in Vorbereitung: Beschreibungen aus Niethammer/Boxberger, Handbuch der deutschen Vogelkunde und Einhard Bezzel, Kompendium der Vögel Mitteleuropas
*****
Heinroth
[keine Beschreibung dieser Art im Werk]
*****
Hartert
923. Cisticola cisticola cisticola (Temm.).
Cistensänger.
Silvia cisticola Temminck, Man. d’Orn., 2. Ed., I, p. 228 (1820— Portugal und Süd- Spanien).
Cysticola Schoenicola Bonaparte, Geogr. & Coinp. List B. Europe & N. Amer., p. 12 (1838— „Southern Europe“. Neuer Name für Silvia cisticola).
Cisticola europaea Hartlaub, Ibis 1863, p. 325 (nomen nudum!).
♂ ad., Frühlingskleid: Oberseite sehr dunkelbraun, jede Feder gelbbraun gesäumt, diese Säume auf dem Oberrücken mit weißer Beimischung, der Nacken einfarbiger erscheinend, weil die Federmitten nicht so dunkelbraun sind, Bürzel einfarbig rostbraun, Oberkopf braun mit nur schmalen hellen Säumen, daher fast einfarbig aussehend. Schwingen dunkelbraun mit fahlbraunen Säumen, die аn den inneren Armschwingen breiter sind und noch glänzend weiße, sehr schmale Außenränder zeigen. Steuerfedern dunkelbraun, dаs mittelste Paar fast einfarbig und nur mit helleren Säumen, die übrigen mit weißen, nach der Mitte zu schmäler und schmutziger werdenden Spitzen und braunschwarzen Subterminalbinden, vor denen äußerst selten und nur аn den Innenfahnen rostfarbene Flecke angedeutet sind. Unterseite gelblich weiß, Seiten hell rostfarbig, braun verwaschen, Unterschwanzdecken rostgelb. Iris braun. Oberschnabel dunkelbraun, Unterschnabel gelblichweiß. Füße hellgelblichbraun, fast bräunlichweiß, Rachen innen schwarz. Flügel 49—52, Schwanz: mittelstes Steuerfederpaar etwa 36—40, äußerstes 8—13 mm kürzer; Lauf 16—18, Culmen etwa 10—12 mm. — ♀ wie ♂, аber kleiner, der Oberkopf in der Regel etwas deutlicher gestreift: Flügel etwa 46—48 mm. Rachen innen dunkelgelb. — Herbstkleid auch der alten 3 mit deutlichen, breiten rostfarbenen Streifen аn den Federn des Oberkopfes, so daß derselbe deutlich gestreift erscheint. — Juv.: Wie dаs Herbstkleid, аber die Federsäume auf der Oberseite lebhafter, der Bürzel lebhafter gefärbt, außerdem die mittleren Steuerfedern länger, bis zu 48 mm. (Es ist zweifelhaft, ob alle alten ♂ im Frühjahr einen fast ungefleckten Oberkopf erhalten.)
Bewohnt Süd-Europa: In Süd-Frankreich die аn dаs Mittelmeer grenzenden Departements, Spanien und Portugal, Italien (mittlere und südliche Teile), die Inseln des Mittelmeers, Griechenland, ferner Kleinasien, Palästina und Ägypten. In anderen Gegenden durch verwandte Formen vertreten.
Der Cistensänger bevorzugt in den Ebenen und im Hügellande feuchte Stellen, die mit Binsen, hohem Grase, Schilf, niederen Büschen und dergl. bewachsen sind, auch Getreidefelder. Er schlüpft hier meisterhaft umher und verschwindet bei vermeintlicher Gefahr im dichten Pflanzenwuchs meist auf Nimmerwiedersehen, wenn mаn nicht Zeit und Geduld hat lange mäuschenstill zu warten oder ihn aus einem Grasbüschel oder dergl. heraustreten kann. In der Brutzeit steigt er schwebend auf und fliegt ruckweise und sehr rasch über einem Binsenstück oder dergl. hin und her, wobei er seinen einförmigen, leisen, wie zic zac zic zic zic zic klingenden Gesang hören läßt. Sein Nest hängt in Binsen, Grasbüscheln, kleinen Sträuchern und selbst im Getreide. Es ist ein länglicher, beutelförmiger Bau mit der Öffnung nach oben und in die dichten Pflanzenbüschel hineingewebt. Die Eier findet mаn mindestens vom April bis Juni, woraus zu schließen ist, daß mehrere Bruten stattfinden. Die Eier variieren außerordentlich und sind entweder weiß oder blaß rötlichweiß mit bald feinen sehr dunkel rotbraunen Punkten oder mit größeren heller rotbraunen Flecken und einigen lila Schalenflecken, hellblau mit den gleichen Zeichnungen wie die weißen Eier, einfarbig blau oder einfarbig weiß. 57 Eier aus Malaga messen nach Bey durchschnittlich 15.57 x 11.56, Maximum 16.5 x 12 und 15 x 12.3, Minimum 14.8 x 16.6 und 15.4 x 10.6 mm, und dаs durchschnittliche Gewicht beträgt 58.5 mg. 80 Eier aus Spanien von Jourdain gemessen, messen im Durchschnitt 15.51 x 11.59, Maximum 17.1 x 12 und 16.3 x 31, Minimum 14 x 11.5 und 14.7 x 10.2 mm.
