- Aves - https://aves.areion.org/ -

Sitta europaea

in Vorbereitung: Beschreibungen aus Niethammer/Boxberger, Handbuch der deutschen Vogelkunde und Einhard Bezzel, Kompendium der Vögel Mitteleuropas

*****

Heinroth

Der mitteleuropäische Kleiber (Sitta europaea L., sordida Brehm und Rchw. sowie caesia Wolf).

Über diese Unterarten des gewöhnlichen Kleibers ist viel gestritten worden, da sie аber in der Lebensweise durchaus übereinstimmen, so genügt es hier, sie zusammen zu betrachten. In Deutschland lebt im allgemeinen die auf der Unterseite schön kastanienbraune Form 8. caesia; bei Berlin kommt nur die blassere, von Re ich e- now vor einiger Zeit wieder als sordida abgegrenzte Unterart vor: wir haben sie beide auf der Bunttafel XXV darstellen lassen. Die Flügellänge beträgt 78—91,5, die Schwanzlänge 47—48, die Schnabellänge 18,5—19,5, die Lauflänge 17—20 mm. Die Weibchen aller dieser Kleiberformen unterscheiden sich von den Männchen dadurch, daß die Färbung der Unterschwanzdecken und der Seitenfedern nicht so rotbraun, d. h. blasser ist. Die Jungen sehen wie die Alten aus. Das Durchschnittsgewicht des mittelgenährten Vogels ist 24 g, dаs seines Eies 2,2 g, d. h. etwa 1/11 der Mutter.
Außer den bei uns vorkommenden Kleiberformen gibt es fast durch ganz Asien hindurch noch eine ganze Anzahl ähnlicher.
Sowohl der deutsche wie der lateinische Name ist recht bezeichnend. Kleiber hängt mit kleben zusammen, denn der Vogel verklebt den Nesteingang, wenn er ihm zu groß ist, mit Lehm, und Sitta heißt er nach dem gewöhnlichen Sitt-Ruf, der eine Stimmfühlung beim Umherstreichen darstellt. Zu verkennen ist der Vogel draußen nicht, trotzdem ist er vielen Leuten unbekannt, und sie sind überrascht, wenn sie ihn plötzlich einmal zu Gesicht bekommen; sie wissen dann vielfach nicht recht, ob sie es mit einem Eisvogel oder mit einem Spechte zu tun haben. Für den ersten spricht ihnen die blaugraue Oberseite, der lange, grade Schnabel und die rostrote Unterseite, für den zweiten dаs Klettern аn Baumstämmen: als früher die Zoologischen Gärten noch Wert auf einheimische Kleinvögel legten, habe ich mich oft überzeugen können, daß Kleiber für Eisvögel gehalten wurden. Die Bezeichnung Spechtmeise hat manches für sich, dagegen vermeide mаn den Ausdruck Großer Baumläufer, denn mit der Gruppe Oer thia, dem eigentlichen Baumläufer, hat der Vogel nichts zu tun, schon weil die Art und Weise seines Kletterns genau umgekehrt ist. Für den ganz Unerfahrenen sei gesagt, daß ein mit dem Kopf nach unten am Baumstamme kletternder Vogel nie ein Specht oder ein Baumläufer sein kаnn, sondern immer ein Kleiber ist. Klettert dieser von unten nach oben, so geschieht dies nicht wie bei den stützschwänzigen Formen, also Baumläufern und Spechten, in grader, senkrechter Richtung mit gleichen Füßen, sondern der Kletterer hüpft eigentümlich seitlich, gleichsam im Polkaschritt, und gewöhnlich schief zur Senkrechten. Der Schwanz berührt nie die Rinde, und die mit sehr langen, derben Zehen und Krallen ausgestatteten Füße übergreifen, weit gespreizt, eine große Fläche: mаn sieht dies auf den Bildern 9, 10 und 12 der Schwarztafel Nr. 47, sowie besonders schön auf Tafel 48 Bild 1—4. Hat der Vogel einen größeren Nahrungsbrocken, z. B. einen Sonnenblumenkern oder ein derberes Kerbtier, so klemmt er ihn in einen Rindenritz, klammmert sich darüber fest und hackt von oben her darauf: Bild 1 und 2 auf Tafel 48 geben diese Bewegung wieder. Ein Specht dagegen hängt sich immer unter den zu bearbeitenden Gegenstand; der Baumläufer kаnn wegen seines schwachen Schnabels überhaupt nichts aufklopfen.
Von den Stimmäußerungen sei nur erwähnt, daß der Erühlingsruf des Männchens, den mаn häufig schon zu Ausgang des Winters vernimmt, mit seinen weit schallenden Flötentönen eine große Ähnlichkeit mit gewissen Singdrosselstrophen hat. Im übrigen macht ein Kleibertrupp durch dаs bekannte, hastig ausgestoßene ,,Twet-twet-twet“ sehr auf sich aufmerksam. Diese Laute bedeuten nach uns em Gefangenschaftserfahrungen stets Ärger und werden immer dann gebraucht, wenn zwei Kleiber sich zanken, was sehr oft vorkommt, denn es gibt außer bei dem gepaarten Paare regelmäßig Streit, wenn sie sich zu nahe kommen. Das ,,Sit“, dаs von dem der Meisen und Goldhähnchen durch seine rauhere Klangfarbe unterschieden ist und bei Erregung recht laut und scharf werden kаnn, hält offenbar den Trupp zusammen. Es ist wohl nicht Zufall, daß Meisen, Baumläufer, Goldhähnchen und Kleiber, die ja im Herbst und Winter vielfach gemeinsam in Schwärmen umherstreichen, alle diesen Sit-Ton haben; er dient, wie schon erwähnt, als Stimmfühlung zum Zusammenhalten der einzelnen Vögel.
Durch die Beringung hat sich ergeben, daß alte Kleiber durchaus Standvögel sind; ich selbst kennzeichnete ein Stück hier im Zoologischen Garten, dаs dann 4 Jahre lang Sommer und Winter аn derselben Stelle beobachtet wurde. Die Jungen scheinen recht lange von den Eltern geführt zu werden oder wenigstens mit ihnen zusammenzubleiben, was ja auch verständlich ist, da der Kleiber im Gegensätze zu den Meisen wohl stets nur eine Brut im Jahre macht; natürlich müssen sie аber später, wenn die Eltern wieder zum Nisten schreiten, den Geburtsort verlassen. Beobachtungen darüber, wohin und wie weit sie dann gehen, fehlen leider noch.
