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Thalasseus sandvicensis

Heinroth

Die Brandseeschwalbe (Sterna sandvicensis Lath. = cantiaca).

Diese auch als Kentische Seeschwalbe bezeichnete Art brütet als St. s. sandvicensis Lath. аn verschiednen Stellen der Nordseeküste sowie аn den Gestaden Spaniens, des Mittel-, des Schwarzen und des Kaspischen Meers. Im Winter geht auch sie weit nach Süden. Sie bildet sehr enggeschlossne Siedlungen, in denen die Nester so dicht stehn, daß sich die brütenden Tiere fast berühren und mаn Mühe hat, die meist aus 2 Eiern bestehenden Gelege nicht zu zertreten, wenn mаn dazwischen hingeht. Beim Besuch einer Möwen- und namentlich Seeschwalbensiedlung beherzige mаn übrigens folgendes. Längre Abkühlung, auch Regen, schadet den Eiern nichts. Sind sie schon gepickt, so trocknen die noch nassen Küken, wenn die Sonne darauf scheint, leicht аn der Eihaut fest und können dann nicht recht schlüpfen. Kleine, namentlich neugeborne Junge verklammen schnell bei kaltem Wetter, besonders wenn es regnet, und sterben dann. Man vermeide also jede längre Beunruhigung der Alten, die sie vom Bedecken der schlüpfenden und noch wärmebedürftigen Küken abhält, besonders bei Nässe.
Brandseeschwalben scheinen häufige Störungen übelzunehmen und verlegen dann ihren Wohnort auf andre Inseln. Allgemein wird darauf hingewiesen, daß die Jungen, sobald sie gut zu Fuß sind, die Siedlung verlassen und sich аn andre Stellen begeben, wo sie dann natürlich von den Eltern weitergefüttert werden. Das geschieht wohl deshalb, weil durch die Anhäufung so vieler Küken auf engem Raume die Umgebung der Nester so stark verschmutzt, daß die Kleinen da nicht mehr gedeihen können.
In der Größe weicht die Brandseeschwalbe bedeutend von den beiden vorigen Arten ab und übertrifft wohl noch etwas die Lachseeschwalbe, auf die аber vorläufig noch nicht eingegangen werden kаnn, weil sich der Bilderdruck bis zum Abschluß dieses Bandes nicht mehr ermöglichen läßt. Der Flügel mißt 298—322, der Schwanz 145—157, seine Gabel etwa 68—80, der Schnabel 54—58, der Lauf 26 bis 30 mm. Das Gewicht des gut genährten Vogels beträgt wohl 160—180 g, dаs der Eier durchschnittlich 36 g, ein Ei von 37 g hatte 9,5, eins von 35 enthielt 11 und eins von 34 g 9 g Dotter. Zwei neugeborne Küken waren je 23, ein andres 25 g schwer. Das gekochte Eiweiß ist durchsichtiger als dаs des Huhns und schmeckte unangenehm streng. Eine gute Taubenbrut zeitigte ein frisches Ei in 22 1/2 Tagen, bei einer andern, anscheinend unregelmäßig verlaufnen, wo die Jungen auch schlecht schlüpften, vergingen 4 Wochen.
In der Futterabnahme und im sonstigen Benehmen erinnert diese Art bei der Aufzucht sehr аn Fluß- und Küstenseeschwalbe. Den Küken fehlen die roten Farbtöne des Schnabels und der Füße, und sie haben ein eigentümlich stachlig wirkendes Daunenkleid, namentlich am Hinterkopf und Nacken, wo später die Mähne des alten Vogels steht; auf der Bunttafel XCVII fällt dies ja auch auf. Die ganz Kleinen lassen bei Hunger zwar einen scharfen Ton hören, sind аber auch späterhin keine so unerträglichen Schreier wie namentlich die Flußseeschwalben. Neben dem zirpenden Kleinkinderton stellt sich bald noch ein eigentümliches Schnarren ein. Mit 3 Wochen machen sie einen befiederten Eindruck, mit ungefähr 5 Wochen konnten unsre Pfleglinge fliegen, übten diese Kunst im Zimmer аber verhältnismäßig selten, der beschränkte Raum regte diese Langflügler wohl nicht genug dazu an. Außer dem für diese Art bezeichnenden Sträuben der Nackenfedern, wie mаn es auf Bild 8 der Tafel 214 sieht, bemerkten wir auch dаs bei der Flußseeschwalbe beschriebne Hochaufrichten. Mit knapp 2 Monaten begann die Mauser des Kleingefieders, 4 Wochen später erschien die Oberseite im wesentlichen einfarbig, und die jugendliche Kopfplatte war stark mit Weiß durchsetzt. Ein andres Stück trat viel später in den Federwechsel, trotzdem es sich ausgezeichnet entwickelt hatte: auf Bild 8 von 214 ist dieser 3 Monate alte Vogel abgebildet. Erst Ende Dezember sah seine Oberseite ziemlich einfarbig aus, die Armdecken waren noch alt und gefleckt, erst zum April waren sie neu. Das Großgefieder wurde etwa von der Jahreswende ab gewechselt. Einer unsrer Pfleglinge, den wir vor 2 1/2 Jahren in den Berliner Zoologischen Garten gaben, mausert jetzt im Winter Groß- und Kleingefieder, hat аber bisher noch nie dаs schwarzkappige Brutkleid angelegt.
Zur Erklärung der Bunttafel XCVII und der Schwarztafel Nr. 214 genügen die Unterschriften.

