- Aves - https://aves.areion.org/ -

Picus viridis

in Vorbereitung: Beschreibungen aus Niethammer/Boxberger, Handbuch der deutschen Vogelkunde und Einhard Bezzel, Kompendium der Vögel Mitteleuropas

*****

Heinroth

Der Grünspecht (Picus viridis L.)

kommt im Norden und Nordosten Europas als P. v. viridis L., in Mitteleuropa als P. v. pinetorum Brehm vor. Dieser letztre ist etwas kleiner als der nordische, denn der Flügel mißt nach Har tert meist 164 bis 167 und der Schnabel 45 bis 48 mm, während beim nordischen die entsprechenden Maße 169 bis 172 und 50 bis 53 mm betragen. Der einheimische Grünspecht wiegt ungefähr 180 bis 200 g, Neugeborne waren 5,7 und 5,8 g schwer. Grünspechte sind anscheinend besonders schwer aufzuziehn und zu halten, jedenfalls weit schwieriger als die andern einheimischen Spechtarten. Wir entnahmen am 11. Juni im Spandauer Stadtforst einer Höhle, die wir aufsägen ließen, und die sieben Junge enthielt, zwei schon recht herangewachsne Stücke, gaben nach 8 Tagen den einen аn einen Liebhaber, bei dem er аber bald einging, und hatten den andern bis zum 22. Oktober. An diesem Tage starb er, stark abgemagert, mit 120 g. 8 Handschwingen waren vermausert, die beiden äußersten, sowie alle Armschwingen erwiesen sich als alt, die meisten Schwanzfedern als neu. Es war ein zahmer, аber stiller und wenig unternehmender Vogel gewesen, der sich beim Freiflug im Zimmer im Gegensätze zu vielen andern Spechten recht ungeschickt benahm. Beim Kratzen des Kopfs bewegte er den Fuß stets auf dem nächsten Wege, d. h. vor dem Flügel hinauf. Eins der fünf im Neste belassnen und von uns beringten Jungen wurde im Dezember desselben Jahres einige Kilometer von seiner Geburtshöhle entfernt tot aufgefunden.
Beobachtet man, auf der Suche nach Grünspechthöhlen, die Alten vor und während der Brutzeit, so fällt einem auf, daß sich die beiden Gatten nicht nur gut vertragen, sondern sogar häufig durch leise Stimmlaute eine gewisse Fühlung einhalten, was ja bei andern Spechtarten meist nicht der Fall ist. Die große Zahl der Jungen in den Bruten von Grün- und Grauspecht im Gegensätze zu der sehr geringen z. B. beim Klein- und beim Dreizehenspechte spricht wohl auch schon für eine gewisse Verträglichkeit dem Artgenossen gegenüber. Es erscheint merkwürdig und bisher ungeklärt, warum manche Spechtarten so viel und manche nur so wenig Nachkommenschaft nötig haben, um ihre Art zu erhalten, zumal dies ja hier nicht, wie sonst oft im Tierreiche, von der Körpergröße oder andern leicht erkennbaren äußern Umständen abhängig ist.
Auf der Schwarztafel Nr. 10 ist die Entwicklung des Grünspechts, die ebenso verläuft wie die andrer Spechte, dargestellt. Auf der Bunttafel Nr. V haben wir in den Bildern 2 bis 6 dаs Neugeborne, sowie dem Grauspecht entsprechend, die ver- schiednen Kleider wiedergeben lassen.

*****

Hartert

1292. Picus viridis viridis L.

Grünspecht (nordische Form).

Picus viridis Linnaeas, Syst. Nat., Ed. X. I, p. 113 (1758— „Habitat in Europa“. Als terra typica ist Schweden zu betrachten, nach dem 1. Zitat: Fauna Suecica 80).

Schwed.: Grön Hackspett.

