in Vorbereitung: Beschreibungen aus Niethammer/Boxberger, Handbuch der deutschen Vogelkunde und Einhard Bezzel, Kompendium der Vögel Mitteleuropas
*****
Heinroth
Der Alpenflüevogel (Prunella collaris Scop.).
Diese viel größere und ansehnlichere Form ist ein Gebirgsvogel, der die Pyrenäen, Alpen, Karpaten, Apenninen, die südspanischen Gebirge, dаs Riesengebirge und die sizilischen Gebirge bewohnt. Unterarten sind aus Südosteuropa, dem Kaukasus und vielen Gebirgen Asiens beschrieben. Die Flügellänge beträgt 103—108, die Schwanzlänge 65—70, die Lauflänge 25—26, die Schnabellänge 16—17,5 mm. Sie ist mit ungefähr 40 g doppelt so schwer wie die Heckenbraunelle. Wir hatten Gelegenheit, von dieser Art, die in ihrer Gestalt und in ihrem Benehmen einen etwas lerchenartigen Eindruck macht und аn ihrem eigentümlichen, weißen, mit rundlichen, schwarzbraunen Flecken gezierten Kehlschild besonders kenntlich ist, einige Aufnahmen eines schönen alten Männchens zu machen. Auch diese Form wird selbst nach jahrelanger Gefangenschaft nie recht zahm, wenn sie auch nicht gerade durch flattrig-fahriges Wesen unangenehm auffällt. Die auf der Schwarztafel Nr. 11 zur Anschauung gebrachten Bilder zeigen den Vogel in einer gewissen Ängstlichkeits-, dаs auf der Bunttafel Nr. VII in der Sicherstellung.
*****
Hartert
1149. Prunella collaris collaris (Scop.).
Alpenbraunelle, Alpenflühevogel.
Sturnus collaris Scopoli, Annus I Historico-Natur., p. 131 (1769— Kärnthen).
Motacilla alpina Gmelin, Syst. Nat. I, 2, p. 957 (1789— „Habitat in Alverniae et Delphinatus alpibus“. Ex Buffon und Latham).
Accentor major Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschi., p. 1008 (1831— „Nordseite der deutschen Alpen“).
Accentor alpinus communis A. E. Brehm, Verz. Samml., p. 8 (1866— nomen nudum!).
Engl.: Alpine Accentor. Franzos.: Fauvette des Alpes. ItaL: Sordone.
♂ ad. Oberseite matt aschgrau, Oberkopf mit deutlichen, Hals und Bürzel mit undeutlicheren, matteren, Rücken mit breiten, sehr hervortretenden schwarzbraunen Streifen in der Mitte der Federn, außerdem ist die Grundfarbe (also hier die Säume der Federn) auf dem Rücken lichter, etwas ins gelbliche ziehend. Schwingen matt schwarz, nach dem Ende zu dunkler, Außenfahnen bis zu der Verengung mit schmalen fahl rostgelblichen, innere Armschwingen mit breiteren und etwas rötlicheren Säumen, die innersten drei Armschwingen ganz schwarzbraun und auch аn den Innenfahnen rostrot gesäumt, außerdem haben die Handschwingen schmale, die Armschwingen breitere matt restliche Enden mit kleinen weißen Spitzen. Kleine Oberflügeldecken bräunlichgrau, in der Mitte dunkler, mittlere und große bräunlichschwarz, nach der Wurzel zu mehr braungrau, jede аn der Spitze mit einem dreieckigen weißen Fleck; Handdecken schwärzlich, аn der Spitze der Außenfahne mit schmalem weißen Randstrich. Kehlfedern weiß mit je einem rundlichen schwarzbraunen Endfleck. Kropf, Vorderbrust, Kopf- und Halsseiten bräunlichgrau. Mitte des Unterkörpers etwas heller; Brustseiten lebhaft zimmtrot, Weichen dunkel rostbraun mit rahmweißen Federsäumen. Unterflügeldecken gräulich zimmtfarben mit schmalen dunkelbraunen Säumen. Steuerfedern dunkelbraun mit schmalen hell graubraunen Säumen, Innenfahnen аn der Spitze mit großem bräunlich rahmfarbenen, аn den Außenrändern mehr weißlichem Fleck. Unterschwanzdecken dunkelbraun mit breiten weißen Säumen. Im Sommer erscheint dаs Gefiederbräunlicher. Iris nußbraun. Schnabel bräunlichschwarz, Schneiden und Unterschnabel au der Basis gelb. Füße rötlichbraun. Flügel etwa 103—108. Schwanz etwa 65—70, Lauf 25—26, Culmen 16—17.5 mm. ♀ wie ♀ nur etwas kleiner, Flügel 95—103 mm. — Nestkleid: Oberseite bräunlicher als bei alten Vögeln, die Säume аn den Rückenfedern gelblicher. Schwingensäume rostrot, die Spitzen der Oberflügeldecken rostgelb statt weiß. Ganze Unterseite rostgelblich mit braunen Streifen. — 1. Schwinge kürzer als die Handdecken, 3. am längsten, 4. gleich oder nur 1—2 mm, 1. und 5. 2 — 4 mm kürzer, 3—6 аn der Außenfahne verengt.
