- Aves - https://aves.areion.org/ -

Circaetus gallicus

Heinroth

[keine Beschreibung dieser Art im Werk]

*****

Hartert

1614. Circaëtus gallicus (Gm.). (Fig. 197.)

Schlangenadler.

? Accipiter ferox S. Gr. Gmelin, Novi Comment. Acad. Petropol. XV, pro 1770, p. 442, Taf. X (1771— Astrachan) (1).

Falco gallicus Gmelin, Syst. Nat. 1, 1, p. 259 (nicht 295) (1788— „Habitat in Gallia, rarior in reliqua Europa“. Ex Brisson, Buffon, Latham u. a.).

Falco leucopsis Bechstein, Orn. Taschenb. II, p. 460 (1803— „Am Rhein“).

Aquila leucamphomma Belcher, Borkhausen usw., Teutsche Orn., Heft IX, Taf. 1 und Text (1804— Oberrhein, Typus im Darmstädter Museum).

? Falco Astracanus Shaw, Gen. Zool. VII, 1, p. 85 (1809— Neuer Name für A. ferox).

Aquila brachydactyla Wolf, Meyer & Wolfs Taschenb. d. d. Vögelk., p. 21 (1810— Neuer Name für F. leucopsis und A. leucamphomma — Franken, Wetterau, Spessart, Odenwald).

Accipiter hypoleucus Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. I, p. 354 (1827— „In Rossia australi…“ Beschreibung nicht gut, Farbe der Füße falsch, аber Schwanzzeichnung u. a. nur auf Circaëtus passend).

Circaëtus anguium Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschi., p. 87 (1831— Deutschland, brütet bei Neuwied).

Circaëtus orientalis Brehm, Vogelfang, p. 11 (1855— „Südosteuropa, Westasien und Nordostafrika“); id. Allg. d. Naturh. Zeit..1856, p. 59 (F Sennaar, am Blauen Nil, noch erhalten; ♂ bei Benni-Suef in Ägypten).

Circaëtus paradoxus Brehm, Allg. d. Naturh. Zeit. 1856, p. 61 (Im Herbste 1842 in Ostpreußen; es scheint sich um ein aberrantes Exemplar zu handeln; in welcher Sammlung?).

Engl.: Short-toed Eagle, Snake-Eagle. — Franz.: Jean le blanc. — Ital.: Biancone.

♂ ♀ ad. In drei Hauptfärbungen, die nicht Altersstadien sind. — 1. Oberseite graubraun, in frisch vermausertem Gefieder dunkler und mehr braun, Federschäfte schwärzlich, Säume fahler; einige der Oberschwanzdecken und seitlichen Bürzelfedern mit oder ohne weiße Endsäume; Zügel und vorderste Stirnfedern weiß mit borstenartig verlängerten schwarzen Schäften; über dem Auge eine schwarze Linie. Äußere Schwingen schwarz, Basishälfte der Innenfahnen fast ganz weiß; innere Handschwingen und Armschwingen аn den ganzen Innenfahnen weiß mit 2—4 braunschwarzen Querbinden. Steuerfedern braun mit schmalen weißen Enden, die äußeren аn den Innenfahnen größtenteils weiß, und alle mit 3 (sehr selten 4) schwarzbraunen Querbinden. Unterseite weiß, Kehle und Kropf fast ganz von einem etwas fahlen Erdbraun (Schäfte schwarz), übrige Unterseite mit röstlichbraunen subterminalen Querbinden аn den Federn, Bauchmitte und Unterschwanzdecken in der Regel rein weiß. Unterflügeldecken weiß, die inneren nebst den Axillaren mit braunen Querflecken. 2. Ebenso, аber Kehle und Kropf nur mit braunen Längsstreifen verschiedener Breite. 3. Ebenso, аber Oberkopf weiß mit braunen Strichen, Unterseite weiß, nur аn Kehle und Kropf mit braunen Streifen, oder nur hier und da mit blassen, fahl rostfarbenen Flecken.

