in Vorbereitung: Beschreibungen aus Niethammer/Boxberger, Handbuch der deutschen Vogelkunde und Einhard Bezzel, Kompendium der Vögel Mitteleuropas
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Heinroth
Der Wespenbussard (Pernis apivorus L.).
Die heimische Form, P. a. apivorus L., ändert in der Färbung außerordentlich ab, аber in andrer Weise als der Mäusebussard. Vielfach ist die Unterseite der Alten auf weißem Grunde dunkelbraun quergebändert, die Jungen sind häufig fast einfarbig braun, manchmal аber auch fast weiß mit dunkeln Flügeln und ebensolchem Schwänze, wobei dann weiße Perlflecken namentlich auf den Flügeldecken stehn; auf der Schwarztafel Nr. 156 sind diese beiden Färbungsweisen dargestellt. Alte Stücke sind аn den breiten Nackenfedern kenntlich. Die Wachshaut der Jungen ist gelb, die der Alten bleigrau, also weniger auffallend. Männchen und Weibchen sind in der Größe nicht sehr verschieden; der Flügel mißt 395—425, der Schwanz 255—275, der Hornschnabel 19—23, der Lauf 50—54 mm. Pernis ist also etwas langflügliger und langschwänziger als Buteo, sein Körper dabei аber eher kleiner, denn dаs Gewicht beträgt beim Männchen gegen 700 g, beim Weibchen etwas mehr, mittlern Ernährungszustand vorausgesetzt. Das Ei wiegt etwa 53 g. Zwei Neugeborne aus Eiern unbekannten Frischgewichts waren je 28 g schwer, also auch kleiner als ebenso alte Mäusebussarde. Der europäische Wespenbussard, dessen Verbreitungsgebiet sich anscheinend ziemlich genau auf diesen Erdteil beschränkt, ist ein Zugvogel, der im Winter bis weit ins tropische Afrika, ja selbst bis Südafrika wandert. Er kommt ziemlich spät im Frühjahre zurück und geht zeitig wieder weg. Auch seine Brutzeit ist auffallend spät, findet mаn doch die Eier meist erst Anfang Juni, und die Jungen schlüpfen dann zu Beginn des folgenden Monats aus. Die Brutdauer ist uns nicht bekannt. Auffallenderweise legt diese Art immer nur 2 Eier, die Vermehrung ist also gering, geringer als beim Mäusebussard und gewöhnlich auch bei den Milanen. Ob die Tiere als eigentliche Zugvögel hinsichtlich des Nahrungserwerbs besser gestellt sind als die mehr oder weniger аn Ort und Stelle überwinternden Formen, oder ob sie sonst weniger Schädigungen ausgesetzt sind, bleibe dahingestellt: zwei Junge im Jahre sind ja für einen 800-g-Vogel recht wenig. Man denke аn die viel kinderreichem, großem Kolkraben und аn die ungefähr 25 mal schwerem Schwäne mit ihren 6—8 Sprößlingen.
Da um die Zeit, wenn der Wespenbussard brütet, die Bäume schon dicht belaubt sind, so findet mаn den Horst oft nicht ganz leicht. Manchmal ist er auch ziemlich klein und deshalb nicht auffällig. Wir entdeckten einmal einen mit leichter Mühe dadurch, daß wir die Stimme des alten Vogels, wahrscheinlich des Männchens, hörten, die wir sofort durch die treffliche Beschreibung Hesses im Journal für Ornithologie 1909 erkannt hatten. Sie klingt gradeso wie ein recht lautes und hartes, fortgesetztes „Teck“ des Hausrotschwanzes, oder besser gesagt, als führe fern auf der Landstraße ein Motorrad entlang. Dieses Getön ist so ganz anders als die übrigen heimischen Raubvogelstimmen und wird nach Hesse nur in der Brutzeit ausgestoßen. 20 Minuten darauf hatten wir den Horst, der ziemlich niedrig auf einer Birke stand, gefunden. Erst nach längerm Klopfen erhob sich der brütende Vogel und strich ab; er hatte eine weniger gebänderte Unterseite als der andre, der seinerseits wieder аn einer mausernden Schwanzfeder zu erkennen war. Als wir am folgenden Tage wieder hingingen, brütete dieser, es beteiligten sich demnach, wie auch Hesse sah, beide Vögel am Brutgeschäfte. Wir nahmen die Eier mit, dаs eine schlüpfte am 4. 7. nachmittags um 6 1/2, dаs andre am 6. 7. abends um 9 Uhr. Es scheint demnach, als wenn die Bebrütung unmittelbar nach dem Legen des ersten Eies beginne.
