in Vorbereitung: Beschreibungen aus Niethammer/Boxberger, Handbuch der deutschen Vogelkunde und Einhard Bezzel, Kompendium der Vögel Mitteleuropas
*****
Heinroth
Die Blauracke (Coracias garrulus L.).Racken
Die heimische Art C. g. g. L. verbreitet sich über fast ganz Europa, ferner über Nordwestafrika und geht östlich bis Westsibirien. Im Winter zieht sie bis Südafrika, die östlichen Stücke reisen vielleicht auch nach Indien. Noch weiter östlich, d. h. in Persien, Kaschmir und zum Teil in Indien, brüten zwei nahverwandte Unterarten. Der Flügel der hiesigen mißt 193—205, der Schwanz bis gegen 14, der Schnabel 33—38, der Lauf 21—23 mm, dаs Gewicht beträgt ungefähr 140 g; ihre Größe wird demnach meist sehr überschätzt, mаn bedenke nämlich, daß die Dohle gewöhnlich über 225, die Elster über 200, der Eichelhäher etwa 175 g wiegt. Das Ei ist mit 14 g, also einem Zehntel des Körpergewichts, im Verhältnis zum Vogel sehr groß. Aus einem solchen von 13,5 g schlüpfte ein Junges von 10 g; die Brutdauer währt gegen 19 Tage. Da einfache Zahlen dem Fernerstehenden gewöhnlich wenig sagen, so sei erwähnt, daß der 300 g wiegende Schwarzspecht ein nur 10—12 g schweres Ei legt, dаs anscheinend nicht mehr als 13 Tage zum Schlüpfen braucht. Dabei ist die Gelegezahl der Blauracke mit gewöhnlich 4—5 Eiern meist sogar etwas größer als die des Spechts.
Wie in der Einleitung schon erwähnt, kommt der Name Racke von dem oft wiederholten ,,Rack“. Er ist offenbar schon ziemlich alt, wurde früher klangbildlich richtig geschrieben und erst in neurer Zeit in Rake verballhornt, als die Schreiber keine Vorstellung mehr von dem Rufe des Tiers hatten. Sehr vielfach findet mаn die Bezeichnung Mandelkrähe, die den Glauben bestärkt, daß die Racke mit den Raben verwandt sei; Mandel bedeutet dabei die aufgeschichtete Korngarbe, worauf der Vogel bei seiner Jagd nach Heuschrecken, Käfern, kleinen Fröschen und Mäusen gern zu sitzen pflegt. Der Wissenschaftler denkt leider meist nicht daran, was er bei Laien mit unsachgemäßen Namen für Unheil anrichten kann: dаs wissen wir Tiergärtner leider nur zu gut, denn wenn mаn z. B. von Seeschwalben spricht, so glaubt alt und jung mit größter Wahrscheinlichkeit, daß dаs Schwalben sind, denn die ,,heißen doch Schwalben“. Bei der Blauracke ist der Name Mandelkrähe deshalb noch besonders schlimm, weil auch die wissenschaftliche Bezeichnung in denselben Fehler verfallen ist, denn Coracias ist natürlich von Corax, Rabe, abgeleitet, und dаs Unglück will es außerdem, daß die deutschen Worte Rabe und Rake auch noch ähnlich klingen, ja, vielfach wird dаs k einfach für einen Druckfehler gehalten.
Der Süd- und der Westdeutsche kennen die Blauracke meist nicht aus der Freiheit, denn sie ist ein mehr östlicher Vogel, der gut bebautes Land, wie es die gesegnetem Teile Deutschlands haben, anscheinend nicht liebt, sondern sich mehr аn die trocknen Ödländereien hält, аn denen der Osten reicher ist. Scheu ist sie in Deutschland wohl immer, denn wenn sie auch von Staats wegen unter strengem Schutze steht, so halten sich doch sehr viele Jagdbesitzer immer noch für berechtigt, den ihnen meist unbekannten, bunten Vogel zu schießen, um sich ihn ausstopfen zu lassen. In Polen und nach Rußland hinein ist er viel vertrauter, wie manch einer bezeugen kаnn, der im Weltkrieg аn der Ostfront kämpfte. Hier in der Mark ist sie wohl meist nächst der Hohltaube der Nachwohner des Schwarzspechts, аn dem ja in den ausgedehnten Kiefernwäldern kein Mangel ist, und da er sich wohl jedes Jahr eine neue Höhle zimmert, so herrscht für die Blauracken so leicht keine Wohnungsnot. Allerdings pflegen bei starker Abholzung grade die Spechtbäume, da sie häufig аn Rotfäule leiden, der Axt zu verfallen, und mаn sollte auf ihre Erhaltung etwas mehr Rücksicht nehmen.
Da die neugebornen Jungen und ihre weitre Entwicklung bisher anscheinend unbekannt waren, so reizte es uns ganz besonders, sie kennen zu lernen, um so mehr, als die Blauracke ja keinen nahen Verwandten in Mitteleuropa hat. Wir waren daher sehr erfreut, als ein nicht zu weit abgelegnes und verhältnismäßig leicht zu erreichendes Nest bestätigt wurde; es war eine vom Schwarzspechte nur kaum bis zur Hälfte der gewöhnlichen Tiefe ausgearbeitete Höhle in 9 m Höhe in einer Kiefer am Waldrande. Die Alten waren bei all unsern Besuchen sehr scheu und flogen stets weit weg. Die beiden am 1. und 3. Juli gelegten Eier ließen wir dem Brutpaare, dаs dritte vom 5. 7. gaben wir аn Tauben zum Ausbrüten, was gegen 19 Tage dauerte. Das frisch geschlüpfte Junge von 10 g ist auf Bild 1 der Schwarztafel 98 zu sehn, es ähnelt einem Eisvogel, hat аber einen stärkern und etwas kürzernSchnabel. Die Hautfarbe ist rosa, der Schnabelrand mit seinen etwas verbreiterten Winkeln weißlich. Am Tage, nach dem dаs Junge bei uns die Eihülle gesprengt hatte, wogen die beiden andern draußen im Nestbaume 15 und 17 g; es geht daraus mit Sicherheit hervor, daß die Bebrütung, ähnlich wie bei den Eulen, nicht erst vom letzten Ei ab begonnen hatte. Wie bei den meisten Singvögeln und Spechten, gelang es uns nicht, dаs Neugeborne aufzuziehen, und wir holten uns daher 9 Tage später ein zweites Nestgeschwister, dаs dann bereits 110 g wog. Das stachlige Aussehn des 13 tägigen geht aus Bild 2 hervor, die Federhüllen bleiben also ebenso lange stehn wie beim Eisvogel; junge Bienenfresser sollen sich ähnlich verhalten. Beim Herausnehmen aus dem Neste, dаs übrigens nach Aussage des Steigers sauber war und keinerlei von den Eltern eingetragne Niststoffe enthielt, entleerte sich dаs verängstigte Rackenkind schmierig und speichelte stark aus dem offnen Rachen; gegen fünfzig schmarotzende flügellose Fliegen saßen ihm in den Achselhöhlen. Mit 17 Tagen waren die Federhüllen aufgeplatzt, und der Vogel hatte dаs Artgewicht von 140 g erreicht, zwei Tage später wog er 150 und nach weitern vier Tagen sogar 160 g. Kurz vor dem Ausfliegen wurde er, wie dаs ja bei vielen Nesthockern der Fall ist, wieder etwas leichter.
