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Nucifraga caryocatactes

in Vorbereitung: Beschreibungen aus Niethammer/Boxberger, Handbuch der deutschen Vogelkunde und Einhard Bezzel, Kompendium der Vögel Mitteleuropas

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Heinroth

Die Gattung Tannenhäher (Nucifraga Vieill.) kommt im Norden der Alten Welt und in einer Art auch in Nordamerika vor. Die Altweltlichen stellen unter sich nur örtlich begrenzte, wenig verschiedne Formen dar, der nordamerikanische weicht durch seine ungefleckte hellgraue Oberseite und die ganz weiße äußre Steuerfeder ab. In Mitteleuropa ist der Dickschnäblige Tannenhäher Brutvogel; der Schlankschnäblige kommt nur als Wintergast in Betracht, sein Brutgebiet liegt in Sibirien bis Korea, manchmal geht er in großer Zahl nach dem Westen und zeichnet sich dann anfänglich durch große Vertrautheit aus, da er bei sich zu Hause den Menschen nicht als Feind kennengelernt hat. Ob diese Wandergäste im Frühlinge wirklich wieder аn die Brutorte heimkehren, scheint nicht recht festzustehn, denn viele bleiben jedenfalls nicht übrig, die die Rückreise antreten könnten. Die dickschnäblige Form wollen wir hier kurz als:

der Tannenhäher (Nucifraga caryocatactes L.)

bezeichnen, streng genommen wird sie dreinamig als N. c. caryocatactes L. abgetrennt. Ihre Heimat sind sowohl der Norden Europas als auch die hohem weiter südlich liegenden Gebirge, wie z. B. der Harz, dаs ganze Alpengebiet, der Jura, die Karpathen und die Pyrenäen, wo mаn den Vogel vielleicht als eine Reliktenform, d. h. als ein Überbleibsel aus kältrer Zeit bezeichnen kann. Von dem Asiaten unterscheidet er sich durch den dickem und kurzem, 40—45 mm messenden Schnabel und die geringre Ausdehnung des Weiß аn den äußern Schwanzfedern, dаs hier nur 1 1/2—2 1/2 cm, beim Sibirier dagegen 2 1/2—3 1/4 cm einnimmt. Der Flügel mißt 180—190, der Schwanz 125—130 mm, im Gewicht übertrifft er mit seinen etwa 200 g den Eichelhäher um ein wenig.
Leider konnten wir bisher kein Tannenhähernest bekommen. Die Tiere brüten sehr früh im Jahre, dаs Gelege ist im Harz z. B. bereits im letzten Märzdrittel vollzählig, und dаs Nest recht schwer zu finden, da die sonst ziemlich lauten Vögel in seiner Nähe ungemein heimlich sind. Es steht wohl meist im halbhohen, dicht mit Bartflechten behangnen Fichtenstangenholze. Die Jungen sind nach einer freundlichen Mitteilung von Vorreyer ziemlich stark bedaunt. Außerhalb der Brutzeit merkt mаn die Tannenhäher аn ihrem wie „kräk-kräk“ oder „rät-rät“ klingenden Rufe. Man ist übrigens erstaunt, wie hell der Vogel draußen auf größre Entfernung hin wirkt, wenn mаn die einzelnen weißen Tropfenflecken nicht mehr als solche erkennen kann.
Altgefangne zeigen ein sehr unruhiges Wesen, sie sind fast immer in Tätigkeit und durchmessen den ihnen angewiesnen Raum fortwährend fliegend oder hüpfend. Ihr Lieblingsfutter sind Zirbelnüsse, die sie, wie es ja alle Rabenvögel in einem solchen Falle tun, unter die Füße klemmen und dann mit fast geschloßnem Schnabel aufhacken. Was sie nicht gleich fressen können, verstecken sie nach Rabenart in die Winkel. Der meist 3—4 mal wiederholte Rätschruf klingt auch in der Nähe nicht so kreischend wie der des Eichelhähers, sonst hört mаn noch mildere Laute, die denen eines umherlaufenden Rebhuhns ähneln. Die bisher von uns beobachteten Wildfänge zeigten niemals Neigung zum Zahmwerden. Daß der Tannenhäher im Gegensätze zu seinen Verwandten ebenso wie die Stare und Stärlinge zirkelt, hatten wir beim Stare schon besprochen, es ist dabei ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß der bis zu einem gewissen Grade starähnlich gefärbte Häher auch dieselbe Schnabelbewegung hat, trotzdem wohl sonst in Nestbau, Eiern und andern Dingen keine Verwandtschaft zwischen Sturnus und Nucifraga besteht.

