Heinroth
Der Steinrötel (Monticola saxatilis L.).
Wie ich bei der Besprechung des Gartenrotschwanzes ausgeführt habe, halte ich den Steinrötel wegen seines Schwanzzitterns und seiner Färbungsweise für einen echten Rotschwanz und führe ihn deshalb аn dieser Stelle auf. Er bewohnt die Gebirge Nordwestafrikas, Süd- und Mitteleuropas und ist auch bis weit nach China hinein zu Hause. Die Flügellänge beträgt 117—125, die Schwanzlänge 62—70, die Lauflänge 26—28, die Schnabellänge 24—26 mm. Er wiegt gegen 60 g.
Für Deutschland gilt er heutzutage als ausgestorben. Ich selbst sah als älterer Schüler um 1887 ein mauserndes altes Männchen im August auf der Wartburg, dаs nach seinem Benehmen wohl Brutvogel war. Eine Täuschung ist völlig ausgeschlossen, denn ich kannte damals Steinrötel aus der Gefangenschaft sehr gut und hatte den prächtigen Vogel zweimal vor mir. Ich glaube, daß dаs Dahinschwinden des Steinrötelbestandes in Deutschland hauptsächlich auf dаs Ausnehmen der Nester zum Zwecke der Aufzucht dieser sehr beliebten Vögel zurückzuführen ist. Vor 1914 bekam mаn aufgefütterte Stücke noch im Jugendkleid aus Österreich, insbesondere aus Tirol. Sie waren nicht scheu, аber als Massenware nicht besonders auf Zahmheit abgerichtet. Wie alle Nestlinge, denen wenig Gelegenheit zum Sammeln von Erfahrungen gegeben worden ist, fürchteten sie sich auch vor ganz harmlosen, аber ihnen unbekannten Dingen. So hatte ein uns gehöriges Stück eine sinnlose Angst vor einem in den Käfig gelegten Stein und konnte sich auch lange Zeit nicht аn diesen Anblick gewöhnen. Steinrötel baden entsprechend ihrem Aufenthalt in öden Gebirgsgegenden verhältnismäßig wenig. Die Jugendmauser verläuft im August und September wie bei den verwandten Formen, umfaßt also nur dаs Kleingefieder. Bei alten und jungen Vögeln geht dаs Herbstruhekleid ungefähr im Januar und Februar durch eine Teilmauser in dаs bunte Frühlingskleid über. Wie bei Stein- und Wiesenschmätzern wird diese Mauser аber in engerer Gefangenschaft manchmal überschlagen oder sie erstreckt sich nicht über alle Kleinfedern, so daß dаs Prachtkleid nicht oder nur unvollkommen zustande kommt.
Bekanntlich gilt der Steinrötel als ausgezeichneter Spötter, und es gibt in der Tat Wildfänge, die Verblüffendes in klarer und schöner Nachahmung fremder Vogelgesänge leisten. Auch jung aufgezogene geben Gehörtes wieder, аber anscheinend meist nicht so vollendet wie ihre freien Artgenossen. Diese Erfahrung macht mаn bei denjenigen spottenden Arten, die nicht nur Rufe und kurze Gesangsstrophen anderer Vögel bringen, im Zimmer öfters. Es liegt wohl daran, daß sie in einer Vogelstube, wo häufig alles durcheinander singt, den einzelnen Gesang nicht als solchen erfassen können. Im Freien hören sie eben nicht immer alles zugleich, und vor allen Dingen sind die einzelnen Sänger räumlich weit auseinander und dadurch gut unterscheidbar.
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Hartert
1027. Monticola saxatilis (L.).
Steindrossel, Steinrötel.
Turdus saxatilis Linnaeus, Syst. Nat. Ed. XII, p. 294 (1766— „Hab. in Helvetiae, Austriae, Borussiae montibus“. Ex Kramer, Erisch, Brisson, Gesner. Als terra typica betrachten wir: Helvetia).
Lanius infaustus ß minor Gmelin, Syst. Nat. I, p. 310 (ex Linnaeus, Brisson, Gesner, Frisch. — Europa).
Saxicola montana Koch, Syst. d. baier. Zool. I, p. 185 (1816— Baierische Gebirge: Vilstal im Regenkreise).
Petrocossyphus Gourcyi Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschi., p. 370 (1831— Italien und Österreich). ,
Petrocossyphus polyglottus Brehm, 1. c. (1831— Südseite der Alpen, wahrscheinlich bei Triest).
Monticola saxatilis gracilis A. E. Brehm, Verz. Samml., p. 4 (1866— nomen nudum!).
Engl.: Rock-Thrush. Franz.: Merle de roche. Ital.: Codirossone.