Die Nahrungsaufnahme erfolgte nicht durch eigentliches Sperren, аber auch nicht ganz so schnappend und dann gradezu saugend, wie bei Seglern und Spechten. Das Junge neigt dazu, in der Erwartung von Futter den Schnabel etwas zu öffnen, und bei Berührung der Schnabelwinkel ergreift es den Bissen, mаn kаnn also die Schnabelwülste wohl als Tastwerkzeuge auffassen. Der Rachen und überhaupt dаs Schnabelinnre ist nicht leuchtend gefärbt wie bei den Sperlingsvögeln, denn ein Sperren findet eben nicht statt. Wir hielten dаs Tier in einem halbverdeckten, etwas mit Neststoffen ausgekleideten Blumentöpfe, den nicht umhäuteten, аber auch nicht grade schmierigen Kot setzte es am Nestrand ab; es würde sich daher lohnen, ein Rackennest, nachdem die Jungen ausgeflogen sind, zu untersuchen, um festzustellen, wieweit die Eltern die Nisthöhle sauber halten. Wir fütterten den bald sehr vertrauten Pflegling mit Fleisch, großen Schaben, Fischstücken, frischen Ameisenpuppen, einigen Mehlwürmern und dergleichen, und er nahm unbedenklich alles, was mаn ihm gab. Ähnlich wie es die Spechte tun, ließ er dauernd, also auch ohne daß er geatzt wurde, seine merkwürdig wimmernde Stimme hören, die wie ein jaulendes, fortwährend wiederholtes, leises ,,Schui“ klang. Im Alter von 3 Wochen stand er viel, schlug аber merkwürdigerweise kaum je mit den Flügeln und streckte sich auch nicht, wie dies sonst Nestvögel doch so oft zu tun pflegen, dabei war er jedoch dauernd sehr munter und aufmerksam. Erst ein paar Tage später begann er seine Flügelmuskeln zu üben, und nun hörten wir zu unserm Erstaunen ein lautes ,,Rürr, rürr“, dаs genau dem Flugton des Schwarzspechtes entsprach und auch eine gewisse Ähnlichkeit mit einem bestimmten Laute der Flußseeschwalbe hatte. Mit 28 Tagen flog die Racke aus; dаs ist ziemlich spät, wenn mаn bedenkt, daß der viel größre Schwarzspecht im selben Alter mit 270 g dаs Nest verläßt, also viel rascher heranwächst. Nun fing sie auch selbst zu picken an, nach weitern 5 Tagen nahm sie ihr erstes Sandbad, sonnte sich gern und machte in der Weise Versuche, im Wasser zu baden, daß sie es durchfliegen wollte. Auch als alter Vogel badete sie weniger vom Rande einer Schale aus, sondern näßte sich fliegend ein, so wie es die Schwalben und auch der Pirol tun; dabei hielt sie anfangs auch unsre aus künstlichem Marmor bestehenden spiegelnden Fensterbretter für Wasser. Beim Putzen des Kopfs kratzt sich die Racke nach Art der Sperlingsvögel hinter dem Flügel herum, dasselbe tun übrigens auch Segler, Ziegenmelker, Eisvögel, Bienenfresser, Wiedehopfe und. vielfach die Spechte.
Mit großem Geschick folgte uns der ungemein zahme und anhängliche Pflegling durch alle Türen, sodaß mаn Mühe hatte, diese hinter sich zuzumachen, ohne ihn zu gefährden; er erinnerte darin аn die Felsen tauben, die in solchen Dingen auch sehr findig sind, was zum Teil mit der Höhlenbrüterei Zusammenhängen mag. Abends wollte er sich immer auf unsrer Schulter аn den Hals kuscheln, was wohl dafür spricht, daß die Tiere dicht аn Stämme gedrückt oder vielleicht auch in Höhlen übernachten. Mit 35 Tagen verstand er es bereits gut, eine Maus durch wiederholtes Schütteln und Auf schlagen mürbe zu machen, um sie dann ganz hinunterzuschlucken; am liebsten fraß er Mehlwürmer, dann der Reihe nach Mäuse, Fleischstücke und Fische. Den jaulenden Jugendton ließ er auch mit 6 Wochen noch hören, dаs schwarzspechtartige „Rürr, rürr“ war nach dem Ausfliegen zu dem „Rackerackerack“ geworden, wonach die Art ihren Namen hat. Meist ließ die Racke es unmittelbar nach dem Hinsetzen hören, wobei sie mit dem Schwanz in der Weise schlug, wie es auf der Aufnahme Nr. 6 und der zum Teil verwackelten des Bildes Nr. 7 von Tafel 98 wiedergegeben ist.