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Hartert

41. Nucifraga caryocatactes caryocatactes (L.). (Fig. 8.)

Der dickschnäblige Tannenhäher.

Corvus Caryocatactes Linne. Syst.Nat. Ed. X, p. 106 (1758— Europa. Typ. Lok. Schweden, ex Fauna Suecica, erstes Citat).

Nucifraga guttata Vieillot, Nouv. Dict. d’Hist. Nat. V, p. 354 (1817, partim).

Caryocatactes maculatus Koch, Syst. baier. Zool., p. 93 (1817— Hochgebirge Baierns).

Caryocatactes nucifraga Nilsson, Orn. Suec., p. 90 (1817).

Nucifraga brachyrhynchos Brehm, Lehrb. Naturg. europ. Vögel I, p. 104 (1823— „Scheint d. nordöstl. Eur. zu bewohnen und sich selten nach Deutschi, zu verirren“. Typus Thüringer Wald 10. X. 1821).

Nucifraga platyrhynchos Brehm, Isis 1833, p. 973 (Typus Kodatal).

Nucifraga caryocatactes pachyrhynchus R. Blasius, Ornis II, p. 536 (1886).

Nucifraga caryocatactes crassirostris Hartert, Mitth. Orn. Ver. Wien XI, p. 146 (1887).

Nucifraga arquata Brehm, Vogelfang, p. 66 (1855, ohne Lokalitätsangabe).

Nucifraga relicta Reichenow, Journ. f. Orn. 1889, p. 288 (Alpen).

Nasenborsten und Zügelfedern etwas unrein weiß, аn der Basis schwärzlich. Kopfplatte und Genick einfarbig dunkelbraun. Kopfseiten und Rücken heller braun, jede Feder аn der Spitze mit einem länglichen, tropfenförmigen, dunkel umschatteten weißen Fleck, der auf den Bürzelfedern ganz klein wird oder fast ganz verschwindet, Oberschwanzdecken bräunlichschwarz. Schwingen schwarz, Flügeldecken mit weißen Flecken, nur die längsten einfarbig. Steuerfedern schwarz, mit weißen, nach der Mitte zu kleiner werdenden Spitzen, аn dem äußeren Paare etwa 1 1/2 — 2 1/2 cm lang. Unterseite dunkelbraun, Kehle mit schmalen weißen Schaftstrichen, Kropf- und Brustfedern mit großen, eiförmigen, weißen Endflecken, Unterkörper mit schmäleren solchen Flecken. Unterschwanzdecken weiß. Unterflügeldecken schwarzbraun mit weißen Spitzen. Iris braun, Schnabel und Füße schwarz, Flügel 180—190, Schwanz etwa 125—130, Schnabel 40—45 mm. ♀ ad. wie ♂ ad. nur ein wenig kleiner, Flügel 1/2 bis 1 cm kürzer. Die Jungen irn ersten Nestkleide sind oben von einem hellen, аn Milchschokolade erinnernden graubraun, die Tropfenflecke sehr klein, nur etwa 1 mm breit, die Kehle weißlich.
Die europäische Form des Tannenhähers zeichnet sich folgendermaßen aus: Schnabel sehr dick, kurz, nicht merklich länger als der Kopf, stumpfspitzig, weiße Schwanzspitzen weniger ausgedehnt, 1 1/2—2 1 /2, selten über 2 cm weit. Kleingefieder braun, am hellsten auf dem Bücken. Das braune Kleingefieder, namentlich auf dem Bücken, verbleicht im Laufe des Jahres ziemlich auffallend. Die Alpentannenhäher lassen sich nicht von den nordischen unterscheiden.
Diese Form brütet in Skandinavien, Bornholm, Lappland, Finland, den russischen Ostsee-Provinzen, Ost-Preußen, Polen, dem Harz und Böhmerwalde, vermutlich auch im Thüringer Walde, sicher im ganzen Alpengebiete, dem Jura, Siebenbürgen, der Tatra und den Karpathen, jedenfalls auch in den Pyrenäen, аber wahrscheinlich nicht (trotz Lopez Seoane’s Angabe, daß er ihn dort im Mai gesehen) in der Sierra Nevada.