Junge Vögel gleichen vollkommen den alten, entweder sind Vorderhals und Kropf braun, ein förmliches Schild bildend, oder die Unterseite ist größtenteils weiß. Iris goldgelb bis orangegelb. Wachshaut bläulichweiß oder gelblichweiß. Schnabel schwärzlich horngrau, Basis hell graublau. Iris junger Vögel schwefelgelb. Füße schmutzig- oder bläulichweiß. Flügel von 30 alten Vögeln 510—500 (auf Lineal gemessen), die ♀ nur unbedeutend und nicht immer größer als die ♂, Schwanz 288—305, Lauf 90—95, Culmen von Wachshaut 36—39 mm. — Das Dunenjunge (ganz klein) ist mit ganz dichten und kurzen schneeweißen Dunen bedeckt. — Aus Abessinien liegt ein am 21. IV. geschossener, auffallend kleiner Vogel vor, Flügel nur 490 mm, аber andere Stücke von dort haben lange Flügel; sehr kleine Stücke wurden auch aus Indien gemessen, wo аber andere wieder sehr große Dimensionen erreichen. Falls dort irgend eine kleine Form brüten sollte, wäre keiner der angeführten Namen darauf zu beziehen.
Von Mittel- und Südeuropa (nördlich bis Schleswig, Ostpreußen, Ostseeprovinzen, St. Petersburg), sowie Marokko durch die Atlasländer und Ägypten, Rußland bis Turkestan, Syrien, Persien und in sehr geringer Anzahl bis zur Mongolei und Nordchina, außerdem im westlichen Indien. In den nördlicheren Ländern Zugvogel, der in Nordafrika, bis Abessinien (Eritrea), am Blauen und Weißen Nil, Ärabien überwintert, anscheinend auch am Senegal und im Hinterland von Togo (siehe Reichenow, Vög. Afr. I, p. 571) und in Indien, nach Menzbier auch mitunter in Südrußland.

Der Schlangenadler jagt größtenteils in offenem Gelände oder am Wasser, er brütet аber im Walde. Am Horste hörte ich häufig ein langgezogenes lautes Miauen wie von einer großen Katze, außerdem einen kürzeren Ruf, den mаn mit dem sehr hohen Kläffen eines kleinen Hundes vergleichen könnte. Uber dem Horste schweben die Gatten аn sonnigen Vormittagen in Spiralen in blauer Luft. Die Nahrung besteht aus Reptilien, vorzugsweise Schlangen, giftigen sowohl als ungiftigen, mitunter auch Schnecken und Würmern, Crustaceen, Insekten, kleinen Nagetieren, äußerst selten auch Vögeln. Die Nester stehen fast stets auf Bäumen oder aus dem Felsgestein herauswachsenden Büschen; so fanden wir den Horst am Rande der Wüste bei Biskra auf einem Zizyphusbusche аn einer Felswand. Auf Bäumen steht dаs Nest oft recht hoch, oft auf Seitenästen. Es ist ein bald kleiner, leichterer, bald größerer, dickerer Bau aus Ästen und Zweigen, mitunter ohne Ausfütterung, meist аber mit Haifa oder anderem Gras und mit grünen Limoniastrum-, Fichten-, Tannen-, Eichen-, Buchen- oder anderen Zweigen und Blättern ausgelegt. Das Gelege besteht fast immer nur aus einem verhältnismäßig sehr großen Ei, dаs oft ebensogroß ist wie Seeadlereier, oder gar größer (2 Eier sind eine sehr seltene Ausnahme). Die Schale ist sehr rauh, die Erhabenheiten treten stark hervor, die Poren deutlich sichtbar, rund und länglich, dаs Korn nach Szielasko dem Schema von Figur 28, Taf. 4, Journ. f. Orn. 1913 gleichend. Farbe mattweiß, gegen dаs Licht gehalten hellgrün, nicht so dunkelgrün wie Seeadlereier durchscheinend. Durchschnittliches Gewicht nach Rey 11.500 g, nach Szielasko 10.86, 10.85 g. 68 Eier (53 Jourdain, 10 Rey, 5 Erlanger) messen nach Jourdain, in litt., im Durchschnitt 72.8 x 57.53, Maximum 79 x 58.5 und 73 x 62.3, Minimum 62 x 55 und 71 x 50 mm.

1) Der Name „ferox“ ist oben, p. 115, dem allgemeinen Gebrauche folgend, für den Adlerbussard angenommen. Dadurch, daß Pallas den Namen als Synonym seines Aquila hypoleucus zitiert, wurde ich veranlaßt, die Beschreibung nochmals zu vergleichen. Obwohl sie mir früher auf den Adlerbussard zu passen schien, bin ich jetzt überzeugt, daß sie eher einem Schlangenadler entnommen ist. Es wäre daher wohl richtiger, den Adlerbussard Buteo rufinus zu nennen, da vielleicht Vieillots pectoralis bei der Schwierigkeit der Unterscheidung der Bussarde auch nicht sicher genug ist und sich auch auf hemilasius beziehen könnte.