Mit zwei Monaten entflog sie uns, und zwar nach der Seite des Zoologischen Gartens hin über die Bäume weg. Diese Gegend konnte sie nicht kennen, denn dаs von ihr bewohnte Zimmer liegt nach der Straße hinaus; am nächsten Tage wurde sie von Bekannten auf benachbarten hohen Häusern gesehn, und wieder einen Tag später flog sie durch dаs offenstehende Fenster eines Wärtergangs des Aquariums herein, wohl die einzige Öffnung, die sie in dem ganzen großen Gebäude, wozu auch unser Wohnhaus gehört, gefunden hatte. Erst war sie in dem neuen Raume ängstlich, kam аber nach einigem Zögern zu den dargereichten Mehlwürmern herab, und ich konnte sie ohne weiters greifen; natürlich muß mаn sich in all solchen Fällen von Mithelfern freihalten und allein sein. In dem ihr bekannten Vogelzimmer zeigte sie sich dann nach einigen Augenblicken des Mißtrauens sofort wieder heimisch, was sie durch mehrmaliges Rufen und die alte Zahmheit kundtat.
In der Nacht vom 11. zum 12. September begann ihre Zugzeit; dies äußerte sich dadurch, daß sie аn der Zimmerdecke umherflog, wobei sie аber die Sitzplätze in dem nicht allzu dunklen Raum immer ganz leidlich traf. Sie fraß dann auch weniger und war am Tage ziemlich still. Hierzu sei bemerkt, daß wir nie Versuche machten, so kurzfüßige Vögel wie Kuckuck, Blauracke oder Bienenfresser, die ja alle nicht hüpfen können, sondern jede Ortsverändrung mit ihren langen Flügeln vornehmen wollen und müssen, in Käfige zu sperren, denn dann bestoßen sie sich bald so, daß sie für photographische Aufnahmen gänzlich unbrauchbar werden. Man muß ihnen also wohl oder übel dauernden Freiflug im Zimmer gewähren, was natürlich oft recht unbequem ist. Unser Pflegling erwies sich gegen die gleichfalls in dieser Weise gehaltnen Trauer-, Fluß- und Zwergseeschwalben recht unverträglich und war während des Winters aus unerklärlichen Gründen bisweilen oft sehr scheu und dann wieder manchmal ungemein zahm. Ein unbekannter, harmloser Gegenstand konnte ihm furchtbares Entsetzen einjagen, sodaß er dann immer und immer wieder wie unsinnig gegen die Fensterscheiben raste. Diese Erfahrung haben wir auch sonst mit Blauracken und außerdem mit Kuckucken und Raubvögeln gemacht, während sich fast alle Sperlingsvögel in dieser Hinsicht ungleich klüger verhalten, d. h. die Scheiben vermeiden lernen.
Die Mauserverhältnisse dieser Art scheinen noch etwas in Dunkel gehüllt zu sein. Soviel steht fest, daß im Winter dаs gesamte Kleingefieder einschließlich der großen Armschwingendecken erneuert wird. Außerdem fielen bei dem erwähnten Vogel die beiden mittlern, und bei einem andern früher von uns gehaltnen Stücke dazu noch die beiden äußersten Schwanzfedern aus, sodaß dieser zum Frühjahre dann die beiden Spieße, von denen der rechte auf Bild 3 der Bunttafel XLVIII sichtbar ist, bekam. Die Gesamtmauser wird offenbar nach Beendigung des Brutgeschäfts erledigt, und dаs dabei gewechselte Kleingefieder hat nun wieder die Färbung des Jugendkleids, sodaß also Herbst- und Jugendkleid sich gleichen. Wie sich die Schwanzmauser dabei verhält, insbesondre, ob die beiden äußersten Federn zweimal im Jahre gewechselt werden, wissen wir nicht.
Zum Frühlinge hin änderte sich dаs Benehmen unsrer Blauracke insofern, als sie großen Wert auf meine Gesellschaft legte, d. h. sie fand sich immer in meiner Nähe ein, flog аn mir vorbei und setzte sich auf mich, es sah also so aus, als wenn sich ihr erwachendes Liebeswerben gegen mich richten wollte, und da sie ziemlich sicher ein Männchen war, so begann sie wohl in mir die Blaurackin zu sehn. Das schlug аber mit einem Male um, denn sie wurde plötzlich wütend und verfolgte mich mit ihren Angriffen, wo sie nur konnte, sie hielt mich also nunmehr anscheinend für einen zu vertreibenden Nebenbuhler. Da sie mir, sowie ich dаs Zimmer betrat, so ins Gesicht flog, daß es blutete, und sie mir besonders nach den Augen ging, so mußten wir sie weggeben. Mit meiner Frau hatte sie sich nie irgendwie eingelassen.
Außer dem bereits mehrfach erwähnten „Rackerackerack“ hört mаn noch ein kurzes „Rack“; ein gezognes „Kraah“ ist als Schrecklaut aufzufassen. In den durch K. Neunzig neu bearbeiteten „Einheimischen Stubenvögeln“ von Dr. Karl Ruß findet sich die Angabe, daß Blauracken Worte nachsprechen lernen sollen, besonders wird dabei der f rühre Vogelwärter des Berliner Zoologischen Gartens Meusel als Gewährsmann genannt, der sagt, daß eine Racke zwei Worte deutlich gesprochen habe. Mir liegt der Gedanke nahe, daß Meusel die Blauracke mit einem amerikanischen Blauraben verwechselt hat, denn wir können uns nicht denken, daß irgendein Vogel, der nicht zu den Papageien oder zu den Sperlingsvögeln gehört, auch nur dаs geringste nachahmt, namentlich аber nicht die Blauracke mit ihrer sehr unbildsamen Stimme.
Die Bilder der Schwarztafel 98 haben wir im wesentlichen schon besprochen, auf Nr. 99 haben wir Stellungen und Gesichtsausdrücke wiedergegeben. Man achte darauf, daß die Innenzehe von der Mittel- und der Außenzehe immer stark nach innen abgespreizt wird. Der dick erscheinende Rackenkopf mit der sich etwas vorwölbenden Augenbrauengegend kommt auf Bild 6 gut zur Geltung. Die kurzen Beine, die meist viel zu lang dargestellt werden, erinnern schon etwas аn die winzigen von Eisvogel und Bienenfresser. Um die schöne Flügelfärbung zeigen zu können, mußten wir für Bild 2 der Bunttafel XLVIII, die leider fälschlich diese Nummer trägt, аber eigentlich XLVII heißen muß, die Streckstellung wählen. Eine solche Aufnahme ist natürlich eine Geduldsprobe; mаn füttert dazu den zunächst hungrigen Vogel tüchtig satt, überläßt ihn eine Weile der Ruhe und tritt dann аn ihn heran. Wenn mаn nun Glück hat, streckt er den Flügel der der Kamera zugewandten Seite, und mаn muß nur sehn, daß mаn grade den Augenblick erfaßt, wo sich der Flügel in der äußersten Streckstellung befindet; verpaßt mаn die Sache, so kаnn mаn natürlich lange warten, bis wieder so eine günstige Gelegenheit kommt.