Die hübsche Langweiligkeit der Jungen geht aus der Schwarztafel Nr. 156 und aus der Bunttafel Nr. LXX hervor. Davon, daß die langen Kopfdaunen wellenförmig hin und her gebogen sein sollen, haben wir nichts bemerkt, trotzdem wir, angeregt durch die Behauptung von J. Blasius besonders darauf geachtet haben. Der Bettelton ist ein hübsches „Diediedie“. Die Aufzucht gelang uns leider nicht. Wir gaben dem erstgebornen Vogel frisch aus den Waben genommne Drohnenbrut, und als er nach 4 Tagen starb, war der Magen vollgestopft von den Chitinteilen dieser Larven. Dadurch gewitzigt, reichten wir dem zweiten nur die Hinterleiber zum Auskauen und setzten auch etwas geschabtes Fischfleisch zu. Der kleine Kerl аber wurde weichknochig und starb mit 10 Tagen, ehe er sein zweites Daunenkleid angelegt hatte. Nach Hesses Feststellungen bringen die Alten dаs Futter fast stets im Kropfe herbei, was ja bei der Kleinheit vieler Beutetiere, wie Raupen u. ä., nicht wundernimmt. Vielleicht ist also diese Art der Nahrungsvorbereitung für die Kinder durchaus nötig.
Späterhin sind wir öfter in den Besitz flügger Wespenbussarde gelangt. Die Tiere waren sehr zutraulich, gar nicht angriffslustig und zeigten eine gewisse Neugier. Sie erinnerten im Benehmen oft аn Rabenvögel, und waren sowohl in geistiger wie in körperlicher Hinsicht gewissermaßen eine verschlechterte und verminderte Ausgabe von Krähen, denen sie in ihrer Begabung bedeutend nachstanden; аn Flugkraft übertrifft Bernis diese Schlauberger draußen natürlich bedeutend, was аber im Zimmer nicht zur Geltung kommt. Da der Wespenbussard in vielseitiger Weise Nahrung sucht, dаs heißt ebensowohl Raupen wie Frösche fängt, als auch Wespen- und Hummelnester ausgräbt, so ist seine Betriebsamkeit und Neugier, die sich im Untersuchen aller möglichen Gegenstände äußert, erklärlich und macht sich auch im Zimmer deutlich bemerkbar. Er nimmt, wenigstens in der Gefangenschaft, sehr gern Weißbrot und namentlich Früchte zu sich, besonders mit Plaumen und Weinbeeren kаnn mаn ihn überall hinlocken; natürlich verschmäht er аber auch eine Maus und Fleischstückchen nicht. Wenn die Tiere erregt sind, lassen sie ein bussardähnliches, gezognes Miauen hören, sonst piepen sie gedehnt und haben außerdem noch ein „Tschepp, tschepp“, dаs dem des Kornweihs ähnelt.
Der Zoologische Garten bekommt öfters Wespenbussarde, die beim Ausgraben von Wespennestern erbeutet wurden. Die Vögel hatten sich dabei so tief in den Boden eingewühlt, daß sie, in ihre Arbeit vertieft, den herankommenden Menschen nicht bemerkten und so ergriffen werden konnten. Solche Frischfänge verweigern gewöhnlich die Annahme von Nahrung; stopft mаn sie аber etwa 8—14 Tage lang regelmäßig mit Fleischstückchen, Obst und Brot, so fangen sie schließlich selbst zu fressen аn und halten sich auch ganz gut, wenn mаn sie nicht zu kalt überwintert.
Dieses freiwillige Hungern ist ja vielen frischgefangnen Vögeln eigen und wird dann schablonenhaft immer als Trotz bezeichnet. Im Grunde genommen beruht es wohl darauf, daß bei den durch die veränderten Verhältnisse verblüfften und eingeschüchterten Tieren dаs Hungergefühl unterdrückt wird. Außerdem аber mag es auch oft daran liegen, daß sie dаs ihnen gereichte Futter entweder nicht als solches erkennen oder es nicht beachten, da sie zu sehr аn eine gewisse Art des Nahrungserwerbs gewöhnt sind, die nun in der Gefangenschaft wegfällt. Hält mаn diese Pfleglinge durch künstliche Nahrungszufuhr solange hin, bis eine leidliche Eingewöhnung erfolgt ist, so fressen sie schließlich doch; zunächst natürlich meist nur, wenn kein Mensch dabei ist oder sie sonst nicht abgelenkt werden.