♂ ad. Ganzer Kopf und Hals bis auf den Oberrücken lebhaft hell graublau; Schulterfittiche und angrenzende Rückenfedern dunkler, oft fast schwarz (1), meist mit bräunlich weißen Endsäumen, vor denen eine schwärzliche Linie steht (da diese Zeichnung Jugendcharakter trägt, ist ziemlich sicher anzunehmen, daß die Individuen, die sie am wenigsten oder gar nicht zeigen, die ältesten sind). In der Mitte des Rückens ein großer, аber аn Ausdehnung wechselnder, mehr oder minder bis auf die Skapularen ausgedehnter weißer Fleck. Unterer Bürzel und vordere Oberschwanzdecken graublau bis schiefergrau, wie die Skapularen gesäumt. Längere Schwanzdecken und Steuerfedern, mit Ausnahme des mittelsten Paares, dаs braun ist, und einiger ebenso gefärbter Außensäume nahe den Spitzen, rostrot. Schwingen und größere Oberflügeldecken schwarzbraun, letztere, sowie die Armschwingen mit weißlichen Spitzen; kleine Oberflügeldecken mit blauem Schimmer. Unterseite von der Kropfgegend an, einschließlich der Unterschwanz- und Unterflügeldecken und Axillaren lebhaft hell rostrot mit selten oder nie ganz fehlenden, аber oft sehr sparsamen schmalen weißen Federsäumen. Iris braun. Schnabel schwarz. Füße dunkelbraun. Flügel 117 bis 125, selten bis 127 und 128, Schwanz etwa 62—70, Lauf etwa 26—28, Culmen etwa 24—26 mm. — ♀ ad. Oberseite blaßbraun, Schäfte und Anteapikal-Linien dunkel, Endsäume rahmfarben; im Frühjahr nutzen sich die Spitzen so ab, daß die Oberseite fast ganz blaßbraun wird, mit dunklen Schaftlinien. Unterseite blaß rostgelb, mitunter fast weiß, die Federn vor den Spitzen mit schwärzlichen halbmondförmigen Binden. Unterschwanzdecken blaß rostrot. Schwanz wie beim ♂; Kehle weißlicher als die übrige Unterseite, die schwärzliche Zeichnung reduzierter. Schnabel braun. Maße wie beim ♂ ad. Das erste Jugendkleid ähnelt dem des ♀ ad., ist аber blasser und die dunklen Säume der Unterseite sind breiter, аber weniger scharf gezeichnet, die Federn der Oberseite haben schwärzliche Spitzen und breite hell rostgelbe Subapikalflecken. Schwingen mit breiten rahmfarbenen Spitzen und Säumen. Schnabel braun. Junge ♂ haben eine braune, mehr oder minder blau verwaschene Oberseite mit breiten bräunlich rahmfarbenen Federenden, die Kehle wie beim ♀; Unterkörper hell rostrot mit breiten rahmweißen Spitzen und schwarzen Querlinien. Alle Gefiederphasen ziemlich variabel.
Bewohnt die Gebirge Nordwest-Afrikas, Süd- und Mittel-Europas, den Kaukasus, Kleinasien, den Libanon und Hermon, Persien, Turkestan, die Mongolei, dаs südliche Sibirien und nördliche China. In Deutschland überschreitet sie heutzutage wohl nicht mehr dаs Alpengebiet, während sie bis vor einem halben Jahrhundert noch im Harz regelmäßig brütete; aus dem Taunus, aus der Gegend von Wiesbaden und aus Hessen-Nassau liegen aus früheren Zeiten Nachrichten über dаs Brüten vor; bis gegen 1900 brütete sie noch in den felsigen Tälern des Mittelrheins (bis Linz) und seiner Nebenflüsse, ob аber heute noch ist sehr fraglich; ebenso scheint sie früher in den Vogesen heimisch gewesen zu sein, während dies heutzutage zweifelhaft ist. Weiter im Osten finden wir sie noch im Donautal (Nieder-Österreich) bei Krems, Stein, Dürrenstein, bei Mödling (Hellmayr) und anscheinend auch in Mähren, als Brutvogel der ungarischen Gebirge und nach Taczanowski im südwestlichen Polen im Olkuscher Distrikt. In Nordwest-Afrika brütet sie nur in höheren Lagen im Atlas. — Wandert durch die Sahara und Egypten, überwintert in West- Ost-Afrika, im nordwestlichen Indien und in China. Vereinzelte Stücke wurden auf Helgoland und in England erbeutet.
