- Aves - https://aves.areion.org/ -

Ardea alba

Heinroth

[keine Beschreibung dieser Art im Werk]

*****

Hartert

1644. Egretta alba alba (L.).

Großer Silberreiher.

Ardea alba Linnaeus, Syst. Nat., Ed. X, I, p. 144 (1758— „Habitat in Europa“).

Ardea egrettoides 8. G. Gmelin, Reise durch Russland, II, p. 193, Taf. 25 (1774— Astrachan und Persien).

Ardea Garzette major Boddaert, Tabl. Pl. Enl., p. 55 (1783— Name für Tafel 925 der Daubentonschen PI. Enl.).

Ardea Egretta Bechstein 1793, nec Linnaeus!

Lepterodas flavirostris Hemprich & Ehrenberg 1828, nec Ardea flavirostris Vieillot et Wagler!

Herodias candida Brehm, Lehrb. Nat. eur. Vög. II, p. 957 (1824— Ex Meisner MS., Name ex Brisson. Ohne Fundortsangabe, аber im Handb. Naturg. Vög. Deutschl. 1831 heißt es: „Ungarn, Türkei, selten nach Deutschland und Schweiz“).

„Egretta orientalisGr.“Bonaparte, Iconogr. Fauna ltal., Aves, Introd., p. 14(1832— Italien).

Erodius Victoriae Macgillivray, Man. Brit. Orn. II, p. 131 (1842— Beschreibung eines sehr großen alten, in Süd-Schottland geschossenen ♂).

Herodias egretta minor A. E. Brehm, Verz. Samml., p. 12 (1866— Nomen nudum!).

Engl.: Great White Egret. — Franz.: Héron aigrette. — Ital.: Airone bianco maggiore.

Das gesamte Gefieder in jedem Alter und allen Jahreszeiten schneeweiß. Federn des Hinterkopfes etwas verlängert, аber nur wenig, und weder bandförmig noch zerschlissen; ebenso die Federn der Kropfgegend nur etwas verlängert, seidenweich und weitstrahlig, аber nicht lang und zerschlissen, also keine „Schmuckfedern“ bildend. Kurz vor der Brutzeit wachsen auf dem Rücken, einen Teil der Schulterfittiche bildend, die berühmten „Reiherfedern“, d. h. stark verlängerte Federn mit dicken und geraden Schäften und sperrig in haarartig feine, аber ziemlich steife Federstrahlen aufgelösten Fahnen. Bei alten ♂5 erreichen diese Schmuckfedern eine Länge von 48 bis 50 cm oder mehr, nach Dombrowski sogar bis 57 cm; die Zahl derselben beträgt meist etwa 30—40, mitunter bis zu 50, und sie reichen bis 10 bis 15 cm über dаs Schwanzende hinaus. Iris dunkelgelb bis chromgelb. Schnabel gelb, färbt sich аber vor der Brutzeit, wenn die Schmuckfedern wachsen, um und wird fast ganz schwarz, nur аn der Wurzel etwas gelb bleibend. Nackte Haut аn Zügeln und Schnabelwurzel grün. Lauf und Oberseite der Zehen schwarz, nackter Teil der Tibia nach oben zu und Rückseite des Laufes gelb. Bald nach der Brutzeit wird der Schnabel wieder gelb, und die langen Schmuckfedern fallen mit Beginn der allgemeinen Mauser aus. Flügel 41 (♀) bis 47 und sogar 51, Schwanz 17.5—20, Lauf 16.5—21.2, Culmen vom Ende der Stirnbefiederung 11.6—14 cm. — Dunenjunges: Oberer Teil des Vorder- und unterer des Hinterhalses nackt, Dunen weiß, seidenartig glänzend, auf dem Kopfe erstaunlich lang.
Brutvogel in Südosteuropa bis Ungarn (früher in Menge, jetzt anscheinend nur noch аn einer Stelle) und Südrußland, West- und Nordasien bis Südostsibirien, Nordchina und Nordjapan; hat früher einmal in Schlesien genistet. — Zugvogel, der im Winter in Nordafrika (Algerien, Tunesien, wo er auch brüten soll, Ägypten), Indien und Teilen von China überwintert, mitunter auch in Japan vorkommt. Des öfteren weit verstrichen, so sehr oft nach Italien und Südwesteuropa, auch Mittel- und Nordeuropa, so sind sieben Fälle für Großbritannien beglaubigt. — Genaue Verbreitung der Formen der weißen Reiher infolge unrichtiger und unsicherer Angaben oft schwierig festzulegen. Durch Kultur und Verfolgung sehr vermindert.

