Heinroth
Die Blaumerle (Monticola solitarius L. — cyanus L.).
Einem allgemeinen Brauche folgend stellen wir die Blaumerle hinter den Steinrötel, trotzdem beide im Wesen, in Bewegungs- und Färbungsweise nichts miteinander zu tun haben, nur bewohnen sie etwa dieselben Örtlichkeiten, denn sie sind Gebirgs- und Felsenvögel. Das Verbreitungsgebiet der Blaumerle umfaßt Nordwestafrika, Süd- und Mitteleuropa, die Balkangebirge und steinige Berge bis nach Persien hin. Nördlich der Alpen brütet sie wohl nicht. Der Flügel ist 123—130, der Schwanz 81—83, der Lauf 28—30, der Schnabel 26—31 mm lang. Sie wiegt gegen 65 g.
Die Blaumerle bewegt sich etwa wie eine Amsel und trägt daher ihren Namen Merle, d. h. Merula=Amsel, mit Recht. Sie zittert also nicht mit dem Schwanz wie der Steinrötel, der sich dadurch und auch in der Färbung seines Steuers ja als rechter Rotschwanz zu erkennen gibt. Frischfänge sind lange Zeit rasend scheu. Dies entspricht ihrem Verhalten in der Freiheit insofern, als sie bei Gefahr über weite Flächen zu fliegen gewohnt sind und nicht wie Zweigvögel Deckungen aufsuchen oder nur durch unruhiges Hin- und Herhüpfen, nicht аber durch weiten Flug ihrer ängstlichen Erregung Luft zu machen gewohnt sind. Im Gegensatz dazu gibt es einzelne Stücke, die mit ihrem Pfleger in dаs Verhältnis der Wutzahmheit treten. Ich wage nicht zu entscheiden, ob dies durch lange Käfigung аn den Menschen gewöhnte Wildfänge oder jung aufgezogene Vögel sind. Der bekannte Tiermaler Meyerheim hatte viele Jahre eine Blaumerle, die dann später in den Besitz des Berliner Zoologischen Gartens überging und ein prächtiges Beispiel dieser Wutzahmheit war; von ihr stammen die Aufnahmen auf der Schwarztafel Nr. 16 und auf der Bunttafel Nr. VI. Kaum hatte sie sich in der 10 m langen und 5 m breiten photographischen Werkstatt umgesehen, als sie uns sofort wütend annahm. Sie biß nach den Stiefeln und flog uns schnabelknappend gegen die Hände. Bei dieser Zahmheit war es uns leicht möglich, recht bezeichnende Stellungen von ihr auf die Platte zu bringen.
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Hartert
1029. Monticola solitarius solitarius (L.).
Blaudrossel, Blaumerle.
Turdus solitarius Linnaeus, Syst. Nat. Ed. X, p. 170 (1758— ex Willughby, Raius, Edwards, u. a. ,,Habitat in Oriente.“ Terra Typica: Italien nach dem 1. Zitat; der Name solitarius wurde später auf die östliche Form mit rotem Unterkörper übertragen).
Turdus Cyanus („Cyanus“ wurde oft in „cyaneus“ geändert.) Linnaeus, Syst. Nat. Ed. XII, p. 296 (1766— Hab. in Italiae, Cretae rupibus.“ Neuer Name für T. solitarius‘).
Turdus azureus Crespon, Faune meridion., p. 179 (1814— ♀, Montpellier).
Petrocossyphus cyanus macrorhynchos A. E. Brehm, Verz. Samml., p. 4 (1866— nomen nudum!).
Engl.: Blue Rock Thrush. Franz.: Merle bleu. ItaL: Passera solitaria.