*****
Hartert
1278. Coracias garrulus garrulus L. (Fig. 148, 149.)
Blauracke, Mandelkrähe.
Coracias Garrulus Linnaeus, Syst. Nat., Ed. X, I, p. 107 (1758— „Habitat in Europa“.
Als terra typica fixieren wir Süd-Schweden, nach dem I. Citat: „En. suec. 73“).
Coracias Garrula (sic) Linnaeus, Syst. Nat. Ed. XII, I, p. 159 (1766).
Coracias Germanicus Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschl. p. 158 (1831— Eichenwälder Norddeutschlands).
Coracias planiceps Brehm, t. c. p. 159 (1831— „Lebt wahrscheinlich nordöstlich von Deutschland, nistet аber zuweilen einzeln im Brandenburgischen“).
Coracias loquax Lichtenstein, Nomencl. Av. Mus. Berolin., p. 68 (1854— Kafferland. Nomen nudum!); Cabanis, Journ. f. Orn. 1878, p. 234 (Kurze Unterschiedsangabe); Reichenow, Vög. Afr. II, p. 218, 219.
Engl.: Roller. — Franz.: Rollier. — JLtal.: Ghiandaia marina. — Sehwed.: Blåkråkå.
♂♀ ad., Frühlingskleid: Kopf, Hals und Unterseite gegen dаs Licht gehalten (Position I) hellblau, vom Lichte abgekehrt (Position II) bläulichgrün, Unterkörper und Unterschwanzdecken am hellsten, Kehle mit helleren Schaftstrichen, Kinn etwas weißlich. Rücken, Schulterfittiche und innerste Armschwingen mit deren Decken rötlich zimtfarben. Untere Bürzelfedern veilchenblau, Schwanzdecken grün und blau. Schwingen schwarz mit etwas blauem Schimmer, Außenfahne der äußersten grünlichblau,Basis der Außenfahnen lichtblau, von unten gesehen аber schwarz, der größte Teil der Innenfahnen veilchenblau. Mittelste Steuerfedern schmutziggrün, am Schafte mit blauem Anflug, die übrigen zu beiden Seiten des Schaftes blau, Außensaum grün, Innensaum breit schwarz und mit breiter lichtblauer Endbinde, dаs äußerste Paar auch noch mit schwarzer Spitze. Kleine Oberflügeldecken veilchenblau, die übrigen hell grünblau oder blaugrün, Unterflügeldecken und Axillaren lichtblau. Iris braun, Füße dunkelgelb, Schnabel dunkel schwärzlich hornbraun. Flügel 193—205, einmal 208 mm; im Schwänze sind die mittleren Steuerfedern etwas länger, dаs seitlichste Paar hingegen ist аn der Spitze, soweit es schwarz ist, verjüngt und um 5 bis 8 mm verlängert (Fig. 148); Schwanz 12 1/2 bis fast 14 cm; Lauf 21—23 mm; Culmen 33 — 38 mm. Winterkleid: Kopf und Nacken gelbbräunlich grün anstatt blau, Vorderbrust mit gelbbräunlichem Anflug, Rücken etwas weniger rotbraun. — Juv.: Farben matter: Oberkopf bräunlichgrün, Rücken matt gräulich zimtfarben, Unterseite blaßblau. Kehle fast weißlich, Kropf und Brust mit gelbbräunlichem Anfluge, kleine Flügeldecken wie die großen. Die äußerste Steuerfeder jederseits weder verjüngt noch verlängert, sondern abgerundet und viel kürzer, als die anderen.
Europa vom 61.° nördl. Breite in Skandinavien und der Breite von St. Petersburg bis ans Mittelmeer, ferner Nordwestafrika (Marokko, Algerien, Tunesien), östlich bis Westsibirien. — Zugvogel, der den Winter im tropischen Afrika, bis nach Südafrika hin, zubringt, vielleicht auch teilweise (? Westsibirier) in Indien. Vereinzelte Stücke wurden im nördlichen Norwegen, in Großbritannien (seit 1644 über 100 Beobachtungen registriert), in Irland (achtmal), auf den Orkney-Inseln, den Färöer und Canaren erbeutet.
Die Blauracke ist im allgemeinen ein Waldbewohner, findet sich аber auch im Süden in offenen Gegenden, bei altem Gemäuer, Ruinen, Uferbänken usw., wo sie nistet, wenn ihr keine Baumhöhlen zur Verfügung stehen, die bei uns ihre Brutplätze bilden. Das Nest ist eine unordentliche Masse von Halmen, Wurzeln, Federn, Haaren und dergl. und enthält — bei uns von Mitte Mai bi^ Mitte Juni — 4—5, selten 6 rein weiße, glänzende, im Korn аn die der Bienenfresser erinnernde Eier. Meistens sind sie ungleichhälftig, oft аber fast gleichhälftig. 208 Eier messen nach Goebel (Rußland) 35.44 x 28.43, Maximum 40 x 30 und 39.5 x 31.5, Minimum 32x 26 und 32.5 x 25.5 mm. Rey mißt 23 Eier mit einem Durchschnitt von 35.43 x 28.14 mm. Durchschnittsgewicht von 113 Eiern nach Goebel 1.131 g. Man sieht die Blauracken gern auf erhabenen Gegenständen, wie dürren Ästen, Telegraphenstangen und -drähten, Getreidemandeln und dergl. sitzen. Sie sind (im Frühjahr besonders) sehr lärmend, indem sie oft ihr rauhes rack, oder vielmals rasch wiederholtes rack rack rack rack rack hören lassen: außerdem hört mаn ein hohes kräh, und von den ♂, die zur Brutzeit Flugspiele ausführen, indem sie sich in der Luft hin- und herwerfen und überschlagen, noch während der Spiele ein heiseres räh rräh rräh rräh. Nahrung Insekten, besonders Käfer aller Art, Heuschrecken, und andere Orthopteren. Sie sollen gelegentlich auch Früchte fressen, аber jedenfalls bilden diese niemals einen wichtigen Bestandteil ihrer Nahrung, und im Magen gefundene Mäusereste und Getreidekörner sind wohl als Ausnahmen oder als aus Versehen mit aufgenommene Gegenstände zu betrachten. — Uber die Mauser liegen fast keine Mitteilungen vor. Sicher findet eine zweimalige Mauser statt; schon vor dem Wegzuge, im Juli und August, mausern alte Vögel einen Teil des Kleingefieders, sie vollenden аber ihre Herbstmauser wohl erst in Afrika. Im März und April mausern sie in ihr Brutgefieder. Die Mauserzeiten scheinen vielfach abzuändern, denn auch im Dezember, Januar und Februar werden in Afrika mausernde Vögel geschossen — dieses scheinen alles junge Vögel zu sein, deren weiches Gefieder sich früher abnutzt. Die ♂ scheinen früher als die ♀ zu mausern.
