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Lanius minor

Heinroth

Der Schwarzstirnwürger (Lanius minor Gm.).

Diese Art bewohnt Süd- und Mitteleuropa und geht östlich bis zum Altai, in Norddeutschland ist sie selten und auch in Süddeutschland anscheinend nicht mehr so häufig wie früher. Über den Grund des Rückgangs der heimischen Würgerarten haben wir auf Seite 60 eine Vermutung ausgesprochen. Im Winter zieht der Vogel südlich bis nach Südwest-Afrika und dem Oranje-Dreistaat. Der Flügel mißt 115 bis 123, der Schwanz 85—95, der Lauf 25 mm, dаs Gewicht beträgt gut 40 g. Die Bezeichnung „Kleiner Würger“, die vielfach gebraucht wird, führt deshalb leicht irre, weil er ja größer ist als der rotrückige und der rotköpfige Verwandte. „Kleiner Grauwürger“ ist schon besser, denn dann vergleicht mаn ihn mit dem viel großem Raubwürger, mit dem er ja in der Färbungsweise bis auf die schwarze Stirn eine gewisse Ähnlichkeit hat. Außer in der Größe und in der Stirnfärbung der Alten liegt der Hauptunterschied zwischen beiden darin, daß der Schwarzstirnwürger als Zugvogel, der jedes Jahr mehrere tausend Kilometer hin und zurück zu fliegen hat, viel längre und spitzre Flügel braucht als der rundflügligere Raubwürger, der meist Standvogel ist.
Da wir Gelegenheit hatten, einen alten Schwarzstirnwürger zu erwerben, so geben wir sein Buntbild auf Tafel XIII wieder. Er war ein recht stürmischer Wildfang und daher nur soviel аn ihm zu beobachten, daß er nach Art der andern Zugwürger ein Wintermausrer ist, womit er ja im Gegensatze zum Raubwürger steht, der den Federwechsel nach Beendigung der Fortpflanzungszeit durchmacht. Der Gesang unsers Stücks enthielt Hänflings- und Finkenstrophen, viele flötende Pfiffe und hörte sich gut an. Merkwürdigerweise war der Vogel nur schwer und langsam аn den Genuß rohen Fleisches zu gewöhnen, dаs doch sonst von allen andern Würgern sehr gern gefressen wird.

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Hartert

681. Lanins minor Gin.

Kleiner Würger, kleiner Grauwürger, schwarzstirniger Würger.

Lanius minor Gmelin, Syst. Nat. I, p.308 (1788— „Habitat in Italia, Hispania, Russia“. Ex Buffon, Daubenton PI. Enl. 32. Als terra typica betrachten wir Italien).

Lanius italicus Latham, Ind. Orn. I, p. 71 (1790— Europa).

Lanius Vigil Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. I, p. 403 (1827— Südrußland).

? Lanius flavescens Hemprich & Ehrenberg, Symb. Phys. Aves I, fol. e (1828— nomen nudum!).

Lanius nigrifrons Brehm, Handb. Naturgesch. Vög. Deutschl., p. 236 (1831— Thüringen).

Lanius medius Brehm, 1. c., p. 236 (1831— Norddeutschland).

Lanius pinetorum Brehm, Isis 1842, p. 652, 659 (Berlin, Mecklenburg, Ahlsdorf).

Lanius eximius Brehm, Isis 1842, p. 652, 662 (Thüringen, Wien, Kärnthen).

Lanius longipennis Blyth, Journ. As. Soc. Bengal XV, p.300 (1846— Fundort unbekannt).

Lanius Roseus Bailly, Orn. Savoie II, p. 26 (1853— Savoyen, Frankreich, Spanien, Italien. Neuer Name für L. minor).

Lanius graecus Brehm, Vogelfang, p. 84 (1855— „Griechenland“. Typus aus Attica).

Lanius minor arboreus, septentrionalis, microrhynchos, A. E. Brehm, Verz. Sammlung, p. 3 (1866— Nomina nuda!).

„Lanius minor Gml. typ. et var.: obscurior Radde“ Radde, Orn. Gaue., p. 282 (1884— Kaukasus).

Engl.: Lesser Grey Shrike. Eranz.: Pie Grieche d’ltalie. Ital.: Averla cenerina.

