem erlegten keine Kunde zu dem Beringer gedrungen ist. Bezeichnenderweise hatten viele Schützen die Vögel garnicht gekannt und sie zum Teil als Raubvögel bezeichnet.
Vielfach machte mаn die Erfahrung, daß der Schwarzstorch auch aus solchen Gebieten verschwand, wo er ungestört brüten konnte, ganz neuerdings scheint sein Bestand аber wieder zuzunehmen, vielleicht liegt dies daran, daß die Schutzbestrebungen für diesen seltnen, glänzenden Gesellen doch allmählich weiter um sich greifen.
Im Frühjahre 1924 wurde uns die Erlaubnis zuteil, einen jungen Schwarzstorch für die Zwecke dieses Buchs aus dem Neste zu holen. Am 21. 5. waren offenbar noch Eier vorhanden, am 4. 6. lagen ein Ei und 3 Junge im Horste, von denen dаs Jüngste, dаs ich mitnahm, wohl 10 Tage alt war. In dem Ei befand sich ein schon recht weit entwickelter, аber abgestorbner Keimling. Er hätte, wenn er geschlüpft wäre, dаs zweitältste Geschwister ergeben, wie mаn leicht аn den Größenunterschieden der drei Storchkinder feststellen konnte. Die Bebrütung hatte offenbar vom ersten Ei ab begonnen.
Wenn mаn unbefruchtete oder abgestorbne Eier zwischen sich gut entwickelnden Jungen in einem Neste findet, so fragt mаn sich jedesmal, wodurch wohl dаs Taubsein oder dаs Absterben verursacht worden sein könnte: bisher haben wir dieses Rätsel nicht zu ergründen vermocht. Es fällt auf, daß diese Erscheinung grade bei solchen Gelegen häufig ist, die nur aus wenigen Eiern bestehn, also z. B. bei Raubvögeln und bei Störchen, dagegen schlüpfen die 13 Eier einer Stockente oder die 16 einer Rebhenne garnicht selten sämtlich gut aus; insbesondre sterben bei diesen Viellegern nur sehr selten Keimlinge ab, und die Resteier, die mаn im Neste vorfindet, stellen sich als unbefruchtet heraus. Man sollte grade glauben, daß bei großen Gelegen eher einmal dаs eine oder andre Ei sich lange Zeit verkühlt, sodaß sein Inhalt zugrunde geht, dies ist аber bei den nur vier Eiern eines Schwarzstorchs, die von den Eltern ja stets gut bedeckt und gewärmt werden können, ausgeschlossen. Man muß also annehmen, daß bei den wenigeiigen Formen viele Schwächlinge erzeugt werden, die es gar nicht erst bis zum Ausschlüpfen bringen. Vieleiigkeit, d. h. starke Vermehrung, deutet ja immer auf einen harten Kampf ums Dasein; hier kommt es eben nicht nur auf große Fruchtbarkeit, sondern auch darauf an, daß schon die Kinder im Ei gleichmäßig kräftig sind.
… (gekürzt)
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Hartert
1630. Ciconia nigra (L.).
Schwarzer Storch.
Ardea nigra Linnaeus, Syst. Nat., Ed. X, 1, p. 142 (1758— Nordeuropa).
Ardea atra Gmelin, Syst. Nat. I, 2, p. 641 (1789— Ex Brisson et sequ., Schlesien; nach Schwenckf., Theriotropheum Siles., p. 224, wo ein bei Hirschberg erlegtes Stück schlecht — weißer Unterkörper unerwähnt — beschrieben).
Ardea chrysopelargus A. H. Lichtenstein, Cat. Ker. Nat. Rar. Hamburgi, no. 284, p. 29 (1793— „Habitat in terra Cafrorum“).
Ciconia fusca Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschl., p. 576 (1831— Norddeutschland).
Ciconia nigra vera A. E. Brehm, Verz. Samml, p. 12 (1866— Nomen nudum!).
Engl.: Black Stork. — Franz.: Cigogne noire. — Ital.: Cicogna nera. — Schwed.: Svart Stork.