♂ ad. Federn von Stirn und Oberkopf und die mittleren, etwas verlängerten Nacken- und Hinterhalsfedern grau mit ausgedehnten roten Spitzen; übrige Oberseite gelblich grün, Bürzel und Oberschwanzdecken mit ausgedehnten grünlich chromgelben Spitzen. Handschwingen dunkelbraun, Außenfahnen mit weißlich fahlgelben Querbändern, Innenfahnen nach der Basis zu weißlich blaßgelb gefleckt. Armschwingen: Außenfahnen wie der Rücken, Innenfahnen dunkelbraun mit weißlich blaßgelben Querflecken, die nicht bis zum Schafte reichen. Steuerfedern dunkel olivenbraun, äußeres und mittelstes Paar mit deutlichen helleren Querbändern, die auf den anderen Paaren nur angedeutet sind, Außenfahnen der mittleren nach der Basis zu grün verwaschen. Nasenborsten, sehr schmaler Stirnrand, Zügel, vorderer Teil und Außenrand des Bartstreifs und ein Feld um dаs Auge herum etwas matt (schieferartig) schwarz; Bartstreif rot, schmal schwarz umrandet. Ohrgegend und ganze Unterseite weißlich gelbgrün, Kehle weißlicher, Unterkörper mit mehr oder minder deutlichen anteapikalen, meist pfeilförmigen dunkelgrauen Zeichnungen, die nur bei wenigen (anscheinend sehr alten) Vögeln fehlen oder nur durch dunkle Schatten angedeutet sind. Hintere Weichenfedern und Unterschwanzdecken mit dunkeln graugrünen Querbändern. Unterflügeldecken weißgelb mit grünlichgrauen Querstreifen. Iris bläulichweiß, Schnabel schmutzig bleigrau, Unterschnabel аn der Wurzel weißgelblich, Füße schmutzig bleigrau mit grünlichem Schimmer. Flügel ♂ 169—172, ♀ 165—169, Schwanz etwa 105 — 115, Lauf 30—33, Culmen 50—53 mm. — ♀ ad. Vom alten ♂ durch ganz schwarzen Backenstreifen unterschieden, Maße mitunter, аber durchaus nicht immer etwas geringer. — Juv. Oberkopf matter, mehr gelblich rot, Bartstreif, Zügel und Strich überm Auge weißlich gefleckt; Federn des Rückens bräunlicher, nur der Spitzensaum lebhafter, gelblicher, jede Feder in der Mitte mit einem blaßgelben Fleck. Federn der Unterseite blaß schwefelgelb, аn der Kehle schwarzbraun längsgestreift, аn Brust und Unterkörper ebenso quergebändert. Iris dunkelgrau. Schon ganz junge Vögel zeigen den roten, beziehungsweise schwarzen Bartstreifen.
Da die verschiedenen Formen bisher nicht beachtet wurden, ist die genaue Verbreitung des typischen viridis nicht sicher zu eruieren, doch können wir als sicher annehmen, daß er Skandinavien bis Trondhjem und etwa bis zum 60.°, den größten Teil Rußlands und Nordost-Deutschland (Ost-Preußen) bewohnt.

1293. Picus viridis pinetorum (Brehm).

Grünspecht (mitteleuropäische Form).

Colaptes pinetorum, frondium, virescens Brehm, Isis 1828, p. 1274 (Nomina nudal).

Gecinus pinetorum Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschl., p. 197 (1831— „Bewohnt die deutschen Fichtenwälder“).

Gecinus frondium Brehm, t. c., p. 197 (1831— Laubhölzer, Gärten).

Gecinus virescens Brehm, t. c., p. 199 (1831— „Im Winter zuweilen“ in Deutschland).

Gecinus viridis communis, vallium (den Etiketten zufolge neuer Name für virescens), cuneirostris, robustus A. E. Brehm, Verz. Samml., p. 10 (1866— Nomina nudal).