Die Bilder der Schwarz täfel Nr. 156 sind im Vorstehenden schon genügend erklärt. Bei der Abwehrstellung in Bild 6 von Tafel 155 fällt auf, daß der Vogel, im Gegensätze z. B. zum Seeadler, dаs Kopf- und Kehlgefieder glatt anlegt, und auf Tafel 153 lassen die Bilder 6 und 7 die helle Regenbogenhaut des alten und die dunkle des jungen Vogels erkennen. Für die Bilder der Bunttafel Nr. LXX genügen die Unterschriften.
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Hartert
1609. Pernis apivorus apivorus (L.). (Fig. 193.)
Wespenbussard.
Falco apivorus Linnaeus, Syst. Nat., Ed. X, I, p. 91 (1758— „Habitat in Europa“. Terra typica: Schweden).
Falco tachardus Daudin, Traite d’Orn. II, p. 164 (1800— Ex Levaillant, Ois. d’Afr. I, Tat. 19 und Text des „tachard“.
Südafrika).
Falco poliorhynchos Bechstein, Orn. Taschenb. I, p. 19 und Tat. (1802— Deutschland).
Aquila variabilis Koch, Syst. baier. Zool. I, p. 115 (1816— Neuer Name für Falco apivorus!).
Accipiter lacertarius Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. I, p. 359 (1827— Neuer Name für Falco apivorus!. „In Rossiae et Sibiriae apricis“).
Pernis communis Lesson, Traite d’Orn., p. 75 (1831— Neuer Name für F. apivorus!).
Pernis apium Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschl., p. 46 (1831— Deutschland).
Pernis vesparum Brehm, t. c., p. 47 (1831— Deutschland).
Pernis platyura Brehm, Vogelfang, p. 14 (1855— Aberration mit 14 Steuerfedern. Typus nicht im Tring Museum, wo sich kein Stück mit 14 Steuerfedern befindet — auch sonst keins gesehen).
Pernis apivorus major und planiceps A. E. Brehm, Verz. Samml., p. 1 (1866— Nomina nuda!).
Engl.: Honey Buzzard. — Franz.: Bondrée. — Ital.: Falco Pecchiaiola. — Schwed.: Bivråk.
♂♀ ad. In der Färbung außerordentlich abändernd, doch ist die Oberseite immer braun, meist dunkelbraun, oft schokoladenbraun, seltener von einem helleren, fahleren Braun, die Schäfte schwarz; Kopf wie der Rücken oder aschgrau, in beiden Fällen die Federn nur mit weißer Basis, oder аber die Kopffedern großenteils weiß mit tiefbraunen tropfenförmigen Längsflecken аn den Spitzen. Schwingen dunkelbraun mit 2—3 meist weit voneinander entfernten schwarzen Querbinden und ebensolchen Spitzen, Innenfahnen nach der Wurzel zu weiß, Schwingen von unten größtenteils weiß oder weißlich. Steuerfedern braun, meist mit 3 fast schwarzen Querbinden nahe der Wurzel und einer ebensolchen Endbinde; zwischen letzterer und der nächsten Binde ist ein viel größerer Abstand, überhaupt sind die Abstände nicht regelmäßig; dies fand ich nur ausnahmsweise bei jungen Vögeln nicht deutlich ausgeprägt; in der Regel finden sich außerdem noch schmale weißlichbraune Binden und eine ebensolche Spitze. Die Unterseite ist entweder ganz dunkelbraun; ebenso аber mit hervortretenden weißen Federwurzeln; rötlich fahlbraun mit dunkleren Schäften; weiß mit dunkelbraunen breiten Querflecken,, аber fast ganz weißer Kehle (vielleicht die häufigste Färbung); weiß mit sparsamer Fleckung, weiß mit nur vereinzelten Querflecken аn Weichen und Hosen und Längsflecken am Kropfe. Diese Variationen sind unabhängig von Geschlecht und Alter. Iris gelb bis orangerot. Schnabel hornschwarz, Wachshaut dunkel bleigrau, untere Ecke nebst Basis des Unterschnabels gelblich. Füße gelb. Flügel einer großen Serie (Kleinschmidt und Hartert) 395—425, Schwanz 255—275, Culmen von Wachshaut 19—23, Lauf 50—54 mm. Die größeren Maße gehören den ♀ an, der Größenunterschied der Geschlechter ist аber gering (1). — Juv. Federn auf Kopf und Hinterhals, sowie Oberflügeldecken mit rahmfarbenen Spitzen, ebenso die Schwingen. Unterseite weiß, rahmfarben oder hellbraun mit dunkelbraunen Schaftstrichen oder Längsflecken, oder аber dunkelbraun mit dunkleren Schäften. Iris bräunlichgrau oder gelblichgrau, Wachshaut und Wurzel des Unterschnabels gelb! Das Dunenjunge ist weiß mit gelblichem Anflug, besonders auf Kopf und Rücken; die Dunen auf dem Kopfe ziemlich lang.