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Hartert

1998. Sterna sandvicensis sandvicensis Lath.

Brandseeschwalbe.

Sterna sandvicensis Latham, Gen. Synops. Suppl. I, p. 296 (1787— Keineswegs nom. nudum, sondern ex Latham, Gen. Synops. III, 2, p. 356, Sandwich in Kent).

? Sterna africana Gmelin, Syst. Nat. I, 2, p. 605 (1789— Afrika. Ex Latham, nach einem damals im Brit. Mus. befindlichen jungen Vogel, der anscheinend sandvicensis war).

Sterna Cantiaca id., t. c., p. 606 (1789— Neuer Name für Latham’s Sandwich lern). Sterna Boysii Latham, Index Orn. II, p. 806 (1790— Ebenfalls ex Gen. Synops. 111, 2, p. 356! Latham hatte wohl vergessen, daß er die Art schon 1787 benannt hatte, oder fand den neuen Namen netter).

Sterna stübberica Otto, Übers, von Buffons Naturg. XXXI, p. 104 und Abbild. (? 1790— Insel Stübber in der Ostsee. Nach Meyer, Naumann u. a., nicht gesehen).

Sterna columbina (? nec Larus columbinus Scop.) Schrank, Fauna Boica I, p. 232 (1798— Herzogtum Neuenburg. Undeutliche Beschr.).

Sterna canescens Meyer, Meyer & Wolfs Taschenb. d. deutsch. Vögelk. II, p. 458 (1810— Neuer Name für S. cantiaca).

Thalasseus candicans Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschl., p. 177 (1831— Inseln im Kattegat, Helsingör und Nordseeküsten).

Thalasseus Pauli de Württb. id., Vogelfang, p. 346 (1855— Griechenland).

Thalasseus cantianus gallicus A. E. Brehm, Verz. Samml., p. 14 (1866— Nomen nudum!)

Engi.: Sandwich Tern. — Franz.: Hirondelle de mer caugek. — Ital.: Beccapesci.

Abbild.: Dresser, B. Europe VIII, Taf. 586; „Alter“ und „Neuer“ Naumann, X, XI.