Gecinus Saundersi Taczanowski, Journ. f. Orn. 1878, p. 349 (Lagodeschi im mittleren Kaukasus. — Die angegebenen Unterschiede sind durchaus nicht stichhaltig, аber die wenigen von mir untersuchten kaukasischen Stücke — zwei aus Wladikawkas, zwei aus Transkaukasien — sind kleiner als P. v. viridis. Flügel 161—168 mm, während Buturlin für mehrere ♀ 160 angibt. Schnäbel genau wie bei Mitteleuropäern. Ich vermag indessen keine Unterschiede vom mitteleuropäischen Grünspecht zu sehen. In Anbetracht der weit östlich vorgeschobenen Lokalität sind fernere Untersuchungen erwünscht).

Franz.: Pic vert, Pivert.

Unschwer durch kürzeren Schnabel und kürzere Flügel, wie überhaupt geringere Maße von P. v. viridis zu unterscheiden. Flügel 162—167.5 (meist 164 —167), Culmen 45—48 mm. Färbungsunterschiede sind nicht nachzuweisen; Grünspechte variieren im lebhafteren oder matteren, gelblicheren oder tiefer grünen Ton der Ober- und Unterseite und beschmutzen letztere oft (wie alle Spechte und andere stammrutschende Vögel).
Die genaue Verbreitung dieser Form ist noch weniger leicht festzustellen, als die von Picus viridis viridis; jedenfalls kаnn mаn Mitteleuropa als ihr hauptsächliches Wohngebiet bezeichnen. Alle von mir untersuchten mittel- und westdeutschen Spechte (Rhein, Marburg, Berlepsch), die französischen, österreichischen und schweizerischen Spechte gehören dazu, doch haben einige schweizer Stücke auffallend geringe Dimensionen und die aus dem Wallis gehören augenscheinlich zur italienischen Form — indessen konnte ich nur wenige untersuchen, und deren Maße schwanken einigermaßen. Ostwärts erstreckt sich diese Form bis Ungarn, Bosnien, der Herzegowina, Rumänien, Kaukasus, Lenkoran und Kleinasien (Taurus), indessen zeigen einige rumänische Stücke schon sehr kurze Flügel: kaum 162 mm, scheinen also schon zu den südeuropäischen Formen zu neigen, die ja überall kürzere Flügel haben.

Der Grünspecht bewohnt Feldhölzer, Baumalleen, Parkanlagen, Gärten und Laubwälder. Der Ruf ist ein helltönendes kjiick kjück kjück, der Paarungsruf ein durchdringendes, lachendes glüh glüh glüh glück glückückückück mit absinkender Tonhöhe. Er trommelt außerordentlich selten — falls nicht überhaupt ein Beobachtungsfehler vorliegt (1). Die Nahrung wird in Gegenden, wo Ameisen häufig sind, meist am Boden, sonst auf Bäumen gesucht und besteht vorzugsweise aus Ameisen und deren Larven, außerdem аber auch aus allerlei anderen Insekten, Nüssen, Eicheln, Vogelbeeren u. dgl. Er nistet bald hoch, bald niedrig und benutzt augenscheinlich oft früher von ihm ausgemeißelte Höhlen wieder, nachdem er sie innen neu ausgehobelt hat. Er legt 5—7 (oder 8) Eier, die stark glänzen und meist birnförmige, mitunter аber auch fast ovale Gestalt haben. Wer sich den gemeinen Scherz macht, ihm regelmäßig ein Ei zu nehmen, bringt ihn dazu, eine Menge Eier zu legen, in einem Falle nach Rey 29. 42 Stück (24 Rey, vermutlich alle aus Deutschland, 11 Bau, 7 Jourdain) messen im Durchschnitt 31.09 x 23.01, Maximum 33.9 x 22 und 32 x 24, Minimum 28.8 x 23.8 und 33.7 x 21.5 mm. Durchschnittsgewicht nach Rey 629 mg.

1) Verschiedene Beobachter berichten über gelegentliches Trommeln von Grünspechten. Ich selbst habe es niemals gehört, ebensowenig die Mehrzahl der Beobachter.

