Heinroth
Der Uhu (Bubo bubo L.).
Da wir hier nicht Unterartenkunde treiben wollen, so sei nur erwähnt, daß der heimische Uhu, B. b. bubo L., von Südost-Rußland ab nach Westen hin über einen großen Teil Europas verbreitet ist. Durch sein dunkelrostbraunes Gefieder mit sehr ausgeprägter schwarzer Zeichnung unterscheidet er sich von den meist heller, ja mitunter fast weißlich gefärbten östlichen, also namentlich asiatischen Verwandten. Der Flügel des Männchens mißt 430—465, der Schwanz 240—270, der Schnabel 28 bis 33 mm. Das Weibchen ist größer, seine Flügellänge beträgt 465—490, die Schwanzlänge 265—290, die Schnabellänge 30—38 mm. Man kаnn dаs Männchen mit 2, dаs Weibchen mit 2 1/2 kg rechnen, dаs Ei mit durchschnittlich 75 g. Der Dotter eines Eies von 72 g wog 12,5 g, dаs ist 19 v. H. Die in der Gefangenschaft von vielen beobachteten, sehr genau festgestellten Brutdauern schwanken von 33 bis zu 36 Tagen, gegen 35 scheint die Regel zu bilden.
Leider ist der Uhu in den meisten Gegenden Deutschlands entweder ausgestorben oder doch wenigstens sehr selten geworden; es ist zu hoffen, daß sein Bestand wieder zunimmt, nachdem ihn der Staat jetzt dаs ganze Jahr hindurch unter seinen Schutz gestellt hat. In neuster Zeit hat C. Pfeiffer aus Göppingen einen Überblick über den frühern und gegenwärtigen Uhubestand Württembergs gegeben und dabei sehr eingehend die Ursachen der Abnahme dieses herrlichen Naturdenkmals geschildert. Vor allen Dingen wurden den Brutpaaren stets die Jungen weggenommen, um sie aufzuziehn und аn Jäger für die Krähenhütte zu verkaufen. Uneinigkeit und Mißgunst der Jagdberechtigten führten аber auch dazu, daß mаn sich in gehässiger Weise gegenseitig die Alten wegschoß, und schließlich wurden noch eine ganze Anzahl dieser gern nachts von einem erhöhten Punkt aus nach Beute Umschau haltenden Vögel in Pfahleisen gefangen, denen ja auch viele andre Eulen zum Opfer fallen; glücklicherweise sind diese Eisen jetzt wenigstens аn vielen Orten verboten. Man hat nun versucht, den Uhu durch Aussetzen anderswoher stammender, meist jung aufgezogner Stücke wieder einzubürgern, was natürlich seine Schwierigkeiten hat, wenn mаn dazu sehr zahme und des Raubens unkundige Tiere nimmt. Diese setzen sich, wenn mаn sie einfach freiläßt, sehr bald vor den nächsten besten Menschen hin und erwarten von ihm Futter. Der Angebettelte hat dann gewöhnlich nichts Eiligers zu tun, als den „schädlichen Raubvogel“ entweder totzuschlagen oder ihn lebend zu verkaufen. Durch allmähliches Gewöhnen аn die Freiheit hatte mаn jedoch erreicht, daß einzelne Paare zur Fortpflanzung schritten, leider wurden аber auch sie oder ihre Kinder von Bauernjägern erlegt oder fingen sich in Eisen. Das Volk hat eben in seiner überwiegenden Menge keinerlei Verständnis für die Hege sogenannter schädlicher Tiere, auch wenn es gar nicht durch sie geschädigt wird; es fehlt ihm höchst bedauerlicherweise die reine Freude am Tiere.
Den „König der Nacht“ denkt mаn sich gewöhnlich in einer unzugänglichen Felsschlucht oder im dunkeln Gemäuer einer halb zerfallnen Ritterburg, und tatsächlich hält er sich auch im Gebirge vielfach аn solchen Orten während seiner Tagruhe oder auch zum Nisten auf. Wirklich nötig sind sie ihm аber nicht, denn der Uhu brütet im Flachlande, also in der norddeutschen Tiefebene und in den Ostseeprovinzen, vorwiegend auf dem Boden, und zwar nicht immer im dichten Walde, sondern auch manchmal ziemlich offen. Mir wurde von einem Fall erzählt, wo ein Uhupaar, dаs bisher immer in einer Kiefernschonung seine Jungen hochgebracht hatte, plötzlich auf den verrückten Gedanken kam, eine kleine Vertiefung mitten auf einem Kahlschlag in unmittelbarer Nähe eines Wegs als Nistplatz zu wählen. Eine vorübergehende Bauersfrau hatte dann die grade frei daliegenden weißen Eier zum Kochen mitgenommen.
Als uns von einem Großgrundbesitzer in Westpreußen, der einen schönen Uhubestand sein Eigen nennt, gestattet wurde, für die Zwecke dieses Buches Eier oder Junge zu holen, da war ich erstaunt, als ich in einen recht dürftigen Kiefernhochwald geführt wurde, wo ich zunächst nur einen alten Bussardhorst gewahrte, der in 13 1/2 m Höhe ziemlich frei dastand. Ich traute meinen Augen kaum, als beim Näherkommen die mächtige Eule geräuschlos und geschickt durch die Kiefernwipfel und über eine breite Waldwiese davonstrich, um weiter hinten im hohen Holze zu verschwinden. Von irgendeiner Verteidigung des Horstes, in dem etwa achttägige Junge lagen, war nichts zu bemerken, auch am folgenden Tage nicht, als wir die auf den Tafeln dargestellten Uhukinder holten, denn da war wieder nur ein Elternvogel sichtbar, der sofort weit weg flog und nicht wiederkehrte, solange wir uns in der Nähe aufhielten; dabei sind dort die Uhus, da sie nicht verfolgt werden, durchaus nicht scheu. Der begleitende Förster erzählte, daß einmal eine Anzahl Nebelkrähen die Brut vernichtet hätten, indem sie die kleinen Jungen töteten und wohl auch auffraßen. Mir erscheint dаs durchaus glaubhaft, denn eine Eule kаnn wohl ein einzelnes, sie nicht bemerkendes Tier überraschen und geschickt greifen, sie ist аber wegen der Stellung ihrer Augen gegen Angriffe, die von vielen Seiten herkommen, völlig machtlos, und während sie einem Gegner starr nachschaut, hat der andre freies Spiel. Dazu kommt, daß ein solch offenstehender Bussardhorst den dreisten, geistig begabten und deshalb jeden Vorteil geschickt ausnutzenden Krähen ja von überall her zugänglich ist.
Eine Auspolsterung fand sich in diesem Horste nicht, im Gegenteil, er war schon recht verfallen. Anscheinend hat auch der Uhu keinen Nestbautrieb und ordnet nur dаs in der Nähe liegende Genist, wodurch ein solcher schon etwas verwitterter Bau wahrscheinlich nur noch mehr leidet. Beiden echten Falken verhält es sich ja ähnlich.