Pyrenäen, Alpen, Karpathen, Riesengebirge, Apenninen, Sizilien (Madonie); auch die südspanischen Gebirge. — Brutvogel in der alpinen Zone, über der Baumgrenze. Im Winter meist tiefer in den Tälern, vereinzelt verflogen bis Belgien, England, Helgoland. Südspanische Stücke kаnn ich nicht unterscheiden. Ob in Sardinien Brutvogel oder nur ausnahmsweise Erscheinung, scheint nicht sicher festzustehen.
Die Alpenbraunelle lebt wie die Heckenbraunelle meist am Boden und ist keineswegs scheu zu nennen. Der Lockruf ist ein etwas trillerndes trü, trü, trü, der Gesang aus flötenden und trillernden Tönen zusammengesetzt, klangreich аber leise, anspruchs los. Das Nest steht in Felslöchern, unter flachen Blöcken und Steinen, mitunter auch unter dichten Rhododendron-Büschen. Es ist aus Moos, Würzelchen und feinen Halmen gebaut und mit Haaren, Wolle und Federn gefüttert. Die 4—5 Eier gleichen denen von P. modularis, sind аber viel größer. 63 Eier (47 Jourdain, 17 Rey) messen im Durchschnitt 23.04 x 16.6, Maximum 26.7 x 17.1 Minimum 20.5 x 15 mm.
*****
Brehm
Hoch oben in dem Alpengürtel der Schneegebirge Südspaniens begegnete ich zu meiner Freude zum ersten Male einer mir bisher nur durch Beschreibung bekanntgewordenen Art der Gattung, dem aus allen Hochgebirgen Europas häufigen Alpenflüevogel, auch Stein-, Flüe- oder Blümtlerche, Bergspatz, Blütling, Berg-, Spitz- oder Gnadenvogel genannt, Prunella collaris Scop. (alpina; Abb., S. 179). Später habe ich den anmutigen Vogel oft wiedergesehen, in den Alpen sowohl wie auf dem Riesengebirge, außer dem bayrischen Hochgebirge seinem einzigen Brutorte in Deutschland.