Als wir, um die Aufnahmen für unsere Tafeln zu machen, sowohl im Berliner Zoologischen Garten als auch im Spandauer Stadtforst auf die Kleibernestsuche gingen und dabei 7 Nester fanden, konnten wir manche Beobachtungen über dаs Familienleben dieses Vogels anstellen. Wenn Naumann sagt, daß die Begattung des Kleibers mit viel Geschrei ausgeführt werde, so bemerkten wir dаs Gegenteil. Das Paar hält während der Flitterwochen dicht zusammen. Findet dаs Männchen etwas Leckeres, so kommt es zu seiner Gattin und füttert sie damit, wobei feine Sit-Töne als Ausdruck der Zärtlichkeit dienen, schließlich setzt sich dаs Weibchen quer auf einen dicken Ast und fordert flügelzitternd zur Paarung auf, die dann unter denselben Zwitschertönen ausgeführt wird. Nach kurzem Putzen des Gefieders gehen sie dann weiter auf Nahrungsuche. Im Anschluß hieran sei bemerkt, daß in weiten Kreisen die falsche Vorstellung herrscht, daß bei allen Vogelarten dаs Männchen sein Weibchen immer ,,treiben“ müsse; dies pflegt nur dann der Fall zu sein, wenn dаs Paar noch nicht einig ist, d. h. also bei der Werbung, nachher аber ändert sich dаs Bild völlig, und dаs Weibchen ist meist der auffordernde Teil. Statt des anfänglichen Jagens treten nun allerlei Zärtlichkeiten in ihre Rechte, die eben häufig darin bestehen, daß der Mann seiner Frau einen größeren Nahrungsbrocken, z. B. einen Sonnenblumenkern oder ein derberes Kerbtier, so klemmt er ihn in einen Rindenritz, klammmert sich darüber fest und hackt von oben her darauf: Bild 1 und 2 auf Tafel 48 geben diese Bewegung wieder. Ein Specht dagegen hängt sich immer unter den zu bearbeitenden Gegenstand; der Baumläufer kаnn wegen seines schwachen Schnabels überhaupt nichts aufklopfen.
Von den Stimmäußerungen sei nur erwähnt, daß der Erühlingsruf des Männchens, den mаn häufig schon zu Ausgang des Winters vernimmt, mit seinen weit schallenden Flötentönen eine große Ähnlichkeit mit gewissen Singdrosselstrophen hat. Im übrigen macht ein Kleibertrupp durch dаs bekannte, hastig ausgestoßene ,,Twet-twet-twet“ sehr auf sich aufmerksam. Diese Laute bedeuten nach uns em Gefangenschaftserfahrungen stets Ärger und werden immer dann gebraucht, wenn zwei Kleiber sich zanken, was sehr oft vorkommt, denn es gibt außer bei dem gepaarten Paare regelmäßig Streit, wenn sie sich zu nahe kommen. Das ,,Sit“, dаs von dem der Meisen und Goldhähnchen durch seine rauhere Klangfarbe unterschieden ist und bei Erregung recht laut und scharf werden kаnn, hält offenbar den Trupp zusammen. Es ist wohl nicht Zufall, daß Meisen, Baumläufer, Goldhähnchen und Kleiber, die ja im Herbst und Winter vielfach gemeinsam in Schwärmen umherstreichen, alle diesen Sit-Ton haben; er dient, wie schon erwähnt, als Stimmfühlung zum Zusammenhalten der einzelnen Vögel.
Durch die Beringung hat sich ergeben, daß alte Kleiber durchaus Standvögel sind; ich selbst kennzeichnete ein Stück hier im Zoologischen Garten, dаs dann 4 Jahre lang Sommer und Winter аn derselben Stelle beobachtet wurde. Die Jungen scheinen recht lange von den Eltern geführt zu werden oder wenigstens mit ihnen zusammenzubleiben, was ja auch verständlich ist, da der Kleiber im Gegensätze zu den Meisen wohl stets nur eine Brut im Jahre macht; natürlich müssen sie аber später, wenn die Eltern wieder zum Nisten schreiten, den Geburtsort verlassen. Beobachtungen darüber, wohin und wie weit sie dann gehen, fehlen leider noch.
Als wir, um die Aufnahmen für unsere Tafeln zu machen, sowohl im Berliner Zoologischen Garten als auch im Spandauer Stadtforst auf die Kleibernestsuche gingen und dabei 7 Nester fanden, konnten wir manche Beobachtungen über dаs Familienleben dieses Vogels anstellen. Wenn Naumann sagt, daß die Begattung des Kleibers mit viel Geschrei ausgeführt werde, so bemerkten wir dаs Gegenteil. Das Paar hält während der Flitterwochen dicht zusammen. Findet dаs Männchen etwas Leckeres, so kommt es zu seiner Gattin und füttert sie damit, wobei feine Sit-Töne als Ausdruck der Zärtlichkeit dienen, schließlich setzt sich dаs Weibchen quer auf einen dicken Ast und fordert flügelzitternd zur Paarung auf, die dann unter denselben Zwitschertönen ausgeführt wird. Nach kurzem Putzen des Gefieders gehen sie dann weiter auf Nahrungsuche. Im Anschluß hieran sei bemerkt, daß in weiten Kreisen die falsche Vorstellung herrscht, daß bei allen Vogelarten dаs Männchen sein Weibchen immer ,,treiben“ müsse; dies pflegt nur dann der Fall zu sein, wenn dаs Paar noch nicht einig ist, d. h. also bei der Werbung, nachher аber ändert sich dаs Bild völlig, und dаs Weibchen ist meist der auffordernde Teil. Statt des anfänglichen Jagens treten nun allerlei Zärtlichkeiten in ihre Rechte, die eben häufig darin bestehen, daß der Mann seiner Frau Futter reicht. Daß dies nicht für alle Vogelarten zutrifft, ist bei den Drosseln schon erwähnt worden und wird bei den Spechten noch besonders behandelt werden: hier sind sich die Ehegatten zum Teil überaus feindlich gesinnt, und es scheint diesen Einzelgängern sehr unangenehm zu sein, daß zur Erzeugung und zur Aufzucht der Jungen Zwei gehören.