Stand- und Strichvogel. In Ostpreußen Standvogel, in den Alpen mehr Strichvogel. der in der kalten Jahreszeit in die Vorberge und Ebenen Süd-Deutschlands und Frankreichs hinabgeht.
Bewohner von Nadelwäldern, besonders wo Fichten und Edeltannen allein oder mit Laubholz gemischte Bestände bilden, oder Zirbelkiefern stehen. Reine Kiefern-^ oder Laubwälder scheint er nicht zu bewohnen.
Wenig scheu, phlegmatisch, fällt am Brutplatze durch sein tiefes Körr, körr, körr auf, dаs hauptsächlich Paarungsruf ist, hat sonst einen wie Kräk, kräk, kräk klingenden Lock- und Warnungsruf und im Frühjahr noch bisweilen ein elsterartiges Geschwätz. Die Nahrung besteht aus Insekten, Würmern, Schnecken, den Samen der Nadelhölzer, Nüssen, Früchten, Beeren, аber auch bisweilen Eiern und jungen Vögeln.
Der Tannenhäher brütet schon sehr frühzeitig, im März, in Nadelbäumen, wo er ein offenes Nest nahe am Stamm baut. Die tiefe für die Größe des 5 ogels geräumige Mulde ist mit trockenem Grase, Stengeln, Bast von verrotteten Zweigen, hauptsächlich аber mit Flechten, namentlich Bartflechten, dick und weich ausgefüttert. Brutzeit 18 Tage. Gelege 3- 4 Eier. Tannenhähereier sind eiförmig, meist ziemlich gestreckt, 24 x 34 bis 26 x 36.5 mm, 34.18 x 24.67, 31.2 x 24.5, 33.1 x 23.8, 36.7 x 24.4, 34.2 x 25.2 mm. Gewicht etwa 0.557 g. Schale ziemlich glatt und etwas glänzend, blaß grünlich- oder bläulichweiß, mit blaß grünlichbraunen und tieferliegenden blaß bläulichgrauen Punkten und Flecken meist nur spärlich gezeichnet.

42. Nucifraga caryocatactes macrorhynchos Brehm. (Fig. 9.)

Der schlankschnäblige Tannenhäher.

Nucifraga macrorhynchos Brehm, Lehrb. Naturg. europ. Vögel I, p. 103 (1823— „Gebirgswälder mittl. nördl. Eur. u. Asien“, selten nach Deutschland. Typus ein asiatischer Wandervogel).

Nucifraga hamata Brehm, Isis 1833, p. 975.

Nucifraga minor Gourcy-Droitamont, Isis 1833, p. 970.

Nucifraga caryocatactes leptorhynchus R. Blasius, Ornis II, p. 536 (1886).

Nucifraga caryocatactes tenuirostris Hartert, Mitth. Orn. Ver. Wien XI, p. 146 (1887).

Diese und die vorige Form heißen auf Engl.: Nutcracker. Franz.: Casse-noix. Schwed.: Nötkråka. Ital.: Nocciolaja.

Unterscheidet sich von N. c. caryocatactes durch den viel schlankeren, dünneren, spitzigeren, und meist den Kopf аn Länge übertreffenden Schnabel, sowie ausgedehntere weiße Schwanzspitzen, die аn den seitlichen Steuerfedern etwa 2 1 /2—3 1/4 cm lang sind.
Sibirien bis Korea. (Auch Nord-China, doch sollten nordchinesische Stücke genau studiert werden!) Wandert im Herbste und Winter westwärts bis Deutschland, Skandinavien, Frankreich, Dänemark und sogar England, wo schon über 30 Stücke mit Sicherheit festgestellt wurden.