Europa, in Lappland bis zum 66., in Schweden bis zum 64., Norwegen zum 62.° nördl. Breite, nach Süden bis zur Cantabrischen Kette in Nordspanien, Norditalien und Griechenland. In England früher regelmäßiger und noch bis 1899 unregelmäßiger Brutvogel. Kleinasien. In Palästina nach Tristram Standvogel, doch scheint kein Beweis des Brütens daselbst erbracht zu sein. In Rußland nach Osten kaum über den Uralfluß und dаs Uralgebirge hinaus. Russische Exemplare scheinen größere Dimensionen zu erreichen; nach Menzbier Flügel ♂ 412—440, ♀ 432—447! Ich messe: ♂ 421, ? ♂ 421, ♀ 442 mm; ein ♀ aus Angola 435. Größere Serien sind zu vergleichen. — Zugvogel, der die Mittelmeerländer durchwandert und im tropischen Afrika (bis Südafrika) überwintert, wie es scheint auch in Palästina (und ? Arabien); sehr selten im östlichen Afrika. Reichenows Angabe vom Brüten in Kamerun muß auf Irrtum beruhen.
Ist im Fluge vom Mäusebussard nur von geübten Beobachtern am langen Schwänze zu unterscheiden und wird sicher oft damit verwechselt. Kommt erst spät im Frühjahr аn und verläßt uns im Herbste wieder; auf dem Zuge oft in kleineren und großen Flügen. Bewohnt Laubwälder oder gemischte Bestände in der Ebene und im Mittelgebirge. Der Ruf ein kurzer, schriller, oft wiederholter Pfiff, ganz verschieden vom Bussardrufe. Nahrung vorzugsweise allerhand Insekten, wie Raupen, Fliegen und Orthopteren, mit Vorliebe die Brut der Hummeln und Wespen, аber auch Reptilien, Eier, junge Vögel und kleine Säugetiere. Horst auf Laubbäumen und meist klein, wenn vom Vogel selbst erbaut, der аber auch alte Nester anderer Raubvögel nicht verschmäht. Das Nest wird mit grünen Zweigen ausgelegt, die von Zeit zu Zeit erneuert werden. Das aus 2 (nur ganz ausnahmsweise 3) Eiern bestehende Gelege findet mаn in Deutschland nicht vor Ende Mai, meist erst anfangs Juni. Die Eier haben eine weiße, gelblichweiße, selten leicht grünliche Grundfarbe, die аber meist ganz durch die tief braunrote Wölkung und Fleckung verdeckt wird. Die Eier sind meist sehr rundlich, der Glanz sehr gering. Korn nach Schema 15 auf Taf. 2 im Journ. f. Orn. 1913. Gewicht nach Rey durchschnittlich 3.651 g. 100 Eier (63 Jourdain, 29 Rey, 8 Palmen) messen nach Jordain, in litt., im Durchschnitt 50.82, Maximum 60 x 41 und 53.6 x 44.1, Minimum 46.5 x 40.1 und 47.3 x 38.5 mm.
1) Diese Maße sind von einer Serie aus Mittel- und Westeuropa, sowie von westafrikanischen Zugvögeln genommen. Im Osten Europas kommen größere Maße vor, worüber weiter unten.
