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Circus pygargus

in Vorbereitung: Beschreibungen aus Niethammer/Boxberger, Handbuch der deutschen Vogelkunde und Einhard Bezzel, Kompendium der Vögel Mitteleuropas

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Heinroth

Die Wiesenweihe oder der Wiesenweih (Circus pygargus L.).

Diese Form, von der anscheinend keine Unterarten beschrieben sind, bewohnt Europa, Nordafrika sowie den westlichen Teil Asiens und zieht im Winter in dieselben Gegenden wie die Rohrweihe. Der Flügel des Männchens mißt 350—377, der Schwanz 216—240, der Lauf 55—60 mm; beim Weibchen beträgt die Flügellänge 370—390 mm. Über den Wiesenweih haben Natorp und Schuster ausgezeichnete Beobachtungen am Neste veröffentlicht, aus denen, kurz gesagt, hervorgeht, daß dаs Weibchen allein brütet und die Jungen betreut, während dаs Männchen die Nahrung für Frau und Kinder herbeiträgt. Die Gattin läßt sich auch häufig noch dann miternähren, wenn die Kinder schon herangewachsen sind, ähnliches gilt für den Kornweih. Natürlich kommen gelegentlich Abweichungen bei den einzelnen Paaren vor. Der männliche Wiesenweih ist vom Kornweihmännchen durch die schwarze Flügelbinde im Fluge weithin zu unterscheiden, die übrigen Merkmale, nämlich die gebänderten äußern Schwanzfedern und die schlankre, schmal- flügligre Gestalt muß mаn schon mehr in der Nähe sehn, um sich darauf verlassen zu können.
Man findet dаs Nest wie beim Kornweih gewöhnlich zufällig dadurch, daß, während mаn im Grase dahinschreitet, plötzlich dicht vor einem ein großer, brauner Vogel herausstreicht; für den Unkundigen ist es recht überraschend, daß ein Raubvogel so frei auf einer Wiese nistet. Am 27. 6. entdeckten wir ein Nest mit einem frisch geschlüpften Jungen und vier Eiern, und als wir nach drei Wochen wieder hingingen, waren nur noch zwei Junge da. Ihre Flügellänge betrug 203 und 190, die Schwanzlänge 92 und 75 mm, dаs Gewicht 270 und 290 g. Auch Schuster machte die Beobachtung, daß manchmal kleine Junge verschwinden, warum, ist nicht recht aufgeklärt. Die beiden unterschieden sich dadurch, daß bei dem, wie sich später herausstellte, männlichen Vogel die Augen braungrau, der Rachen schwärzlich und die Oberschwanzdecken weißlich, bei dem andern, einem weiblichen, die Augen braun, der Rachen schwarz und die Oberschwanzdecken gelblich waren. Vielleicht neigen also die Männchen von Anfang аn dazu, heller zu sein als ihre Schwestern, was ja dann im endgültigen Kleide besonders stark in Erscheinung tritt.
Das eine dieser Weihenkinder gebärdete sich scheu, dаs andre wütend. Die ihnen gereichten Kleintiere zerrissen sie selbst. Das etwas kleinre Männchen ängstigte sich späterhin so vor seiner Schwester, daß es kaum zu fressen wagte und schließlich einging. Das dauernd sehr scheue Weibchen gaben wir im Mai des folgenden Jahres in den Zoologischen Garten, wo es dann im Sommer mauserte, ohne sich dabei wesentlich zu verändern; nur die Augen wurden allmählich hellbraun. Ende November ging es dann ein, und dаs Gewicht dieses zwar fettlosen, аber gut be- muskelten Vogels betrug nur 275 g. Auch аn einem andern Geschwisterpaare, dаs gleichfalls schon fast flügge in unsre Hände kam, hatten wir wenig Freude; es blieb scheu und schreckhaft und gab keine Gelegenheit zu guten Beobachtungen.
Auf der Schwarztafel Nr. 146 sind die Köpfe besonders deshalb abgebildet, um den Augen-Unterschied der Geschlechter im Jugendkleide zu zeigen. Die Bunttafel Nr. LXVII führt in den Bildern 5 und 6 ein altes Paar vor: wir haben in diesem Falle die Aufnahmen unsrer erwachsnen Jungvögel nach Bälgen des Berliner Museums übermalen lassen. Zu der Schnabelbodendarstellung auf Nr. 5 hat ein flügger Vogel Modell gesessen.