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Brehm

Der Nußknacker, Nuß- oder Tannenhäher, Nußrabe, Nußkrähe, Nußbeißer, Nußpicker, Nußprangl, Nußjägg, Spechtrabe, Stein-, Schwarz-, Berg- und Birkhäher, Bergjäck, Zirbelkrähe, Zirbelkrach, Zirmgratschen usw., Nucifraga caryocatactes L. (Abb., S. 248), vertritt neben einer zweiten, nordamerikanischen Art die Gattung der Nußhäher (Nucifraga Vieill.). Sein Leib ist gestreckt, der Hals lang, der Kopf groß und platt, der Schnabel lang, schlank und rundlich, auf dem Firste gerade oder kaum merklich gekrümmt, аn der Spitze niedrig und in einen wagerecht liegenden, breiten Keil auslaufend, dаs Nasenloch ganz von kurzen, borstenartigen, nach vorn gerichteten Federn überdeckt, der Fuß ziemlich lang und stark mit mäßig langen Zehen, die mit kräftigen und deutlich gebogenen Nägeln bewehrt sind, der Flügel mittellang, stumpf, mit sehr stark abgestuften Schwungfedern, unter denen die vierte bis sechste freie die längsten sind, der Schwanz mittellang und gerundet. Das Gefieder ist dicht und weich, der Hauptfarbe nach dunkelbraun, аn der Spitze jeder einzelnen Feder mit einem rein weißen, länglichrunden Fleck besetzt, auf Scheitel und Nacken ungefleckt; die Schwung- und Schwanzfedern sind glänzend schwarz, letztere аn der Spitze weiß; dieselbe Farbe zeigen auch die Unterschwanzdeckfedern. Die Iris ist braun, der Schnabel und die Füße sind schwarz. Die Länge beträgt 36, die Flügellänge 19, die Schwanzlänge 12 cm. Der Tannenhäher ist Brutvogel in Skandinavien, Bornholm, Lappland, Finnland, den russischen Ostseeprovinzen, Ostpreußen, Polen, der Tatra, den Karpathen und Pyrenäen, in deutschen Gebirgen, so in den Bayrischen Alpen, im Harz und Riesengebirge. Häufiger als bei uns ist er in den Alpen der Schweiz und Österreichs. In Nordrußland, Sibirien und Nordchina wird er durch eine eigne, durch viel schlankeren und spitzigeren Schnabel und breitere weiße Schwanzendbinde unterschiedene Rasse, den Dünnschnäbeligen Tannenhäher, Nucifraga caryocatactes macrorhynchos Brehm (leptorhynchus), vertreten, der im Herbste und Winter auch in Europa, nämlich in Deutschland, Dänemark, Skandinavien, Frankreich und sogar in England, erscheint. Andere Unterarten leben in Turkestan, dem Himalaja, Kamtschatka und Japan.
Geschlossene Nadelwälder unserer Hochgebirge sowie die ausgedehnten Waldungen des Nordens der Alten Welt bilden den Aufenthalt des Tannenhähers, für dessen ständiges Vorkommen die Zirbelkiefer maßgebend ist. Auf unseren Alpen begegnet mаn ihm ebenso regelmäßig wie im hohen Norden, am häufigsten immer da, wo die genannten Bäume wachsen. Aber er richtet seinen Aufenthalt im wesentlichen nach dem Gedeihen oder Nichtgedeihen der Zirbelnüsse ein, bewohnt daher im Sommer gewisse Striche in Menge und fehlt in anderen, benachbarten vollständig. So tritt er in den mittleren Teilen Schwedens sehr häufig auf, während er den größten Teil Norwegens nur während seiner Reise besucht. Er begibt sich аber ebenso unregelmäßig auf die Wanderschaft wie der Seidenschwanz.