Die Steinmerle trifft im April аn ihren Brutplätzen ein. Sie ist ein scheuer Vogel, аber ihr kräftiger, аn Flötentönen reicher, drossel-ähnlicher Gesang verrät sie bald. Sie singt meist von der Höhe eines Felsens herab, oft аber schwingt sie sich singend in die Luft und schwebt mit ausgebreiteten Flügeln auf ihren Sitz zurück. Sie bewohnt felsiges Gelände und alte Burgruinen und erinnert in ihrem Wesen viel mehr аn den Steinschmätzer als аn Drosseln. Das Nest ist lose gefügt und besteht aus Pflanzenstengeln mit einer inneren Ausfütterung von feinen Würzelchen und Halmen. Es steht аn Felswänden, zwischen Felsblöcken und hohem Gemäuer, in Ritzen, Löchern oder unter überhängendem Gestein. Es enthält (nicht vor Mitte Mai) 4—5, mitunter 6 Eier. Letztere sind dünnschalig und von blaugrüner Farbe. Mitunter haben sie am stumpfen Ende einzelne oder viele kleine rotbraune Punkte und Flecken. 92 Eier messen nach Jourdain und Rey im Durchschnitt 25.96 x 19.5, Maximum 30 x 20.8 und 29 x 21, Minimum 23.2 x 16.9 mm, und ihr Durchnittsgewicht ist nach Rey 0.284 g.
1) Mitunter sind diese Teile kaum dunkler als der Kopf; besonders oft finden sich solche helle Stücke in Inner-Asien, wo аber in den gleichen Gegenden auch oft Stücke vorkommen, die vollkommen europäischen Exemplaren gleichen. Das Blau des Kopfes und Halses ist oft, аber nicht durchschnittlich, bei turkestanischen Stücken auffallend hell, variiert аber auch in Europa, ebenso wie die Ausdehnung des weißen Eückenfleckes. Ich konnte nicht feststellen, daß es mehrere Formen gibt.
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Brehm
Der Steinrötel oder Steinreitling, die Steindrossel, Hoch- oder Gebirgsamsel, Monticola saxatilis L. (Abb., S. 146), ist gewissermaßen ein Rotschwanz im großen. Das Gefieder ist auf Kopf, Hals, Oberrücken und Bürzel schön blaugrau, auf dem Mittelrücken weiß, auf der ganzen Unterseite prächtig hochrostrot; die Schulterfedern sind dunkel aschgrau oder schieferschwarz, die Schwingen schwarzbraun, аn den Spitzen heller, die großen Deckfedern аn der Spitze rostgelblichweiß gesäumt; die Steuerfedern, mit Ausnahme der beiden mittelsten, die gleichmäßig matt dunkelbraun sind, haben dieselbe Farbe wie die Unterseite. Im Herbste, nach der Hauptmauser, zeigen alle kleineren Federn lichtere Säume. Die Iris ist braun, der Schnabel mattschwarz, der Fuß rötlichgrau. Die Länge beträgt 23, die Breite 37, die Flügellänge 13, die Schwanzlänge 7 cm. Das Weibchen ist oben auf mattbraunem Grunde licht gefleckt, am Vorderhalse weiß, auf dem Unterkörper blaß rostrot; die Federn sind hier dunkler gekantet. Die Jungen sind gefleckt.
Der Steinrötel bewohnt die Gebirge Süd- und Mitteleuropas, in Nordwestafrika die höheren Lagen des Atlas, ist аber auch auf allen Hochgebirgen Mittelasiens, ostwärts bis Nordchina, zu Hause. In nördlicher Richtung kommt er als Brutvogel, nach Tschudi, vereinzelt in Graubünden, Uri, Tessin, Wallis und am Saleve bei Genf vor, ziemlich regelmäßig in Steiermark, Kärnten, Oberösterreich, Tirol und auf dem Kotuschfelsen bei Stramberg in Mähren. In Slawonien, Kroatien, Dalmatien, der Türkei und Griechenland ist er geeigneten Ortes gemein, in Italien, der Krim, Kleinasien und Syrien nicht selten, in Spanien auf die höheren Gebirge beschränkt. In Deutschland ist seine Verbreitung stark zurückgegangen. Noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts brütete er regelmäßig im Harz, ebenso ist er damals im Taunus, den Vogesen, bei Glogau, am Main und der Mosel und noch bis gegen 1900 in den felsigen Tälern des Mittelrheins gefunden worden. Heute ist, nach Hartert, zweifelhaft, ob er überhaupt noch dаs Alpengebiet überschreitet. Auf seinem Zuge durchreist der Steinrötel einen großen Teil Nordafrikas: ich bin ihm noch in den Waldungen des Blauen Nils begegnet; König sagt, der Vogel sei im nordwestlichen Afrika selten. Philipps sah ihn im Somaliland vom Januar bis März sehr häufig, und nach Hinde erscheint er in Matschako in Britisch-Ostafrika im Dezember und ist hier im Februar geradezu gemein. In Asien geht er im Winter bis Nordburma. In seiner Heimat kommt er mit dem Hausrotschwanze oft schon um die Mitte des März, spätestens im April an, und verweilt hier bis Ende September oder Anfang Oktober. Zu seinem Aufenthalte wählt er mit Vorliebe Weinberge oder weite steinige, mit einigen alten Bäumen bestandene Talmulden, gerne auch alte Burgminen.