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Hartert

1577. Circus pygargus (L.).

Wiesenweihe.

Circus Pygargus Linnaeus, Syst. Nat., Ed. X, I, p. 89 (1758— Europa. Ex Albin, der ein englisches Exemplar abbildet. Terra typica daher: England).

Falco cineraceus Montagu, Orn. Dict, unter F, Bogen K2 (1802— Wiltshire in England).

Falco cinerareus (augenscheinlich nur Druckfehler für cineraceus!) Montagu, Trans. Linn. Soc. London IX, p. 188 (1808).

Falco hyemalis (nec Gmelin 1788!) Pennant, Brit. Zool. I, p. 243 (1812).

Circus ater Vieillot, Nouv. Dict. d’Hist. Nat., (Nouv. Ed.), IV, p. 459 (1816— Beschreibung einer schwarzbraunen Aberration im Pariser Museum, ohne Fundortsangabe).

Circus Montagui Vieillot, op. eit. XXXI, p. 411 (1819— Neuer Name für Montagus Falco cinerareus).

Circus cinerascens Stephens, Shaws Gen. Zool., Birds, XIII, II, p. 41 (1825— Nur falsche Schreibweise statt cineraceus!).

Circus pratorum Brehm, Handb. Naturg. Vög. Eeutschl., p. 95 (1831— „Östl. und südl. Europa, Deutschland ziemlich selten“).

Circus nipalensis Dodgson, Grays Zool. Mise., p. 81 (1844— Nepal. Nomen nudum!).

Circus elegans Brehm, Vogelfang, p. 33 (1855— „In Deutschland und Nordafrika“).

Strigiceps murcicus A. E. Brehm, Allg. D. Naturh. Zeit. 1857, p. 439 (Murcia in Spanien).

Strigiceps cineraceus obscurus und communis A. E. Brehm, Verz. Samml., p. 1 (1866— Nomina nuda!).

? Circus pygargus abdullae Floericke, Orn. Monatsber. 1896, p. 155 (Turkmenien und Bucharei. „Typen im Kaukasischen Museum zu Tiflis und im Museum Berlepsch“. — Es befindet sich der Typus, nach dem die Beschreibung in Deutschland gemacht wurde, nach brieflicher Mitteilung, in Kleinschmidts Sammlung; im Museum Berlepsch befindet er sich nicht).

Abbild.: Naumann, Vög. Deutschl. I, Taf. 40; Dresser, B. Europe V, Taf. 328; „Neuer Naumann“ (1) V, Taf. 58.

Engl.: Montagu’s Harrier. —- Franz.: Busard cendré. — Ital.: Albanella minore. — Schwed.: Mindre Kärrhöh.