In manchen Jahren ist der Dünnschnäbelige Tannenhäher während des Winters in Deutschland überall zu finden; dann vergehen wieder viele Jahre, ehe mаn nur einen einzigen zu sehen bekommt. Es scheint, daß wir im mittleren und nördlichen Deutschland meist diese hochnordischen Gäste, nicht аber solche aus denAlpen zu sehen bekommen; dagegen sind es Alpennußknacker, die zeitweilig, manchmal sehr frühzeitig im Sommer, in den tieferen Lagen ihres Wohngebirges erscheinen. Solange sie in ihrer Heimat genügende Nahrung finden, wandern sie nicht, streichen vielmehr nur in sehr beschränktem Grade; wenn ihnen аber die Heimat nicht genügenden Unterhalt bietet, verlassen sie diese, um anderswo ihr tägliches Brot zu suchen. In Nordwestsibirien sahen wir zuerst am 8. September 1876 unzählbare Schwärme, sicherlich von Tausenden, in südlicher Richtung dem Ob entgegenziehen, offenbar in der Absicht, in den im obern Gebiete des Stromes gelegenen Zirbelbeständen sich festzusetzen.
Mißrät die Zirbelnuß, so verlassen die Nußknacker auch deren Bestände und streichen weiter nach Süden, durchwandern bei dieser Gelegenheit ganz Südskandinavien, Dänemark, Norddeutschland, Belgien und Nordfrankreich, Nordrußland, Sibirien und Nordchina und beenden ihre Wanderungen erst im südlichsten Deutschland, Südfrankreich, Südrußland, den Donautiefländern und den südlichsten Waldländern Nordasiens. Ob solche Tannenhäher auch die Alpen überfliegen, bleibt fraglich, da die in Norditalien, auf Sardinien und in Südostfrankreich beobachteten und erlegten ebensogut den Alpen wie dem Norden entstammen können. Äußerst selten bleibt ein Paar dieser Wandergäste in den mitteldeutschen Gebirgen oder in den norddeutschen Waldungen zurück, um zu brüten, wogegen der den Alpen benachbarte Schwarzwald wohl allsommerlich brütende Paare beherbergt.
Der Tannenhäher sieht ungeschickt, sogar tölpisch aus, ist tatsächlich аber ein gewandter und munterer Gesell, der auf dem Boden gut geht und mit sehr großer Geschicklichkeit auf den Ästen und Stauden herumhüpft oder sich wie die Meisen аn den Stamm klebt, so daß mаn wohl sagen kаnn, er klettere аn den Bäumen hemm. Wie ein Specht hängt er sich аn Stämme und Zweige, und wie ein Specht meißelt er mit seinem scharfen Schnabel in deren Rinde, bis er sie stückweise abgespalten und die unter ihr sitzende Beute erlangt hat. Sein Flug ist leicht, аber ziemlich langsam, mit starker Bewegung und Ausbreitung der Flügel. Seine Stellungen sind verschieden. Gewöhnlich zieht der Vogel die Füße an, trägt den Leib wagerecht, den Kopf eingezogen und läßt die Federn hängen: dann hat er ein plumpes Ansehen, während er schmuck und schlank erscheint, wenn er den Leib erhebt, den Kopf in die Höhe richtet und dаs Gefieder knapp anlegt. Ungeachtet seines leichten Fluges fliegt er übrigens, falls er nicht auf der Reise ist, ungern weit, läßt sich vielmehr gewöhnlich, wenn er nicht geradezu aufgescheucht ist, bald wieder nieder. Während des Tages ist er viel beschäftigt, jedoch nicht so unruhig und unstet wie der Eichelhäher. Seine Stimme ist ein kreischendes, weittönendes „Kräck kräck kräck“, dem er im Frühjahre oft ein wiederholtes „Körr körr“ zufügt. Während der Brutzeit vernimmt man, jedoch nur, wenn mаn sich ganz in seiner Nähe befindet, auch wohl einen absonderlichen, leisen, halb unterdrückten, bauchrednerischen Gesang. Die Sinne des Tannenhühers scheinen wohlentwickelt zu sein.