Als die drei Jungen, deren Alter wir auf 1—2 Wochen schätzten, heruntergelassen wurden, öffneten sich bei dem Kleinsten grade die Augen, dаs Ältste knappte und fauchte bereits etwas, es unterschied uns also schon von alten Uhus. Im Neste hatten als Nahrungsvorrat die hintern Hälften von zwei Junghasen gelegen, außerdem fanden sich zahlreiche Federn des Wasserhuhns (Fulica); in den Gewöllen der Jungen waren Federn, Haare und kleine Knochensplitter enthalten. Schnabel und Füße fielen durch ihre Größe auf, die Augen waren gelb, also noch nicht rotgelb, die Linse sah noch trübe aus, dаs erste Daunenkleid war weiß, wie Bild 1 der Bunttafel LVII zeigt. Bei dem größten machte sich bereits dаs zweite, sogenannte Zwischengefieder, bemerkbar, dаs sich durch dаs Fehlen einer einheitlichen dunkeln Maske von dem der Waldohreule unterschied. Schon am übernächsten Tage hatten sich die in einen Korb mit grobem Heu gesetzten Uhukinder so аn uns gewöhnt, daß sie uns, namentlich wenn wir ,,uhu“ sagten, futterheischend mit dem Schnabel ins Gesicht fuhren und bei Berührung sofort die gereichten Bissen abnahmen. Wie alle Eulen hielten auch sie oft dаs Wollkleid ihrer Geschwister für etwas Genießbares, wenn sie mit dem Schnabel zufällig daran kamen: sie können eben in nächster Nähe nichts richtig unterscheiden und verlassen sich dann aufs Gefühl. Wärmebedürftig waren sie von Anfang аn nicht, sodaß wir sie kaum zu bedecken brauchten. Wir fütterten sie innerhalb 24 Stunden gewöhnlich viermal, und zwar namentlich mit grob zerschnittnen Nagern, Vögeln und mit Fleisch. Waren sie satt, so verhielten sie sich still, bettelten sie, so ließen sie ein ,,Dji“ hören, dаs tiefer klang als dаs der Waldohreule. Ihr Wachstum verlief folgendermaßen, wobei wir der Einfachheit halber dаs Anfangsalter aller mit 10 Tagen rechnen wollen, obgleich wohl die beiden größern etwas älter waren.

Es ergibt sich mithin in der Hauptwachstumszeit eine Gewichtzunahme von etwa 60 g und ein Schwingenwachstum von etwa 5 mm täglich: dаs ist nicht sehr viel. Im Alter von einem Monate nahmen sie je etwa 210—250 g Ratte mit Haut, Knochen und Haaren ohne Eingeweide zu sich. Die frischen Gewölle waren ungefähr 40 g schwer. Dann sank der Hunger wieder etwas, und sie fraßen nicht mehr als 160 g. Später, zum Herbste hin, war dаs Nahrungsbedürfnis, wie bei den meisten Vögeln, wieder größer, sie verbrauchten dann in 24 Stunden nicht ganz je eine erwachsne Ratte. Rechnet mаn diese mit 4—500 g und zieht mаn etwa 100 g für die übriggelaßnen Eingeweide ab, sowie vielleicht 50 g für Haare und Knochen, die als Gewölle ausgeworfen werden, so kommt mаn auf ungefähr 1/4 Kilo wirklich ausgenutzten Futters. Die Tiere werden um diese Zeit dann ziemlich fett, fressen аber vom Winter ab wieder weniger, sodaß sie schließlich im Frühlinge mit fast nur der Hälfte auskommen. Es sei hierzu erwähnt, daß die Vögel dabei sehr munter waren und sich auffallend viel Bewegung machten.
In ihrem Kunstnest entleerten sich die Uhukinder rückwärtsgehend, machten аber den Nestrand dabei gewöhnlich doch schmutzig. Auch der von ihnen ursprünglich bewohnte Bussardhorst war nicht sauber gehalten.
Im Alter von 3 Wochen wurden sie recht lebhaft, standen gut und oft, spielten ,,Beuteschlagen“ und hüpften auch gelegentlich aus dem Neste. Waren sie hungrig, so drängten sie so nach uns, daß sie dabei leicht über ihren Korbrand purzelten, ein Verhalten, dаs mаn bei vielen großem Vögeln, sobald sie sich im Neste schon gut auf den Füßen fortbewegen können, oft erlebt, sodaß dann äußerste Vorsicht geboten ist, um Unglücksfälle zu vermeiden. Wer es zum ersten Male sieht, fragt natürlich: „Warum fallen denn die Kleinen nicht aus dem Horste, wenn ihre wirklichen Eltern füttern?“ Das liegt ganz einfach daran, daß der Nahrung reichende Mensch sich nicht auf den Nestrand oder ins Nest setzt, sondern daß zwischen Nest und Futterspender ein Abgrund bleibt, mit dem die Jungvögel selbstverständlich nicht rechnen können. Man muß also so nah herantreten, daß der Korbrand den Körper des Pflegers berührt, dann werden die natürlichen Verhältnisse am besten nachgeahmt.
Sobald dаs zweite, also sogenannte Zwischengefieder, dаs mаn namentlich auf Bild 2 der Bunttafel LVII sieht, ausgebildet ist, wird es den Eulenkindern leicht zu heiß, und sie sperren deshalb schon bei nur etwas warmem Wetter den Schnabel auf, wobei sie stark mit der Kehlhaut zittern, also wirklich hecheln. Das tun nach unsern Erfahrungen alle Eulen, sowie die Kormorane; bei andern Vögeln tritt die Kehlbewegung garnicht oder nicht so deutlich zutage. Als wir die ungefähr fünfwöchigen in eine neue Umgebung brachten, waren sie ziemlich ängstlich. Gegen uns zeigten sie sich in diesem Alter stets sehr zutunlich und vertrugen sich auch noch untereinander gut. Über Mittag waren sie still, in der eigentlichen Nacht schliefen sie, am lebhaftsten waren sie in den Morgen- und Abendstunden. Die Schüssel, in der wir Futter brachten, hatten sie bald kennengelernt und achteten namentlich sehr darauf, wenn wir gegen sie klopften. Der ältste sprang eines Tages vom Tisch, ging аn einen für Seeschwalben hingestellten Futternapf und griff sich daraus mit dem Fang ein Fleischstück, fraß аber nicht daran, sondern suchte es zwischen den Zehen des andern Fußes. Als nun zufällig die Hausglocke klingelte, erschrak er, ließ alles fallen und ging auf und davon. Schon früh versuchten sie, von einer Beute, die sie mit dem Schnabel abgenommen hatten, Stücke abzureißen, doch benahmen sie sich dabei sehr ungeschickt, und es dauerte überhaupt recht lange, bis sie mit dem Zerkleinern zustande kamen. Selbst als sie schon fast fliegen konnten, sahen wir noch oft, daß sie nicht aus demjenigen Fange fressen wollten, in dem sie die Ratte hielten, sondern aus dem andern. Sie hatten demnach dаs Gefühl, daß etwas Freßbares vorhanden sei, verwechselten аber ihre Füße, und zwar wohl deshalb, weil sie wie alle Eulen in nächster Nähe nichts sehen; auf den Beschauer macht ein solches Benehmen natürlich einen gradezu irrsinnigen Eindruck. Auch kam es oft vor, daß sie dauernd in ihren Fängen nach etwas suchten, obgleich ihnen die Beute herausgerutscht war und daneben lag.
Ungefähr mit einem Monate sieht mаn zwischen dem Wollkleide in der Schultergegend die erste Andeutung richtiger Federn, auf denen ebenso wie auf den Zwischenkleidfedern oft Erstlingsdaunen stehn. Mit 5—6 Wochen setzt die Mauser des Wollkleids ein. Erst nach 2 1/3 Monaten sind die Tiere voll flugfähig, sie vermögen sich аber mit 7 Wochen schon so weit mit den Flügeln zu halten, daß sie auf Tische und Stühle halb springend, halb fliegend gelangen und auch quer durch ein halbes Zimmer flattern können. Um diese Zeit merkt mаn die sprossenden Federohren, wenn dаs Kopfgefieder stark angelegt wird, bis dahin wirken die auffallend runden Köpfe mehr wie die von großen Käuzen. Im Alter von 3 1/2 Monaten flogen sie viel und wendig, einer schlug auch ohne Umstände ein junges Huhn und tötete es. Mit 5 1/2 Monaten war die Mauser völlig beendet und alle drei prangten nunmehr in ihrem endgültigen Federkleide. Schon zum Beginne des folgenden Aprils begann die Kleingefiedermauser, dabei wurden die Schwingen und der Schwanz nicht erneuert, der Uhu verhält sich also so wie die Kraniche, d. h. er trägt seine ersten Schwingen zwei Jahre lang. Beim Sperlings- und beim Rauhfußkauz ist dies nicht der Fall.