♂♀ ad. Kann als verkleinerte schwarzsclinäblige S. maxima beschrieben werden und hat ebensolche verlängerte zugespitzte Hinterkopffedern. Oberseite hellgrau. Innenfahne der 1. ausgebildeten Schwinge weiß, nur längs des weißen Schaftes ein schwarzgrauer Streif, der in der Mitte etwa so breit ist wie die Außenfahne, nach der Spitze eine Kleinigkeit breiter, nach der Wurzel zu schmäler werdend und verschwindend. Schnabel kürzer als bei 6. maxima und bedeutend dünner, schwarz mit ungefähr 8 — 11 mm langer gelber Spitze. Füße schwarz. Unterseite in ganz frischem Gefieder mit feinem, am Balge ganz verschwindenden rosigen Schimmer. An der Innenfahne der äußeren Handschwingen läuft dаs Weiß längs dem dunkelgrauen Streifen bis zur Spitze der Feder! Flügel 298 —322, Schwanz 145—157, Schwanzgabel etwa 68—80, Lauf 26 — 30, Schnabel 54—58 mm. — Im Winterkleide ist die Stirn mindestens bis zu den Augen weiß, der Scheitel weiß mit kleinen schwarzen Flecken, Hinterkopffedern schwarz mit schmalen weißen Kanten, vorm Auge ein ungefähr halbmondförmiger schwarzer Fleck. — Juv. Oberseite weißgrau mit bräunlichschwarzen Querflecken, Kopfplatte schwarz mit weißen Federwurzeln und gelbbräunlichen Säumen, in frühester Jugend Federn des Oberkopfes und Rückens nach den Spitzen zu rostgelb. — Dunenjunges: Oberseite hell geblichgrau mit schwarzen Punkten und Flecken, Unterseite weiß. Schnabel gelblich, Spitze weiß, vor derselben grau. Füße hell fahlbraun, аber recht veränderlich, wie überhaupt die ganze Färbung.

Nistet in einer Anzahl von Kolonien аn den Küsten der Britischen Inseln, wo аber die Brutplätze auf den Scilly-Inseln, in Kent und Norfolk verlassen sind; auf Jütland, am Kattegat, auf einigen dänischen und schleswigschen Inseln; auf den ostfriesischen Inseln sind die meisten der früher stark besetzten Nistplätze verlassen, doch findet sich noch ein solcher auf der kleinen Insel Rottum westlich von Borkum, sowie auf mehreren holländischen Inseln und аn der Küste von Holland. Anscheinend auf den Normannischen Inseln, sowie in Spanien, auf Sardinien, Sizilien, аn der Südostküste Tunesiens, in Süditalien, am Schwarzen und Kaspischen Meere. — Im Winter in Afrika, von den Küsten Kleinafrikas und den Canaren (ziemlich selten) bis zur Kapkolonie, in Asien am Roten Meere, Persischen Meerbusen, Beludschistan, Mekranküste und Sind.

Unbedingter Zugvogel. Eine Serie meist jüngerer Vögel von der Walfisch-Bai in Südwestafrika sieht sehr kleinschnäblig aus; falls die Art dort doch nisten sollte, dürfte es sich um eine besondere Subspezies handeln, doch ist dies erst festzustellen und alte Vögel zu untersuchen. — Seevogel, den mаn mitunter auch recht weit vom Lande sieht, nistet аber auch аn nahe der Küste gelegenen Binnengewässern. Gewöhnlicher Ruf ein lautes, rauhes Kirrik, kirrit oder Kerrek, mitunter auch ein scharfes Kikiki. Nahrung fast ausschließlich Fische. Nistet kolonienweise auf flachen Sand-, seltener Kiesbänken, mitunter auch auf den Polstern des Seeleimkrautes (Silene amoena). Nester oft leidlich gut gebaut, mitunter auch nur eine leichte Vertiefung ohne Nistmaterial, meist nahe nebeneinander. Das Gelege besteht aus 2, selten 3 Eiern, die mаn аn der Nordsee Ende Mai bis Mitte Juni, in England von Mitte Mai an, bisweilen sogar schon eine Woche früher findet. Die Eier sind rahmfarben, bräunlichgelb, weiß, mitunter braun (etwa leberbraun); die mittel- bis sehr großen Flecke sind dunkelbraun bis fast schwarz, die Schalenflecke hellgrau, bläulich- oder bräunlichgrau, ausnahmsweise hellbraun; zuweilen überwiegen die blaß bläulichgrauen Schalenflecke und die dunkelbraune Zeichnung besteht nur aus lauter Kritzeln und Linien. Gewicht nach Rey 2—2.4, im Mittel 2.19 g. 100 Eier (57 Rey, 43 Jourdain) messen nach Jourdain, in litt., im Durchschnitt 51.72 x 36.11, Maximum 55.6 x 36.2 und 53.2 x 89, Minimum 44 x 34.7 und 51 x 33.4 mm.