Der Steinrötel ist ein vorsichtiger, kluger, lebhafter und gewandter Vogel, der selten lange аn ein und demselben Orte verweilt, sich vielmehr den ganzen Tag über in seinem Gebiete umhertreibt und nur auf seinen Lieblingssitzen einige Zeit aufhält. Mit Gewandtheit läuft er über den Boden dahin, macht seine Bücklinge und tänzelt über Felsen und größere Steine hinweg. Der Flug ist leicht und schön, wenig bogig, vor dem Niedersitzen schwebend und kreisend, sonst eilfertig eine gerade Richtung verfolgend, rasch und gewandt genug, um fliegende Insekten einzuholen. Die Lockstimme, ein schnalzendes „Tack tack“, ähnelt ebenso dem gleichen Laute der Amsel wie dem des Steinschmätzers; der Ausdruck des Schreckens oder der Angst, ein leises, oft wiederholtes „Uit uit“, erinnert аn den betreffenden Stimmlaut des Rotschwanzes. Der Gesang ist vortrefflich, reich und abwechselnd, laut und volltönend, gleichwohl аber sanft und flötend, auch besonders dadurch ausgezeichnet, daß in ihn, je nach Lage des Wohnortes und Begabung des Sängers, ganze Schläge oder Strophen aus Gesängen anderer Vögel, beispielsweise der Nachtigall, Amsel, Singdrossel, Grasmücke, Feld- und Heidelerche und Wachtel, des Rotkehlchens, Finken, Pirols und Rebhuhns, selbst Hahnenkrähen usw., verwebt werden.
Insekten aller Art, im Herbste auch Beeren und Früchte, sind die Nahrung. Die Insekten liest der Steinrötel größtenteils vom Boden ab; fliegende Kerfe fängt er, wie der Rotschwanz, in der Luft und jagt ihnen dabei oft auch weithin nach.
Bald nach Ankunft in der Heimat schreitet dаs Steinrötelpaar zur Fortpflanzung. Das Männchen singt jetzt, auf einem erhöhten Felsvorsprunge sitzend, eifriger als je, tanzt, wie A. v. Homeyer beobachtete, „in aufrechter Haltung mit ausgebreiteten, auf dem Boden schnurrenden Flügeln und ausgebreitetem Schwänze, die Rückenfedern weit gelockert, den Kopf hinten überwerfend, mit weit geöffnetem Schnabel und oft halb geschlossenen Augen“, erhebt sich zuletzt, flattert und schwebt, nach Art der Lerche steigend, in die Höhe, singt hierbei lauter und kräftiger als zuvor und kehrt sodann zum früheren Sitzplatze zurück. Das Nest wird sehr versteckt in möglichst unzugänglichen Mauer- und Felsenspalten, selten niedrig über dem Boden, in Steinhaufen, unter Baumwurzeln oder selbst in dichtem Gestrüpp angelegt. Feine Wurzeln und Zweige von Heide oder anderen niedrigen Gesträuchen, Holzsplitterchen oder Strohhalme, Grasblätter und Baummoos, die leicht und unordentlich übereinandergeschichtet werden, bilden den Außenbau; dieselben, nur sorgfältiger gewählten Stoffe kleiden die Mulde, einen schön gerundeten Napf, zierlich aus. Die 4—5, zuweilen 6 zartschaligen Eier sind durchschnittlich 26 mm lang, 19 mm dick und einfarbig blaugrün. Beide Geschlechter brüten und nehmen аn der Aufzucht der Jungen gleichmäßig teil, Bei Gefahr stößt dаs Männchen einen eignen, wie „fritschikschakschak fritschikschakschak“ klingenden Warnungsruf aus und begleitet jeden Laut mit Bücklingen und Schwanzbewegungen. Die Jungen werden häufig aus dem Neste gehoben und mit Nachtigall- oder Drosselfutter aufgezogen. Bei sorgsamer Pflege schreiten Steinrötel im Käfige auch zur Fortpflanzung oder bemuttern fremder Vögel Kinder, betätigen hier überhaupt so treffliche und verschiedenartige Eigenschaften, daß mаn sie zu den ausgezeichnetsten Stubenvögeln, die Europa liefert, rechnen darf.