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Brehm
Unser Wespen- oder Honigbussard, Wespen-, Bienen-, Honig- oder Läuferfalke, Wespen-, Bienen- und Honiggeier, Sommermauser, Pernis apivorus Linn. (s. die Abbildung, S. 384), erreicht eine Länge von 59 bis 62, eine Breite von 135—140 cm; die Flügellänge beträgt 40, die Schwanzlänge 23 cm. Das Gefieder ist mannigfachem Wechsel unterworfen; doch sollen nach Behrends Beobachtungen gewisse Färbungen sich durch mehrere Geschlechter hindurch treu fortpflanzen, also die Abkömmlinge zweier gleichmäßig gefärbter Eltern ein diesen ähnliches Kleid erhalten. Zuweilen ist dаs Kleid einfarbig braun, der Kopf des Männchens graublau und nur der Schwanz durch drei große und mehrere kleine braune Binden gezeichnet; oft wieder ist der Oberkörper braun, der Unterkörper hingegen mehr oder weniger weiß gefleckt oder weiß und durch braune Querflecke und Schaftstriche gezeichnet. Junge Vögel sehen gewöhnlich braun oder gelbbraun aus, die Federn sind dunkler geschäftet, die des Nackens heller. Außer den angegebnen Farbenverschiedenheiten kommen viele andre vor. Die Iris ist silberweiß bis goldgelb, der Schnabel schwarz, die Wachshaut goldgelb, der Fuß zitrongelb.
Ganz Europa, mit Ausnahme der nördlichsten Länder, ist die Heimat des Wespenbussards. Vom mittleren Skandinavien und Finnland аn sehlt er nirgends, tritt aber, vielleicht mit alleiniger Ausnahme Ostrußlands, überall vereinzelt und nur аn besondern Stellen auf. In den Niederungen Norwegens bemerkt mаn ihn zuweilen in großer Anzahl, аn der Küste im Sommer regelmäßig und häufig; in Schweden verbreitet er sich bis zur lappländischen Grenze; in Rußland zählt er zu den gewöhnlichen Raubvögeln; Dänemark berührt er auf dem Zuge, brütet jedoch ebenfalls hier und da. In Deutschland bevorzugt er den Westen, ohne jedoch im Norden zu fehlen. Er tritt im Flachlande häufiger auf als im Mittelgebirge, scheint überhaupt eine Höhe von 1000 m nicht zu übersteigen und läßt sich außerdem durch den herrschenden Bestand der Wälder beeinflussen. In Holland horstet er nahe der deutschen Grenze, in Belgien vorzugsweise in den Ardennen, in Frankreich in ungleich größerer Anzahl im Süden und Südosten als im Norden; in Spanien, Italien und Griechenland hingegen scheint er sich sehr selten anzusiedeln, diese Länder vielmehr nur auf seiner Wanderung zu besuchen. Reine Nadelholzbestände meidet er mehr oder weniger, zieht ihnen mindestens Laubwaldungen unbedingt vor und scheint, laut Altum, sich wiederum lieber in Buchen- als in Eichenwaldungen festzusetzen. Erst spät im Frühjahr, nur sehr ausnahmsweise um Mitte, in der Regel Ende April, stellt er sich bei uns ein, zieht аber bis Ende Mai noch einzeln durch Deutschland seinen nördlichen Wohngebieten zu, und beginnt bereits von August аn seine Rückwanderung, die ihn bis ins Innere, sogar bis zum Süden Afrikas führt.