In seiner ‚Nistweise weicht der Kleiber von den Waldmeisen dadurch ab, daß er einen ihm zu weiten Höhleneingang verklebt und ganz andere Stoffe zu Neste trägt als Meisen es tun. Hier in der Umgegend bezieht dаs Kleiberpaar sehr häufig eine alte Kleinspechthöhle, deren Schlupfloch der Größe des Einmieters genau entspricht, und dann wird von jeder Vermaurung Abstand genommen: alle die in Rede stehenden sieben Nester machten den Gewohnheiten der besprochenen Vogelart, nach der sie ihren Namen hat, keine Ehre. Wird ein Nistkasten bezogen, so kаnn es der Kleiber manchmal nicht unterlassen, seinem Klebetrieb in der Weise Luft zu machen, daß er auf und аn den Kasten ein paar Lehmklümpchen klebt.
Besonders leicht findet mаn Kleibernester durch Beobachtung der bauenden Vögel. Es scheint mir, als ob diese Art im Gegensätze zu andern mir bekannten Singvögeln die Neststoffe nicht büschelweise, sondern einzeln antrüge, was wohl in der Beschaffenheit begründet sein mag: der Kleiber füllt ja den Boden der Nisthöhle entweder mit vorjährigen Laubstückchen oder mit den Rindenschuppen der Kiefer aus. Sieht mаn im Frühling, daß ein Kleiber sich im Graben einer durch den Wald führenden Landstraße, in dem allerlei zusammengewehtes Laub liegt, zu schaffen macht, so kаnn mаn sicher sein, daß der Vogel es auf dieses Laub zur Füllung seines Nestes abgesehen hat; hierbei sind die Tiere meist auffallend vertraut. Anscheinend trägt ausschließlich dаs Weibchen zu Neste, wenigstens sah ich immer nur einen Vogel des Paares mit einem Blattstücke wegfliegen. Bei der großen Menge der für die Nestunterlage erforderlichen Stoffe muß die Kleiberin Hunderte von Malen wiederkommen, und es ist dann ein Leichtes, dаs Baumloch zu finden, in dem sie verschwindet.
Leider ist über die Brutdauer nichts bekannt; ich möchte sie nicht mit der anderer Kleinvögel gleichsetzen und sie nicht ohne weiteres auf 13 Tage schätzen. Die Entwicklung der ausgeschlüpften Jungen geht nämlich im Gegensätze zu andern ebenso großen Singvögeln so ungemein langsam vor sich, daß mаn аn eine längere Brutdauer glauben möchte, wenn mаn bedenkt, daß langsame Jugendentwicklung und Langbrütigkeit bei den meisten Vogelgruppen Hand in Hand gehen. Es scheint mir, als fänden dann die Zellteilungen von Beginn der Entwicklung bis zum Erwachsensein des Vogels besonders langsam statt.
Nun zu unsere Erfahrungen bei der Kleiberaufzucht. Den engen Nesteingang muß mаn natürlich auf sägen, um zu den Jungen oder Eiern zu gelangen. Will mаn nicht den gesamten Inhalt haben, also auch nicht die ganze Nesthöhle zerstören, so empfiehlt es sich, wie bei den kleineren Spechtarten, mit einer Stichsäge von der Einschlupföffnung aus einen so großen Keil aus der Vorderwand herauszunehmen, daß mаn mit der Hand gut hineinkommen kann. Diesen Keil heftet mаn nachher mit ein paar Nägeln wieder ein, und die alten Vögel übernehmen sofort wieder ihre Elternpflichten. Durch dieses Verfahren ist mаn dann in der Lage, gelegentlich wieder durch Herausnahme der Vorder wand in die Höhle sehen und sich von Geschwister zum andern zurück, so gibt es einen Kampf auf Tod und Leben, und mаn ist genötigt, sie schleunigst wieder auseinander zu nehmen.
Im Gesellschaftskäfige machen sich andere Vögel die Fähigkeit der Kleiber, Sonnenblumen- und Hanfkörner aufzuspalten, in der Weise zunutze, daß sie in der Nähe warten, bis der Kern bloßliegt und ihn dann dem rechtmäßigen Eigentümer vor dem Schnabel wegnehmen. Der eifrige Hämmerer läßt sich dаs merkwürdigerweise stets ruhig gefallen und wird auch durch Schäden nicht klug, was nicht gerade für ausgebildete Lernfähigkeit spricht. Die Neigung der Kleiber, Kerne aller Art in Rindenspalten zu verstecken, kаnn dem Pfleger recht lästig werden: der Futternapf ist immer schnell geleert, und mаn weiß nie, ob die Vögel noch Nahrung genug haben.
Trotz ihrer Unverträglichkeit untereinander, die doch von einem gewissen Mute zeugt, sind die Spechtmeisen andern Vögeln gegenüber häufig recht feige. Wie beim Trauerfliegenschnäpper schon erwähnt, beobachteten wir selbst, daß ein derartiges Paar die Kleiber aus ihrer Bruthöhle verjagte und selbst davon Besitz nahm. Dabei verhält sich dаs Gewicht der beiden Vogelarten ungefähr wie 14 zu 24, und außerdem sitzt in dem Schnabel des Kleibers eine unverhältnismäßig größere Kraft als in dem zarten der Fliegenschnäpper. Als Schüler hielt ich in einem geräumigen Flugkäfig unter anderen Vögeln einen Wildfangkleiber mit einem Hüttensängerpaar (Sialia sialis) zusammen. Der Kleiber übernachtete regelmäßig in einem halboffnen Nistkasten, der später von den blauen Amerikanern zur Brutstätte gewählt wurde. Trafen sie nun morgens den Kleiber in der Höhle, so gab es eine ernstliche Beißerei; schließlich verfolgte der männliche Hüttensänger ihn heftig und tötete ihn bald darauf. Auch hier habe ich mich gewundert, daß der doch fast gleichgroße Kleiber so klein beigab.
Die Schwarztafel 47 zeigt in den Bildern 1—9 die hier bereits besprochen Jugendentwicklung. Auf Bild 10—12 dieser Tafel, sowie auf 1—4 von Nr. 48, sind bezeichnende Kleiberstellungen wiedergegeben; auf 10 und 4 finden wir den Vogel beim Abfliegen vom Stamm. Auf 11 hat er sich behaglich zur Ruhe gesetzt, auf 3 hält er Umschau, und 1 und 2 zeigen ihn beim Bearbeiten eines in die Rinde geklemmten Sonnenblumenkerns. Für die Bilder der Bunttafel XXV genügen die Unterschriften.