Unterscheidet sich von den eigentlichen Grauwürgern (L. excubitor und Verwandten) fundamental durch den Bau des Flügels: die bei den großen Würgern etwa die Hälfte der zweiten Schwinge erreichende erste Schwinge ist viel kürzer, nämlich nur etwa so lang wie die Handdecken, wohingegen die zweite Schwinge, die bei excubitor und seinen Verwandten erheblich (meist etwa 1 1/2 cm) hinter der dritten zurückbleibt, nur etwa 2 mm kürzer ist als die dritte, die allein die Spitze des Flügels bildet, da die vierte wieder merklich kürzer ist. — ♂ ad. Zügel und Stirn mindestens bis in die Augenhöhe, sowie damit zusammenhängender Streif überm Auge und großer Fleck hinterm Auge rein schwarz. Übrige Oberseite hellgrau, meist auf dem Bürzel etwas heller, äußerste Außensäume der Schulterfedern weißlich. Schwingen schwarz, Handschwingen mit ausgedehnter weißer Basis, Spitzensäume der Armschwingen weiß, die der Handschwingen nur äußerst schmal hellbräunlich. Schwanzzeichnung wie bei allen Grauwürgern variierend: meist sind die beiden äußeren Paare weiß mit größtenteils schwarzen Schäften, dаs dritte Paar hat einen ausgedehnten, аn Form und Ausdehnung wechselnden anteapikalen schwarzen Fleck, dаs vierte ist schwarz mit weißer Basis und Spitze; oft hat indessen schon dаs zweite Paar von außen einen mehr oder minder großen schwarzen Querfleck in der Endhälfte. Unterseite weiß, Vorderbrust und Seiten rosig angehaucht bis lebhaft wein-rosig. Schnabel und Füße schwarz, Iris nußbraun. Flügel etwa 115—123, Schwanz 85 — 95 mm, Lauf etwa 25 mm. ♀ wie ♂, аber meist etwas kleiner. Unter den westeuropäischen Exemplaren findet mаn die kleinsten, unter den östlichen die größten, die Maße аber schwanken so, daß daraufhin keine verschiedenen Formen unterschieden werden können. Juv. Oberseite bräunlichgrau, mehr oder minder weißlich und grau quergewellt, Stirn wie der Rücken, also nicht schwarz. Flügeldecken mit weißlichen Spitzensäumen.
Brutvogel in Süd- und Mitteleuropa, nördlich bis in die Ostseeprovinzen und selbst Livland, und in West-Sibirien bis 57° nördl. Br., östlich durch Süd- und Mittelrußland, Klein-Asien, Persien und West-Turkestan bis zum Altai. In Deutschland sporadisch, аber überall als Brutvogel vorkommend, mit Ausnahme der nordwestlichsten Landesteile. In Holland und Belgien nur vereinzelt auf dem Zuge, in Großbritannien sehr seltener Irrgast. Im mittleren und südlichen Frankreich nicht selten, fehlt jedoch im Norden und Nordwesten des Landes und ist nur eine zufällige Erscheinung in der Südwestecke (Lot, Tarne et Garonne, Gars, Huntes Pyrénées, Basses Pyrénées, Landes, Gironde — L. Bureau in litt.). Nicht selten in Italien, Korsika, Sardinien, Südost-Europa, sehr häufig in Ungarn. — Zugvogel, der uns früh verläßt und in Afrika, südlich bis Deutsch S.W. Afrika und Oranje-Freistaat überwintert.

In Europa in Ebenen und hügeligem Gelände, im Kaukasus nach Radde vereinzelt bis 1800 m. Bewohnt Feldhölzer. Waldränder, Parkanlagen, Auen und Gärten, besonders wenn solche аn Wiesen angrenzen. Warnrufe und Lockstimme wie schäck, schäck oder kjäck, auch pfeifend wie kwiä, kwieli, und quätsch, scharrek, scharrek. Der Gesang ist ein gepreßtes Zwitschern, mit den Lock- und Angstrufen untermischt, manche Individuen haben аber ein wunderbares Nachahmungstalent und ahmen die Gesänge vieler Vögel trefflich nach. Nahrung Käfer, namentlich Arten von Geotrupes, Melolontha, Carabus, Elateriden, kleinere Carabiden, Aphodius, Necrophorus, auch Orthopteren, Raupen, mitunter auch Schnecken, selten und wohl nur ausnahmsweise junge Vögel und Mäuse. Nester meist hoch, bis 8 oder 9 m, selten unter 3—4 m, gern, аber nicht immer, nahe am Stamm von Laubbäumen, selten auf Nadelbäumen. Nester mit Vorliebe aus weißlichen Reisern und Wurzeln, die mit grünen oder sonst unverändert bleibenden und besonders auch wohlriechenden Pflanzen und Blumen, wie Salvia, Gnaphalium, Capsella, Chelidonium, Thymian, Achillea, Potentilla, Mentha, аber auch andern, untermengt und geziert sind. Die innere Ausfütterung besteht aus feinen Halmen und Würzelchen. Die Eier sind charakteristisch, typische Würgereier, Grundfarbe fast immer hellgrünlich, selten weißlich, nach Rey auch bisweilen, аber nur ausnahmsweise rötlichgelb, Flecke olivenbraun, Schalenflecke hellgrau oder grünlichgrau, meist groß, oft ringförmig angeordnet. Maße von 100 Eiern (Rey, Jourdain, Blasius) im Durchschnitt 25.10 x 18.24, Maximum 28.2 x 20 (also größer als normale Eier von excubitor), Minimum 23 x 17 und 23.3 x 16.6 mm. In der Rödernschen Sammlung (Tring) аber befinden sich auch noch Eier von 22.8 x 18.3 und ein Riesenei von 29 x 19 mm. Das mittlere Gewicht ist nach Rey 0.257 g.