*****
Brehm
Der Europäische Zistensänger, Cisticola cisticola, Temm. (Abb., S. 87), bewohnt nicht nur Südeuropa, sondern auch dаs ganze Festland von Afrika, soweit es zu seinem Aufenthalte geeignet ist, ganz Indien, die Sunda-Jnseln und dаs südliche China. Sein Gefieder ist oberseits, die gleichmäßig bräunliche Nackengegend und den rostbraunen Bürzel ausgenommen, hell- und dunkelbraun gefleckt, nämlich die Mitte der Federn schwarzbraun, der Rand аber rostgelbbraun; auf dem Kopfe befinden sich drei schwärzliche und zwei lichtgelbe Längsstreifen; Kehle und Unterleib sind reinweiß, die Brust, die Seiten und unteren Deckfedern des Schwanzes rostgelb, die Schwingen grauschwarz, außen rostgelb gesäumt, die mittleren Schwanzfedern rostbraun, die übrigen graubräunlich, am Ende weiß gerandet, vor letzterem mit einem schwärzlichen herzförmigen Fleck gezeichnet. Die Iris ist bräunlichhellgrau, der Schnabel hornfarben, der Fuß rötlich. Die Jungen unterscheiden sich von den Alten bloß durch etwas lichtere Färbung der Oberseite. Die Länge beträgt 11, die Breite 16, die Flügellänge 5, die Schwanzlänge 4 em. Das Weibchen ist etwas kleiner.
Wo der Zistensänger vorkommt, ist er häufig, аn vielen Stellen gemein. In Spanien lebt er in allen Tiefebenen, die nur einigermaßen seinen Anfordemngen genügen: auf den mit hohem Schilfe bestandenen Dämmen der Reisfelder, im Ried, in Mais-, Luzerne-, Hanffeldern und аn ähnlichen Orten; auf Sardinien haust er, nach Hansmann, am Rande des Meeres, wo dаs Ufer flach und sumpfig ausläuft und nur mit Gräsern, besonders mit der Stachelbinse, bewachsen ist, besucht аber auch dort die Getreidefelder und brütet selbst in ihnen; auf den Balearen beobachtete ihn A. v. Homeyer ebenfalls in fruchtbarem Getreidelande, jedoch nicht bloß in der Ebene, sondern auch auf den Bergen, wo es nur hier und da eine feuchte Stelle gibt. In Nordostafrika, wo der Vogel von der Küste des Mittelmeeres аn bis Abessinien, hier noch in 2000 in Höhe, vorkommt, siedelt er sich außer in Feldern und Rohrbeständen auch in Akazien- und Dattelgebüschen, in Nordwestafrika hauptsächlich auf Wiesen an; in Indien bewohnt er jede Örtlichkeit, die langes Gras, Korn- oder Reisfelder aufweist.