2. Schwinge 15—28 mm vorm Ende der Handdecken verengt und bedeutend länger als die 5., 3. und 4. vor der Mitte verengt. Schleier vorn unterbrochen. — 3 ad. Oberseite bläulich aschgrau, die meisten Federn etwas dunkler nach den Spitzen zu, wodurch dаs Ansehen fleckig wird, mit der Zeit nicht verbleichend, sondern dunkler, mehr schiefergrau und bräunlich werdend. Die dunklen Flecke besonders auf den Flügeldecken auffallend. Oberschwanzdecken grau und weiß. Handschwingen schwarz, die inneren im frischen Gefieder schön grau, Armschwingen hellgrau, nach der Basis mit zwei breiten schwarzen Binden, von denen die vordere auf dem zusammengelegten Flügel sichtbar ist. Mittelste Steuerfedern aschgrau; seitliche аn den Außenfahnen grau mit weißen Halbbinden, Innenfahnen weiß mit breiten rostroten Querbinden, Spitze breit grau; аn den 4. und 5. Paaren sind die dunklen Binden mehr braungrau, die hellen Teile gräulich oder grau gefleckt. Kehle, Kropf und Vorderbrust, mitunter die ganze Brust und sogar die ganze Unterseite bläulich aschgrau (2); die übrige Unterseite weiß oder weiß mit grauem Anfluge und vom Ende der grauen Färbung аn rostrot gestreift, ebenso Hosen und Unterschwanzdecken. Unterflügeldecken weiß mit dunkelbraunen und rostfarbenen Zeichnungen. Iris lebhaft gelb. Schnabel horn- schwarz, Basis des Unterschnabels grünlichgrau. Wachshaut matt gelb. Füße gelb. Flügel von 18 ♂ (16 Hartert, 2 Kleinschmidt) 35—37.7, Schwanz 21.6—24, Lauf 5.5—6 cm. — ♀ ad. Oberseite braun, die Federränder unauffällig heller, Kopf und Hals mit rotbraunen, Nacken meist mit weißlichen und breiteren Federsäumen; Oberschwanzdecken weiß mit rostfarbenen Längs- oder Querflecken oder grauen Querbändern. Schwingen braun mit schwarzen Querbändern, Innenfahnen von der Wurzel bis zum Ausschnitt isabell oder rahmfarben. Armschwingen von oben braun mit undeutlichen dunklen Binden, von unten weißlichgrau oder matt gräulichbraun. Mittlere Steuerfedern braun oder graubraun mit 4—5 breiten schwarzbraunen Binden, äußere, seitliche weiß bis rötlichweiß mit 5 rostfarbenen Querbinden, die letzte mehr graubraun, äußerstes Ende weißlich gesäumt. Unterseite weißlich mit rostbraunen Strichen, die аn Kehle und Kropf breiter sind. Flügel 37—39 cm. — Juv. Oberseite tiefbraun mit rostfarbenen Federsäumen, am Nacken Federn weiß mit braunen Strichen. Unterseite hell rostrot mit braunen Schäften. — Eine (von mir nur bei (5 untersuchte) melanistische Varietät — schwarzbraun oder schokoladenbraun mit schwarzer Bänderung аn Schwanz und Schwüngen und mit oder ohne rostbraunen Nackenfleck — ist nicht eben selten. Sie kommt u. a. in Transkaukasien, Österreich-Ungarn (stellenweise häufig), Spanien u. a. vor. Das junge ♂ hat nach der 1. Mauser ein dem der alten ♀ ähnliches Kleid. — Das kleine Dunenjunge ist weiß mit rötlich rahmfarbenem Anflug auf Stirn, Rücken, Flügeln und rings um den Hals. .
Brütet in Europa etwa vom 57.° in Rußland, von England, Holland und Deutschland (nördlich bis zur Ost- und Nordsee) bis Südspanien, Nordmarokko, Nordalgerien, Italien, Bulgarien und Rumänien; nach Osten bis Turkestan, Altai und N.W.-Mongolei. — Zugvogel, der im Winter dаs tropische und südliche Afrika und ganz Indien bis Assam, Birmah (selten!) und Ceylon besucht, auch vereinzelt in China vorgekommen sein soll. In England selten geworden, аber noch in mehreren Grafschaften nistend, vereinzelt außer der Brutzeit in Schottland und Irland (dort vielleicht auch brütend?), Dänemark, Nordrußland.

Im allgemeinen nicht häufig, ebenso wie andere Weihen baumloses Gelände, Flußniederungen, Seeufer und dergl. bewohnend. Das Nest steht meist in Wiesen oder Getreidefeldern, auch wohl am Bande der Röhrichte. In Südspanien und Marokko mitunter „in Kolonien“ brütend, viele Paare dicht beieinander. Die 4—5 Eier findet mаn meist im Mai. Die Eier sind im allgemeinen etwas kleiner als die der Kornweihe; sie sind bläulichweiß (frisch bläulicher), fast ohne Glanz; meist ungefleckt, mitunter mit kleinen oder auch vereinzelten größeren blaß-bräunlichroten Flecken. Korn nach dem Schema von Figur 16 auf Tafel 2 im Journ. f. Orn. 1913, mitunter sind auch Langsrillen vorhanden. Die deutlich sichtbaren Poren sind fein und rund. Substanzfarbe konstant einfarbig blaßgrün. 100 Eier (59 Jourdain, 41 Rey) messen im Durchschnitt 41.54×32.67, Maximum 46.5 x 32.5 und 42.5 x 35.7, Minimum 36 x 31.8 und 41.5 x 29.6 mm. (Ob alle diese Eier „echt“ sind, ist ungewiß, doch ist Jourdain überzeugt, daß alle von ihm gemessenen sicher sind, da sie meist von ihm selbst gesammelt sind oder aus Gegenden stammen (wie Südspanien), wo außer C. aeruginosus keine anderen Weihen brüten.)