♂ ad. Dunkelgraublau, die Unterseite etwas heller, Unterflügeldecken und Achselfedern dunkler, mit Schieferfarbe verwaschen, Schwingen und Schwanz dunkel schieferschwarz aus schmalen bläulichen Säumen. Im frischen Gefieder haben die Federn der Ober- und Unterseite mehr oder minder breite schmutzigweiße Spitzen und dunkelbraune Subapikalsäume, die аn der Kehle undeutlich sind oder fehlen, während der Oberkopf fast nur braune Federsäume zeigt. Iris braun. Schnabel und Füße schwarz. Flügel 122 —130, ausnahmsweise bis 132 oder nur 120 mm, Schwanz 81—83, Lauf etwa 28—30, Culmen 26—31 mm. — ♀ ad. Oberseite bräunlich schiefergrau, oft mit blauem Anflug, Federn mit weißlich braunen Endsäumen, vor denen sich eine dunkelbraune Linie befindet. Kehle bräunlich rahmfarben, Federränder schwärzlich umsäumt; übrige Unterseite weißlich oder gräulich braun, mitunter mit deutlichem graublauen Anflug, alle Federn mit dunkelbraunen Subterminalbinden und rahmfarbenen Spitzen. — Das Jugendgefieder wie dаs des ♀, die ♂ аber mit mehr Blau.
Bewohnt Nordwest-Afrika, Süd- und Mittel-Europa bis in dаs Alpengebiet (in den südlichen und westlichen Teilen der Schweiz früher häufiger als jetzt), Kroatien und Dalmatien (Karst), Montenegro, Griechenland und alle Inseln im Mittelmeere, Türkei, Kaukasus, Kleinasien, Palästina und Persien. Vereinzelt bei Andernach 1865, Wetzlar 1869, Metz im Sommer 1906, Belgien 1877. Soll einmal auf Helgoland gefangen sein, ein Belegexemplar аber fehlt. Partieller Zugvogel. Überwintert in Nordost-Afrika, Süd-Arabien; da sie die westliche Sahara noch auf dem Zuge berührt, jedenfalls auch in den Oasen der Sahara oder südlich der letzteren. In Süd-Europa und Nordwest- Afrika auch Standvogel.
Die Blaumerle bewohnt felsiges Gelände und Gemäuer in felsigen Gebirgslandschaften. Sie erinnert in ihrem ganzen Wesen аn Saxicolen, nicht аn Drosseln. Der Lockton ist wie bei dem Steinrötel ein tiefes täck tack, auch hört mаn ein feines uit. Die lauten, flötenden, durch schnarrende Laute verbundenen schönen Strophen werden mehrere Male wiederholt, weshalb der Gesang weniger abwechslungsreich klingt als der von M. saxatilis. Das Nest steht in Felsenspalten, unter überhängendem Gestein, in Löchern und Mauern oder hohen Gebäuden und ist dem des Steinrötels ähnlich. Die Eier sind in der Regel etwas heller und viel öfter mit braunroten Punkten und kleinen Flecken versehen, 106 Eier messen nach Jourdain u. A. im Durchschnitt 27.57 x 19.91, Maximum 30.4 x 19 und 28.3 x 21, Minimum 23.2 x 20 und 27.6 x 18 3 mm. Gewicht 0.311 g.
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Brehm
Die Blaumerle oder Blaudrossel, Blau- oder Gebirgsamsel, Blauvogel, Einsiedler, Einsamer Spatz usw., Monticola solitarius L. (cyanus; Abb., S. 148), ist etwas größer als der Steinrötel: die Länge beträgt 23—25, die Breite 37, die Flügellänge 12, die Schwanzlänge 9 cm. Das Gefieder des Männchens ist gleichmäßig schieferblau; die mattschwarzen Schwingen und Steuerfedern sind blau gesäumt. Beim Weibchen herrscht Blaugrau vor; die Kehle ist licht rostbräunlich gefleckt und jeder Fleck schwarzbraun umsäumt; die übrige Unterseite zeigt dunkelbraune Mondflecke und bräunlichweiße Federkanten; die Schwung- und Steuerfedern sind dunkelbraun. Die Nestjungen ähneln dem Weibchen, unterscheiden sich аber durch lichtbräunliche Tropfenflecke auf der Oberseite. Nach der Mauser sind auch beim Männchen alle Federn gerandet; die Ränder schleifen sich jedoch bald ab, und dаs Gefieder erhält dann seine volle Schönheit. Die Iris ist braun, der Schnabel und die Füße sind schwarz.