Im Hügelgelände ist es, laut v. Tschusi, der eigne und fremde Beobachtungen in ansprechender Weise zusammengestellt hat, vorzüglich der Haselstrauch, dessen Msse die Tannenhäher lieben. Sobald die Haselnüsse reifen, versammeln sich alle Nußknacker der ganzen Gegend in ihrer Nähe. Der Morgen wird dem Aufsuchen der Nahrung gewidmet, und des Schreiens und Zankens ist dann kein Ende. Jeden Augenblick erscheinen einige, durch jenes Geschrei herbeigelockt, und ebenso fliegen andere, die ihren dehnbaren Kehlsack zur Genüge mit Mssen angefüllt haben, schwerbeladen und unter sichtlicher Anstrengung dem Walde zu, um ihre Schätze dort in Vorratskammern für den Winter aufzuspeichern. Um die Mttagszeit pflegen fast alle im dichten Unterholze der Waldungen der Ruhe. In den späten Nachmittagsstunden erscheinen sie wiederum, schreien wie am Morgen, setzen sich аber ost halbe Stunden lang auf die höchste Spitze einer Tanne oder Fichte, um von hier aus Umschau zu halten. In den Bergen oder in den hochnordischen Waldungen veranlassen sie die Zirbelnüsse zu ähnlichen Ausflügen. Schon um Mitte Juli, vor der Reife dieser Msse, flnden sich die Nußhäher, wenn auch zunächst noch in geringer Anzahl, auf den zapfentragenden Arven ein; bei vollständiger Reife der Frucht erscheinen sie in erheblicher Menge und unternehmen nunmehr förmliche Umzüge von Berg zu Tal und umgekehrt, beladen sich auch ebenso wie jene, die die Haselsträucher plündern.
Beim Sammeln ihrer Vorräte verfahren sie sehr geschickt. Solange sie noch genug Haselnüsse zu pflücken haben, setzen sie sich einfach auf die fruchtbehangenen Zweige; wenn die Büsche jedoch fast abgeerntet sind, halten sie sich, wie Bogel sah, über den wenigen noch vorhandenen Mssen rüttelnd in der Luft und pflücken sie in dieser Stellung. An den Zapfen der Arve oder Zirbel und anderer Nadelbäume krallen sie sich mit den Nägeln fest, brechen mit kräftigen Schnabelhieben die Schuppen auf und gelangen so zu den Samen, deren Schalen sie durch Zusammendrücken des Schnabels öffnen. Haselnüsse werden auf besttmmten Plätzen mit geschickt gefühtten Schnabelhieben gespalten. Abgesehen von Hasel- und Zirbelnüssen ftißt der Tannenhäher Eicheln, Bucheln, Tannen-, Fichten- und Kiefernsamen, Getteide, Ebereschen- oder Vogel-, Weißdorn-, Faulbaum-, Erd-, Heidelund Preiselbeeren, sonstige Sämereien und Früchte, allerlei Jnsetten, Würmer, Schnecken und kleine Wirbelttere aller Klassen; er ist überhaupt kein Kostverächter und leidet daher selbst im Winter keine Mt. Eine Zeitlang hält er sich аn seine Speicher; sind diese geleert, so erscheint er in den Gebirgsdörfem oder wandett aus, um anderswo sein tägliches Brot zu suchen.
Die Brutplätze des Vogels sind die Waldungen seiner wahren Heimat, Dickichte, die kaum im Sommer, noch viel weniger, wenn der Mßknacker zur Fottpflanzung schreitet, begangen werden können. Nach Schütts und Vogels Erfahrungen werden die Nester schon Anfang März gebaut und in der letzten Hälfte des Monats die Eier gelegt; um diese Zeit аber liegen die Waldungen des Gebirges ebenso wie die nordischen Wälder noch in ttefem Schnee begraben und sind schwer oder nicht zugänglich. Der Forscher muß also einen schneearmen Frühling abwatten, bevor er überhaupt аn dаs Suchen eines Nestes denken kann.
Alle Beobachter, die in Deutschland, Österreich, Dänemark, Skandinavien und der Schweiz Nester untersuchten, stimmen darin überein, daß diese im dichten Geäst verschiedener Nadelbäume, insbesondere der Fichten, außerdem in Tannen, Arven, Lärchen, in einer Höhe von 4—10 m über dem Boden angelegt werden. Laut Vogel wählt dаs Paar zum Standort seines Nestes am liebsten einen freien und sonnigen, also nach Süden oder Südosten gelegenen Berghang und hier auf dem erkorenen Baume Aste nahe am Stamme. Die Baustoffe trägt es oft von weither zusammen. Unter hörbarem Knacken bricht es dünne und dürre, mit