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Brehm

Alle ebenen Gegenden unsers Vaterlandes, in denen der Laubwald vorherrscht, beherbergen den Kleinen Grauwürger, Kleinen Würger, Rosen- und Schwarzstirnwürger, Schäferdickkopf, Sommerkrik- und Drillelster, Lanius minor Gm. (Abb., S. 212), eine der schönsten Arten der Gattung. Das Gefieder ist auf der Oberseite hell aschgrau, auf der Unterseite weiß, аn der Brust rosenrot überhaucht; Stirn und Zügel sowie der Flügel, der ausnahmsweise nur zehn Handschwingen trägt, bis auf einen weißen Fleck, der sich über die Wurzelhälfte der neun ersten Handschwingen verbreitet, und einen schmalen weißen Endsaum der Armschwingen sind schwarz; die vier mittelsten Steuerfedern ebenfalls schwarz, die darauffolgenden fast zur Hälfte weiß, die übrigen zeigen nur noch neben dem dunkeln Schafte einen schwarzen Fleck auf der innern Fahne, die äußersten sind rein weiß. Die Iris ist braun, der Schnabel schwarz, der Fuß gräulich. Die Jungen sind аn der Stirn schmutzigweiß, auf der Unterseite gelblichweiß, grau in die Quere gestreift. Die Länge beträgt 23, die Flügellänge 12, die Schwanzlänge 9 cm.
Unter den im Frühling zurückkehrenden Sommervögeln ist der Kleine Grauwürger einer der letzten. Er erscheint einzeln erst zu Anfang Mai. Rimrod in Quenstedt beobachtete seine Ankunft am 2., 4., 7., 8., 10. und 18. Mai, einmal schon am 26. April. Seine Abreise tritt der Vogel mit am frühesten, gewöhnlich schon im Spätsommer zu Ende August, familienweise wieder an. Bereits im September begegnet mаn ihm in den Waldungen der oberen Nilländer und ebenso wahrscheinlich in ganz Mittelafrika; denn hier erst verbringt er den Winter. So häufig er in gewissen Gegenden Europas ist, so selten zeigt er sich in anderen. In Anhalt, Provinz Sachsen, Brandenburg, Franken, Bayern, Südfrankreich, Italien, Ungarn und den Balkanländern, im südlichen Rußland ist er gemein: die übrigen Länder Europas berührt er entweder gar nicht oder nur auf dem Zuge; den Norden Europas meidet er ganz. Zu seinem Aufenthalt wühlt er mit Vorliebe Baumpflanzungen аn Straßen und Obstgärten, ebenso kleine Feldgehölze, Hecken und zusammenhängende Gebüsche, fehlt аber oft in Gegenden, die anscheinend alle seine Lebensbedingungen erfüllen, vollständig, verschwindet wohl auch allmählich aus Gebieten, die ihn vormals in Menge beherbergten, ohne daß mаn stichhaltige Gründe dafür aufzufinden wüßte. In Thüringen ist er, laut Liebe, seit Mitte des vorigen Jahrhunderts fast völlig verschwunden, in der Berliner Gegend аber neuerdings häufiger geworden.
Alle Beobachter stimmen mit mir darin überein, daß der Kleine Grauwürger zu den anmutigsten und harmlosesten Arten seiner Gattung gehört. Er belebt dаs von ihm bewohnte Gebiet in höchst ansprechender Weise; denn er ist beweglicher, munterer und unruhiger als jeder andere Würger. Hieran und аn seiner schlanken Gestalt sowie den spitzigeren Schwingen ist er im Sitzen wie im Fliegen leicht vom Raubwürger zu unterscheiden. Vorteilhaft zeichnet ihn vor diesem ferner seine geringe Raubsucht aus. Naumann versichert, ihn niemals als Vogelräuber, sondern immer nur als Insektenjäger kennen gelernt zu haben.
Schmetterlinge, Käfer, Heuschrecken, deren Larven und Puppen sind seine Beute. Lauernd sitzt er auf der Spitze eines Baumes, Busches, auf einzelnen Stangen, Steinen und anderen erhabenen Gegenständen; riittelnd erhält er sich in der Luft, wenn ihm derartige Warten fehlen, stürzt sich, sobald er eine Beute gewahrt hat, plötzlich auf den Boden hinab, ergreift dаs Insekt, tötet es und fliegt mit ihm auf die nächste Baumspitze zurück, um es dort zu verzehren. Dies geschieht gewöhnlich ohne alle Vorbereitung; denn seltener als seine Verwandten spießt er die gefangenen Tiere vor dem Zerstückeln auf Dornen und Astspitzen.