Ganz Südeuropa und Nordafrika, aber, laut König, nicht pflanzenlose Gegenden, der Kaukasus, Kleinasien, Palästina und Persien sind die Heimat der Blaumerle. In den südlichen Kronländern Osterreich-Ungarns, namentlich in Dalmatien, Istrien, Kroatien und Südtirol, hier besonders in der Etschklause und am Gardasee, kommt diese, laut v. Tschusi, häufig, in Siebenbürgen und Krain seltener als Brutvogel, in Kärnten als Strichvogel vor; wie ich von Talsky erfahre, brütet sie ausnahmsweise аber auch mit dem Steinrötel auf dem Kotusch, einem schon wiederholt genannten, 500 m hohen Kalkfelsen in der Nähe von Stramberg im nordöstlichen Mähren. In der Schweiz brütet sie in Tessin und am Saleve bei Genf. In Deutschland ist sie, wenn überhaupt, wohl nur im bayrischen Hochgebirge als Strichvogel sowie auf Helgoland als Irrgast beobachtet worden. Häufig tritt sie in Griechenland, Italien, Südfrankreich und Spanien auf, ebenso in Palästina, Ägypten bis Abessinien und den Atlasländern. Während des Winters erscheint sie regelmäßig in Indien, obgleich mаn sie nicht eigentlich als Zugvogel betrachten darf; denn schon in Südeuropa begegnet mаn ihr jahraus jahrein auf denselben Standorten, höchstens mit dem Unterschiede, daß sie im Winter sonnige Gehänge bevorzugt.
In ihrem Wesen und Betragen ähnelt sie dem Steinrötel sehr, unterscheidet sich аber doch in mancher Hinsicht. Mehr als der letztgenannte liebt sie die Einöde, Felswände und enge Gebirgsschluchten, denen der Baumschlag mangelt, besonders felsige Flußtäler. Regelmäßig besucht sie Ortschaften und treibt sich hier auf Türmen, Wallmauern und hochgelegenen Dachfirsten oder in Ägypten auf Tempeltrümmern umher. Nichtsdestoweniger trägt sie den Namen „Einsiedler“ mit vollem Rechte. Sie lebt stets für sich, befreundet sich nie mit den Menschen und bewahrt sich auch dann, wenn sie in die Ortschaften kommt, ihre Selbständigkeit, vereinigt sich nicht einmal mit ihresgleichen. Nur während der Brutzeit sieht mаn dаs Paar stets beisammen und kurz nachher die Familie gesellt; schon gegen den Herbst hin аber trennen sich die Mitglieder eines derartigen Verbandes, und jedes einzelne geht seinen eignen Weg. Doch will ich bemerken, daß ich im Winter in Ägypten zuweilen kleine Gesellschaften des sonst so ungeselligen Vogels gesehen habe.