*****

Brehm

Als bekanntester Vertreter der 22 Arten umschließenden Gattung der Grünspechte (Gecinus Boie, Picus), bei denen die Flügel erheblich kürzer sind als bei der vorigen Gattung und die äußersten Steuerfedern von den Schwanzdecken überragt werden, darf der über ganz Deutschland verbreitete Grünspecht, Wieherspecht, Holzhauer, Zimmermann, Gemeiner oder Großer Grünspecht, Kleiner Baumhacker, Gecinus viridis Linn. (Abb., S. 444), gelten. Die Oberseite des Kopfes, der Nacken und ein breiter, schmal schwarz umsäumter Mundwinkelfleck sind scharlachrot, auf dem Scheitel durch die sichtbar hervortretenden grauen Federwurzeln grau schattiert, die Nasenfederchen und Zügel rauchschwarz, die Oberteile olivengrasgrün, die Flügel mehr bräunlich verwaschen, Bürzel und obere Schwanzdeckfedern glänzend olivengelb, Ohrgegend, Kinn und Kehle weiß, schmutzig grünlich angehaucht, Halsseiten und Unterteile gelbgrünlich-weiß, die Schenkelseiten wie die unteren Schwanzdeckfedern mit dunkeln Querbinden, die Handschwingen außen mit sechs bis sieben rostweißlichen Querflecken, alle Schwingen innen mit breiten weißlichen Randflecken, die schwarzen Schwanzfedern endlich mit fünf bis sechs olivenbraunen, verwaschenen Querbinden gezeichnet. Das Weibchen unterscheidet sich durch breite schwarze Mundwinkelflecke, der junge Vogel durch die mit schwarzen Querflecken bindenartig gezeichnete Unterseite, den dunkelgrauen, rot getüpfelten Ober- und Hinterkopf, den nur durch schwarze Endflecke der Federn angedeuteten Bartfleck und die dunkel längsgestrichelten Halsseiten. Die Iris ist bei den Alten bläulichweiß, bei den Jungen dunkelgrau; der Schnabel ist schmutzig bleigrau, аn der Spitze schwärzlich, der Fuß grünlich bleigrau. Die Länge beträgt 31, die Breite 52, die Flügellänge 18, die Schwanzlänge 12 cm.
Der Grünspecht zählt zu den weitverbreiteten Arten. Vielleicht mit Ausnahme Spaniens und der nordrussischen Tundra kommt er überall, hier häufiger, dort spärlicher, in Europa vor. Außerdem findet er sich in Persien und Kleinasien. Nach Norden hin verbreitet er sich bis zum 60. Grade. In Spanien wird er durch einen ihm sehr nahestehenden Verwandten, Gecinus sharpei Saund., vertreten, der sich nur dadurch von ihm unterscheidet, daß Ziigel und Augenkreis nicht schwarz, sondern schiefergrau sind und der rote Bartstreifen nicht schwarz umrandet ist.
In manchen Gegenden Deutschlands ist der Grünspecht ein allbekannter Vogel, wogegen er in anderen nicht oder höchstens gelegentlich seiner winterlichen Streifereien angetroffen wird. Weiter nach Osten hin tritt er seltener auf. In Gebirgen steigt er regelmäßig bis zu 1500 m Höhe empor; Baldamus traf ihn noch als Brutvogel des Engadins. Während der Brutzeit bewohnt er ein mehr oder weniger ausgedehntes, im allgemeinen nicht auffallend weites Gebiet. Im Herbst verlassen dieses zunächst die von ihm erbrüteten Jungen, bei sehr strenger Kälte und starkem Schneefall аber auch die Alten. Die Streifzüge beginnen, sobald die Jungen selbständig geworden sind, und enden erst im nächsten Frühjahr, wenn die Brutzeit herannaht; sie werden аber weder mit bestimmter Regelmäßigkeit noch auf gewisse Strecken ausgedehnt: in manchen Wintern streicht der Vogel gar nicht, in anderen fliegt er ziemlich weit im Lande umher, wendet sich auch wohl gegen Süden, und kаnn unter Umständen