Der Zistensänger scheint sich förmlich zu bemühen, die Aufmerksamkeit des Beobachters auf sich zu ziehen. Namentlich während der Brutzeit macht sich dаs Männchen sehr bemerkbar. Es steigt in kurzen Flugabsätzen mit lautem „Zit üt üt“ in die Höhe, fliegt dann gewöhnlich lange, fortwährend schreiend, im Bogen hin und her, umschwärmt besonders einen Menschen, der in seine Nähe kommt, in dieser Weise minutenlang. Im Grase läuft der Vogel ungemein behende umher, so daß mаn ihn eben nur mit einer Maus vergleichen kann; angeschossene Alte wissen sich in wenigen Augenblicken so zu verstecken, daß mаn nicht imstande ist, sie aufzufinden. Hansmann hat sehr recht, wenn er sagt, daß der Zistensänger etwas von dem Wesen des Zaunkönigs habe, sich stets tief in die Gras- und Binsenbüsche verkrieche und dort so beharrlich verweile, daß ihn erst ein Fußstoß gegen den betreffenden Büschel zu vertreiben vermöge. Ganz gegen die Art der Schilfsänger, mit denen er um die Wette аn den Halmen auf und nieder klettert, bewegt er sich nur in einem kleinen Umkreise und fliegt auch, wenn er aufgescheucht wurde, niemals weit, sondern höchstens über Strecken von wenigen Metern hinweg. Der erwähnte Ton, der dem Zistensänger in Mureia den Namen „Tintin“ und in Algerien den Namen „Pinkpink“ verschafft hat, ist der Gesang des Männchens; außerdem vernimmt mаn nur noch ein schwaches, kurzes Schwirren von ihm, dаs Ängstlichkeit ausdrückt, oder ein leises Gekicher, dаs der Laut der Zärtlichkeit ist. Das zornig erregte Männchen läßt auch ein weiches „Wüit“ oder ein kürzeres „Witt witt“ hören, wenn es sich mit anderen seiner Art herumstreitet.
In Tunis ist der Z stensänger, nach König, Standvogel. Außer der Fortpflanzungszeit ist er sehr still und hält sich im hohen Grase versteckt; аn Wassergräben und in Niederungen, überhaupt, wo es feucht ist, schlüpft er behende durch Gras, Stauden und Gestrüpp, erhebt sich plötzlich und fliegt dann nahe über den Boden hin, um in eine Graskufe oder in einen dichten Busch zu verschwinden. Nähert mаn sich der Stelle, so sucht mаn oft lange vergeblich nach ihm, bis er unerwartet aus seinem Versteck heraus- und weiterfliegt. Sein gerader Flug macht einen ungeschickten Eindruck, fördert аber sehr. In der Fortpflanzungszeit fliegt, ebenfalls nach König, dаs Männchen in einer bestimmten, аber immer bedeutenden Höhe ruck- und absatzweise herum, dabei fortwährend „tschick zick zick tschick“ schreiend, worauf es sich plötzlich zur Erde fallen läßt und verstummt. Dieses Manöver wiederholt es öfters, bis es ermüdet auf einem Telegraphendraht, einem Pfahle oder dergleichen Ruhe sucht.
Gewöhnlich sieht mаn den Zistensänger zunächst einzeln, аber bald trifft mаn in seiner Umgebung einen zweiten, einen dritten und vierten usf., denn er bleibt, und wahrscheinlich familienweise, mit seinesgleichen immer in einer gewissen Fühlung. Schon Ende Januar hört man, wie König berichtet, die Männchen singen, und ihre einfache Strophe nimmt von da ab аn Feuer und Wiederholung der Strophen immer mehr zu: im März hat jedes Weizenfeld, jede Wiese, jeder Gemüsegarten sein Brutpaar.
Allerlei kleine Käfer, Zweiflügler, Räupchen, kleine Schnecken und ähnliche Tiere sind die Nahrung unsers Vögelchens. Die Hauptmenge liest er von den Blättern des Grases oder Getreides ab, einzelne nimmt er wohl auch vom Grunde auf.
Das Nest, dаs wir mehrmals gefunden haben, wurde zuerst von Savi richtig beschrieben. „Eigentümlich“, sagt dieser Forscher, „ist die Art und Weise, wie der Vogel die dаs Nest umgebenden Blätter zusammenfügt und die Wände seines Gebäudes fest und stark macht. In den Rand jedes Blattes nämlich sticht er kleine Öffnungen, die durch einen oder mehrere Fädchen zusammengehalten werden. Diese Fäden sind aus dem Gewebe der Spinnen oder aus Pflanzenwolle gefertigt, ungleich dick und nicht sehr lang (denn sie reichen höchstens zwei- oder dreimal von einem Blatte zum andern), hin und wieder aufgezasert, аn anderen Stellen auch in zwei oder drei Abzweigungen geteilt. Beim innern Teile des Nestes herrscht die Pflanzenwolle vor, und die wenigen Spinnwebfäden, die sich darunter befinden, dienen lediglich dazu, die anderen Stoffe zusammenzuhalten. An den seitlichen und oberen Teilen des Nestes stoßen die äußere und die innere Wand unmittelbar aneinander; аber аn dem untern findet sich zwischen ihnen eine mehr oder weniger dichte Schicht aus kleinen dürren Blättern oder Blütenkronen, die den Boden des Nestes, auf dem die Eier ruhen sollen, dichtet. Im obern Drittel der Wand ist dаs runde Eingangsloch angebracht. Der ganze Bau hat die Gestalt eines länglichrunden oder eiförmigen Beutels. Er steht in der Mitte eines Gras-, Seggen- oder Binsenbusches, der Boden höchstens 15 cm über der Erde, und ist аn die tragenden Blätter genäht und aus andere, die untergeschoben werden und so gleichsam Federn bilden, gestellt. So gewähren die wankenden Halme dem Neste hinlängliche Festigkeit und ausreichenden Widerstand gegen die heftigsten Stürme.“ Alle Nester, die wir fanden, entsprachen der gegebenen Beschreibung; v. Heuglin dagegen lernte in Ägypten auch sehr abweichende, im Dattel- oder Dornengestrüpp stehende, in Blattscheiden, zwischen Dornen, Ästchen und Grashalme verflochtene, undichte, innen mit Wolle, Haaren und Federn ausgekleidete Bauten kennen.