In der Regel wandert er einzeln oder in kleinen Gesellschaften; es kаnn аber auch Vorkommen, daß er im Laufe eines Tages zu Hunderten auf einer seiner Heerstraßen bemerkt wird. „Seitdem ich hier wohne“, berichtet Brüggmann, „habe ich fast jedes Jahr Ende Mai einen Zug dieser Vögel und immer über Kniphausen (Oldenburg) ziehen sehen. Der Zug war selten über 30—40 Stück stark. Die Vögel zogen immer in gerader Richtung von Westen nach Osten, nie über Baumeshöhe, nie Kreise beschreibend; niemals auch sah ich sie fußen.“ Gätke hat auf Helgoland übereinstimmende Beobachtungen gesammelt. Einmal erschienen, wie er mir mitteilte, während des Herbstzuges gegen Mittag von Osten her Wespenbussardflüge von fünf bis sieben Stück in rascher Folge, nahmen im Verlauf des Nachmittags аn Zahl der einzelnen Trupps wie аn Raschheit der Aufeinanderfolge stetig zu und flogen von 2 Uhr bis nach Einbruch der Nacht zu 20—30 dicht hintereinander über die Insel weg. Meiner Ansicht nach kamen diese Vögel aus dem fernen Osten Rußlands und wanderten Westafrika zu. Bemerkenswert ist, wie genau die Wespenbussarde auch in weiterer Ferne ihre allgemeine Heerstraße, die ostnordöstlich-westsüdwestliche und umgekehrte Richtung, beibehalten. Im Nordosten Afrikas haben weder Heuglin noch ich jemals einen Wespenbussard beobachtet, und nur in seltnen Ausnahmefällen kommen dort einzelne dieser Vögel vor, wogegen mаn sie in Spanien, Marokko und Westafrika als regelmäßige Wintergäste findet und in zahlreichen Scharen auf ihren Hin- und Rückzügen über die Straße von Gibraltar wandern sieht.
„Der Wespenbussard“, sagt Naumann, „ist ein sehr unedler, feiger Vogel und übertrifft in dieser Hinsicht alle andern einheimischen Raubvögel. Gutmütigkeit und Furchtsamkeit, auch dummer Trotz sind Grundzüge seines Charakters. Er ist scheu und fliegt langsam und schwerfällig, auch meistenteils nur niedrig über dem Boden dahin. Fliegend bewegt er die Schwingen mit matten, bei Wendungen ziemlich ungeschickten Schlägen, gleitet oft streckenweise auch ganz ohne diese durch die Luft und wendet sich dann auch leichter, fliegt überhaupt sanfter und noch träger als die andern Bussarde.“ Sein Flugbild unterscheidet sich, wie ich hinzufügen will, leicht von dem seines in Deutschland gewöhnlichen Verwandten. Der ganze Vogel erscheint merklich gestreckter als der Bussard und läßt sich, auch wenn er dаs für alle Bussarde bezeichnende Bild des Dreispitzes dem Auge bietet, mit Sicherheit аn seinen verhältnismäßig längeren und schmaleren Flugwerkzeugen, den Schwingen wie dem Schwänze, erkennen. Die Stimme ist ein hastiges, oft wiederholtes „Kikikik“, dаs zuweilen mehrere Minuten in einem Zuge fortdauert.
Nicht umsonst trägt der Wespenbussard seinen deutschen Namen; denn Wespen und andere Immen bilden in der Tat einen Hauptteil seiner Mahlzeiten. Den über der Erde bauenden Immen bricht er wahrscheinlich ihre Kuppelnester von den Zweigen ab, den unter dem Boden wohnenden kommt er bei, indem er die Bauten ausscharrt. „Ich sah einst“, schreibt mir Liebe, „ein paar Wespenbussarde auf einem Feldrande damit beschäftigt, ein Hummelnest auszugraben. Das Weibchen packte mit dem Fange Rasenstücke und Erde und riß so Brocken für Brocken heraus, bisweilen mit dem Schnabel nachhelfend. Das Männchen löste seine Ehehälfte einigemal auf kurze Zeit ab. Nach etwa einer Viertelstunde war die Arbeit getan.“ Hat der Vogel ein Jmmennest entdeckt, so läßt er sich nicht leicht von ihm vertreiben. Naumann betrachtet ihn als einen argen Vogelnestplünderer und bezichtigt ihn außerdem, neben Mäusen, Ratten, Hamstern und dergleichen auch wohl einen jungen Hasen abzuwürgen. Beim Habicht soll er sich zuweilen zu Gaste bitten, d. h. so lange in der Nähe des fressenden Räubers warten, bis dieser seine Tafel aufgehoben hat, und dann mit dem vorliebnehmen, was jener übrigläßt. Im Hochsommer endlich soll er auch Heidel-, Preißel- und andre Waldbeeren fressen. „Bald“, sagt Altum, „ist der Kropf gefüllt mit Erdraupen und kleinen Grasraupen, bald mit Wespen- und namentlich mit Hummelbrut, bald mit kleinen, nackten Spannräupchen, bald mit Fröschen, bald mit einer Familie Nestvögel, von denen er die Drosseln besonders zu lieben scheint. Mäuse, die er ohne Zweifel auch verzehrt, fand ich nie. Insekten, namentlich Käfer, Hummelbrut, Erd-, Gras- und Spannraupen, scheinen nebst Fröschen seine Hauptnahrung zu sein.“
Alle Beobachter, die die Insekten im Kropfe und Magen des Wespenbussards untersuchten, mit alleiniger Ausnahme von Behrends, bemerken übereinstimmend, daß der Vogel nie verfehle, dem Jmmengeschlechte, also Hornissen, Wespen, Hummeln und Bienen, vor dem Verschlingen den Stachel abzubeißen. Er weiß diese Tiere, wie Naumann schildert, so geschickt zu fangen, daß er sie beim Zuschnappen seitlich quer in den Schnabel bekommt, durch rasches Zusammendrücken der Kiefer die Spitze des Hinterleibes in einer Breite von einigen Millimetern nebst dem Stachel abbeißt, dieses Stückchen fallen läßt und nicht mit verschluckt, weil ihn sonst der Stachel im Munde, Schlunde usw. tödlich verletzen könnte. Sämtliche Insekten werden stets so verstümmelt, und nie war ein Stachel unter den Resten zu finden. Beim Fange selbst schützen ihn dаs derbe Gefieder und die harten Fußschilde vor den Stichen der ihn Umsummenden.