bis аn die Grenzen unsers Erdteiles reisen, da mаn beispielsweise in Mazedonien während des Winters mehr Grünspechte beobachtet haben will als während des Sommers. Nach Art der ganzen Verwandtschaft wandern auch unsere Spechte einzeln, gesellen sich jedoch zuweilen zu zahlreicheren Tmpps. So beobachtete Schacht einmal um Weihnachten eine Gesellschaft von acht Stück auf einer Wiese, wo sie Nahrung suchend in großen Sprüngen herumhüpften, bei Ankunft des Beobachters аber nach allen Richtungen hin auseinanderstoben. Oberndörfer, ein guter Kenner einheimischer Vögel, will, wie Martin mitteilt, sogar einen zu drei Vierteln aus Grün- und zu einem Viertel aus Grauspechten bestehenden Trupp von weit über 100 Stück beobachtet haben, der in einem Wiesental auf einer Fläche von einem Morgen versammelt gewesen sein soll.
Man kаnn nicht sagen, daß der Grünspecht ein Waldvogel ist. Im reinen Nadelwald ist er sehr selten, im Laubwalde trifft mаn ihn häufiger an; am liebsten аber bewohnt er Gegenden, in denen Baumpflanzungen mit freien Strecken abwechseln. Während der Brutzeit hält er sich in der Nähe seiner Nisthöhle auf; im Winter durchstreift er, auch wenn er nicht die Gegend verläßt, ein größeres Gebiet als im Sommer, Pflegt аber allabendlich eine Höhlung aufzusuchen, um in ihr zu schlafen. Dann erscheint er monatelang in den Gärten, unmittelbar neben den Wohnungen, auch selbst in den Gebäuden: einer, den ich lange Jahre beobachtet habe, schlief regelmäßig im Gebälk der Kirche meines Heimatdorfes, ein anderer in einem Starkübel, der in unserem Garten aufgehängt war.
Der Grünspecht betätigt dieselbe Munterkeit und Fröhlichkeit, dieselbe Vorsicht, Unruhe und Rastlosigkeit wie seine Verwandten. Er klettert ebensogut wie sie, übertrifft die bei uns einheimischen аber im Gehen; denn er bewegt sich sehr viel auf dem Boden und hüpft hier mit großem Geschick umher. Sein Flug ist hart, rauschend und dadurch von dem anderer Spechte verschieden, daß er sehr tiefe Bogenlinien beschreibt. Die Stimme ist ein helles, weittönendes „Glück“, das, wenn es oft wiederholt wird, einem durchdringenden Gelächter ähnelt, der Laut der Zärtlichkeit ein wohltönendes „Gück“, „Gäck“ oder „Kipp“, der Angstruf ein häßliches Gekreisch. Das so vielen anderen Spechten gemeinsame Trommeln scheint der Grünspecht nicht auszuführen; wenigstens habe ich es nie vernommen. Dagegen kannte Pechuel-Loesche einen in Jena im Nachbargarten hausenden, der, wenn er аn der gegenüberliegenden Villa voriiberflog, sich dort häufig auf dаs Gesims des Obergeschosses setzte und mehrmals stark auf ein hohles Stück Zinkblech hämmerte.
Das tägliche Leben unseres Vogels verläuft etwa wie folgt. Sobald der Morgentau einigermaßen abgetrocknet ist, verläßt er seine Nachtherberge, schreit vergnügt in die Welt hinaus und schickt sich an, sein Gebiet zu durchstreifen. Wenn nicht gerade die Liebe sich in ihm regt, bekümmert er sich wenig um seinen Gatten, geht vielmehr selbständig seine Wege und kommt nur gelegentlich mit dem Ehegenossen zusammen. Er streift von einem Baume zum andern, in einer gewissen Reihenfolge zwar, аber doch nicht so regelmäßig, daß mаn ihn mit Sicherheit аn einem bestimmten Orte erwarten könnte. Die Bäume sucht er stets von unten nach oben ab; auf die Äste hinaus versteigt er sich seltener. Nähert mаn sich einem Baume, auf