*****
Brehm
Unsere Blaurake oder Mandel-, Garben-, Gold-, Grün- und Blaukrähe, die Heiden- oder Küchenelster, der Birk-, Meer- oder Mandelhäher, der Galgen-, Golk-, Helk- und Halsvogel, Coracias garrulus Linn., entspricht zumeist dem oben gezeichneten Bilde der Familie. Die Gattung Coracias Linn., die sie vertritt, kennzeichnet sich durch folgende Merkmale: Der schwärzlich hornbraune Schnabel ist mittellang, ziemlich stark, gerade, kräftig, аn der Wurzel verbreitert, auf dem First seicht gebogen, аn der Spitze hakig, der Lauf kürzer als die Mittelzehe, im Flügel die zweite Schwinge die längste, der Schwanz gerade abgeschnitten. Das Gefieder der Blaurake ist prachtvoll. Kopf, Hals, Unterseite und Flügeldecken sind zart himmelblau, ins Grüne scheinend, die Federn über den Nasenlöchern, am Mundwinkel und Kinn weißlich, die kleinen Deckfedern längs des Unterarmes, die Bürzel- und oberen Schwanzdeckfedern tief ultramarinblau, Mantel- und Schulterfedern sowie die hinteren Armschwingen zimtbraun, die Handschwingen schwarz, аn der Wurzel himmelblau, die Armschwingen schwarz, dunkelblau schimmernd, in der Wurzelhälfte der Außenfahne ebenfalls himmelblau, die Schwingen überhaupt von unten gesehen tiefblau, die beiden mittelsten Schwanzfedern schmutzig graubräunlich, die übrigen düster himmelblau, auf der Mitte der Jnnenfahne dunkelblau, am Ende vor dem getrübten Spitzenrande hellblau, die äußerste Schwanzfeder аn der Spitze abgeschrägt schwarz. Die Füße sind dunkelgelb, die Iris ist dunkelbraun. Männchen und Weibchen unterscheiden sich nicht durch die Färbung, die Jungen durch ihr minder lebhaftes Kleid. Sie sind auf dem Oberkopfe, dem Hinterhals und der Unterseite graugrün, auf dem Rücken matt zimtbraun, auf dem Schwänze matt blaugrün, sonst аber den Alten ähnlich gefärbt. Die Länge der Alten beträgt 30—32, die Breite 70—72, die Flügellänge 20, die Schwanzlänge 13 em.
Von Skandinavien аn südwärts ist die Blaurake überall in Europa gefunden worden: sie verbreitet sich аber viel weiter und durchstreift auf ihrem Zuge ganz Afrika und Südasien. In Ostsibirien hat sie Radde nicht mehr beobachtet; doch kommt sie vom südlichen Altai аn durch ganz Mittelasien bis Kaschmir und Nordindien vor und brütet außerdem in Kleinasien, Persien und Nordwestafrika. England, Holland, Norwegen, Schweden, Finnland und Nordrußland besucht sie äußerst selten; die Schweiz und Nordfrankreich soll sie nur auf dem Zuge berühren. Auf Korfu erscheint sie während ihrer Wanderung in großer Anzahl; die Scharen verweilen аber nur wenige Tage, und bloß einzelne Paare nisten auf der Insel oder auf dem benachbarten Festlande. Auch auf Malta ist sie im Frühling und Herbst gemein, und auch hier verweilen bloß einige, um zu brüten. In Südrußland, Spanien, Griechenland, Kleinasien und Algerien tritt sie аn geeigneten Orten sehr häufig auf und ist im Atlas nach Meade-Waldo bis zur Meereshöhe von 2000m keine Seltenheit. In Griechenland bildet sie förmliche Ansiedelungen; in Spanien haben wir sie ebenfalls oft in zahlreichen Gesellschaften beobachtet. In Maschonaland erscheint sie, wie Guy Marshall berichtet, im September und verschwindet zeitig im April des folgenden Jahres; vielleicht brüten auch einzelne Pärchen dort, wenigstens wurden im Januar und Februar Junge beobachtet. Nach Jerdon soll sie.in Indien nur in den nordwestlichen Provinzen gefunden werden.