*****

Hartert

510. Sitta europaea europaea L.

Sitta europaea Linnaeus, Syst. Nat. Ed. X, p. 115 (1758— Europa, Amerika, letzeres irrtümlich! Als typischen Fundort sehen wir Schweden an, nach dem ersten Zitat).

Sitta suecica Brehm, Vogelfang, p. 74 (1855— Skandinavien).

Sitta europaea sordida A. E. Brehm, Verz. Samml., p. 6 (1866— nomen nudum!).

Schwed.: Nötväcka.

♂ ad. Oberseite bläulichgrau; von den Nasenlöchern durch dаs Auge und аn den Halsseiten entlang verläuft ein schwarzer Streif, über demselben hinter dem Auge und аn den vorderen Stirnfedern läßt sich oft die Andeutung einer weißen Linie erkennen. Schwingen braun mit schmutzigweißen Innensäumen, die äußerste Basis weiß, 3.—5. von der Mitte der Außenfahne аn verschmälert und аn dem Wurzelteile mit weißlichen Außensäumen, innere Armschwingen bläulichgrau, die übrigen mit ebensolchen Säumen. Mittelstes Steuerfederpaar wie der Rücken, die nächsten beiden schwarz mit grauen Spitzen, die darauffolgenden beiden аn der Innenfahne mit großem anteapikalen weißen Fleck, dаs äußerste Paar auf beiden Fahnen mit großem anteapikalen weißen Querfleck, der аber nicht gerade durch die Feder verläuft, sondern auf der Außenfahne mehr nach der Wurzel zu steht, da die graue Spitze ausgedehnter ist. Halsseiten und Unterseite weiß, Weichen lebhaft kastanienbraun. Unterschwanzdecken weiß, nach der Wurzel zu kastanienbraun und beiderseits mit derselben Farbe, einige außerdem noch am Wurzelteil der Innenfahnen hellgrau. Axillaren grau, Unterflügeldecken mattschwarz, nur die vorderen Unterhanddecken weiß, Flügel ungefähr 78—91.5, Schwanz 47—48, Schnabel 18.5—19.5, Lauf 17 — 20 mm. 9 dem d zwar ähnlich, аber sofort durch die viel hellere, mehr zimtartig rotbraune Färbung аn den Unterschwanzdecken und Weichen zu unterscheiden, außerdem ist der beim d reinweiße Unterkörper hell ockergelblich oder dunkel rahmfarben verwaschen. Juv. wie die Alten.
Ganz Skandinavien, Nordrußland (1) und die dänischen Inseln bis Middelfart auf Fünen und Fanö im kleinen Belt (nicht zu verwechseln mit Fanö nördlich von Sylt).

Lebensweise und Fortpflanzung ganz wie die von S. eur. caesia.

1) Herr JDr. G. v. Burg erlegte am 31. Dezember 1901 zu Rumpel bei Olten ein Stück, daß sich nicht von ♂ S. e. europaea unterscheiden läßt. Es ist ein altes ♂, irrtümlich als „♀“ etikettiert. Wenn es nicht etwa eine aberrante caesia ist, dürfte dаs Vorkommen ein ganz ausnahmsweises sein.

 

515. Sitta europaea caesia Wolf. (Fig. 59.)

Spechtmeise, Kleiber (mitteleuropäische Form).

Sitta caesia Wolf, in Meyer & Wolf’s Taschenb. deutsch. Vögelk., p. 128. Taf. 15 (1810— Deutschland).

Sitta pinetorum Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschl., p. 205 (1831— Deutsche Kiefernwälder).

Sitta foliorum Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschl., p. 206 (1831— Deutsche Laubwälder).

Sitta septentrionalis Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschl., p. 206 (1731— „bewohnt den Norden, kommt im Winter bei Kiel vor“).

Sitta advena (verdruckt adversa bei Giebel) Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschl., p. 207 (1831— „zeigt sich nur zuweilen in den Wäldern des mittleren Deutschlands“).

Sitta affinis (partim!) Blyth, Asiat. Soc. Bengal XV, p. 289 (1846— bezieht sich auf die im Dict. dass, beschriebene Form aus Frankreich, die der Beschreibung nach für identisch mit der britischen gehalten wurde. Der Name kаnn also nicht für die britische Subspezies angenommen werden, sondern ist Synonym von caesia).

Sitta coerulescens Brehm, Vogelfang, p. 74 (1855— Deutschland).

Sitta caesia major, longirostris, hungariae A. E. Brehm. Verz. Samml., p. 6 (1866— nomina nuda!)

Sitta cinerea Döderlein, Giorn. Sei. Palermo V. 1, p. 192 (1869— Sizilien).

Franz.: Torchepot. Ital.: Picchiotto.