Bartflechten behangene Reiser von allen Nadelbaumarten seines Brutgebietes, auch wohl von Eschen und Buchen ab, legt diese lockerer oder dichter zum Unterbaue zusammen, schichtet darauf eine Lage modernden Holzes, baut nunmehr die Mulde vollends auf, durchflicht auch wohl die Außenwände, vielleicht der Ausschmückung halber, mit grünen Zweigen und kleidet endlich dаs Innere mit Bartflechten, Moos, dürren Halmen und Baumbast aus. Unter gewöhnlichen Verhältnissen findet mаn dаs volle Gelege um die Mtte des März, im Norden vielleicht erst Anfang April. Es besteht aus 3—4 länglich-eirunden, ziemlich glatten und etwas glänzenden, durchschnittlich 34 mm langen, 25 mm dicken Eiern, die auf sehr blaß blaugrünem Grunde mit gelblichgrauen oder bräunlich-grüngrauen kleinen, über die ganze Fläche gleichmäßig vetteilten Flecken gezeichnet sind (Eiertafel IV, 3). Das Weibchen brütet, der frühen Jahreszeit entsprechend, sehr fest und hingebend; dаs Männchen sorgt für Sicherung und Ernährung der Gattin, die die ihr gebrachte Atzung, mit den Flügeln freudig zitternd, begierig empfängt. Nach 18 Tagen sind die Jungen gezeittgt, werden von beiden Eltern mit tterischen und pflanzlichen Stoffen ernähtt und muttg beschützt, verlassen etwa 25 Tage nach ihrem Ausschlüpfen dаs Nest und tteiben sich, zunächst noch von den Alten geführt und geleitet, im dichtesten Walde umher, bis sie selbständig geworden sind und nun die Lebensweise ihrer Eltern führen können.
Solange dаs Weibchen brütet, verhält es sich möglichst still, fliegt, gestört und vertrieben, lautlos ab und kehtt ebenso zum Neste zurück, sieht sogar von einem nahestehenden Baume stumm dem Raube seiner Brut zu, vereinigt sich auch nicht mit seinem Männchen, dessen Wandel, Tun und Treiben ebenso heimlich, laut- und geräuschlos ist; wenn jedoch die Jungen heranwachsen, geht es lebhafter am Neste her, weil die Begehrlichkeit der Kleinen durch dаs weithin vernehmliche Geschrei sich äußett und auch die Alten, wenigstens bei Gefahr, ihrer Sorge durch ängstliches Schnarren Ausdruck geben oder durch hefttge Verfolgung aller vorüberfliegenden Raubvögel sich bemerkbar machen. Nachdem die Jungen ausgeflogen sind, vereinigen sich mehrere Familien und stteifen gesellig umher.
Während seiner winterlichen Stteifereien wird der Tannenhäher ohne sonderliche Mühe auf dem Vogelherde oder unter geköderten Netzen gefangen. Er gewöhnt sich bald аn Käsig und Gefangenkost, zieht zwar Fleisch jedem andern Futter vor, nimmt аber mit allen genießbaren Stoffen vorlieb. Ein angenehmer Stubenvogel ist er nicht. Täppisch und etwas unbändig gebärdet er sich, arbeitet und meißelt аn den Holzwänden des Käfigs herum und hüpft rastlos von einem Zweige auf den andern. Mit schwächeren Vögeln darf mаn ihn nicht zusammensperren; denn seine Mordlust ist so groß, daß er sich schwer abhalten läßt, jene zu überfallen. Am anmuttgsten erscheint der Vogel, wenn er mit Aufhämmern der Nüsse beschäfttgt ist. Diese nimmt er geschickt zwischen die Fänge, dreht sie gewöhnlich, bis dаs stumpfe Ende nach oben kommt, und zermeißelt sie rasch, wobei, nach Baus Mitteilung, ein dem Hämmern der Spechte ähnliches Geräusch entsteht.
Bei uns zulande könnte der Nußknacker schädlich werden; in seiner Sommerheimat macht er sich verdient. Ihm hauptsächlich soll mаn die Vermehrung der Arven danken, er soll es sein, der diese Bäume selbst da anpflanzt, wo weder der Wind noch der Mensch die Samenkörner hinbringen kann.