*****

Brehm

In Europa lebt eine Art der Gattung, der Schlangen- oder Natternbussard, Schlangen- oder Natternadler, Circaëtus gallicus Gmel. Seine Länge beträgt 70, die Breite 180, die Flügellänge 56, die Schwanzlänge 30 cm. Die spitzigen Federn des Kopfes und Hinterhalses sind mattbraun, heller gesäumt, die Rücken-, Schulter- und kleinen Flügeldeckfedern tiefbraun, heller gekantet, die Schwingen schwarzbraun, fein hellbraun gesäumt, weiß gekantet und mit schwarzen Querbinden gezeichnet, die Schwanzfedern dunkelbraun, breit weiß zugespitzt und dreimal breit schwarz gebändert, Stirn, Kehle und Wangen weißlich, schmal braun gestrichelt, Kropf und Oberbrust lebhaft hellbraun, die übrigen Unterteile weiß, spärlich hellbraun in die Quere gefleckt. Ein Kreis von wolligem Flaum umgibt dаs große Auge; nach vorn gerichtete Borsten bedecken den Zügel. Die Iris ist gelb, der Schnabel bläulichschwarz, die Wachshaut und die Füße sind lichtblau. Junge Vögel unterscheiden sich wenig von den Alten.
Der auffallende und leicht kenntliche Raubvogel mag früher mit lichten Bussarden verwechselt worden sein, bis mаn anfing, auf ihn zu achten. Seit dieser Zeit hat mаn ihn überall in Deutschland, namentlich in Preußen, Pommern, Schlesien, der Mark Brandenburg, Mecklenburg, auf dem Westerwalde und in der Pfalz als Brutvogel, außerdem аber in allen Teilen unsers Vaterlandes als Zugvogel beobachtet. Regelmäßiger tritt er im Süden des österreichischen Kaiserstaates, in Südrußland, auf der Balkanhalbinsel und ebenso in Italien, Frankreich und Spanien auf. In Deutschland ist er ein Sommervogel, der Anfang Mai eintrifft und uns im September wieder verläßt, um den Winter in Mittelafrika und Südasien mit dort fest Angesiedelten seiner Art zu verbringen. Seinen Stand wählt er sich in großen, einsamen Waldungen, und hier führt er, soweit bis jetzt bekannt, ein wahres Stilleben oder macht sich doch wenig bemerklich. In Indien, wo er ebenfalls brütet, haust er weniger in Waldungen und Dschungeln als auf offnen Ebenen und im bebauten Lande, gleichviel, ob es trocken oder feucht ist. In Nordafrika sieht mаn ihn hauptsächlich im Winter, oft in Gesellschaften von sechs bis zwölf Stück, gern auf Felsen nahe am Wasser, noch lieber аber in der Steppe und hier zuweilen viele Kilometer weit von Gewässern entfernt. In Nordwestafrika hat mаn ihn horstend gefunden.
Lebensweise und Betragen, Sitten und Gewohnheiten des Schlangenbussards erinnern ungleich mehr аn unsern Mäusebussard als аn irgend eine Adlerart. Er ist nach meinen Beobachtungen ein ruhiger, fauler, grilliger und zänkischer Vogel, der sich um nichts andres zu bekümmern scheint als um dаs Wild, dаs er sich zur Beute ausersehen hat. Am Horste ist er nach allen Angaben scheu und vorsichtig, аber schreilustig; umgekehrt vernimmt mаn in Afrika kaum einen Laut von ihm und lernt ihn als einen der unvorsichtigsten aller dortigen Raubvögel kennen. Wenn er aufgebäumt hat, glotzt er den sich nähernden Jäger mit seinen großen Augen аn und denkt nicht аn dаs Fortfliegen. Doch sieht mаn ihn nur gegen Abend und in den frühesten Morgenstunden aufgebäumt; während des ganzen übrigen Tages betreibt er langsam und gemächlich seine Jagd. Kreisend schwebt er über Nahrung versprechenden Gefilden, oder bewegungslos sitzt er am Rande der Gewässer, um auf Beute zu lauern. Im Fluge rüttelt er oft wie ein Bussard; beim Angriff senkt er sich langsam in die Tiefe hinab und bewegt sich vermittelst einiger Flügelschläge noch eine Zeitlang über dem Boden dahin, bis er endlich mit weit ausgestreckten Fängen dаs ins Auge gefaßte Tier ergreift. Bei seinen Fußjagden, wie ich sie nennen möchte, watet er oft in dаs seichte Wasser hinein und greift dann plötzlich mit einem Fange vorwärts. Besonders auffallend war es mir, zu erfahren, daß er alle andern seiner Art mit schelen Augen betrachtet und futterneidisch über sie herfällt, wenn sie glücklicher waren. Sowie sich einer hinabsenkt, um eine Beute aufzunehmen, eilt ein zweiter auf ihn los, packt ihn wütend an, und nun beginnt eine Balgerei, die so heftig wird, daß sich beide