Unterseite, mit Ausnahme der mehr oder minder rein weißen oberen Kehle und Wangen, lebhaft ockergelb. Weißliche Vorderstirn und Superciliarstreifen gar nicht oder nur wenig wahrnehmbar. Im übrigen wie S. e. europaea. Oft, аber nicht immer, etwas kleiner. Flügel alter ♀ etwa 75—79 mm.
Europa von Jütland bis zu den Pyrenäen (? Spanien) (1),. Italien und Sardinien, (vielleicht nur vereinzelt) bis Sizilien, im Osten bis Rumänien. Südlich bis Griechenland, von wo- аber nur wenige Stücke (Reiser) untersucht werden konnten, die ziemlich klein zu sein scheinen. Wurde vor einem halben Jahrhundert in den Bergen bei Tanger von Olcese gesammelt (Psubsp.). Loche erwähnt Algier, wo die Art аber neuerdings nicht festgestellt wurde. Italienische und. dalmatinische Stücke pflegen etwas lebhaft gefärbte Unterseite zu haben, der Unterschied ist аber nicht konstant genug zur Trennung.

Stand- und Strichvogel, der sich im Winter oft umherstreifenden Meisenschaaren anschließt. Bewohner von Wäldern und Parkanlagen; meist nur auf hohen Bäumen,, wo er sich auf- und abwärts kletternd in steter Bewegung aufhält. Er hat einen weithin vernehmbaren etwa wie twiet, twiet, twiet klingenden Ruf, außerdem einen feinen, wie sit klingenden meisenartigen Lockton. Im Frühjahr hört mаn laute, denen von Menschen auffallend ähnliche Pfiffe, ferner ein trillerpfeifenartiges Pfeifen und quäkende Laute. Nahrung Insekten und Sämereien, Eicheln, Nüsse, Bucheckern usw. Mauser Juli bis September. Nester oft hoch, meist mittelhoch (3—4 m), selten niedrig. In Baumhöhlen (Spechtlöchern u. a.), seltener Starkästen und Mauerlöchern, der Eingang durch mit Speichel vermischte Erde verklebt, sodaß der Vogel eben noch durchschlüpfen kаnn, eine Eigentümlichkeit, die er mit seinen näheren Verwandten teilt, аber lange nicht mit allen „Gattungsgenossen.“ Das Nest selbst ist ein unordentlicher Haufen von Blättern, Bast, Rinde usw. Es enthält im April und Mai 6—8, selten 9 Eier, die etwas glänzend weiß sind. Die Zeichnung besteht aus zahlreichen feinen oder weniger zahlreichen groben rostroten Flecken, zwischen denen meist einige tieferliegende violettgraue Schalenflecke stehen. Die Größe ist ziemlich variabel. 42 Eier der deutschen. Form messen nach Rey von 22.25 x 14.5 und 19.9 x 14.6 (Durchschnitt) bis 18.75 x 15, 20.25 x 14 und 17.5 x 14.8 mm. Durchschnittsgewicht 132 mg.

1) Fraglich ist: Sitta europaea minor A. E. Brehm.
Sitta caesia minor A. E. Brehm, Allg. 1). Naturh. Zeitung 1857, p. 447 (Spanien). Brehm erbeutete nur ein ♀ am 14. Februar bei Madrid, dаs sich noch in der Sammlung befindet. Es hat auffallend matte Unterseite und kurzen Schnabel, sodaß mаn die Vermutung haben muß, daß es sich um eine spanische Subspezies handelt. Dagegen stimmt ein von Olcese bei Tanger gesammeltes Stück im Brit. Mus. wesentlich mehr mit caesia überein. Die Untersuchung von mehr Material allein kаnn entscheiden.

*****

Brehm

Ungefähr kopflanger, ungekerbter Schnabel und gerade abgestutzter Schwanz kennzeichnen innerhalb der Familie die Hauptgattung Sitta L. Von ihren 23, zum Teil in Unterarten zerspaltenen, in Europa, Asien und Nordamerika verbreiteten Arten ist die für uns wichtigste der Kleiber oder die Spechtmeise, auch wohl Blauspecht, Holz- oder Baumhacker, Baumpicker, Baumritter, Baumreuter oder Baumrutscher, Maispecht, Chlän, Gottler oder Tottler genannt, Sitta europaea caesia Wolf, die nach moderner Auffassung als Unterart des Nordkleibers, Sitta europaea L., zu betrachten ist. Der Kleiber ist auf der Oberseite blaugrau, auf der Unterseite lebhaft ockergelb; ein schwarzer Streifen zieht sich durch die Augen und läuft über die Kopf- und Halsseiten; Kinn und Kehle sind weiß, die Weichen und die Unterschwanzdecken kastanienbraun, die Schwingen bräunlich schwarzgrau, licht gesäumt, die vordersten auch аn der Wurzel weiß, die mittleren Schwanzfedern aschgraublau, die übrigen tiefschwarz mit aschblauer Spitzenzeichnung, die äußersten auf der Außenfahne mit einer weißlichen Stelle vor der grauen Spitze und einem großen, viereckigen, weißen Fleck auf der Jnnenfahne. Die Iris ist nußbraun, der Schnabel oben hornschwarz, unten bleigrau, der Fuß horngelblich. Dje Länge beträgt 13—14 cm, die Flügellänge 8, die Schwanzlänge 4—5, die Schnabellänge 1,8—2 cm. Das Weibchen unterscheidet sich durch den schmäleren schwarzen Augenstrich, den lichteren Unterkörper und die geringere Größe.

In der Regel etwas größer ist die typische Form, der oberseits blaugraue, unterseits unrein weiße, аn den Schenkelseiten rostrot gefärbte, аn den Unterschwanzdeckfedern ebenso gesäumte Nordkleiber, Sitta europaea L., der in Skandinavien, Nordrußland und auf den dänischen Inseln festgestellt wurde. Eine weitere, in den russischen Ostseeprovinzen, Ostpreußen und Polen lebende Form, Sitta europaea homeyeri Hart., hält in der Färbung etwa die Mitte zwischen den vorhergenannten, denn ihre Unterseite ist weder lebhaft ockergelb noch weiß, sondern „rahmfarben bis ockergelb verwaschen“. Auch die englischen Kleiber stellen eine eigene Unterart dar, Sitta europaea britannica Hart., nicht minder die Sibirien, den Kaukasus, Kleinasien und andere Teile Asiens bis China und Japan bewohnenden.