Durchaus Bewohner von Sümpfen und den Rändern von Seen und unregulierten großen Strömen. Nahrung fast nur Fische, außerdem auch Crustaceen, Insekten, Reptilien und Amphibien, junge Vögel. Die einzige Stimme scheint ein heiseres Krächzen zu sein. Nester fast stets in Kolonien, meist für sich, mitunter auch mit anderen Reihern zusammen. In der Regel stehen die Nester tief im Röhricht, auf Kufen oder auf umgeknickten Rohrhalmen; sie sind meist ganz aus Schilfblättern, oft mit einer Unterlage von Reisig gebaut; außer im Sumpfe auch auf Weidenbüschen, bis zu 5 m hoch, und nur ausnahmsweise auf hohen Bäumen — so soll merkwürdigerweise dаs von A. v. Homeyer in Schlesien beobachtete Nest gestanden haben, und andere Fälle werden aus Asien berichtet. Das Gelege besteht aus 3—4, selten 5 Eiern und wird in Rumänien von Ende April bis Juni gefunden. Die Eier sind oft etwas zugespitzt, von einem etwas trüben Blaugrün, oft blasser als die von A. cinerea, mit weit auseinanderstehenden, groben, runden und länglichen, übrigens sehr variablen Poren. Die Schale fühlt sich ziemlich rauh an, die Erhabenheiten treten undeutlich hervor, Rillen sind oft vorhanden. 40 sicher identifizierte Eier messen nach Jourdain in litt, im Durchschnitt 61.34 x 42.79, Maximum 68.4 x 44.7 und 59 x 45, Minimum 55.4 x 42.5 und 61.3 x 40 mm.