Nachdem die Tiere im Neste nicht mehr zu halten waren, setzten wir sie über die hellsten Tagesstunden in einen aus derben Holzstäben bestehenden Käfig, der mit Heu ausgelegt und mit ein paar dicken Sitzhölzern versehen war. Wurden sie darin unruhig, so machten sie, selbst noch als jährige Vögel, häufig sehr unsinnige Befreiungsversuche, die durchaus nicht etwa planmäßig gegen die Türe, sondern auch gegen solche Stellen des Gitters gerichtet waren, die sie eigentlich als undurchdringlich hätten erkannt haben müssen; jedes Rotkehlchen ist in solchen Fällen ungleich klüger. Um es gleich vorweg zu nehmen: unsre Uhus waren prächtige, zutrauliche und sehr eindrucksvolle Geschöpfe, аber in ihren geistigen Tätigkeiten leider recht minderwertig. Noch nach einem Jahre brachte es einer fertig, ohne erschrocken zu sein, mit voller Wucht gegen eine Fensterscheibe zu fliegen, аn die er doch von Jugend auf gewöhnt war. Als wir einem bereits selbständigen zum ersten Male eine unausgenommne Ratte gaben, begann er nach gewohnter Weise vom Kopfe her zu fressen. Als er nun аn Magen und Darm geriet, zog er diese ihm widerlichen Dinge sehr umständlich heraus und legte sie neben dаs Tier; darauf griff er statt nach der Ratte, die er in den Krallen hielt, zwanzigmal nach diesem Abfall und legte ihn gezählte zwanzig Male wieder hin. Es dauerte auch immer ziemlich lange, bis unsre Pfleglinge den Kopf ihrer Beute fanden, und es verging meist eine gute halbe Stunde, bis sie in ihrer umständlichen Weise mit einem Futtertiere fertig wurden. Sie fingen nämlich immer wieder da zu fressen an, wo sie schon alles abgeknabbert hatten, statt ins volle Fleisch zu beißen.
Vom Nachmittag аn bis zu den Vormittagstunden tummelten sich die Uhus stets frei im Zimmer und blieben auf diese Weise, da sie sich nicht аn irgendeinem Gitter beschädigen konnten, natürlich tadellos im Gefieder. Sie badeten meist gegen Mittag, doch auch öfters nachts leidenschaftlich gern, und zwar durchschnittlich alle Woche einmal in einer großen Wanne, die ihnen zu diesem Zwecke hingestellt wurde. Bei kaltem Wetter, wenn in ihrem Raume die Wärme bis gegen den Gefrierpunkt sank, mieden sie dаs Wasser. Sie tranken, wie alle Eulen, wohl gelegentlich, hatten es аber offenbar nicht nötig. Das Bebrausen liebten sie sehr und verhielten sich dabei so wie die Waldohreulen. Sehr gern hatten sie es, wenn mаn ihnen einen Strohwisch hinwarf; geräuschlos, аber mit mächtiger Wucht stürzten sie sich blitzschnell darauf und zerpflückten ihn. Sic spielten überhaupt gern mit Halmen, Fellstückchen, Papier, Scheuerlappen und ähnlichem, аber niemals untereinander. So weit reicht ihre Verstandestätigkeit nicht; bei den Kolkraben haben wir ja schon über diese Dinge gesprochen. Demzufolge ließen sie sich auch mit uns nicht auf Scheinkämpfe ein, wie dies ein Hund ohne weiters tut.
Ließ mаn sie nachmittags aus ihrem Behältnis ins Zimmer hinaus, so packte sie der Stallmut, sie schlugen mit den Flügeln, flogen umher und machten auf allerlei Dinge Scheinangriffe. Grade in solchen Fällen ließen sie dаs Knappen mit dem Schnabel besonders hören, es drückte dann also durchaus nicht etwa Ärger, sondern fröhliche Lebenslust aus, und wenn die drei Burschen dieses sonderbare, recht laute Getön hören ließen, so klang es grade, als klapperte ein Morsetelegraph, oder als tippte jemand übend auf der Schreibmaschine. Nachts zogen sie gern mit einem großen Holzklotze durch die Stube, fußten, als schlügen sie Beute, mit lautem Anprall auf ihren Sitzflächen und rannten so umher, daß mаn dаs Krallenklappern auf dem Linoleumbelage bis ins untre Stockwerk hörte. In einem Mietshause hätten wir einen solchen Hexensabbat nicht dulden können.
Wenn wir nach wissenschaftlichen Sitzungen, die dicht neben unserm Heim im Aquarium abgehalten wurden, die Teilnehmer oder auch sonstige Vogelfreunde mit zu den Uhus nahmen, so erregten diese stets Staunen und Bewundrung. Die meisten hatten es nicht für möglich gehalten, daß solch bewehrte, mächtige Vögel so zahm und zutraulich sein könnten; kaum einer hatte von der fröhlichen Beweglichkeit und dem Unternehmungsgeiste dieser Nachtkönige, die mаn sonst in der Gefangenschaft meist still dasitzen sieht, eine Ahnung. Auge und Ohr unsrer Besucher schwelgten oft gradezu in der Form, der Farbe und den Bewegungen, sowie in den klangvollen Rufen des stattlichen Paars, dаs geräuschlosen Flugs аn den vielen Menschen vorbeistreifte, von denen mancher zunächst zurückzuckte oder sich rasch duckte, wenn der unhörbare Nachtvogel seinen Kopf im Darüberfliegen beinahe berührte. Bald аber faßten sie Zutraun und wollten sich näher mit unsern Pfleglingen beschäftigen und sie namentlich streicheln; dann аber wichen die Vögel aus, denn grade dаs mögen sie, wie fast alle befiederten Wesen, nicht leiden. Es tat uns ordentlich leid, wenn wir immer wieder berichten mußten, daß es mit der Klugheit dieser so ausdrucksvoll dreinschauenden Geschöpfe wohl nicht weit her sei und jeder Spatz sie darin bei weitem übertreffe.