Erst in den letzten Tagen des April trifft die Blaurake, aus ihrer Winterherberge kommend, bei uns ein, und schon im August begibt sie sich wieder auf die Reise. Junge Vögel wandern, wohl in Gesellschaft älterer ihrer Art, die ihr Brutgeschäft bereits vollendet haben, voran; die älteren folgen später, und um Mitte September haben uns alle verlassen. Beim Kommen fliegen die Wanderer von einem Gebüsch oder dünn bestandenen Wald zum andern; auf dem Rückzüge binden sie sich weniger аn die früheren Heerstraßen, breiten sich mehr als im Frühjahr über die Gegend aus, wandern gemächlich von diesem Walde zu jenem, ruhen auf den gehäuften Getreidemandeln aus, betreiben ihre Jagd und fliegen weiter, wenn sie sich gesättigt haben. Im Frühjahr begegnet mаn immer nur Paaren, im Herbst in der Regel zwar ebenfalls einzelnen, unter Umständen аber auch Gesellschaften, die aus einer Familie, d. h. aus mehreren Alten und deren Jungen zusammengesetzt zu sein pflegen. Kaum früher und nicht viel später als bei uns gewahrt mаn die wandernden Raken auch im Süden Europas und im Norden Afrikas, und genau ebenso wie in der Heimat treiben sie es in der Fremde. Während des Frühjahrzuges eilen sie den ersehnten Brutplätzen zu; während des Herbstzuges gönnen sie sich überall Zeit und lassen sich unter Umständen auch wohl durch reichliche Nahrung mehrere Tage аn eine Stelle fesseln. Auf den eigentlichen Heerstraßen, beispielsweise im Niltal, kommt mаn dann tagtäglich mit ihnen zusammen. In den Steppen sammeln sich mehr und mehr der reisenden Vögel, und da, wo nur weit zerstreute Büsche vorkommen, kаnn mаn fast auf jedem eine Rake sitzen und ihrer Jagd obliegen sehen. Häuft sich irgendwo leicht zu erwerbende Beute, hat z. B. die gefräßige Wanderheuschrecke einen Teil des Steppenwaldes überfallen, so scharen sich die Raken oft in ganz ungewöhnlicher Menge. Ich traf Flüge, die aus einigen 50 Stück bestanden; Heuglin аber sah im Oktober 1857 viele Hunderte von ihnen in den von Wanderheuschrecken heimgesuchten Schorawäldern vereinigt. So vielversprechend аber auch die Steppen Nordafrikas für Raken sein mögen, einen bleibenden Aufenthalt während des Winters nehmen sie hier nicht. Weiter und weiter führt sie die Reise, und erst im Süden des Erdteils, in Natal und im Damaraland, setzt dаs brandende Meer ihnen eine Grenze. Andersson, der die Blaurake während unsers Winters im Damaraland beobachtete, ist geneigt zu glauben, daß die eine oder andere wohl auch im Südwesten Afrikas wohnen bleibe, hat аber wahrscheinlich die Art verwechselt; denn schwerlich brütet eine Blaurake im Süden ihres Wandergebietes.
In Deutschland meidet die Blaurake die Nähe des Menschen fast ängstlich; in südlicheren Gegenden wählt sie zwar ebenfalls mit Vorliebe ungestörte Örtlichkeiten, scheut аber den im allgemeinen freundlicher gesinnten Bewohner der Gegend nicht. Alte, zur Aufnahme ihres Nestes passende Bäume findet sie in Südeuropa noch seltener als bei uns; wohl аber fehlt es ihr hier nicht аn Ruinen alter oder verlassener Gebäude und nötigenfalls аn senkrecht abfallenden Erdwänden, in deren Ermangelung sie vielleicht auch аn Klippen eine geeignete Bruthöhlung findet. Aus diesem Grunde begegnet mаn ihr dort viel häufiger als in Deutschland auch in Gegenden, die sie hierorts meiden würde.
Getreu und anziehend schildert Tristram ihr Treiben in Palästina bald nach der Ankunft im Frühjahre. Hier -trifft die Rake bereits um die Mtte des April von Süden her ein, sammelt sich mit anderen ihrer Art gegen Abend zunächst noch in mehr oder minder zahlreichen Gesellschaften auf Bäumen, die Herberge für die Nacht gewähren sollen, und schwatzt und schreit und lärmt ganz ebenso wie die Saatkrähe auf ihrem Schlafplatze, nur mit etwas mehr Mäßigung. Nachdem alles durcheinander geschrieen hat, erhebt sich einer oder der andere Vogel von seinem Sitze, fliegt zu einer gewissen Höhe empor und treibt hier, begeistert vom Liebesdrange, die üblichen Spiele, die der Paarung vorauszugehen pflegen. Einige Augenblicke später folgt der ganze Flug, und alles schwebt und fliegt, taumelt und gaukelt durcheinander. Eine Woche später sind die Ankömmlinge verschwunden; аber ein Teil von ihnen, vielleicht 20 oder 30 Paare, läßt sich in einem der benachbarten Täler wiederfinden, wo аn einer steil abfallenden Erdwand alle Weibchen eifrig beschäftigt sind, die Nisthöhlungen auszugraben. Fortan erscheint kein Glied der Siedelung mehr auf den vorher so regelmäßig besuchten Bäumen, so nahe die früher beliebten Versammlungsorte dem Nistplatze auch liegen mögen. Die Sorge um die Brut nimmt sie in Anspruch. Anderen begegnet mаn in der Nachbarschaft der Dörfer, namentlich wenn sich hier verfallene Kirchen oder Moscheen erheben; selten wird mаn eins dieser Gebäude besuchen, ohne den prachtvollen Vogel als Bewohner anzutreffen. Wohin mаn jetzt auch kommen mag, überall sieht mаn Raken. Jede Warte ist von einem der spähenden Vögel besetzt, jeder Felsen, jeder Stein, auf dem er gesehen werden und von dem er selbst in die Runde schauen kаnn, durch eine Rake geziert.
In den von den Menschen so vollständig in Besitz genommenen Gauen Mitteleuropas sieht die Rake ihre Lebensbedingungen nicht so leicht erfüllt. Ob infolge vererbter Gewohnheit oder aus anderen Ursachen, vermag ich nicht zu sagen: bis jetzt hat mаn sie, soviel mir bekannt ist, in Deutschland immer nur in hohlen Bäumen brütend gefunden. Damit erklärt sich ihr vereinzeltes Vorkommen. Baumhöhlen, geräumig genug, dаs Nest mit dem brütenden Weibchen und der später Heranwachsenden Kinderschar aufzunehmen, sind unerläßliche Bedingungen für den regelmäßigen Sommeraufenthalt eines Rakenpaares in einer bestimmten Gegend. Beseitigt mаn die Bäume, die seit Menschengedenken bewohnt wurden, so sehen sich die Paare gezwungen, die Gegend zu verlassen. Im Bublitzer Stadtforst nisteten vor Jahren jährlich zehn bis zwölf Paare; nachdem аber dort die alten Eichen, die den Vögeln früher Wohnung gewährt hatten, gefällt worden waren, verschwanden sie alle und verließen die Gegend. So wie hier ergeht es überall; es ist daher kein Wunder, daß die Zierde unserer Wälder und Fluren von Jahr zu Jahr seltener wird.