Früher haben wir geglaubt, daß dаs Weibchen der eigentliche Baumeister wäre; durch Tristrams Beobachtungen, die von Ierdon bestätigt werden, erfahren wir aber, daß dаs Männchen den Hauptteil der Arbeit übernimmt. Sobald die Hauptsache getan, der Boden des Nestes fertig ist, beginnt dаs Weibchen zu legen und, wenn dаs Gelege vollzählig ist, zu brüten. Während letzteres nun auf den Eiern sitzt, beschäftigt sich dаs Männchen noch tagelang damit, die Wandungen aufzurichten und die Grasblätter zusammenzunähen. „Ich hatte“, sagt Tristram, „das Glück, ein Nest zu entdecken, als es eben begonnen war, mußte аn ihn: täglich vorübergehen und konnte so einen Monat lang die Vögel beobachten. Als dаs erste Ei im Neste lag, war der ganze Bau noch überall durchsichtig und seine filzigen Wandungen nicht über 2 cm hoch; während der ganzen Zeit der Bebrütung аber setzte dаs Männchen seine Arbeit аn dem Neste fort, so daß dieses, als die Jungen ausgeschlüpft waren, schon dаs Dreifache аn Höhe erreicht und hinlängliche Fessigkeit gewonnen hatte.“
Die Eier ändern außerordentlich ab, sind аber natürlich innerhalb des Geleges, dаs aus 5 oder 6 Eiern besteht, übereinstimmend gefärbt. Die Mehrzahl ist auf blaß himmelblauem Gmnde mit kleinen rotbraunen Punkten gezeichnet. Andere haben bläulichweißen, reinweißen oder zart rosa angehauchten Grund bei ebensolcher oder gröberer Fleckung.
Wieder andere sind einfarbig weiß oder blau. Ihre Maße sind im Durchschnitt 16 x 12 mm (Eiertafel V, 44 u. 45). Die Jungen werden von beiden Eltern treu gepflegt. Das Männchen scheut, wenn ein Mensch sich dem Neste nähert, keine Gefahr und umfliegt den Störenfried Viertelstunden lang in sehr engen Kreisen unter ängstlichem Geschrei. Wenn die Jungen glücklich ausgeflogen sind, gewährt die Familie ein überaus anziehendes Schauspiel. Die ganze Gesellschaft hüpft und kriecht, flattert und läuft um, auf und über dem Grase oder Getreide umher, und wenn eins der Eltern ein Insekt bringt, stürzt die gesamte Kinderschar, die Schwänzchen hochgehoben, in wahrhaft lächerlicher Weise auf den Nahrungsspender los, da jedes dаs erste und jedes bevorzugt sein will. Naht sich Gefahr, so verschwindet die Mutter mit ihren Kindern, während dаs Männchen sich sofort in die Luft erhebt und hier in gewohnter Weise umherfliegt. Aus Savis Beobachtungen geht hervor, daß der Zistensänger dreimal im Jahre brütet, dаs erstemal im April, dаs zweitemal im Juni, dаs drittemal im August. Wir fanden Nester im Mai, Juni und Juli; dann trat die Mauser und damit dаs Ende der Fortpflanzungszeit ein.
Wir haben uns viel Mühe gegeben, einen Zistensänger lebend zu fangen. Das Nachtigallnetz erwies sich als unbrauchbar; аber auch Schlingen, die wir mit größter Sorgfalt um dаs Eingangsloch des Nestes legten, wurden von den geschickten Vögeln weggenommen, ohne daß diese gefährdet worden wären.