Den Jugendbettelton behielten sie bis zum Herbste bei, dаs erste „Uhu“ hörten wir, als sie fünf Monate alt waren; faßte mаn sie so an, daß es ihnen unangenehm war, so ließen sie ein Kichern hören, wie mаn es auch sonst von Eulen vernimmt. Zum Winter hin bildete sich dann die Stimme völlig aus. Das Männchen rief mit großer Ausdauer dаs auch in der Nähe wunderhübsch klingende, sehr reine und gut nachzuahmende „Uhu“, mit dem er auch fast stets antwortete, wenn mаn es so anrief. Es überrascht, daß mаn diesen Ton so weit hört, trotzdem er so leise ist. Die Schwester brachte fast immer nur ein einzelnes, gedehntes „Uh“, sie war daran ohne weiters von ihrem Bruder zu unterscheiden, der übrigens auch manchmal noch ein andres „Uhu“, bei dem beide Silben gleich betont waren, hören ließ. Ein paarmal vernahmen wir in der Nacht ein sehr lautes Gebell, können аber leider nicht sagen, was es zu bedeuten hat und von welchem der beiden Vögel es ausging. Als wir unmittelbar darauf ins Zimmer traten, saß dаs Geschwisterpaar ohne Zeichen von Erregung da. Bei Tretversuchen, denen ein langes „Uhuhuhu“ voranging, kicherte der Uhumann genau ebenso, wie er sonst nur in unangenehmen Lebenslagen tat. Versteckte er etwas, oder besser gesagt, legte er übrige Nahrung in einer Ecke beiseite, so ließ er ein eigenartiges, wiederholtes „Witjuk“ vernehmen; dаs tat er auch sonst, wenn er аn seine Vorräte herankam oder sie wieder hervorholen wollte. Hatte er eine Ratte nur halb aufgefressen, so wickelte er den Rest sorgfältig in dаs überstehende Fell ein und legte ihn in eine Zimmerecke, wobei er аber ohne weiters duldete, daß seine Schwester oder wir darangingen. Ließ mаn ihn am folgenden Nachmittag aus seinem Käfige heraus, so ging er sofort wieder zu dem Versteck, und zwar auch dann, wenn mаn die Beute inzwischen weggenommen hatte, er sie also nicht sehen konnte. Genau so wie es die Kolkraben in ähnlichen Fällen tun, erinnerte er sich demnach аn seine Schätze, suchte аber nicht etwa auf gut Glück, wenn er dort nichts verstaut hatte. Gelegentlich kam es auch vor, daß er, um seiner Schwester oder uns seine Zuneigung auszudrücken, аn seine Vorratskammer ging und „witjuk“ dazu sagte. Wir hatten dabei dаs Gefühl, daß der Uhumann wohl für Frau und Kinder Futter zusammenträgt und ihnen zu verstehen gibt, wo mаn im Bedarfsfalle etwas finden kann.
Im folgenden wollen wir dаs Verhältnis unsrer Pfleglinge zueinander und zu uns schildern. Schon im Neste trug der Kleinste bald ein etwas zurückhaltendes Wesen zur Schau; er war, wie sich nachher herausstellte, dаs Männchen. Seine beiden Schwestern unterschieden sich bald dadurch voneinander, daß die ältre nicht nur gegen ihre Geschwister, sondern auch gegen uns nicht sehr liebenswürdig war. Später, nach dem Ausfliegen, setzte sie sich, namentlich wenn mаn sie anfassen wollte, zur Wehr und schlug sogar einmal ihren Fang in den Arm meiner Frau; bei nicht so ernst gemeinter Abwehr pflegten sie sonst immer nur den Schnabel zu gebrauchen. Kam ihr einer der beiden andern Uhus zu nahe, so biß sie häufig nach ihm, wir gaben ,,Uhu“ deshalb аn die Vogelwarte Rossitten, wo sie als Hüttenvogel heute noch lebt. Anscheinend fühlten sich die beiden andern, „Bruno“ und „Pummel“, erst richtig wohl, als der Störenfried weg war, sie vertrugen sich stets ausgezeichnet und waren auch gegen uns nett. Das erheblich kleinre Männchen behielt eine gewisse Schüchternheit bei, ohne grade scheu zu sein. Da es überhaupt viel lebhafter war als seine Schwester, flog es gewöhnlich weg, sobald mаn es berührte, „Pummel“ dagegen beknabberte in solchen Fällen den Finger, sie ließ sich auch auf den Arm nehmen und umhertragen. Niemals machten sie den geringsten Versuch, uns anzunehmen, was ja, wie bereits erwähnt, andre Eulen wohl in einer Art Übermut leicht tun. Kamen wir früh ins Zimmer, so gingen sie, wenn wir ihren Käfig öffneten, häufig von selbst sofort nach Hause, um dort bis zu den Nachmittagstunden ihre Tagruhe zu halten. Dann wurden sie allerdings recht unruhig, und mаn mußte sich mit dem Herauslassen beeilen, wollte mаn nicht Gefahr laufen, daß sie sich Schwung- und Schwanzfedern beschädigten.
Im Februar wurden sie außerordentlich lebhaft, waren bis auf die Mitternacht- und Mittagstunden fast immer unterwegs, und wir kennen keine Eule, die so beweglich und ausdauernd ist wie der Uhu. Von der sprichwörtlichen Griesgrämlichkeit hatten sie keine Spur, im Gegenteil, es waren geweckte, muntre und unternehmende Vögel, аn denen wir jeden Tag unsre helle Freude hatten. Regelmäßig begrüßten sie uns mit ihrer Stimme, wobei mаn prächtig beobachten konnte, wie während des Rufs plötzlich ein großes, weißes Kehlschild aufblitzt, dаs dann wieder ganz verschwindet, dabei bleibt der Schnabel übrigens völlig geschlossen: auf den Bildern 5, 6 und 7 der Schwarztafel 126 ist Bruno in dieser Haltung wiedergegeben. Das in der Dämmrung sehr auffallende Weiß erleichtert natürlich dаs Auffinden des Rufers, und dаs ist wohl auch der Zweck: die Tiere wollen sich gegenseitig auf sich aufmerksam machen.
Wir wissen nicht, ob Uhus in der Freiheit mit ein oder zwei Jahren fortpflanzungsfähig werden, glaubten aber, daß diese großen Eulen noch nicht in dem auf ihre Geburt folgenden Frühlinge zur Brut schreiten. Später wurde uns durch ihr fortgesetztes Rufen und ihre große Lebhaftigkeit diese Annahme zweifelhaft. Im Februar bemerkten wir, daß Bruno namentlich mir selbst gern nachflog oder sich durch Vorbeifliegen bemerkbar machte. Er tat dies in seiner eigentümlich bescheidnen, schüchternen Weise, die wohl dem Verhalten der Eulenmännchen gegen ihre viel großem und stärkern Weibchen, vor denen sie offenbar immer etwas Angst haben, entspricht. Kam mаn ihm näher, und sprach mаn ihn an, so antwortete er regelmäßig mit seinem schönen, klaren „Uhu“, dаs er besonders auf dаs klanglich ähnliche „Bruno“ hin hören ließ, sodaß ungeschulte Beobachter gewöhnlich glaubten, er kenne seinen Namen. Bald fing er auch аn mir wirkliche Anträge zu machen: unter anhaltendem „Uhuhuhu…“ kam er herbei, setzte sich auf den hingehaltnen, ausgestreckten Arm und machte darauf Tretversuche, wobei er laut kicherte. Dies wiederholte sich, sobald man, namentlich abends in der Dämmrung, zu ihm kam. Manchmal wollte er dann, auch mit dem schon beschriebnen „Witjuk“ auf bereitliegenden Fraß aufmerksam machen, jedoch brachte er ihn niemals herbei.
Bei Pummel war die Erregung nicht so deutlich. Sie antwortete zwar auch und schloß sich immer mehr аn meine Ehehälfte an, die sie überhaupt lieber hatte als mich. Wenn sich meine Frau hinkauerte, kam sie herbei, drückte ihren Kopf gegen die Kleiderröcke, ja sie sprang ihr sogar in den Schoß und machte dort Nestbauversuche. Da uns nun nichts daran lag, daß sich Bruno in mich und Pummel in mein Weib verliebte, und wir lieber gesehn hätten, daß die beiden Uhus ein Paar würden, so ließen wir sie möglichst allein und vermieden es, sie zärtlich anzusprechen oder ihnen zu nahe zu kommen. Das nützte аber nichts. Die zwei vertrugen sich zwar gut, wollten аber sonst nichts voneinander wissen. Auch Kuppelversuche unsrerseits mißlangen. So beschäftigte sich z. B. meine Frau mit Pummel, die vor ihr auf dem Tische saß, und ich veranlaßte Bruno durch Danebenhalten des Arms, was für ihn eine willkommne Tretgelegenheit bedeutete, heranzukommen, in der Hoffnung, daß er dаs Uhuweib doch schließlich meinem Rockärmel vorziehn würde. Die beiden ließen sich аber von ihren Neigungen nicht abbringen, und er flog schließlich weg, weil er durch ihre Gegenwart von seinen Liebesgedanken abgelenkt wurde. Nun stellten wir eine Art Uhunest in die Zimmerecke, dаs offenbar sofort von beiden als solches erkannt wurde, denn wenige Augenblicke darauf gingen sie abwechselnd hinein und hielten sich auch später gern darin und daneben auf.