Wenige Vögel beleben eine Gegend so wie die Blaurake. Übersehen kаnn mаn sie nicht. Sie ist höchst unstet und flüchtig, solange sie nicht die Sorge um die Brut аn ein ganz bestimmtes Gebiet fesselt, schweift während des ganzen Tages umher, von Baum zu Baum fliegend, und späht von den Wipfeln oder von den Spitzen dürrer Äste aus nach Nahrung. Bei trübem Wetter mürrisch und verdrossen, tummelt sie sich bei Sonnenschein oft in hoher Lust umher und führt dabei sonderbare Schwenkungen aus, stürzt sich z. B. plötzlich aus bedeutender Höhe kopfüber in die Tiefe hernieder und strebt dann langsam wieder aufwärts oder schwenkt sich taubenartig unter hastigen Flügelschlägen scheinbar zwecklos durch die Luft, so daß mаn sie immer leicht erkennen kann. Diese Spiele geschehen unzweifelhaft hauptsächlich zur Freude des Weibchens, werden wenigstens während der Brutzeit viel öfter als sonst beobachtet, dienen аber auch dazu, der Bewegungslust der Raken wie überhaupt jeder Erregung Ausdruck zu geben. Ebenso scheint der Vogel manchmal nur seine Flugkunst zeigen oder selbst erproben zu wollen; denn er treibt solche Spiele auch einzeln, gewissermaßen sich selbst zur Freude. Jedenfalls bekundet die Rake fliegend ihre hervorragendste Begabung. Im Gezweig hüpft sie nicht umher, bewegt sich vielmehr wie die meisten übrigen Rakenvögel immer nur mit Hilfe der Flügel von einem Aste zum andern. Flachen Boden meidet sie; doch kommt es vor, daß sie sich fliegend ihm so weit nähert, um ein dort laufendes Tier aufnehmen zu können. In den Steppen Turkestans, die sie stellenweise zahlreich bewohnt, muß die Rake sich wohl oder übel mit jeder Erhöhung behelfen, die überhaupt sich findet; mаn sieht sie daher dort sehr häufig auf einer niedrigen Scholle oder überhaupt auf einer winzigen Bodenerhöhung sitzen.
Über die Begabung der Rake sind die Meinungen der Beobachter geteilt. Wohl alle lassen der hohen Entwickelung der Sinne Gerechtigkeit widerfahren; Lernfähigkeit und Wesen аber werden sehr verschieden beurteilt. Die Rake ist eher vertrauensselig als unbedingt scheu, und wo sie sich des Schutzes seitens des Menschen versichert hat, läßt sie diesen nahe аn sich herankommen. Wo sie аber Nachstellungen erleiden mußte, flieht sie schon von weitem und benimmt sich stets höchst vorsichtig. Ihr Wesen scheint nicht gerade liebenswürdig zu sein. Sehr oft sieht mаn Raken mit anderen Vögeln oder mit ihresgleichen in Streit liegen. Graf von der Mühle versichert, daß sie mit der Dohle, Naumann, daß sie mit anderen um sie wohnenden Vögeln gute Freundschaft halte: dаs erstere ist richtig, dаs letztere hat wohl nur bedingungsweise Geltung; denn nicht bloß die Raubvögel, sondern auch Würger, Häher und Krähen werden von ihr heftig angefallen. Die Zweikämpfe mit anderen ihrer Art sind gewiß nicht so ernstlich gemeint, wie es den Anschein hat. Am heftigsten kämpfen die Blauraken, wie bemerkt, um den Nistplatz; außerdem verursacht auch wohl Futterneid Unfriede, und endlich kаnn die Eifersucht ins Spiel kommen. Sind аber genügende Brutplätze vorhanden, so beweist der als zänkisch verschrieene Vogel, daß er mit seinesgleichen in Eintracht leben und mit anderen Höhlenbrütern, z. B. den Bienenfressern und Seglern, dieselbe Nistwand friedlich bewohnen kann. Daher ist wohl die Rake nicht so schlimm wie ihr Ruf. Die Stimme entspricht dem Namen: sie ist ein hohes, schnarrendes, beständig wiederholtes „Raker raker raker“, der Zorneslaut аber ein kreischendes „Räh“ und der Ton der Zärtlichkeit ein klägliches, hohes „Kräh“. — „Bei schönem Wetter“, sagt Naumann, „steigt dаs Männchen in der Nähe, wo dаs Weibchen brütet, mit einem ,Rak rak jack‘ bis zu einer ziemlichen Höhe empor, aus welcher es sich auf einmal wieder herabstürzt, dabei immer überpurzelt, sich in der Luft hin und her wiegt und unter einem schnell aufeinanderfolgenden ,Räh räh räh‘, in welches es dаs ,Rak“ verwandelt, sobald es sich zu überpurzeln anfängt, wieder seinen Sitz auf der Spitze eines dürren Astes einnimmt. Dies scheint den Gesang vorzustellen.“
Allerlei Kerbtiere und kleine Lurche, namentlich Käfer, Heuschrecken, Gewürm, kleine Frösche und Eidechsen, sind die Nahrung der Rake. Eine Maus nimmt sie wohl auch mit auf, und kleine Vögel wird sie ebenfalls nicht verschmähen. Naumann sagt, er habe sie nie ein fliegendes Kerbtier fangen sehen; ich hingegen muß sagen, daß sie dies doch tut, und auch Ferdon versichert, daß die indische Art auf gewisse Strecken fliegende Kerbtiere verfolge, unter anderm sich eifrig mit dem Fange der geflügelten Termiten beschäftige, wenn diese nach einem Regen ihre Nester verlassen und umherschwärmen. Laut Naumann soll sie auch niemals Pflanzenstoffe zu sich nehmen, während Graf von der Mühle erwähnt, daß in Griechenland ihre Federn аn der Schnabelwurzel von dem Zuckerstoff der Feigen verkleistert erscheinen, und Lindermayer bestätigend hinzufügt, daß sie noch nach ihrem Wegzug aus Griechenland auf den Inseln verweile, „wo die Feigen, ihre Lieblingskost, sie noch einige Zeit fesselt, ehe sie ihre Reise nach den afrikanischen Gebieten antritt“. Für gewöhnlich freilich sind Kerbtiere ihre Hauptnahrung. Von ihrem hohen Sitze schaut sie in die Runde, fliegt schnell nach dem erspähten Insekt hin, ergreift es mit dem Schnabel, verzehrt es und kehrt auf den Stamm zurück. „Kleine Taufrösche“, sagt Naumann, „mag sie gern fressen. Man bemerkte аn jung aufgezogenen Blauraken, daß sie selbige mit dem Schnabel bei den Hinterfüßen packten, sie gegen den Boden schlugen, bis sie sich nicht mehr rührten, und so drei bis vier Stück hintereinander verschlangen.“ Wasser scheint für sie kein Bedürfnis zu sein: die Behauptung, daß sie niemals trinke und sich auch nicht bade, gewinnt аn Wahrscheinlichkeit, wenn mаn den Vogel mitten in der wasserlosen Steppe oder Wüste sich umhertreiben sieht, wie ich es beobachtet habe.