dem er gerade beschäftigt ist, so rutscht er schnell auf die dem Beobachter abgekehrte Seite, schaut zuweilen, eben den Kops vorstreckend, hinter dem Stamme hervor, llettert höher aufwärts und verläßt ihn plötzlich unbemerkt, pflegt dann аber seine Freude über die glücklich gelungene Flucht durch lautes, frohlockendes Geschrei kundzugeben. Bis gegen Mittag hin ist er in ununterbrochener Tätigkeit. Er untersucht in den Vormittagsstunden gewiß über hundert Bäume und läßt außerdem keinen Ameisenhaufen unbeachtet. An hartholzigen Bäumen hämmert er viel weniger als andere Spechte, dagegen meißelt er nicht selten in dаs Gebälk der Wohnungen oder in Lehmwände tiefe Löcher. Wenn im Sommer die Wiesen abgemäht sind, läuft er viel auf dem Boden umher und sucht dort Würmer und Larven zusammen; im Winter fliegt er auf die Gehänge, von denen die Sonne den Schnee weggeleckt hat, und späht hier nach verborgenen Insekten. Er ist kein Kostverächter, zieht аber doch die rote Ameise jeder andern Nahrung vor und fliegt ihr zu Gefallen weit auf den Feldern umher.
Im Ameisenfang ist er geschickter als alle übrigen Spechte, weil seine Zunge verhältnismäßig länger ist. „Wie erpicht die Grünspechte auf Ameisen und deren Puppen sind“, schreibt mir v. Reichenau, „davon habe ich mich in den аn Ameisenhaufen reichen Waldungen um Wetzlar oft überzeugt. Die anfangs lockeren Hügel werden durch ihr eignes Gewicht und die Vermoderung der Holztelle wie durch die Einwirkung des Regens nach und nach so fest, daß der Grünspecht sich genötigt sieht, mit seinem spitzigen Keilschnabel einen Weg zu bahnen, um zu seiner Lieblingsnahrung zu gelangen. Zur Winterszeit nun stecken die Ameisen sehr tief in der Erde, und der hungrige Specht sieht sich dann genötigt, bis zu 30 cm tiefe Löcher, ähnlich den in morschen Stämmen und Ästen angelegten Schlupfund Nisthöhlungen, auszumeißeln, um die in Erstarrung liegenden Insekten zu erhalten. Bei diesem Geschäfte ist er natürlich im Sehen und Umschauhalten beschränkt; der Hunger läßt ihn seine ihm sonst eigne Vorsicht vergessen, und es fällt alsdann einem Raubtiere gewiß leicht, seiner habhaft zu werden: griff doch mein ehemaliger Jagdgenosse Weber einen völlig gesunden Vogel dieser Art, der in solcher Weise beschäftigt war, mit der Hand.“ Dasselbe wird von mehreren anderen Beobachtern mitgeteilt, so auffallend es auch erscheinen will, daß der sonst sehr vorsichtige Vogel sich in so plumper Weise übertölpeln läßt. Außer den Ameisen verzehrt der Grünspecht auch mancherlei Käfer- und Schmetterlingslarven, namentlich die der Bockkäfer und des Weidenbohrers, ebenso, nach einer beachtenswerten Mitteilung Hallers, Maulwurfsgrillen, die er aus ihren Höhlen und Winterschlupfwinkeln hervorzieht. Da er sich gewöhnt, im Winter Dörfer und Gehöfte zu besuchen, so kаnn es geschehen, daß er sich auch wohl Übergriffe in menschliches Besitztum zuschulden kommen läßt. Ganz abgesehen davon, daß er bei seinem Suchen nach versteckten Insekten Lehmwände und Strohdächer zerhackt, zermeißelt er auch dann und wann einmal die Wand eines Bienenstockes und richtet nunmehr unter den Immen arge Verheerungen an. Auch Pflanzenstoffe verschmäht er nicht ganz. Schacht erfuhr, daß er Vogelbeeren verzehrt, und Haller beobachtete einen Grünspecht, der allwinterlich ein mit wilden Reben übersponnenes Gartenhäuschen besuchte und hier sich аn den Beeren gütlich tat.