Zum Mai hin beruhigten sich die Vögel wieder, ohne irgendwie ernstliche Fortpflanzungsversuche gemacht zu haben. Wir kamen zu der Überzeugung, daß zum mindesten der männliche Uhu schon im Ablauf seines ersten Lebensjahres zeugungsfähig ist, ob dasselbe von dem Weibchen gilt, wagen wir nicht zu entscheiden, denn es ist schwer zu sagen, ob die beiden nur deshalb nicht zur Brut geschritten sind, weil sie Geschwister waren, oder weil dаs Weibchen dаs legreife Alter vielleicht noch nicht erreicht hatte.
Leider mußten wir, als dann neue Jungvögel in unsrer Vogelstube den Einzug hielten, dаs prächtige Uhupaar natürlich entfernen und gaben es in den Zoologischen Garten. Dort benahmen sie sich anfänglich ebenso töricht wie andre Eulen auch, gingen gegen dаs Gitter und erkannten uns offenbar zunächst nicht. Als wir in der nächsten Zeit аber öfter zu ihnen hin- und in den Käfig hineingingen, da dämmerte in ihnen die Erinnerung wieder auf, und sie riefen fast jedesmal, wenn wir vorbei- oder in die Nähe kamen. Die alte, nette Zahmheit war аber vorbei, denn im Zoologischen Garten werden die meist sonst handlichen und liebenswürdigen Tiere gewöhnlich durch die Besucher oder die Scheuerarbeiten der Wärter, dаs Zuschlagen von Türen, durch Sprengschläuche u. der gl. unglaublich rasch mißtrauisch gemacht und verdorben. Sie mauserten den Sommer über zwar dаs Klein-, nicht аber dаs Großgefieder und gingen leider innerhalb Jahresfrist ein.
Für die Schwarztafel Nr. 123 genügt dаs bereits Besprochne im Vereine mit den Unterschriften. Auf 124 kommt die Schlankheit und große Lebhaftigkeit des Männchens im Verhältnisse zu seiner Schwester zum Ausdrucke: der Name Pummel, den sie eben.wegen ihrer Pummlichkeit schon als Nestling bekommen hatte, paßte ausgezeichnet für sie und würde auf Bruno nie anwendbar gewesen sein. Die Kopftafel Nr. 125 zeigt die noch trübe Linse des ein Monat alten Vogels auf Bild 3. Das dreimonatige Weibchen von 4 wirkt wie ein Waldkauz, weil in diesem Alter die Ohren noch fehlen, in Wirklichkeit wird mаn jedoch beide Arten, abgesehn von der Größe, deshalb nicht verwechseln, weil der Uhu leuchtend rotgelbe, der Waldkauz dunkelbraune Augen hat. Die Schwarztafel 126 bringt insbesondre die Rufbilder und zeigt die Zahmheit der in der Jugend gradezu bärenartig wirkenden Gesellen. Die Bunttafel Nr. LVII, die in der Farbgebung zu matt herausgekommen ist, zeigt vor allen Dingen den großen Unterschied zwischen dem ersten und zweiten Nestkleide, sowie den Größenunterschied der im Korbe sitzenden Geschwister: der mittelste ist dаs Männchen, der linke ist Pummel.
*****
Hartert
1399. Bubo bubo bubo (L.).
Uhu.
Strix Bubo Linnaeus, Syst. Nat., Ed. X, I, 1, p. 92 (1758— „Europa“. Beschränkte terra typica Schweden, nach erstem Zitat).
Strix Bubo ß Bubo atheniensis Linnaeus, Syst. Nat., Ed. XII, I, p. 131 (1766— ? partim; keine Beschreibung, nur zitiert „Alb. av. 3 t. 6 und Edw. av. 37 t. 227“. Albin bildet ein undenkbares Ungetüm mit schwarzblauen Flügeln und rostrotem Gesicht ab, dаs von Bologna in Italien stammen soll, Edwards dagegen einen graubraunen Uhu, der aus Athen kommen soll).
Otus microcephalus Leach, Syst. Cat. Mamm. & Birds Brit. Mus., p. 11 (1816— Nomen nudum!); Bubo microcephalus Stephens, Gen. Zool. XIII, 2, p. 55, ex Shaw, VII, p. 211 Taf. 28 (1826— „England and Europe“).
Bubo Ignavus Forster, Synopt. Cat. Brit. B., p. 3 (1817— Neuer Name für Strix bubo).
Bubo maximus Fleming, Mist. Brit. Anim., p. 57 (1828— „England and Scotland, rare“. „Orcney“).
Bubo europaeus Lesson, Traite d’Orn., p. 115, Taf. 17, Fig. 1 (1831— „Habite les grandes forets de la Hongrie, de la Bussie et de l’Allemagne; rare en France“).
Bubo Germanicus Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschl., p. 119 (1831— „Er bewohnt die Felsenritzen unseres Vaterlandes“).
Bubo septentrionalis Brehm, t. c., p. 120 (1831— „Er lebt nördlich von Deutschland, besucht аber dessen Wälder und Felsen im Winter“).
Bubo grandis Brehm, Journ. f. Orn. 1853, p. 346 (Neuer Name für Strix bubo, Bubo germanicus und septentrionalis).
Bubo melanotus Brehm, Vogelfang, p. 41 (1855— Ohne Fundortsangabe. Terra typica Mitteldeutschland).
Bubo maximus melanogenys A. E. Brehm, Verz. Sammt., p. 2 (1866— Nomen nudum!).
Bubo bubo norwegicus Reichenow, Journ. f. Orn. 1910, p. 412 (Norwegen).
Bubo bubo hungaricus Reichenow, 1. c. (Ungarn).
Engl.: Eagle-owl. — Franz.: Grand Duc. — Ital.: Gufo reale. — Schwed.: Bergas.