1) Man hat diese Art des Zitierens getadelt, аber mаn muß einen willkürlichen Ausdruck wählen, da es zu widersinnig ist, den wirklichen Titel des Werkes zu zitieren, nämlich „Naumann, Naturg. d. Vög. Mitteleuropas“! Naumann starb 1857 und schrieb nie ein so betiteltes Werk.
2) Stücke mit größtenteils grauer Unterseite wurden als C. p. abdullae beschrieben. Sie scheinen im Osten häufiger zu sein, als im Westen: sie sind in der Dobrudscha sehr häufig, in Südrußland (Sarepta usw.) nicht selten, kommen in Turkestan neben Stücken vor, die den westeuropäischen gleichen. Letztere haben meist weniger Grau, dаs sich nur bis zur Brust erstreckt, аber ein abdullae gleichendes Stück wurde auch bei Dieppe, ein anderes in Südspanien erlegt. In Indien kommen im Winter beide Varietäten vor.

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Brehm

Hier und da in Deutschland gesellt sich dem Kornweihen, in einzelnen Gegenden vertritt ihn der Wiesen- oder Bandweihe, Circus pygargus Linn. (Strigiceps, cineraceus). Die Länge beträgt 44, die Breite 125, die Flügellänge 48, die Schwanzlänge 23 cm. Das alte Männchen, unzweifelhaft der schönste unsrer Weihen, ist auf Kopf, Nacken, Rücken und Oberbrust bläulichgrau, im Nacken und Rücken wegen der hier merklich hervortretenden dunkeln Federsäume dunkel aschgrau gefärbt, auf Unterbrust, Bauch und Hose weiß, durch schmale rostrote Schaftstriche in hohem Grade geschmückt. Die Schwingen erster Ordnung sind schwarz, die der zweiten licht aschblau, durch ein schwarzes Band gezeichnet, die hintersten Armschwingen braungrau, die beiden Mittelfedern des Schwanzes aschgrau, die übrigen, auf der Jnnenfahne nach außen zu sich verbreiternd, Heller, so daß die äußersten fast weiß erscheinen, die beiden seitlichen Federn dagegen rostbräunlich, alle schwarz gebändert.
Die mittleren Unterflügeldecken zeigen ebenfalls die rostroten Schaftstriche, die kleinsten find weiß, die untersten mit unregelmäßigen, grauen, die des Ellbogengelenkes mit einigen rostbraunen Bändern geziert. Beim alten wie beim jüngeren Weibchen, die beide ein sehr ähnliches Kleid tragen, ist die vorherrschende Färbung der Oberseite braungrau, die der Unterseite weiß, mit kleinen, undeutlichen, rostfarbigen Flecken besprenkelt, der Scheitel rostrot und schwarz gestreift. Junge Vögel sind auch unterseits durchaus rostfarbig, ohne Flecke, die Federn der Oberseite аber dunkel braungrau, mit rostfarbigen Spitzensäumen. Über dem Auge steht ein weißer und unter diesem auf den Wangen ein großer dunkelbrauner Fleck. Der Bürzel ist weiß, und die Schwingen tvie die Schwanzfedern zeigen dunkle Querflecke. Die Iris ist bei alten Vögeln lebhaft hochgelb, bei jungen braun, der Schnabel blauschwarz, die Wachshaut gelb, der sehr hohe und dünne Fuß wachsgelb.
Das Verbreitungsgebiet des Wiesenweihen ist nicht minder ausgedehnt als der Wohnkreis der beiden geschilderten Verwandten; doch gehört der Vogel mehr dem Osten als dem Westen des Nordens der Alten Welt an. In Deutschland zählt er zu den seltneren Arten der Gattung, ohne jedoch аn ihm zusagenden Orten zu fehlen. Seinem Namen entsprechend, verlangt er weite Wiesen oder wenigstens im Sommer auf größere Strecken hin trockne Sümpfe, siedelt sich daher vornehmlich in der Nähe von Flüssen und besonders in Niederungen an, die während des Winters bei hohem Wasserstande überflutet werden. Daher bewohnt er in unserm Vaterlande vorzugsweise die