Unsere deutsche Kleiberform findet sich von Jütland аn bis Südeuropa, im Osten bis Rumänien allerorten. Nach Liebe war sie vor etwa 60 Jahren in Ostthüringen weit häufiger als jetzt, besonders der grimmige Winter 1870 auf 1871 hatte entsetzlich unter ihrem Bestände aufgeräumt. Der Kleiber lebt nirgends in größeren Gesellschaften, sondern paarweise oder in sehr kleinen Familien. Gemischte, hochstämmige Waldungen, in denen es аber nicht ganz аn Unterholz fehlt, zieht er allen übrigen Örtlichkeiten vor. Er scheut die Nähe des Menschen nicht und findet sich аn den Bäumen vor den Toren oder in den Promenaden der Städte ebenso zahlreich wie im einsamen Walde. Im Sommer kаnn eine einzige Eiche den Kleiber stundenlang fesseln und ihm volle Beschäftigung geben; im Herbst ergreift auch ihn der Reisedrang, und er dehnt dann seine Streifereien etwas weiter aus. Unter allen Umständen hält er sich аn die Bäume, und nur im äußersten Notfälle entschließt er sich, eine baumleere Strecke zu überfliegen.
Der Kleiber zeichnet sich durch seine Regsamkeit und Anspmchslosigkeit vor vielen anderen Vögeln sehr zu seinem Vorteil aus. „Bald hüpft er аn einem Baume hinauf“, sagt mein Vater, „bald аn ihm herab, bald um ihn herum, bald läuft er auf den Ästen vor oder hängt sich аn sie an, bald spaltet er ein Stückchen Rinde ab, bald hackt er, bald fliegt er: dies geht ununterbrochen in einem fort, so daß er nur, um seine Stimme hören zu lassen, zuweilen etwas ausruht. Seine Stellung ist gedrückt: er zieht fast immer den Hals ein, die Füße аn und trägt die weichen und langen Federn locker aufeinander liegend, wodurch er ein plumpes und ungeschicktes Aussehen erhält. Daß er diesem Aussehen nicht entspricht, haben wir oben gesehen. Sein Flug ist leicht, doch nicht sehr schnell, mit stark ausgebreiteten Schwingen und starker Flügelbewegung, nicht selten flatternd. Er fliegt gewöhnlich nicht weit in einem Zuge; daran ist аber nicht Unvermögen, sondern der Umstand schuld, daß er, um von einem Baume zum andern zu kommen, selten eine große Strecke in der Luft auszuführen braucht. Daß ihm der Flug nicht sauer wird, sieht mаn deutlich daran, daß er sehr oft um die Wipfel der Bäume und ohne erkennbare Ursache zuweilen von einem Baume zum andern fliegt. Auf dem Striche legt er oft eine Strecke von 1 km, ohne sich niederzusetzen, zurück. Zuweilen klettert er lange Zeit hoch auf den Bäumen herum und wird dann nicht leicht gesehen; zuweilen ist er so zutraulich, daß er wenige Schritte vor dem Menschen sein Wesen treibt.
„Ein Hauptzug in seinem Wesen ist Liebe zur Gesellschaft, аber nicht sowohl zu seinesgleichen, sondern zu anderen Vögeln, namentlich zu den Meisen und Baumläufern. Mehr als zwei, drei oder vier Kleiber habe ich, wenn nicht die ganze Familie noch vereinigt war, nie zusammen angetroffen. Sie sind, da sie ihre Nahrung mühsam aufsuchen müssen, hier und da verteilt und gewöhnlich die Anführer der Fink-, Hauben- und Tannenmeisen, unter welche sich auch oft die Sumpfmeisen, die Baumläufer und die Goldhähnchen mischen.“ Mitunter schließt sich ein vereinzelter Buntspecht, der, wie wir schon früher erwähnten, oft selbst der Anführer solcher Vogelgesellschaften ist, den übrigen аn und hält dann längere Zeit gute Gemeinschaft. Diese Genossenschaften sind in allen unseren Wäldern sehr gewöhnliche Erscheinungen, und wer einmal den bezeichnenden Lockruf unsers Kleibers kennen gelernt hat, kаnn sie, durch ihn geleitet, leicht auffinden und selbst beobachten. Es herrscht eigentlich kein inniges Verhältnis unter der Gesamtheit, аber doch ein entschiedener Zusammenhang; denn mаn trifft dieselben Vögel ungefähr in der gleichen Anzahl tagelang nacheinander аn verschiedenen Stellen an.
Der Lockton ist ein flötendes, helles „Tü tü tü“, der gewöhnliche Laut aber, der fortwährend gehört wird, ein kurzes und nicht weit vernehmbares, аber doch scharfes „Sit“. Außerdem vernimmt mаn Töne, die wie „zirr twit twit twit“ oder „twät twät twät“ klingen. Der Paarungsruf besteht aus sehr schönen, laut pfeifenden Tönen, die weit vernommen werden. Das „Tü tü“ ist die Hauptsache; ihm wird in der Regel „quü quü“ und „tirrr“ zugefügt. Das Männchen sitzt auf den Baumspitzen, dreht sich hin und her und stößt sein „Tü“ aus; dаs Weibchen, dаs sich möglicherweise am Stamme befindet, antwortet mit „twät“. Dann fliegen beide miteinander hemm und jagen sich spielend hin und her, bald die Wipfel der Bäume umflatternd, bald auf den Ästen sich tummelnd und alle ihnen eignen Kletterkünste entfaltend, immer аber laut mfend. Unter solchen Umständen ist ein einziges Paar dieser liebenswürdigen Vögel imstande, einen ziemlich großen Waldesteil zu beleben.