„Durch Färbung und Gestalt“, sagt Naumann, „ist der schwarzstirnige Würger gleich schön im Sitzen wie im Fliegen, und da er immer herumflattert und seine Stimme hören läßt, so macht er sich auch sehr bemerklich und trägt zu den lebendigen Reizen einer Gegend nicht wenig bei. Sein Flug ist leicht und sanft, und er schwimmt öfters eine Strecke ohne Bewegung der Flügel durch die Luft dahin wie ein Raubvogel. Hat er аber weit zu fliegen, so setzt er öfters ab und beschreibt so viele, sehr flache Bogenlinien. Seine gewöhnliche Stimme klingt ,kjäck kjäck‘ oder,schäck‘, seine Lockstimme ,kwiä-kwi-ell-kwiell‘ und ‚perletsch- hrolletsckp, auch ’scharreck scharreck‘.“
Das Nest legt der Kleine Grauwürger gewöhnlich in einer Höhe von 7—8 m im Gezweig oder dicht am Stamm seiner Lieblingsbäume an. Es ist groß und wie alle Würgernester aus trocknen Wurzeln, Quecken, Reisern, Heu und Stroh aufgebaut und inwendig mit Wolle, Haaren und Federn weich ausgefüttert. Päßler, ein sehr sorgfältiger Beobachter, sagt, der Vogel nähme stets grüne Stengel zum Nisten, die er mit wenigen trocknen sowie mit großen und kleinen Federn und einem dichten und dicken Boden und ebensolchen Wandungen verarbeite; auch Wollfäden und Feldblumen würden benutzt. Ende Mai findet mаn in ihm 5—6 etwa 25 mm lange, 18 mm dicke, auf schön grünem oder blaugrünem, seltener weißlichem, nach Rey ausnahmsweise auch rötlichgelbem Grunde mit bräunlichen und violettgrauen Flecken gezeichnete Eier, die von beiden Gatten wechselweise innerhalb 15 Tagen ausgebrütet werden. Die Jungen erhalten nur Kerbtiere zur Nahrung. „Wenn sich eine Krähe, Elster oder ein Raubvogel ihrem Neste oder auch nur einem gewissen Bezirke ringsum nähert“, sagt Naumann, „so verfolgen ihn beide Gatten beherzt, zwicken und schreien auf ihn los, bis er sich entfernt hat. Nähert sich ein Mensch dem Neste, so schlagen sie mit dem Schwänze beständig auf und nieder und schreien dazu ängstlich ,kjäck kjäck kjäck‘, und nicht selten fliegen dem, der die Jungen aus dem Neste nehmen will, die Alten, besonders die Weibchen, keine Gefahr scheuend, ins Gesicht. Die Jungen wachsen zwar schnell heran, werden aber, nachdem sie bereits ausgeflogen, lange noch von den Eltern gefüttert. Sie sitzen oft alle auf einem Zweige dicht nebeneinander und empfangen ihr Futter unter vielem Schreien; durch ihr klägliches ,Giäh giäck gäckgäckgäck‘ verraten sie ihren Aufenthalt sehr bald. In jedem Gehecke ist eins der Jungen besonders klein und schwächlich. Da sie sehr viel fressen, so haben die Alten mit dem Fangen und Herbeischleppen der Nahrungsmittel ihre volle Arbeit und sind dann außerordentlich geschäftig. Bei trüber oder regnerischer Witterung, wenn sich wenige Insekten sehen lassen, fangen sie dann auch manchmal junge Vögel und füttern die Jungen damit.“
Habicht und Sperber stellen den alten Grauwürgern nach, Raben, Krähen und Elstern zerstören trotz des Mutes, den die Eltern аn den Tag legen, die Brut. Der Mensch, der diesen Würger kennen gelernt hat, verfolgt ihn nicht oder fängt ihn höchstens für dаs Gebauer, und zwar in derselben Weise, wie ich schon weiter oben mitgeteilt habe. Die gefangenen Grauwürger erfreuen durch ihre Schönheit und Nachahmungsgabe.