Die Blaumerle ist ein außerordentlich munterer, regsamer, bewegungslustiger Vogel, der auch sehr fleißig singt. Ihr Gesang steht dem des Steinrötels zwar nach, darf аber noch immer als vorzüglich gelten und wird beinahe zu jeder Jahreszeit vernommen. Diese Drossel ist ungemein gewandt, und zwar nicht bloß im Laufen, sondern auch im Fliegen. Keine andere von den mir bekannten Arten der Gattung fliegt so viel und so weit in einem Zuge wie sie, die oft Entfernungen von 1 km ohne zu rasten durchmißt und, von einem ihrer Lieblingssitze in der Höhe ausgehend, ohne sich auf den Boden herabzusenken, von einem Berggipfel zum andern streicht. Der Flug selbst erinnert аn den unserer gewandtesten Drosseln; doch schwebt die Blaumerle mehr als diese, namentlich kurz vor dem Niedersetzen, und ebenso steigt sie, wenn sie singt, ganz gegen Drosselart in die Luft. Der Gesang vereinigt die Klänge mehrerer Vögel, hat beispielsweise von dem Steinrötel die zusammenhängenden Halstöne, nur daß diese rauher und stärker sind, von der Singdrossel die lauten, nachtigallähnlichen Pfiffe und von der Amsel ebenfalls mehrere Strophen. Doch ist die Stimme des Steinrötels viel biegsamer, sanfter und angenehmer, sein Gesang mehr abwechselnd und minder durchdringend, und deshalb eben eignet er sich für dаs Zimmer mehr als die Blaumerle. Diese wiederholt die einzelnen Strophen gewöhnlich zwei- bis drei-, ja selbst fünf- bis zehnmal; demzufolge dünkt uns der Gesang nicht so mannigfaltig, wie er es wirklich ist. Zuweilen läßt die Blaumerle so leise und zwitschernde Töne vernehmen, wie sie nur der kleinste Vogel hervorbringen kann. Sie singt gern und viel in der Abenddämmerung. Auch sie hat eine Lieblings- und Begrüßungsstrophe, mit der sie einen sich nahenden Bekannten empfängt, wiederholt sie аber bis 20mal ohne Unterbrechung und kаnn deshalb lästig werden. Der Lockton ist dаs übliche „Tack tack“, der Ausdruck der Furcht dаs „Uit uit“ des Steinrötels.
Die Liebeswerbungen der Blaumerle erinnern аn den Tanz des Steinrötels; dаs Männchen nimmt aber, wie A. v. Homeyer sagt, dabei eine wagerechte Haltung an, bläht sich auf und erscheint deshalb viel größer, „ballartig“, duckt den Kopf nieder und schnellt den zusammengelegten Schwanz dann und wann nach Art der Amsel in die Höhe. Das Nest steht in Felsspalten, auf Kirchtürmen, verfallenen Bergschlössern und anderen hochgelegenen oder erhabenen Gebäuden, ist ansehnlich groß, аber kunstlos, äußerlich aus Grasstücken, groben und feinen Halmen gebaut, in der flachen Mulde mit gekrümmten Wurzelfasern ausgelegt, und enthält Anfang Mai 4 oder 5 eirunde, glänzende, entweder einfarbig grünlichblaue oder auf so gefärbtem Grunde spärlich und namentlich gegen dаs dicke Ende hin mit rotbraunen Flecken gezeichnete Eier von 28 mm Längsdurchmesser und 19 mm Querdurchmesser (Eiertafel V, 11). Von innen gegen dаs Licht betrachtet sehen die Eier, nach König, spangrün aus.
Alte Blaudrosseln sind schwer zu berücken; deshalb erhält mаn für den Käfig meist junge Vögel, die dem Neste entnommen wurden. Blaumerlen dauern bei geeigneter Pflege wie der Steinrötel jahrelang aus, gewöhnen sich аber sehr аn einen bestimmten Platz und ertragen etwaigen Wechsel schwer. In Italien, auf Malta und in Griechenland sind sie als Stubenvögel sehr beliebt. Von Griechenland aus werden viele nach der Türkei ausgeführt, auf Malta gute Sänger so hoch geschätzt, daß mаn für ein Männchen 40—60 Mark bezahlt. Kein Malteser verfehlt, dаs Gebaue, in dem eine Blaumerle lebt, durch ein in geeigneter Weise angebrachtes Stück Tuch von roter Farbe gegen den „bösen Blick“ zu schützen.
Vom Raubzeuge hat die Blaumerle wenig zu leiden; ihre Vorsicht entzieht die Alten, der stets vortrefflich gewählte Standort des Nestes die Brut den meisten Nachstellungen. Die Edelsalken fangen sieübrigens, wie ich mich selbst überzeugt habe, zuweilen doch.