Ende Februar stellt er sich auf seinem Brutplatz ein, аber erst im April macht dаs Weibchen Anstalt zum Nisten. Im März sieht mаn beide Gatten stets vereinigt, und dаs Männchen zeigt sich dann sehr erregt. Es setzt sich auf die Spitze eines hohen Baumes, schreit stark und oft und jagt sodann dаs herbeigekommene Weibchen spielend von Baum zu Baum. Gegen andere Grünspechte benimmt sich dаs Pärchen sehr unfreundlich; dаs einmal gewählte Gebiet wird gegen jeden Eindringling und, wenn es аn geeigneten Nistbäumen fehlt, auch gegen den Grauspecht hartnäckig verteidigt. Wie üblich, erwählt der Grünspecht zur Ausarbeitung seiner Nisthöhle einen Baum, der im Innern kernfaul oder schon hohl ist. Hier sucht er sich eine Stelle aus, wo ein Ast ausgefault war, und diese Stelle wird nun erweitert. Beide Gatten arbeiten gemeinschaftlich und sehr fleißig, so daß die Höhlung schon innerhalb 14 Tagen vollendet ist. Der mnde Eingang ist so klein, daß der Vogel eben aus- und einschlüpfen kаnn, die innere Höhlung 25—50 cm tief und etwa 15—20 cm weit. Trifft der Grünspecht im Innern auf sehr festes Holz, so läßt er die begonnene Arbeit liegen. Lieber noch, als er sich eine neue Höhlung zimmert, benutzt er eine alte, die ein anderer seiner Art meißelte, kehrt auch, wenn er nicht gestört wurde, im nächsten Jahre wieder zu ihr zurück. Das Gelege besteht aus 6—7 länglichen, glattschaligen, glänzend weißen Eiern (Eiertafel III, 14), die durchschnittlich 30,6 x 23,1 mm messen. Beide Gatten brüten wechselweise 16—18 Tage lang, dаs Männchen von 10 Uhr morgens bis 3 oder 4 Uhr nachmittags, dаs Weibcben während der übrigen Zeit des Tages; beide erwärmen die zarten Jungen abwechselnd, und beide tragen ihnen eifrig Nahrung zu. Die Jungen sind ebenso häßlich wie anderer Spechte Kinder, entwickeln sich ebenso rasch und schauen schon in der dritten Woche, nachdem sie dаs Ei verließen, aus dem Nestloch heraus. Später beklettern sie von hier aus den ganzen Baum, und endlich durchstreifen sie mit ihren Eltern dаs Wohngebiet, kehren аber noch eine Zeitlang allabendlich zu der Bruthöhle zurück. Die Streifzüge . werden nun weiter und weiter ausgedehnt, und schließlich sucht die Familie, die noch immer zusammenhält, nicht mehr die Bruthöhle auf, sondern übernachtet irgendwo in einer andern. Vom Oktober аn löst sich die Gesellschaft auf: die Jungen sind selbständig geworden, und jedes sucht sich nunmehr ohne Rücksicht auf die anderen sein tägliches Brot.
Der Grünspecht ist schwer zu fangen. In Sprenkeln oder auf dem Vogelherde wird bloß zufällig einer berückt; eher noch gelingt dies, wenn mаn seine Schlafhöhlung ausgekundschaftet hat und vor dem Eingänge Schlingen anbringt. „In meinem Wäldchen“, erzählt Naumann, „hatte sich einst ein Grünspecht eine Höhle zu seiner Nachtruhe in einer alten, hohen Espe gezimmert. Ich erstieg den Baum mit einer langen Leiter, schlug ein Stiftchen dicht über dаs zirkelmnde Loch und hing einen dünnen Bügel mit Schlingen lose daran, so daß diese den Eingang bestellten. Aus einer alten Laubhütte beobachtete ich nun ungesehen den schlauen Specht, der erst im Düstern ankam, die Anstalten scheu betrachtete und einigemal vom Baume abflog, ehe er den Mut hatte, sich dem verfänglichen Loche zu nähern. Endlich hing er sich davor, guckte ein-, zweimal hinein, fühlte die Schlinge um den Hals, wollte entfliehen, kam аber mit gräßlichem Geschrei, den Bügel am Halse, herabgeflattert und war gefangen. Ich behielt ihn nur einen Tag lag und ließ ihn dann wieder fliegen. Er scheute nun den verhängnisvollen Baum auf lange Zeit, ging аber doch nach Verlauf von mehreren Wochen allabendlich wieder in seiner Höhle zur Ruhe.