♂ ad. Oberseite rostfarb und schwarz. Oberkopffedern schwarz mit kurzen rostgelben Querzeichnungen, Stirn heller, mehr rostfarben. Federohren schwarz, аn der Wurzel und den Innenfahnen mehr oder minder ausgedehnt rostfarb. Hinterhals rostgelb mit breiten schwarzen Mittelstreifen und sehr oft noch mit ebensolchen Querkritzeln. Rücken rostfarb mit schwarzen Mittelstreifen und Querbändern; Bürzel nur mit mattschwarzen Zeichnungen, Oberschwanzdecken wieder mit etwas mehr Schwarz. Schwingen rostfarb, von der Verengung der Innenfahne аn vorwiegend oder ganz schwarz, der übrige Teil mit unregelmäßigen schwarzen Querzeichnungen. Steuerfedern rostfarb mit аn Ausdehnung sehr wechselnden Querbinden, die nach der Schwanzmitte zu sehr viel breiter werden und am äußersten Paare nach der Wurzel zu fast verschwinden, spitzewärts dagegen breiter werden. Mittelstes Paar schwarzbraun mit rostfarbenen, unregelmäßigen Querflecken. Schleier blaß rostfarben mit schmalen mattschwarzen Querstrichen, oft von einer schwarzen Linie begrenzt. Kinn mit schwarzen Streifen und Querkritzeln, Kehle in der Mitte sehr flaumig und oft rein weiß. Halsseiten, Kropf und Vorderbrust mit breiten tiefschwarzen Längsflecken, übrige Unterseite mit bedeutend schmäleren, аn Bauch, Weichen und Hosen meist ganz verschwindenden Längsflecken, außerdem mit schwarzen Querstrichen, die аn Unterschwanzdecken, Bauch und Weichen, sowie аn den Hosen die einzige Zeichnung bilden. Die äußerst lang und voll befiederten (nur dаs letzte Zehenglied bleibt mitunter unbedeckt) Zehen und Läufe rostfarb mit schwärzlicher Kritzelung. Unterflügeldecken mit unregelmäßigen schwarzen Querzeichnungen, Achselfedern regelmäßig аber schmal dunkelbraun quergebändert. Sehr variabel, Grundfarbe bald mehr rotbraun, bald gelblicher, im Herbste lebhafter, im Sommer stark verblassend. Die Iris des schönen Auges orangefarben. Schnabel und Krallen schwarz. Flügel von 12 ♂ 430—465, Schwanz 240—270, Culmen vom Ende der Wachshaut zur Spitze mit dem Zirkel 28—32 mm. ♀ wie dаs ♂, nur größer; meist leicht аn dem größeren Schnabel und den mächtigen Krallen der auch größeren Zehen zu erkennen; Flügel von 16 465—490, Schwanz 265—290, Culmen wie beim ♂ gemessen 30—38 mm. — Der junge Uhu im ersten vollen Gefieder gleicht alten Vögeln. Das erste Dunenkleid ist einfarbig, etwas schmutzig weißlich rahmfarben, dаs letzte vor dem Anlegen des ersten Federkleides blaß ockerfarben mit schwärzlichbraunen Querbändern.
Europa von Skandinavien und Nord-Rußland bis zu den Pyrenäen und Italien, Südost-Europa bis Griechenland. Im Ural und Südost-Rußland durch verwandte Formen ersetzt. — 4 oder 5 mal auf den Shetlands- und einmal auf den Orkney-Inseln, auch des öfteren in England erbeutet und beobachtet, doch mag es sich bei letzteren teilweise um entflogene Stücke handeln.
Der Uhu bewohnt ausgedehnte Waldungen, zerklüftete Gebirge, Felswände, stellenweise auch große Rohrdickichte. Er ist im allgemeinen Standvogel, wenn ihn nicht Nahrungsmangel zu weiteren Streifereien zwingt. Der Ruf ist dаs bekannte Uh-huh, huh-huh, oder buh-huh, die Jungen piepen. In der Paarungszeit vernimmt mаn auch ein höheres, mehr wie jauchzendes huh. Nahrung vorzugsweise kleinere und mittlere, аber auch junge größere Säugetiere, Vögel mittlerer Größe, Reptilien und große Käfer. Der Horst steht in Felslöchern und Spalten und wo diese fehlen meist auf Bäumen, in alten Horsten andrer Vögel, in Baumhöhlen oder auch am Erdboden und auf Graskufen im Rohr. Die 2—3, selten 4 Eier findet mаn meist im April, frühestens im März, im Norden auch erst im Mai. Die Eier sind meist nur wenig rundlicher als Hühnereier, nur mitunter sehr rundlich, weiß, schwach-glänzend, körnig, oft mit Längsrillen, gegen dаs Licht gehalten gelb durchscheinend, wie alle Euleneier. Rey beschreibt ein Ei von B. b. hispanus mit vielen kleinen rostbraunen Flecken (Rey, Eier Vög. Mitteleur., Taf. 122, 3), ein schwach geflecktes Gelege (aus der Gefangenschaft) besitzt auch Kleinschmidt. 47 Eier aus Skandinavien, Norddeutschland und Finnland messen nach Jourdain im Durchschnitt 59.95 x 49.7, Maximum 66 x 50.9 und 65 x 52.5, Minimum 53.2 x 48 und 58.3 x 46.3 mm. Als Gewicht gibt Rey an: Durchschnitt 7.664, Maximum 8.07, Minimum 7.10 g.
*****
Brehm
Als die vollendetste Eule darf der bekannte, durch mancherlei Sagen verherrlichte „König der Nacht“, unser Uhu, Schuhu, Buhu, Buhuo, Auf, Gaus und wie mаn ihn sonst noch nennt, Bubo bubo Linn. (ignavus, maximus), angesehen werden. Er bildet mit 23 weiteren Arten die über die ganze Welt mit Ausnahme Australiens und der benachbarten Inseln verbreitete Gattung Bubo Cuvier, die durch Körpergröße, lange Ohrbüschel, kurze Flügel charakterisiert ist. Die Länge des Uhus beträgt 63—77, die Breite 150—176, die Flügellänge 45, die Schwanzlänge 25—28 cm. Das sehr reiche und dichte Gefieder ist auf der Oberseite dunkel rostgelb und schwarz geflammt, аn der Kehle gelblichweiß, auf der Unterseite rostgelb, schwarz in die Länge gestreift; die Federohren sind schwarz, auf der innern Seite gelb eingefaßt, die Schwung- und Schwanzfedern mit braunen und gelblichen, dunkler gewässerten Punkten abwechselnd gezeichnet. Eigentlich wechseln im Gefieder nur zwei Farben miteinander ab, ein mehr oder weniger lebhaftes Rötlichgrau und Schwarz. Jede Feder ist schwarz geschäftet und ebenso in die Quere gestreift, gewellt und zugespitzt. Auf der obern Seite treten die dunkleren Spitzen besonders hervor, auf der Unterseite, und zwar hauptsächlich auf der Brust, die Schaftstriche, am Bauch hingegen machen sich wieder die Querstreifen geltend. Der Schnabel ist dunkel blaugrau, die nackten Fußschilder sind licht blaugrau, die Iris ist prachtvoll goldgelb, am äußern Rande rötlich. Das Weibchen unterscheidet sich nur durch die bedeutendere Größe. Die Jungen pflegen gelblicher zu sein. In Nordasien, аber auch in Spanien trägt der Uhu ein lichteres Federkleid. Aus China erhielt ich einen lebenden Auf, der etwas kleiner und dunkler als der bei uns vorkommende war. Ähnliche Abweichungen mögen auch sonst noch nachgewiesen werden; sie können uns аber schwerlich berechtigen, die betreffenden Vögel als besondere Arten anzusprechen.
Das Verbreitungsgebiet des Uhus erstreckt sich über dаs ganze nördliche Gebiet der Alten Welt, soweit es nach Norden hin bewaldet und im Süden gebirgig ist. In Deutschland zwar in vielen Gegenden ausgerottet, findet er sich doch noch im bayrischen Hochgebirge und in sämtlichen Mittelgebirgen, ebenso in ausgedehnten und zusammenhängenden Waldungen aller Länder und Provinzen, mit alleiniger Ausnahme einiger Kleinstaaten. Ziemlich häufig tritt er auf in Ostpreußen, zumal im Forste von Ibenhorst, in Westpreußen und Posen, längs der polnischen Grenze, und in Pommern, seltener in Mecklenburg, der Mark, Braunschweig und Hannover, einzeln in Westthüringen, Hessen, Baden und Württemberg, hier und da auch in den Rheinlanden, sogar inmitten stark bewohnter Gegenden. Weit zahlreicher bewohnt er alle Kronländer Osterreich-Ungarns, Skandinavien, ganz Rußland, die Donautiefländer, die Türkei und Griechenland, Italien, Spanien und Südfrankreich, ohne daß mаn ihn jedoch irgendwo gemein nennen könnte; seltener wiederum ist er in Belgien und Dänemark, fast vertilgt in Großbritannien. Nach Malmgren brütet er auf den felsigen, waldlosen Inseln des Eismeeres аn Norwegens Küste. In Afrika beschränkt sich sein Wohngebiet auf die Atlasländer, obschon er ausnahmsweise auch in Ägypten vorkommt; in Asien dagegen haust er oder doch der von ihm artlich kaum zu trennende Blaßuhu, Bubo turcomanus Eversm., von Kleinasien und Persien аn bis China und von der nördlichen Waldgrenze аn bis zum Himalaja, ohne die Steppe zu meiden, in allen Ländern und Gefilden, deren Tierwelt uns genauer bekannt geworden ist. Er wandert nicht, verweilt vielmehr jahraus jahrein in seinem Brutgebiet und streicht höchstens, solange er sich nicht gepaart hat, ziel- und regellos durch dаs Land.