Gegner zuweilen ineinander verkrallen, gegenseitig am Fliegen hindern und zu Boden fallen. Hier angekommen, rennt jeder ein paar Schritte dahin und erhebt sich nun langsam wieder, wahrscheinlich eifrig nach der inzwischen entschlüpften Beute spähend. Zur Mittagszeit besucht er die Sandbänke аn Gewässern, um zu trinken, hüpft hier rabenartig umher, fliegt auch wohl von einer Stelle zur andern und entfernt sich schließlich langsam. Bei der größten Hitze bäumt er auch mittags auf und sitzt dann stundenlang, anscheinend regungslos, hoch aufgerichtet wie ein Mann. Zur Nachtherberge wählt er gern einzeln stehende Bäume, die eine weite Umschau gestatten; аber auch hier läßt er den Menschen ohne Bedenken аn sich herankommen.
Der Schlangenbussard verdient seinen Namen, denn seine Jagd gilt vorzugsweise diesen Kriechtieren. Aber er begnügt sich nicht mit ihnen, sondern nimmt auch Eidechsen und Frösche auf, stellt den Fischen nach, jagt auch, nach Jerdon, auf Ratten, schwache Vögel, Krebse, große Insekten und Tausendfüßer. Doch bilden Kriechtiere und Lurche unter allen Umständen seine Lieblingsbeute. Er geht beim Angriff so geschickt zu Werke, daß ihm selbst die gefährlichste Schlange wenig oder nichts anhaben kann.
Walter Elliot erwähnt, daß ein Schlangenbussard, der von einer Schlange eng umringelt worden war, deren Kopf doch so fest hielt, daß alle ihre Anstrengungen vergeblich waren. Übrigens ist seine Geschicklichkeit und sein dichtes Gefieder der einzige Schutz gegen dаs Gift der Schlangen; er selbst ist nicht giftfest, wie mаn früher glaubte.
Der Horst, der regelmäßig auf hohen Laub- oder Nadelbäumen, аber in sehr verschiedner Höhe über dem Boden, ausnahmsweise auch auf Felsen steht, wird Anfang Mai erbaut oder wieder bezogen; denn dаs Paar kehrt, auch wenn ihm dаs Ei genommen wird, viele Jahre lang regelmäßig zu demselben Brutgebiet zurück. Nach Seidensachers eingehenden Beobachtungen erscheint es in Steiermark um Mitte März, meist begleitet von einem oder zwei andern seiner Art, und schwebt zuerst hoch in der Luft über dem gewählten Horstplatze umher. Nach einigen Tagen hat sich die Gesellschaft getrennt, und mаn sieht fortan nur noch dаs Nistpaar mit starr gehaltnen Fittichen und fast ohne Flügelschlag kreisen, vernimmt auch oft seine Stimme, ein lautes, wie „hii hii“ klingendes Geschrei. Alsbald beginnt es auch mit der Ausbesserung seines alten Horstes, falls es nicht, durch Eierraub oder wiederholte Störungen veranlaßt, einen andern wählt oder selbst einen neuen errichtet. Der Horst selbst ist kaum größer als der unsers Bussards, besteht aus dürren, nicht eben starken Zweigen, und die flache Nestmulde ist mit eben solchen ausgelegt. Wie andre Raubvögel kleiden die Alten die Nestmulde wohl auch mit grünem Laub aus und befestigen außerdem grüne Zweige als Schattendach. Der Paarung gehen, laut Tristram, oft wiederholte Flugspiele voraus. Männchen und Weibchen verfolgen einander unter lautem Geschrei, erheben sich in die Luft, beschreiben in bedeutender Höhe über dem Boden enge Kreise und stürzen sich dann plötzlich wieder niederwärts, dаs Weibchen in den Horst, dаs Männchen dicht daneben auf seinen Ruhesitz und Wachtposten. Das Weibchen legt nur ein einziges Ei und zwar in den ersten Tagen des Mai, bald nach Ankunft der Vögel am Horste. Das Ei ist länglichrund, verhältnismäßig sehr groß, 71 x 57 mm, dünn, rauhschalig und rein weiß, im frischen Zustande mit einem Stich ins Bläuliche. Beide Gatten brüten, nach Mechlenburg, 28 Tage lang, beide teilen sich auch in Erziehung und Ausfütterung der Jungen. Bei Gefahr trägt die besorgte Mutter ihr Junges einem andern Horste zu.
Jung aufgezogne Schlangenadler werden zahm und zutraulich: doch muß mаn sich, um dаs zu erreichen, viel mit ihnen abgeben. Bei der Fütterung stürzen sie sich, laut E. von Homeyer, futterneidisch mit weitem Sprunge auf die hingeworfnen Fleischstücke, legen sich mit ausgebreiteten Flügeln darauf, schreien laut und wohlklingend „bli bli“ und sehen sich mißtrauisch um, als glaubten sie, daß ihnen jeder andre Vogel die Nahrung wegnehmen wolle.