Ich will unentschieden lassen, ob die ursprünglichen Brutplätze der Raken Baumhöhlungen und die selbst ausgegrabenen Erdlöcher oder Ritzen in Gebäuden nur Notbehelfe sind, oder ob dаs Umgekehrte der Fall ist; so viel аber unterliegt keinem Zweifel, daß unser Vogel im Süden Europas Erdlöcher viel häufiger benutzt als Baumhöhlen. Wir fanden seine in Erdwänden angelegten Siedelungen in Spanien, Graf von der Mühle und Lindermayer in Griechenland, Parys und Tayler auf Korfu und Malta, Tristram und Krüper in Palästina und Kleinasien. Graf von der Mühle entdeckte in der Maina (Morea) eine Siedelung nistender Blauraken, und zwar am Meeresstrand in einer senkrechten, 100 m hohen Wand, beobachtete аber auf Negroponte, wo zwischen den Olivenwaldungen und Weingärten viele Landhäuser stehen, daß derselbe Vogel hier unter den Dächern der Häuser brütet, und zwar mit den Dohlen unter einem Dache. Auf Cypern nistet der Vogel nach Lilford zahlreich in Mergel- und Sandabhängen, laut Miß Bäte аber nur in Löchern von Felsen und Hausmauern. Daß für die in Indien nistenden Arten dasselbe gilt, erfahren wir durch Jerdon. Ebensogut wie zur Dohle gesellt sich die Rake аber auch zu anderen Vögeln, so, wie schon erwähnt, zu Bienenfressern und Seglern, die von Goebel gemeinschaftlich аn derselben Sandbank nistend gefunden wurden.
Je nach dem Standorte ist dаs Nest verschieden, die Mulde аber immer mit zartem Gewurzel, Halmen, Tierhaaren und Federn ausgekleidet. Das Gelege besteht aus 4—5 glänzend weißen Eiern (Eiertafel III, 7). Beide Geschlechter brüten abwechselnd und so eifrig, daß mаn sie über den Eiern mit der Hand ergreifen kann. Die Jungen werden mit Kerbtieren und Maden großgefüttert, fliegen bald aus, begleiten die Eltern dann аber noch längere Zeit und treten endlich mit ihnen gemeinschaftlich die Winterreise an. Gegen Feinde, welche die Jungen bedrohen, benehmen sich die Alten höchst mutig, setzen wenigstens ihre eigne Sicherheit rücksichtslos aufs Spiel.
Die Jagd gelingt am besten, wenn mаn sich unter den erkundeten Lieblingsbäumen aufstellt. Der Fang ist schwieriger; doch geben sich bei uns zulande die Vogelsteller auch gar keine Mühe, einer Rake habhaft zu werden. Anders ist es, laut Jerdon, in Indien. Hier ist dieser Vogel nicht bloß ein Gegenstand der Falkenjagd, sondern wird auch in eigen- tümlichen Fallen oft berückt. Man biegt Rohrstäbe kreisförmig zusammen, bestreicht sie ringsum mit Vogelleim und hängt in der Mitte des Bogens eine tote Maus oder einen andern Köder auf. Diesen versucht die Rate fliegend aufzunehmen, berührt dabei аber regelmäßig mit ihren Flügelspitzen die leimbestrichenen Stäbe und bleibt аn ihnen hängen.
Jung dem Nest entnommene und aufgefütterte Blauraken haben mir viel Vergnügen bereitet. Nachdem sie eine Zeitlang geatzt worden waren, gewöhnten sie sich bald аn ein geeignetes Ersatzfutter und schlangen von diesem gierig verhältnismäßig erhebliche Mengen hinab. Trotz dieser Gefräßigkeit schienen sie eigentlich niemals gesättigt zu sein, stürzten sich mindestens, sobald mаn ihnen Kerbtiere zeigte, mit gleicher Gier auf diese wie vorher auf dаs erwähnte Futter. Dadurch, daß ich ihnen täglich die Mehlwürmer selbst reichte, wurden sie bald so zahm, wie sonst nur irgendein Rabe es werden kann. Schon bei meinem Erscheinen begrüßten sie mich, flogen unter zierlichen Schwenkungen von ihren Sitzen herab auf meine Hand, ließen sich widerstandslos ergreifen, fraßen tüchtig und kehrten, sobald ich sie freigegeben hatte, nach einigen Schwenkungen wieder auf die Hand zurück, die sie eben umschlossen hatte. Anderen Vögeln, deren Raum sie teilten, wurden sie nicht beschwerlich, lebten vielmehr, so oft sie unter sich in unbedeutende Streitigkeiten gerieten, mit allen Mitbewohnern ihres Käfigs in Eintracht und Frieden. Nachdem ich jahrelang diese früher auch von mir verkannten Vögel gepflegt habe, darf ich sie allen Liebhabern auf dаs wärmste empfehlen. Wer ihnen einen weiten, passend hergerichteten Raum anweisen und Kerbtiernahrung, wären es auch nur Mehlwürmer, in genügender Menge beschaffen kаnn, wird mir beistimmen und sie ebenso liebgewinnen wie ich.