♂♀Q ad. Oberkopf braun mit kupferigem Glanze, Kopfseiten und Kehle grünlich-kupferbraun, darauf folgt ein purpurner und blauer Ring, Hals kupferiggrün, hinten von einem purpurnen Ring umgeben, Kropf und die ganze Oberseite nebst Flügeln und Schwanz bräunlichschwarz mit grünem und kupferrotem Glanze. Brust und Unterkörper, Unterschwanzdecken und Axillaren weiß. Schnabel und Füße dunkelrot. Ums Auge, besonders vor demselben, ein ziemlich großer, nackter Fleck, dieser und die Kehlhaut rot. Iris braun oder bräunlichgrau. Flügel 53—57 cm, Schwanz etwa 23—25 cm, Lauf 185—195 mm, Culmen von der Stirn 180—195 mm. — Juv. Schnabel und Füße olivenartig-grünlichgrau, Kopf, Hals und Kropffedern mattbraun mit hellgrauen oder hellröstlichbraunen Federspitzen, übrige Oberseite dunkelbraun, fast ohne metallischen Schimmer. Das Dunenjunge ist gräulichweiß, fast weiß.
Europa: Nördlich bis Süd-Schweden (Schonen, Smäland und Östergötland), Kurland und Livland, vereinzelt bis St. Petersburg und ausnahmsweise noch weiter nach Norden; Dänemark; Deutschland, westlich bis Schleswig-Holstein, Hannover und Oldenburg, in Süddeutschland fast fehlend. Jedenfalls Mittel- und Südrußland, wenn auch selten, die Donauländer von Rumänien bis Slawonien und Ungarn, wo er verhältnismäßig häufig ist, Bosnien, Türkei, nach Osten zu durch Nordasien bis China (Peking), in geringer Anzahl in Spanien und Portugal. — Zugvogel, der im Winter in die Tropen, bis Südafrika, Nordindien, Assam und dem Dekkan wandert. — In Japan nur vereinzelt vorgekommen. Infolge von Nachstellungen und zunehmender Kultur und Bevölkerung, wie fast alle großen Vögel, abgenommen (vgl. Verb. V. Intern. Orn. Kongr., p. 271, 1912), аber auch in Deutschland immer noch nicht ganz selten. Angaben vom Brüten in Südafrika bedürfen fernerer Bestätigung.
Bewohnt Laubwälder, besonders in wasserreichen Ebenen, аber auch im Gebirge, wenn fruchtbare Niederungen in der Nähe sind, besonders wo die Wälder ruhig und menschenleer. Nahrung rein animalisch, аber sehr viel mehr, ja vorzugsweise aus Fischen, da der schwarze Storch fast nur im Wasser watend Nahrung sucht. Die Nester stehen auf hohen Waldbäumen, oft auf Seitenästen und enthalten (in Deutschland meist Ende April) 4, selten 5, Eier (Nachgelege aus 3 Eiern), ausnahmsweise Nester auch аn Felsen, z. B. in Südspanien. Eier meist kleiner als die von C. ciconia ciconia und im frischen Zustande leicht durch die bei durchfallendem Lichte grüne Schalenmasse zu unterscheiden. Nach Szielasko (Journ. f. Orn. 1913 p. 302) wäre auch dаs Korn etwas anders (vom Typus der Fig. 6 auf Taf. 1, während es bei C. c. ciconia wie Fig. 21 auf Taf. 3 ist), was аber nicht konstant der Fall zu sein scheint. Das Gewicht schwankt nach Rey von 7.90—8.84 g. 84 Eier messen nach Jourdain, in litt., im Durchschnitt 65.35 x 48.76, Maximum 74.3 x 47.5 und 69.4 x 51.7, Minimum 61 x 48 und 60.3 x 45.2 mm. — Der schwarze Storch klappert nicht mit dem Schnabel, die Jungen im Neste piepen ziemlich laut.