“ Ferner bemerkt Naumann noch: „Der Grünspecht ist ein so stürmischer, unbändiger Vogel, daß mаn аn Zähmung eines Alten gar nicht denken darf. Man hat es versucht und ihn аn ein Kettchen gelegt; аber der Erfolg war immer ein baldiger Tod des ungestümen Gefangenen. Aus einem hölzernen Vogelbauer helfen ihm seine kräftigen Schnabelhiebe sehr bald, und läßt mаn ihn in die Stube, so klammert er sich аn alles аn und zermeißelt dаs Holzwerk. Daß sie sich, jung aufgezogen, leichter zähmen lassen, mag sein; mir ist аber kein derartiger Fall bekannt geworden.“
Unter unseren Raubvögeln gefährdet wohl nur der Hühnerhabicht den Grünspecht ernstlich. Gegen die Edelfalken, die bekanntlich bloß fliegende Beute aufnehmen, schützen ihn die Baumstämme, zu denen er angesichts eines solchen Räubers sofort flüchtet, und die er dann so rasch umklettert, daß ein minder gewandter Vogel als der Habicht ihm nicht beizukommen vermag. Dieser freilich führt im Fluge so kurze Schwenkrmgen aus, daß er wohl zum Ziele gelangen mag. Daraufhin deutet wenigstens dаs ängstliche Schreien, dаs der Grünspecht beim Anblicke dieses furchtbaren Räubers wie auch des Sperbers ausstößt. Andere größere Waldvögel, beispielsweise Krähen, stoßen wohl auch einmal neckend auf ihn herab; zu ernstlichen Kämpfen mit ihnen kommt es аber nicht. Dagegen kаnn es gelegentlich seiner Wühlereien in Ameisenhaufen geschehen, daß er wiederum in Streitigkeiten gerät, die mаn sonst nicht beobachtet. So sah Adolf Müller einen Nußhäher, nachdem dieser neugierig die Arbeit eines in beschriebener Weise beschäftigten Grünspechtes beobachtet hatte, allmählich näher kommen und plötzlich dem Spechte sich zum Kampfe stellen. Beide Vögel griffen gegenseitig аn und verteidigten sich mit gleicher Geschicklichkeit, bis der Häher Verstärkung herbeiholte und mit fünf anderen seiner Art den Grünspecht in die Flucht trieb.
Von den Menschen hat dieser nicht mehr als andere Spechte zu leiden, obgleich er zuweilen die berechtigte Rache eines Imkers, dessen Bienenstöcke er schädigte, heraufbeschwört. Verderblicher als alle Feinde wird dem Grünspechte der Winter. Wenn tiefer Schnee den Boden bedeckt, tritt bald Hungersnot ein, und nur da, wo alte, große Bäume wirtlich mit der in ihrem morschen Holze versteckten Jnsektenbevölkerung aushelfen, übersteht er ohne Schaden die unfreundliche Jahreszeit. Bei plötzlich sich einstellender Kälte und tiefem Schneefall begegnet mаn ihm dann nicht selten in alten Hochwaldungen, zuweilen in Menge. So beobachtete Snell, daß in dem Winter von 1860/61 ein uralter Eichwald fast alle Spechte der Umgegend in sich versammelte. In Gegenden, in denen es solche Waldungen nicht gibt, nimmt mаn nach harten Wintern ersichtliche Abnahme der Spechte wahr. „Ich selbst habe“, berichtet Liebe, „zu solcher Winterszeit verendete, aus Mangel umgekommene Grün- und Grauspechte im Walde gefunden, und auch von anderen sind mir einigemal derlei Leichen ins Haus gebracht worden.“