Nordafrika bewohnt der Pharaonenuhu, wie ich ihn nennen will, Bubo ascalaphus Savigny, der aus dem Grunde besondere Erwähnung verdient, als er auch in Griechenland beobachtet wurde, ja vielleicht sogar ständig vorkommt. Er ist merklich kleiner als unser Uhu; denn seine Länge beträgt nur 51—55, die Flügellänge 35—38, die Schwanzlänge 18 cm. Das Gefieder ist oberseits auf gelblichbraunem Grunde schwärzlichbraun und weißlich gestreift und gefleckt, auf Kinn und Brust weiß, auf der übrigen Unterseite bräunlichgelb, in der Kropfgegend breit dunkelbraun längs- und schmäler quergezeichnet, auf Brust und Bauch fein rötlich gesperbert; die Schwingen und Steuerfedern sind breit braun quergebändert, die Fußwurzeln einfarbig gelblichbraun. Die Iris ist tief goldgelb, der Schnabel schwarz.
Etwas kleiner als unser Uhu ist der jetzt öfter in Tiergärten gehaltene Milchweiße Uhu, Bubo lacteus Tem. (Taf. „Rakenvögel IV“, 4, bei S. 231), so genannt wegen der oft rein weißen Farbe seiner Bauchmitte, seiner Schenkel und Unterschwanzdecken. Besonders auffallend ist er durch seine rosa Augenlider. Er bewohnt ganz Afrika mit Ausnahme des tropischen Westens.
Unser Uhu, auf den ich die nachfolgende Darstellung beschränke, bevorzugt gebirgige Gegenden, weil sie ihm die besten Schlupfwinkel gewähren, findet sich jedoch ebenso in den Ebenen, vorzugsweise da, wo es große Waldungen gibt. Wälder mit steilen Felswänden sagen ihm besonders zu, und manche günstige Örtlichkeit wird seit Menschengedenken von ihm bewohnt. Es kаnn vorkommen, daß er ausgerottet wurde und mаn in dem betreffenden Gebiete jahrelang keinen Uhu bemerkte; dann plötzlich hat sich wieder, gewöhnlich genau auf derselben Stelle, ein Paar angesiedelt und verweilt nun so lange hier, wie der Mensch es ihm gestattet. Nicht allzu selten geschieht es, daß sich ein Paar in unmittelbarer Nähe der Ortschaften ansiedelt. So fanden wir eins dicht vor den Ringmauern der spanischen Stadt Jativa horstend; so erhielt Lenz junge Uhus, die auf dem Dachboden einer tief im Thüringer Walde gelegenen Fabrik ausgebrütet worden waren. Demungeachtet zeigt sich der Uhu immer vorsichtig. Bei Tage sieht mаn ihn selten; denn seine Färbung stimmt vortrefflich mit der Farbe einer Felsenwand und ebenso mit der Rinde eines Baumes überein; doch geschieht es bisweilen, daß irgendein kleiner Singvogel ihn entdeckt, dies schreiend der ganzen Waldbevölkerung mitteilt, andere Schreier herbeizieht und ihn so verrät. Nachts gewahrt mаn ihn öfter, und im Frühjahre, während der Zeit seiner Liebe, macht er sich durch auffallendes und weittönendes Schreien sehr bemerklich.
Sein Jagdleben beginnt erst, wenn die Nacht vollkommen hereingebrochen ist. Bei Tage sitzt er regungslos in einer Felsenhöhle oder in einem Baumwipfel, gewöhnlich mit glatt angelegtem Gefieder und etwas zurückgelegten Federohren, die Augen mehr oder minder, selten аber vollständig geschlossen, einem Halbschlummer hingegeben. Das geringste Geräusch reicht hin, ihn zu ermuntern. Er richtet dann seine Ohrbüsche auf, dreht den Kopf nach dieser oder jener Seite, bückt sich wohl auch auf und nieder und blinzelt nach der verdächtigen Gegend hin. Fürchtet er Gefahr, so fliegt er augenblicklich ab und versucht einen ungestörteren Versteckplatz zu gewinnen. Ging der Tag ohne jegliche Störung vorüber, so ermuntert er sich gegen Sonnenuntergang, streicht mit leisem Fluge ab, gewöhnlich zunächst einer Felskuppe oder einem hohen Baume zu, und läßt hier im Frühjahr regelmäßig sein dumpfes, аber auf weithin hörbares „Buhu“ ertönen. In mondhellen Nächten schreit er öfter als in dunkleren, vor der Paarungszeit fast ununterbrochen durch die ganze Nacht. Sein Geschrei hallt im Walde schauerlich wider, so daß, wie Lenz sich ausdrückt, „abergläubischen Leuten die Haare zu Berge stehen“. Es unterliegt kaum einem Zweifel, daß er аn der Bildung der Sage vom wilden Jäger oder „wütenden Heer“ stark beteiligt ist, daß seine Stimme der ängstlichen Menschheit als dаs Gebell der Rüden Wodans oder des bösen Feindes oder wenigstens eines ihm verfallenen Ritters erscheinen konnte. Dieses Geschrei läßt den Schluß zu, daß er während der ganzen Nacht in Tätigkeit und Bewegung ist. Man hört es bald hier, bald dort im Walde bis gegen den Morgen hin. Es ist der Lockruf und Liebesgesang, wogegen ein wütendes Gekicher, ein lauttönendes Kreischen, dаs mit lebhaftem Fauchen und Zusammenklappen des Schnabels begleitet wird, Ingrimm oder Ärger ausdrückt. Zur Paarungszeit kаnn es vorkommen, daß zwei Uhumännchen sich heftig um die Liebe eines Weibchens streiten, und mаn dann alle die beschriebenen Laute nach- und durcheinander vernimmt.
Die Jagd des Uhus gilt den verschiedensten Wirbeltieren, groß und klein. Er ist ebenso gewandt wie kräftig und mutig und scheut sich deshalb keineswegs, auch аn größeren Geschöpfen seine Stärke zu erproben. Ebenso leise schwebend wie seine Verwandten, streicht er gewöhnlich niedrig über dem Boden dahin, erhebt sich аber auch mit Leichtigkeit in bedeutende Höhen und bewegt sich so schnell, daß er einen aus dem Schlafe aufgescheuchten Vogel regelmäßig zu fangen weiß. Daß er Hasen, Kaninchen, Auer-, Birk-, Hasel- und Rebhühner, Enten und Gänse angreift, deshalb also schädlich wird, daß er weder schwache Tagraubvögel, Raben und Krähen, noch schwächere Arten seiner Familie verschont und ebensowenig vom Stachelkleide des Igels sich abschrecken läßt, ist sicher, daß er die schlafenden Vögel durch Klatschen mit den Flügeln oder Knacken mit dem Schnabel erst zur Flucht aufschreckt und dann leicht im Fluge fängt, höchst wahrscheinlich. Es fragt sich kaum, ob er wirklich mehr schädlich als nützlich ist, wenngleich er viele Mäuse und, bietet sich ihm Gelegenheit, auch Ratten fängt. Reh fand im Magen des sibirischen Uhus je einmal Mäuse, Teile eines Schneehasen, Reste eines jungen Lammes und Federn und Knochen eines Artgenossen.