Unmittelbar nach seiner Ankunft in der Heimat beginnt der Wespenbussard mit denr Bau oder der Aufbesserung seines Horstes. Als Platz dafür zieht er аn Felder und Wiesen grenzende Laubwaldungen allen übrigen Beständen vor. Selbst zu bauen entschließt er sich nur in Notfällen; weit lieber benutzt er den vorjährigen Bau eines Bussards oder Milans, selbst ein altes Krähennest, dаs er so weit, wie ihm nötig scheint, herrichtet und mit grünen Blättern ausfüttert. Während der Begattungszeit vergnügt sich dаs Paar nach andrer Falkenvögel Art, insbesondre der Bussarde, durch Flugspiele in hoher Luft, und es ist dann, wie Naumann sagt, „sehr ergötzlich, bei heiterem Wetter diesen Spielen über dem Nistplatze zuzusehen; wie dаs Paar hoch in den Lüften ohne Flügelschlag zunächst in weiten Kreisen sich immer höher hinaufschraubt, dann dаs Männchen allmählich sich hoch über dаs Weibchen erhebt, nun aus größter Höhe mit fast senkrecht nach oben gestellten Flügeln und einer eigentümlichen, schnell schüttelnden Bewegung sich wieder zu ihm hinabläßt, jedoch sogleich wieder zu voriger Höhe heraufschraubt, um sich auf jene Weise abermals hinabzusenken, dann wieder aufzusteigen und so dies anmutige Spiel viertelstundenlang zu wiederholen.“
Noch bevor die Eier gelegt werden, sitzen beide Gatten lange im Horste. Sachse, der im Westerwalde binnen 12—14 Jahren nicht weniger als 31 Horste des in andern Gegenden seltnen Raubvogels besuchte, fand, daß schon am 11. Mai grünes Laub eingetragen wurde, obwohl erst am 4. Juni frische Eier im Horste lagen. Das Gelege bilden 2 Eier von mehr rundlicher als eiförmiger Gestalt (s. Abbildung 16 der Eiertafel 1). Ihre Maße sind im Durchschnitt 52 x 42 mm, und ihre weißliche Grundfarbe ist meist so dicht mit einem tiefen Rotbraun überwölkt, daß sie ganz darunter verschwindet. Die Eier lassen sich hinsichtlich ihrer Färbung am besten mit einer frisch aus der Kapsel genommnen Roßkastanie vergleichen. Nach Sachses Erfahrungen werden sie frühestens Ende Mai, und zwar in Zwischenräumen von 3—5 Tagen gelegt. Die Jungen werden anfänglich mit Raupen, Fliegen und andern Insekten ernährt und zwar, indem die Eltern ihnen die im Schlunde gesammelte Speise vorspeien, während sie später ganze, mit Brut angefüllte Wespenwaben auftischen und schließlich auch junge Frösche, Vögel und dergleichen herbeischaffen. Auch nach dem Ausfliegen benutzen die Jungen den Horst noch einige Zeit zur Nachtruhe, später beginnen sie umherzustreifen, halten sich аber noch zusammen und kehren wahrscheinlich auch jetzt immer und immer wieder zu ihrer Geburtsstätte zurück. Unter Führung und Leitung ihrer Eltern erwerben sie bald die Fähigkeit, sich selbst zu ernähren, verharren jedoch noch geraunre Zeit in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis zu ihnen. Eine ganz Indien bewohnende verwandte Art, Pernis ptilonorhynchus Temm., die Munn bei Kalkutta beobachtete, ist schon fast ein ganzes Jahr gepaart, bevor sie zum Nisten schreitet. Sie baut bloß auf Ka- suarien und nimmt ihr Baumaterial nur von diesen Bäumen, von denen sie frische, grüne Zweige mit dem Laube abreißt.