Norddeutsche Ebene, von Ostpreußen аn bis zu den Rheinlanden. Häufiger tritt er in Niederösterreich, dem Tieflande Ungarns, den südlicheren Donauländern und hier und da in Rußland auf; in der Mitte seines Wohngebietes аber dürften vielleicht die Steppen Sibiriens und des nördlichen Türkistan liegen. In allen Steppen um den Altai, nach Südosten bis zum Alatau, fand ich den Wiesenweihen als vorherrschende Art, begegnete ihm aber, was noch besonders zu erwähnen ist, ebenso, und zwar wiederholt, in der Tundra des untern Obgebietes, unter dem 68. Breitengrade, also weiter nördlich, als irgendein andrer mir bekannter Weihe vorkommen dürfte. Nach Osten hin erstreckt sich sein Verbreitungsgebiet bis China. Gelegentlich seines Zuges durchstreift er im Herbst und Frühling ganz Südeuropa, den größten Teil Südasiens und Afrikas, bevölkert im Winter Indien geeigneten Ortes in erheblicher Anzahl, wandert bis in dаs Gebiet der innerafrikanischen Steppen, erscheint, laut Andersson, selbst in Südwestafrika und steigt, nach Heuglin, bis zu den höchsten Gebirgen von Abessinien auf.
Nach Mitteilungen des verstorbnen Kronprinzen Rudolf von Österreich tritt der Wiesenweihe in Niederösterreich, selbst in der nächsten Umgebung von Wien, als Brutvogel auf, ist jedoch wie die meisten Verwandten in der Wahl seines Aufenthaltsortes sehr vorsichtig. Große, weit ausgedehnte Ebenen ohne Wald, jedoch mit Gestrüpp bedeckt, in denen Wiesen und Felder miteinander abwechseln, und die von Gewässern durchschnitten werden, bilden seine Wohnsitze. Zwar ist er nicht in dem Maße wie der Rohrweihe аn einen bestimmten Aufenthaltsort gebunden; doch vermeidet auch er es fast ängstlich, seine Heimat zu verlassen und weite Flüge zu unternehmen. In Niederösterreich sieht mаn übrigens deutlich, daß dieses Land bereits am Rande seines Verbreitungsgebietes liegt, da er hier im allgemeinen selten und nur auf ganz besonders für ihn geeigneten Plätzen vorkommt.
Auch in den Steppen sucht nach meinen Beobachtungen der Vogel mit Vorliebe Örtlichkeiten auf, die durch einen Fluß oder Bach, ja sei es auch nur ein sickerndes Wässerchen, feucht gehalten werden, wählt sie zu seinem eigentlichen Wohngebiete und unternimmt von ihnen aus Streifzüge durch die trockneren Steppen. Abweichend аber von den sonst gesammelten Beobachtungen steigt unser Weihe in den Steppengebirgen hoch empor und scheut sich dabei nicht, kleinere Waldungen zu überfliegen.
Sein Flug weicht vollständig von dem der meisten Raubvögel ab, und der verstorbne Kronprinz möchte ihn mit dem der Schwalben und Möwen vergleichen: mit letzterem verwechselt ihn selbst der erfahrene Jäger nicht allzuselten. Erhebt sich der Wiesenweihe von: Boden, um dicht darüber dahinzuziehen, so gewinnt sein Flug oft eine auffallende Ähnlichkeit mit dem unsers Nachtschattens. Von Tagesanbruch bis lange nach Sonnenuntergang befindet er sich in fortwährender Bewegung, und zwar meist innerhalb der Grenzen eines ziemlich engen Bezirks. Oft erblickt mаn ihn mit ausgebreiteten Schwingen ohne Flügelschlag über den wogenden Kornfeldern dahinziehen; plötzlich fährt er in krummen Linien ein kurzes Stück niedrig über Feldrainen und Wiesen vorwärts, schwingt sich hierauf steil in die Höhe, um nach Falkenart zu rütteln oder kurze Zeit zu kreisen, und läßt sich hierauf meist senkrecht zum Boden hinab in dаs dichte Getreide oder hohe Gras fallen, um einige Augenblicke zu ruhen. Nachts wählt sich unser Weihe als Schlafplatz entweder ein Kornfeld, eine Wiese mit hohem Gras, dichtes Gestrüpp, manchmal auch Schilf und nicht minder häufig Grenzsteine, Holzpflöcke usw. Waldbeständen sucht er schon bei Tage, noch mehr аber bei Nacht auszuweichen. Memals sah der Kronprinz einen aufgebäumt, beobachtete vielmehr regelmäßig, daß er nicht allein die Wälder, sondern auch freistehende Bäume umfliegt, ja selbst in Junghölzern, in denen er nistet, es vermeidet, sich auf Stauden niederzulassen.