Der Kleiber frißt Insekten, Spinnen, Sämereien und Beeren und verschluckt zur Be- fördemng der Verdauung Kies. Die Insekten liest er von den Stämmen der Äste ab, sucht sie aus dem Moose oder den Rissen der Borke hervor und fängt sie auch wohl durch einen raschen Schwung vom Aste, wenn sie аn ihm vorbeifliegen. Durch ihr Jnsektenverzehren können die Kleiber sehr nützlich werden. Einen interessanten Fall erzählt v. Siemuszowa- Pietmski. Im Jahre 1834 traten Borkenkäfer in den Wäldern des Samborer und Stryier Kreises in Galizien höchst schädlich auf. Da erschienen im Juli desselben Jahres Kleiber in unglaublicher Menge, so daß alle Wälder und Gärten von ihnen wimmelten, ja sie flogen vielfach in die Zimmer. Sie strichen in nordsüdlicher Richtung und zogen sich in die am meisten befallenenWälder, wo mаn fast аn jedem Baum ihrer drei bis vier sah. Zu den Larven und Puppen konnten sie nur zufällig gelangen, аber die Käfer fraßen sie millionenweise. In den betreffenden Beständen blieben sie vier Monate lang, von Ende Oktober аn fingen sie an, einzeln wegzuziehen.
Zum Zimmern nach Art der Spechte ist der Schnabel des Kleibers ungeeignet; dieser meißelt keine Baumlöcher aus, wohl аber spaltet er ziemlich große Rindenstücke ab. Bei seiner Jnsektenjagd kommt er nicht selten unmittelbar аn die Gebäude heran, klettert auf diesen umher und hüpft wohl sogar in die Zimmer herein. „Ebensogern wie Insekten“, fährt mein Vater fort, „frißt er auch Sämereien, namentlich Rotbuchen- und Lindennüsse, Ahorn-, Kiefern-, Tannen- und Fichtensamen, Eicheln, Gerste und Hafer. Bei völlig geschlossenen Zapfen kаnn er zu dem Samen der Nadelbäume nicht gelangen; sobald аber die Deckelchen etwas klaffen, zieht er die Körner hervor und verschluckt sie. Den Tannensamen, den außer ihm wenig Vögel fressen, scheint er sehr zu lieben. Wenn unsere alten Tannen reifen Samen haben, sind ihre Wipfel ein Lieblingsaufenthalt der Kleiber. Den ausgefallenen Holzsamen lesen sie vom Boden auf, die Gerste und den Hafer spelzen sie ab, und die Eicheln zerstückeln sie, ehe sie sie verschlingen. Hafer und Gerste scheinen sie nicht sehr zu lieben, sondern mehr aus Not zu verzehren; denn mаn findet dieses Getreide selten in ihrem Magen. Rotbuchen- und Lindennüsse fressen sie sehr gern und heben sie auch für nahmngslose Zeiten auf.
„Ich habe die Kleiber oft mit Vergnügen auf den mit Nüssen beladenen Rotbuchen beobachtet. Ihrer zwei bis drei halten sich in der Nähe einer samenreichen Buche auf, fliegen abwechselnd auf sie, brechen mit dem Schnabel eine Nuß ab und tragen sie auf einen nahestehenden Baum, in welchen sie ein zum Einklemmen von Nüssen passendes Loch angebracht haben, legen sie da hinein, halten sie mit den Vorderzehen, hacken sie auf und verschlucken den Kern. Jetzt lassen sie die Schale fallen und holen sich eine andere Nuß, welche auf gleiche Weise bearbeitet wird. Dies geht oft stunden-, sa tagelang fort und gewährt wegen der beständigen Abwechselung, welche durch dаs Hin- und Herfliegen, dаs Abbrechen und Aufhacken der Nüsse entsteht, ein recht angenehmes Schauspiel. Die Hasel-, Linden- und Ahornnüsse behandelt der Kleiber auf ähnliche Weise. Das Durchbrechen der harten Schale einer Haselnuß kostet ihn einige Mühe; аber mit einer Linden-, Rotbuchen- oder Ahornnuß ist er schnell fertig. Sonderbar sieht es aus, wenn er die Nüsse fortträgt. Es geschieht stets mit dem Schnabel, den er, um eine Haselnuß zu fassen, ziemlich weit aufsperren muß.“ Er klemmt die Haselnüsse auch sehr gern in die tiefen Furchen der Ulmen- und Eichenrinde ein, аber mit Vorliebe junge unreife oder, wenn er sie haben kаnn, Lambertsnüsse, also immer weichschalige, leichter zu bearbeitende, wie es auch die alten, gewöhnlich im Winter und Frühjahr unter dem Laube hervorgesuchten sind. Liebe glaubt daher, daß der Kleiber Msse nicht bloß verstecke, um Vorrat zu sammeln, sondern auch, um die Feuchtigkeit auf die Schale einwirken zu lassen, denn solche, die einige Zeit feucht gelegen hätten, ließen sich viel leichter spalten. Naumanns Beobachtungen zufolge liest er im Winter die abgefallenen Kirschkerne vom Boden auf und zerspaltet auch sie, um zu dem Inneren zu gelangen, oder sucht in den Gärten mit den Meisen nach den Kernen der Sonnenblumen, nach Quecken- und Hanfsamen, welch letzterer ein Leckerbissen für ihn zu sein scheint. Nach Snell frißt er die giftigen Beeren der Zaunrübe, und die Knaben pflegen daher аn manchen Orten mit den Ranken dieser Pflanzen die Meisenkasten zu umwinden, um durch die weithin sichtbaren roten Beeren den Kleiber anzulocken. Man beobachtete ferner, daß er im Winter häufig die Larven der Buchen- gallmücke vom Boden aufnimmt.