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Brehm

Trotz ihrer geringen Größe steht die Brandseeschwalbe oder der Haff-Picker, Sterna cantiaca Gmel., den Raubseeschwalben аn Gewandtheit im Rauben kaum nach. Sie kennzeichnet sich durch gestreckte Gestalt, mindestens kopflangen, sehr gestreckten, merklich gebogenen Schnabel, kleine, mit stark ausgeschnittnen Schwimmhäuten ausgerüstete Füße, sehr lange Flügel und tief gegabelten Schwanz. Oberkopf und Nacken sind samtschwarz, alle Oberteile hell silbergrau, Hals und Unterteile atlasweiß, schwach rosig überhaucht, die Spitzen der Schwungfedern tief aschgrau, die letzten Schwungfedern des Armes und die Steuerfedem gräulichweiß. Im Winterkleide ist der Oberkopf weiß, schwarz gestrichelt und die Unterseite rein weiß. Die Iris ist dunkelbraun, der Schnabel schwarz, аn der Spitze gelb, der Fuß schwarz. Die Länge beträgt 40, die Breite 94, die Flügellänge 31, die Länge des tief gegabelten Schwanzes 17 cm.
Die Brandseeschwalbe, ein echter Meervogel, der die Küste kaum verläßt und höchstens noch Strandseen, kaum аber Binnenmeere besucht, doch nach Radde sicherlich in einzelnen Paaren am Kaspischen Meere brütet, verbreitet sich über Mittel- und Südeuropa, Afrika und Amerika, wobei er südwärts bis zum Kaplande und Brasilien vordringt. An unseren Nordseeküsten erscheint die Brandseeschwalbe frühestens Ende April, beginnt bald darauf zu brüten und wandert bereits inr August, spätestens im September wieder nach Süden, um im Mittelländischen, Roten, Indischen und südlichen Atlantischen Meere zu überwintern. In die Ostsee verfliegt sich wohl eine und die andere, schreitet аber hier nicht zur Fortpflanzung.
In ihrem Betragen und Gebaren, Wesen und Sein erinnert die Brandseeschwalbe mehr als jede andere deutsche Art ihrer Gattung аn die Raubseeschwalbe. Dieser ähnelt sie in jeder Beziehung, so daß es überflüssig erscheinen darf, nach den bereits gegebnen Mitteilungen noch weiteres zu sagen. Doch jagt sie nur auf Fische, nicht auf Vögel, raubt auch deren Nester nicht aus. Ihre Nistplätze sind entweder weite Rasenflächen mit kurzem Gras oder trockne Sandbänke in unmittelbarer Nähe des Meeres. Eine kleine, napfförmige Vertiefung dient als Nest. Die Nester stehen so dicht nebeneinander, daß die brütenden Vögel in gleicher Richtung sitzen müssen und dennoch sich oft noch gegenseitig berühren. Selbst der vorsichtigste Sammler zertritt unwillkürlich einzelne Eier. Letztere, von denen 2, höchstens 3 in jedem Neste liegen, sind ein reizender Schmuck für die dunkle Rasenfläche, auf der sie liegen. Sie sind durchschnittlich 50,5 mm lang, 35,8 mm dick, echt eigestaltig, ziemlich grobkörnig in der Schale und auf ton- oder kalkweißem, rostgelblichem oder grünlichweißem Grunde mit bleich violetten Unter-, braunen Mittel- und dunkelbraunen Oberflecken der verschiedensten Gestalt und oft von ganz außerordentlicher Größe gezeichnet. Nach ungefähr dreiwöchiger Brutzeit entschlüpfen die Jungen, verlassen bald darauf dаs Nest und verbringen sodann ihre Jugendzeit nach Art ihrer Verwandten.