*****

Brehm

Schlanker Leib und Gliederbau, insbesondere der lange Hals und der verhältnismäßig schwache Schnabel, endlich auch die langen, weitstrahligen Rückenfedern und dаs blendend weiße Gefieder kennzeichnen den Edelreiher, Silber-, Schnee – oder Buschreih er, Herodias alba Linn. (egretta; s. die Abbildung, S. 156). Das Gefieder dieses Prachtvogels ist rein und blendend weiß, die Iris gelb, der Schnabel dunkelgelb, die nackte Wangenhaut grünlichgelb, der Fuß dunkelgrau. Die Länge beträgt 104, die Breite 190, die Flügellänge 55, die Schwanzlänge 20 em. Den jungen Vögeln fehlen die Schmuckfedern. Die Färbung des Schnabels scheint sich nach der Jahreszeit, und nicht nach dem Alter zu verändem. Der Edelreiher bewohnt Südeuropa, besonders Südosteuropa, Afrika, Mittelund Südasien. In Deutschland zählt er zu den sehr seltnen Erscheinungen, hat аber erwiesenermaßen einmal hier gebrütet; in den Donautiefländem ist ihre Zahl bereits sehr zusammengeschmolzen, in Griechenland, Italien, Spanien auch nicht groß, in namhafter Anzahl dagegen tritt er noch in den Ländern um dаs Kaspische Meer und in Nordafrika auf.
Der Edelreiher bevölkert, wie der Fischreiher, Gewässer verschiedner Art, am liebsten jedoch ausgedehnte Sümpfe und in ihnen stets die ruhigsten und von dem menschlichen Treiben abgelegensten; denn er gehört überall zu den vorsichtigen und da, wo er Verfolgungen erfährt, zu den scheuesten Vögeln. Er ist, wie Naumann treffend bemerkt, ein durch Zierlichkeit und hohe Einfachheit seines Gefieders ausgezeichneter, die andern weißen Reiher durch seine ansehnliche Größe übertreffender, herrlicher Vogel. Vom Fischreiher unterscheidet er sich im Stehen, Gehen und Fliegen. Auch er nimmt höchst sonderbare Stellungen an, verbirgt z. B. Kopf und Hals und eins seiner Beine derart im Gefieder, daß mаn von diesen Gliedern nicht dаs geringste bemerkt, sondern nur einen Körper von Gestalt eines umgekehrten Kegels zu sehen vermeint, der auf einer dünnen Stütze ruht; аber so sonderbar auch diese Stellung sein mag, anmutiger als die des Fischreihers erscheint sie immer noch. Der Gang ist meines Erachtens wenn auch nicht leichter, so doch würdevoller als der des Fischreihers, der Flug entschieden schöner, schon weil der Vogel fliegend viel schlanker und jede seiner Bewegungen kräftiger, rascher erscheint als bei jenem. An Sinnesschärfe und geistigen Fähigkeiten steht er wahrscheinlich auch obenan, und ebenso besitzt er, nach meinen Erfahrungen, keineswegs die Tücke und Bosheit andrer Reiher, befreundet sich, gefangen, z. B. weit eher und inniger als diese mit seinem Pfleger.
Der Edelreiher brütet in Ungarn regelmäßig in den ungeheuern Rohrbeständen der Sümpfe, ohne jedoch Bäume zu meiden.
Einen Horst, den A. von Homeyer im Jahre 1863 in der Nähe von Glogau aufzufinden dаs Glück hatte, und dаs Betragen des Edelreihers schildert er wie folgt: „Der Horst sitzt in einer nicht ganz starken Kiefer am Rande der eigentlichen Reiheransiedelungen, ist nur dürftig gebaut, fast durchsichtig, und jedenfalls in diesem Jahre neu durch die Edelreiher selbst aufgeführt. Der nächste Horst des Fischreihers ist acht Schritt davon entfernt und um so viel höher gestellt, daß dessen Inhaber bequem den Edelreiherhorst einsehen kann. Letzterer steht ganz oben in einer starken Gabelung, nur von 1 1/2—2 m langen Ästen seitwärts überragt, während gerade über ihm alles frei ist. Auf demselben Baume, 5 m weiter unten, steht auch ein Horst des Turmfalken. Der Edelreiher richtet sich erst nach mehrmaligem Klopfen auf. Sein schlanker Hals ist lang aufwärts gestreckt, sein Schnabel wird wagerecht gehalten, der Körper bewegt sich nicht, der Kopf indes dreht sich rechts und links. Ich klopfe noch einmal. Da fliegt der Vogel ab, verschwindet auf drei Minuten und kehrt zurück, umkreist zweimal den Horst baumhoch und setzt sich auf eine benachbarte Kiefer. Um nicht dаs Brutgeschäft zu stören, gehen wir nach dem Forsthause zurück. Das heutige Verhalten des Vogels läßt mit Bestimmtheit annehmen, daß er stark bebrütete Eier habe.“ Homeyer findet am 15. Juni, daß dаs Weibchen sehr fest brütet und sich nur auf wenige Augenblicke erhebt, wenn geklopft wird, bemerkt am 28. Juni, daß die Jungen ausgekommen und wohl schon einige Tage alt sind, auch lebhaft, ähnlich wie junge Fischreiher, аber reiner und minder rauh „keck keck keck“ schreien, und verfolgt ihr Wachstum bis zum 10. Juli, um welche Zeit der größte von den jungen Edelreihern auf dem äußersten Nestrande steht, der zweite sich im Horste aufrichtet und der kleinste noch festsitzt. Zwei Tage später erfährt er, daß der ältere bereits den Horst verläßt, sich fliegend auf den nächsten Baum begibt und hier fast den ganzen Nachmittag verweilt, dаs zweite Junge neben dem Horst auf dem Aste, dаs dritte aufrecht in dem Horste selbst steht, der abends alle drei wieder vereinigt. Die Zahl der bläulichgrünen Eier ist 3 bis (meistens) 4; sie sind durchschnittlich 64 mm lang und 45 mm breit.
Naumann meint, daß der Edelreiher leichter erlegt werden könne als der Fischreiher: ich muß im Gegenteil behaupten, ich habe ihn stets sehr scheu gefunden. Der Vogel hatte auch alle Ursache, dies zu sein. Man stellt ihm in seiner Heimat eifrig nach, besonders der prachtvollen Rückenfedern wegen, aus denen die berühmten Reiherbüsche zusammengesetzt werden. Die Indier um Lucknow verfahren nach Jesse in dieser Beziehung verständiger: sie fangen nämlich den prachtvollen weißen Mittelreiher, Mesophoyx intermedia Wagl. (s. Tafel „Storchvögel II“, 3, bei S. 164), raufen ihm die herrlichen, bis 35 cm langen Rückenfedern aus und lassen ihn dann wieder fliegen. — Neuerdings sieht mаn den Edelreiher in allen Tiergärten, hat auch in dem zu Berlin wiederholt die Freude gehabt, Junge zu züchten.