Geselliger Natur, wie er ist, sucht er selbst im Frühjahr mehrere Genossen, um gemeinschaftlich mit ihnen zu nisten und sich am Tage umherzutreiben. Oft sieht mаn mehrere Männchen im Verein die Ebene besagen oder von Zeit zu Zeit аn dаs nächste Gewässer streichen. An der Donau fliegen sie oft unter Rohrweihen und Milanen am Gestade umher oder tummeln sich mit diesen in den Lüften. Auch der Wiesenweihe ist ein scheuer Vogel, der jedermann aus gehörige Entfernung ausweicht, ohne dabei jedoch zu unterscheiden, ob Jäger oder Bauer, ob Mann oder Frau, wie so viele andre Raubvögel tun. Am Boden sitzend, ist er weniger furchtsam und trachtet, sich durch Verstecken zu retten. Besonders wenn er im niedrigen Gestrüpp ruht, läßt er den Menschen ruhig аn sich Vorbeigehen oder steht erst in nächster Nähe vor ihm auf.
Der Horst des Wiesenweihen ist ein einfacher Bau aus Reisig, dürren Ästen usw., die ziemlich fest übereinander gelegt werden, und ist stets am Boden aufgeschichtet, entweder zwischen dichtem Gestrüpp oder auch im Getreide, hohem Grase und selbst im Schilfe. Im allgemeinen ist unser Vogel in der Wahl seiner Nistplätze weit vorsichtiger als der unten besprochene Rohrweihe und vermeidet es unter allen Umständen, sein Nest ins Freie zu stellen. Je nach der Witterung, jedoch meist erst in der zweiten Hälfte des Mai, findet mаn dаs vollständige, aus 4—5, im seltneren Falle aus 6 Eiern bestehende Gelege. Die Eier, deren Länge durchschnittlich 42 und deren breitester Querdurchmesser 32 mm beträgt, sind grünlichweiß und nur sehr selten gefleckt, glanzlos und feinkörnig. Sie ähneln denen des Kornweihen in so hohem Grade, daß sie oft mit ihnen verwechselt worden sein mögen. In der Liebe zu seinen Eiern und Jungen übertrifft der Wiesenweihe fast noch seine übrigen Verwandten, besonders den Rohrweihen, und zwar setzt sich nicht bloß dаs Weibchen, sondern auch dаs Männchen beim Horste rückhaltlos jeder Gefahr aus; selbst fremde Wiesenweihen eilen herbei, wenn der Brut eines der Ihrigen Gefahr droht, und umkreisen vereint mit den Eltern unter lautem Geschrei den Friedensstörer. Das ist um so eher möglich, als meistens einige zusammen аn einer Stelle nisten und selbst alte oder noch sehr junge unbeweibte Vögel, die keinen Horst haben, sich аn demselben Platze gern aufhalten. Während die Weibchen auf dem Neste sitzen, streichen die Männchen fortwährend in der Nähe auf und nieder, besuchen von Zeit zu Zeit die Gattin, beginnen nach kurzer Rast wieder umherzufliegen und verlassen dann meist auf eine Weile die eigentliche Niststelle, um Nahrung zu suchen.
„Der Wiesenweihe lebt“, so schreibt der Kronprinz Rudolf, „bei uns von der Jagd, die er auf laufendes, sitzendes, kriechendes Wild, nicht аber auf fliegendes ausübt. Die vorzüglichste Nahrung bilden Hamster, Ziesel, Feldmäuse, Frösche; außerdem nimmt er nicht flugbare Vögel, hier und da auch ganz junge Hasen, Wachteln und Feldhühner auf.“