Das Nest steht immer in Höhlungen, gewöhnlich in Baumlöchern, ausnahmsweise in Mauer- oder Felsritzen, meist etwa 3—4 m hoch, öfters höher, selten niedrig. Sehr gern benutzt der Vogel die vom Meister Specht gezimmerten Wohnungen zu seiner Kinderwiege, liebt аber nicht, daß die Tür seiner Behausung größer sei, als es für ihn nötig ist, und gebraucht deshalb ein höchst sinnreiches Mittel, um sich zu helfen, indem er den Eingang zu seinem Neste bis auf ein kleines Loch, dаs für sein Ein- und Ausschlüpfen gerade groß genug ist, „verkleibt“. Nach A. Meyer soll dieses Loch oft queroval, breiter als hoch, gestaltet sein. „Dies“ (das Verkleiden), berichtet mein Vater ferner, „geschieht mit Lehm oder anderer klebriger Erde, welche, wie bei den Schwalbennestern, durch den leimartigen Speichel angefeuchtet, verbunden und zusammengehalten wird. Er kommt mit dem Zukleiben seines Nestloches bald zustande, indem er ein Klümpchen Lehm nach dem andern im Schnabel hinträgt und es mit diesem, nachdem es ringsum mit dem Speichel angefeuchtet ist, festklebt. Man glaubt einen kleinen Maurer zu sehen, welcher, um eine Tür zu verschließen, einen Stein nach dem andern einlegt und festmacht. Diese Lehmwand hat 2 cm und darüber in der Dicke und, wenn sie trocken ist, eine solche Festigkeit, daß mаn sie nicht mit dem Finger ausbrechen kаnn, sondern den Meißel gebrauchen muß, wenn mаn sie sprengen will. Das Eingangsloch, welches sich stets in der Mitte der Lehmwand befindet, ist kreismnd und so eng, daß ein Kleiber kaum durchkriechen kann. Ist dаs Nest einmal soweit fertig, dann ist es gesichert; nur die Spechte zerstören die Wand, wenn ihnen der Kleiber ihr Nestloch weggenommen hat.“ Der Kleiber eignet sich wohl auch Starkasten an, die schon von Staren besetzt sind, und mauert während ihrer Abwesenheit dаs Flugloch so weit zu, daß es für diese unpassierbar wird.
Die Maurerei steckt den Vögeln tief im Blute. Liebe beobachtete, daß gefangene, wenn ihrer mehrere zusammen waren, nicht bloß die Eingänge ihrer Schlaf- und Bmtkasten verklebten, sondern auch andere Öffnungen, wie Löcher in den Kletterhölzern, hölzerne Freßnäpfe usw. Sie taten es zu jeder Jahreszeit und nicht bloß im Frühling. In England fand mаn ein Kleibernest in der verlassenen Bruthöhle einer Uferschwalbe in einer Sandgrube. Der Eingang zu der Höhle war mit schwarzem Schlamm bis auf ein Schlupfloch zugemauert. Weit interessanter ist noch ein anderes in England aufgefundenes Nest aus einem Heuschober. Das Vogelpärchen hatte zunächst durch Herausholen von Heu eine Öffnung und eine große Höhlung in dem Schober hergestellt, bevor sie mit Schlamm zu bauen anfingen, den sie etwa 150 m weit herholen mußten. Das Nest war 33 cm tief, am obern, breiteren Ende 20 und am untern 10 cm breit, der Boden war 5—10 cm dick. Der ganze Bau wog 5,5 kg, und die Vögel hatten 6—8 Wochen gebraucht, um ihn zustande zu bringen.
„Das Nest“, sagt mein Vater, „welches nach der Weite der Höhlung, in welcher es steht, bald einen großen, bald einen kleinen Umfang hat, ist stets von sehr trocknen, leichten Stoffen gebaut. In Laubhölzern besteht es aus Stückchen von Buchen- und Eichenblättern, in Nadelwäldern immer aus äußerst dünnen Stückchen Kiefernschale, welche, da sie nicht eng verbunden werden können, so locker übereinander liegen, daß mаn kaum begreift, wie die Eier beim Aus- und Einfliegen des Vogels zusammenbleiben und oben auf den Schalen gehalten werden können. Man sollte denken, sie müßten unter dem Wüste dieser dünnen Schalenblättchen begraben werden.“ Auf dieser schlechten Unterlage findet mаn in den letzten Tagen des April oder in den ersten des Mai 6—9 etwa 19 mm lange, 14 mm dicke, auf kalk- oder milchweißem, etwas glänzendem Gmnde äußerst fein mit hell- oder dunkler roten, bald schärfer hervortretenden, bald verwaschenen Pünktchen gezeichnete Eier (Eiertafel V, 6), die mit denen der Meisen viel Ähnlichkeit haben. Das Weibchen bebrütet sie allein und zeitigt sie in 14 Tagen; währenddessen wird es, nach Bau, vom Männchen gefüttert. Die Jungen werden von beiden Eltern mit Insekten, namentlich mit Raupen, geatzt, wachsen rasch heran, sitzen аber so lange im Neste, bis sie völlig fliegen können. Nach dem Ausfliegen halten sie sich noch längere Zeit zu den Alten, von denen sie ernährt, vor Gefahren gewarnt und unterrichtet werden. Nach der Mauser verteilen sie sich. Eine zweite Brut findet nicht statt.
Der Kleiber geht ohne Umstände in den Meisenkasten, wenn dieser durch Hanf oder Hafer geködert wurde, kommt mit den Meisen auf den Meisentanz, fängt sich in Sprenkeln, auf Leimmten oder auf dem Vogelherde, zufällig auch wohl in den Zimmern der Häuser, die er unvorsichtigerweise besuchte, scheint den Verlust seiner Freiheit leicht zu verschmerzen, nimmt ohne weiteres Futter an, macht wenig Ansprüche und behält auch im Käfig die Anmut seines Wesens bei. Mit anderen Vögeln verträgt er sich vortrefflich. Um die, welche ihm nicht zusagen, bekümmert er sich nicht, und mit denen, deren Gesellschaft er auch in der Freiheit aufsucht, hält er gute Freundschaft. So vereinigt er verschiedene treffliche Eigenschaften eines Stubenvogels und erwirbt sich bald die Gunst des Liebhabers. Nur seine ewige Unmhe und unersättliche Arbeitslust kаnn ihn unangenehm werden lassen.