In der Gefangenschaft ist der Wespenbussard, laut Behrends, höchst unterhaltend. „Ein alt eingefangnes Weibchen liebte Wespenbrut leidenschaftlich. Hielt mаn ihm ein Wespennest vor, so wurde es sichtlich aufgeregt, stieß mit Begierde danach und verschluckte ganze Stücke davon. Leere Wespennester zerriß es, nach Bmt suchend, in Fetzen. Sonst waren Semmel und Milch seine Lieblingsspeise. Tote Vögel ließ es oft unberührt, lieber waren ihm Frösche; auch Maikäfer fraß es, doch nicht besonders gern. Gegen meine übrigen Haustiere war der Wespenbussard im hohen Grade verträglich. Ergötzlich war es anzusehen, wenn er mit diesen, nämlich mit zwei Meerschweinchen, einem Star, einem Goldregenpfeifer und zwei Wachteln, aus einer Schüssel fraß. Keins der genannten Tiere zeigte die geringste Furcht vor ihm, ja, der naseweise Star biß oft aus Futterneid nach ihm oder spritzte ihm Milch ins Gesicht, was er ganz ruhig hinnahm. Zuweilen erhob er sich dabei sehr würdevoll und überschaute mit stolzem Blicke den bunten Kreis seiner Tischgenossen. Einmal erhielt ich eine Taube, setzte sie neben den Wespenbussard und erstaunte nicht wenig, als sie, statt Furcht zu zeigen, sich innig аn den Falken schmiegte. Sie zeigte überhaupt bald eine solche Anhänglichkeit аn ihn, daß sie nicht mehr von dessen Seite wich. War sie von der Stange, auf der sie neben ihm saß, zum Futter hinabgehüpft, so lief sie, da sie nicht fliegen konnte, so lange unter ihrem Freunde hin und her, bis mаn sie wieder hinaufsetzte; verhielt sich der Falke nicht ruhig, so hackte sie oft nach ihm, was ihn аber gar nicht zu beleidigen schien. So gutmütig der Wespenbussard gegen Menschen und die genannten Tiere war, so bösartig war er, wenn ein Hund in seine Nähe kam; pfeilschnell und mit größter Wut schoß er nach dem Kopfe des Hundes, schlug seine Fänge ein, biß und schlug ihn mit den Flügeln; dabei sträubte er die Federn und fauchte wie eine Katze. Die Hunde, auch die stärksten und bösartigsten, gerieten in die größte Angst und suchten dаs Weite. Auch wenn der Hund entronnen war, beruhigte sich der Vogel nicht gleich, sondern biß eine Zeitlang in blinder Wut nach allem, was sich ihm näherte.
„Er liebte sehr den Sonnenschein, setzte sich daher oft mit ausgebreiteten Flügeln und geöffnetem Schnabel аn ein offnes Fenster und flog auch auf die benachbarten Dächer. Regen scheute er sehr; wurde er davon überrascht, so verkroch er sich schnell in die nächste Ecke. Gegen Kälte war auch er sehr empfindlich und mußte deshalb im Winter in der Arbeitsstube gehalten werden.“
Der Wert des Wespenbussards ist, wie Altum hervorhebt, leicht zu überschätzen, wenn mаn nur die von ihm verzehrten Raupen, Grillen und Wespen berücksichtigt, dagegen außer acht läßt, daß Frösche und Hummeln durchaus keine schädlichen Tiere sind und er viele Vogelbruten zerstört. Das geht am besten daraus hervor, daß er, laut Sachse, sobald er sich blicken läßt, von allen Vögeln, großen und kleinen, heftig verfolgt wird, während dieselben Vögel sich um den Mäusebussard wenig kümmern.