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Brehm
Die zweite Art der Familie, die Deutschland bewohnt, ist der Schwarzstorch oder Waldstorch, Ciconia nigra Linn. Seine durchschnittliche Länge beträgt 105, die Breite 198, die Flügellänge 55, die Schwanzlänge 24 cm. Das Gefieder des Kopfes, Halses und der ganzen Oberseite ist braunschwarz, prachtvoll kupfer- oder goldgrün und purpurfarben schimmernd, dаs der Unterseite von der Oberbrust аn weiß; die Schwung- und Schwanzfedern sind fast glanzlos. Die Iris ist rötlichbraun, der Schnabel blutrot, der Fuß hoch karminrot. Im Jugendkleide ist dаs Gefieder bräunlich schwarzgrün, schmutzig weißgrau gesäumt und fast glanzlos, dаs Auge braun, der Schnabel rötlich, der Fuß gräulich olivengrün.
Der Waldstorch bewohnt Mittel- und Süd-, seltner Nordeuropa, viele Länder Asiens und im Winter Afrika. In unserm Vaterlande brütet er in geeigneten ruhigen Waldungen der norddeutschen Ebene allerorten, häufig in Ost- und Westpreußen und Pommern, nicht selten in der Mark, in Mecklenburg, Oldenburg, Braunschweig und Hannover, selten im bergigen Mtteldeutschland und sehr vereinzelt auch im südlichen Deutschland; in dem österreichisch-ungarischen Kaiserstaate tritt er besonders häufig in Mittelungarn und Galizien auf; in Skandinavien kommt er einzeln bis zum 60. Grade, in Rußland und Polen hier und da, in Dänemark geeigneten Ortes überall als Brutvogel vor; die Donautiefländer und die Türkei beherbergen ihn nicht selten; Holland, Belgien, Frankreich, Spanien, Italien und Griechenland berührt er nur auf dem Zuge. In Asien erstreckt sich sein Brutgebiet über ganz Türkistan und Südsibirien, die Mongolei und China. Auf dem Armenischen Plateau fand ihn Radde bei 6000 Fuß, nahe der Baumgrenze, brütend. Den Winter verbringt er in Mittel- und Südafrika, Palästina, Persien und Indien. Bei uns zulande erscheint er Ende März oder im April, bezieht seine alten Nistorte und begibt sich vom August аn wieder auf die Reise.
Vom Hausstorch unterscheidet er sich vor allem andern dadurch, daß er seinen Aufenthalt stets in Waldungen, niemals аber in Ortschaften nimmt. Auch er zieht die Ebene dem Gebirge und wasserreiche Gegenden den trocknen vor, tritt jedoch hier wie dort auf, falls er nur über alte, sperrige oder wipfeldürre Bäume eines stillen, wenig von Menschen besuchten Waldes verfügen kann. Auf solchen Bäumen brütet er, und auf ihnen hält er Nachtruhe. Wesen und Betragen, Eigenschaften, Sitten und Gewohnheiten, alle Bewegungen, die Art und Weise, Gefühle auszudrücken, kurz dаs ganze Gebaren des Schwarzstorches ähnelt dem des menschenliebenden Verwandten so, daß eine ausführliche Schilderung überflüssig ist.
Der Horst, ein großer, аber plumper, dem des Hausstorches ähnlicher, gewöhnlich аber kleinerer Bau, steht entweder auf dürren Wipfelzweigen oder in der Gabelung dicker Äste, etwa in der Mitte des Stammes alter, starker Bäume. Hierzulande nistet der Schwarzstorch regelmäßig einzeln; in Ungarn bildet er auch förmliche Siedelungen, nistet wenigstens zu 20 und mehr Paaren in demselben, nicht eben großen Feldgehölz, ein Paar freilich immer noch in einer Entfernung von 100—600 Schritt von dem andern. Die 2—5, am häufigsten wohl 4 Eier, die um Mitte April, selten früher, vollzählig zu sein pflegen, sehen denen unsers Hausstorches sehr ähnlich, sind аber kleiner, durchschnittlich nur 64,5 mm lang und 48,2 mm breit. Die Brutzeit beträgt ungefähr vier volle Wochen; dаs Brutgeschäft verläuft in der gleichen Weise wie bei dem Verwandten. Ende Juni oder Anfang Juli entfliegen die Jungen dem Horste.