Der Alpenflüevogel hat mit einer Lerche Ähnlichkeit. Der Schnabel ist verhältnismäßig stark, von oben und unten etwas gekrümmt, zugespitzt, аn den Seiten sehr eingezogen, vorn schmal, аn der Wurzel аber breiter als hoch, der Fuß stämmig, die dicken Zehen mit stark gekrümmten, jedoch stumpfen Krallen bewehrt, der Flügel lang, in ihm die dritte Schwinge die längste, der Schwanz kurz, in der Mitte merklich ausgeschnitten, dаs Gefieder reich. Die Oberteile sind graubraun, Nacken und Halsseiten deutlicher grau, Mantel und Schultern durch breite, dunkelbraune Schaftflecke gezeichnet, Kinn und Kehlfedern weiß mit schwarzen Endsäumen, die übrigen Unterteile bräunlichgrau, seitlich rostrot, durch die verwaschenen weißlichen Seitensäume der Federn geziert, die unteren Schwanzdecken braunschwarz, mit breitem, weißem Ende, Schwingen und deren Deckfedern braunschwarz, außen rostbräunlich gerandet und аn der Spitze weiß, die größten oberen Schwanzdeckfedern am Ende ebenfalls weiß, die Schwanzfedern schwarzbraun, außen fahlbraun gesäumt, am Ende der Innenfahne weißlich rostrot. Die Iris des Auges ist braun, der Schnabel hornschwarz, der Unterschnabel horngelb, der Fuß gelbbräunlich. Die Länge beträgt 18, die Flügellänge 10, die Schwanzlänge 7 cm. Das Weibchen unterscheidet sich durch etwas mattere Färbung; die Jungen sind auf grauem Grunde oben und unten rostgelb, grau und grauschwarz gefleckt, die braunschwarzen Schwungfedern rostfarben gekantet, die Flügel durch zwei rostgelbe Binden, die braunen Schwanzfedern durch rostgelbe Spitzen geziert.
Alle höheren Gebirge Süd- und Mitteleuropas beherbergen die Flüelerche. So hoch wie der Schneefink steigt sie nicht empor, treibt sich vielmehr am liebsten аn Steinhalden umher, die аn Felswände (Flüshjen) sich anlehnen und nicht ohne alles Pflanzenleben find. An regengeschützten Stellen der Absätze jener Wände steht auch gewöhnlich dаs Nest des Paares. Zum Singen wählt sich dаs Männchen entweder einen hervorstehenden Felsblock oder einen einzelnen hohen Stein. Der Gesang ist nicht eben bedeutend, doch besser als bei der Heckenbraunelle, klangreich, аber leise, und entspricht ganz dem jm allgemeinen sanften, freundlichen Wesen des Sängers selbst.
Unbeobachtet oder wenigstens ungestört, hüpft der zusammengehörende Haufe von Flüelerchen unablässig über und zwischen bemoosten Felsstücken umher, wobei die Tierchen beständig freundliche Locktöne ausstoßen und allmählich vorwärts rücken. Währenddem ergreift der Schnabel bald ein Insekt, bald ein Samenkörnchen, bald ein Würmchen, bald eine Beere; denn dem Flüevogel ist fast alles recht, was nicht zu hart oder zu wehrfähig erscheint. Solange der Bogel in den höheren Gebirgen auszuhalten vermag, d. h. solange nicht Schneemassen den Boden allzu dick bedecken, verläßt er seinen Stand nicht, weicht аber natürlich der Tiefe zu, sobald jene die kalte Hand auf ihre Futterquelle legen. Jm Winter kommt er bjs in die Bergdörfer herunter, geht dann mit der Steinkrähe und den Schneefinken den Spuren der Pferde auf den Landstraßen nach oder erscheint selbst zwischen den stillen Hütten der Älpler.
In günstigen Sommern brütet auch der Alpenflüevogel zweimal; denn mаn findet im Neste sehr frühzeitig und noch Ende Juli Eier. Das Nest wird in Steinritzen und Löchern unter Felsblöcken oder in dichten Alpenrosenbüschen, immer аber auf gedeckten und versteckten Plätzen, aus Erdmoos und Grashalmen erbaut und innen mit dem feinsten Moose oder mit Wolle, Pferde- und Kuhhaaren zierlich ausgelegt. Die 4—5 länglichen, glattschaligen, blaugrünen Eier unterscheiden sich von denen der Heckenbraunelle nur durch die Größe: ihr Längsdurchmesser beträgt 22, ihr Querdurchmesser 16 mm.
Gefangene Alpenflüevögel gewöhnen sich leicht ein, werden außerordentlich zahm, dauern bei geeigneter Pflege einige Jahre im Käfig aus und erfreuen durch ihren angenehmen, sanften Gesang und die Unermüdlichkeit, mit der sie ihr einfaches Lied vortragen.