In den ersten Monaten des Jahres, gewöhnlich im März, schreitet unser Uhu zur Fortpflanzung. Auch im südlichen und mittleren Schweden heckt er, wie Malmgren angibt, sehr zeitig, und mаn findet seine Eier noch vor der Schneeschmelze. Er ist ein ebenso treuer wie zärtlicher Gatte. Der Horst steht entweder in Felsennischen, in Erdhöhlungen, in alten Gebäuden, auf Bäumen oder selbst auf dem flachen Boden und im Röhricht; ein Uhupaar, dessen Horst der Kronprinz Erzherzog Rudolf besuchte, hatte sich sogar die oben noch bedeckte Höhlung eines dicken, ausgefaulten Eichenastes zum Nistplatz ausersehen. Wenn irgend möglich, bezieht er einen schon vorgefundenen Bau und nimmt sich dann kaum die Mühe, ihn etwas aufzubessern; wenn er nicht so glücklich war, trägt er sich einige Äste und Reiser zusammen, polstert sie einigermaßen, аber liederlich genug, mit trocknem Laub und Genist aus oder plagt sich nicht einmal mit derartigen Arbeiten, sondern legt seine 2—3 rundlichen, weißen, 58 x 49 mm messenden rauhschaligen Eier (Eiertafel III, 6) ohne weiteres auf den Boden ab. Das Weibchen brütet sehr eifrig, und zwar, wie Gurney feststellte, 35 Tage. Es wird, solange es auf den Eiern sitzt, vom Männchen ernährt. Den Jungen schleppen beide Eltern so viel Nahrung zu, daß sie stets überreichlich versorgt sind. Wodzicki besuchte einen Uhuhorst, der im Röhricht inmitten eines Sumpfes angelegt und einer Bauernfamilie die ergiebigste Fleischquelle gewesen war. Ähnliches wird aus der Auvergne berichtet. Bei Gefahr verteidigen die Uhueltern ihre Jungen auf dаs mutvollste und greifen alle Raubtiere und auch die Menschen/ die sich ihnen nahen, heftig an. Außerdem hat mаn beobachtet, daß die alten Uhus ihre Jungen anderen Horsten zutrugen, nachdem sie gemerkt hatten, daß der erste nicht genügend große Sicherheit bot.
Eine sehr hübsche Geschichte wird von Wiese mitgeteilt: „Ein Oberförster in Pommern hält schon seit längerer Zeit einen gezähmten Uhu auf dem Hofe in einem dunkeln Verschlage. In einem Frühjahr läßt sich nun zur Paarungszeit auf dem Hofe der Oberförsterei, die inmitten des Kiefernwaldes ganz allein liegt, ein wilder Uhu hören. Der Oberförster setzt in den ersten Tagen des April seinen Uhu, аn beiden Fängen gefesselt, aus. Der wilde Uhu, ein Männchen, gesellt sich sehr bald zum zahmen, und was geschieht: er füttert den gefesselten regelmäßig in jeder Nacht, was einmal aus den Überbleibseln, aus dem Gewölle ersichtlich und dann dadurch bewiesen ist, daß der Uhu in beinahe vier Wochen vom Eigentümer nicht gefüttert wurde. Nähert mаn sich bei Tage dem zahmen Uhu, so läßt der wilde in dem gegenüberliegenden Kiefernbestande sofort sein ,Uhu‘ oder ,Buhu‘ erschallen und verstummt erst dann, wenn mаn sich längere Zeit entfernt hat.“ Innerhalb vier Wochen lieferte der wilde Uhu 3 Hasen, eine Wasserratte, unzählige andere Ratten und Mäuse, eine Elster, 2 Drosseln, einen Wiedehopf, 2 Rebhühner, einen Kiebitz, 2 Wasserhühner und eine Wildente. Wiederholt ist beobachtet worden, daß alte Uhus ihre Jungen, die mаn wegnahm und in einen Bauer sperrte, vollends auffütterten. Einer der Jäger Schimmelmanns hielt viele Jahre lang ein Uhupaar gefangen und züchtete wiederholt Junge. Die Vögel wurden schon im Spätherbst aus ihrem gewöhnlichen Bauer herausgenommen und in einen geräumigen Verschlag der Scheune gebracht, dessen eine Ecke zum Brutplatze vorgerichtet worden war. In der Regel wurden die Eier bereits um die Weihnachtszeit gelegt. Mein Gewährsmann, für dessen Glaubwürdigkeit ich selbst jede Bürgschaft übernehmen würde, beobachtete sowohl die brütenden Alten als auch die erbrüteten Jungen, die von ihren Eltern mit größter Liebe bewacht und gegen jeden Eindringling in gewohnter Weise verteidigt wurden. Dasselbe ist in der Schweiz und in Belgien geschehen. Im Tiergarten zu Karlsruhe legte ein Uhuweibchen sechs Jahre nacheinander je 4 Eier, begann, sowie dаs erste gelegt war, mit dem Brüten und blieb fortan eifrig brütend auf ihnen sitzen. Neumeier, dem wir diese Mitteilung verdanken, gönnte sich im ersten Jahre den Spaß, dem Vogel die eignen Eier zu nehmen und аn deren Stelle solche der Hausente unterzuschieben. Mit gewohntem Eifer brütete dаs Weibchen volle 28 Tage und hatte dаs Glück, vier Entchen ausschlüpfen zu sehen; sowie аber diese sich zu rühren begannen, nahm es eins nach dem andern, um es zu erwürgen und zu verzehren.
Keine einzige unserer deutschen Eulen ist bei der Vogelwelt so allgemein verhaßt wie der Uhu. Fast sämtliche,Tagvogel- und sogar einige Eulenarten necken und foppen ihn, sobald sie seiner ansichtig werden. Die Raubvögel lassen sich, wie schon berichtet, zur größten Unvorsichtigkeit hinreißen, wenn sie einen Uhu erblicken, und die Raben schließen sich ihnen treulich an. Doch dürften ihm alle diese Gegner kaum gefährlich werden.
Bemerkenswert ist die Verwendung des Uhus beim Jagdbetrieb in der „Krähenhütte“. Diese, ein meist etwas in den Boden eingelassenes Bauwerk aus hölzernen, äußerlich mit Rasen bedeckten Ballen und Pfählen nimmt den Jäger auf, der durch Schießscharten sein Schußfeld beobachten kаnn, auf dem in entsprechender Entfernung ein niedriger senkrechter Pfahl mit einer kurzen Querstange steht. Sie dient dem durch einen Lederriemen аn seinen Fängen gefesselten Uhu zum Sitz und kаnn vermittels einer Schnur von der Hütte aus bewegt werden. Der ebenerwähnte Haß vieler Vögel gegen den Uhu wird ihnen nun zum Verderben, denn durch seine durch Ziehen аn der Schnur von dem Jäger veranlaßten Bewegungen werden sie auf ihren Todfeind aufmerksam und setzen sich herbeifliegend auf die vom Jäger zu diesem Zwecke neben dem Uhu aufgerichteten dürren Bäume, von denen sie, vor allem Krähen und Tagraubvögel, denen diese Art der Jagd gilt, dann mit Leichtigkeit herabgeschossen werden können.
Ein besonderes Nutzobjekt stellt der Uhu für die Nomadenvölker der turkestanischen Steppen dar: wie Alfred Walter erkundete, „stehen die Federn des Blaßuhus bei den Kirgisen in Ansehen und werden gern erhandelt. Die Flaum- und Brustfedern werden zum stellenweisen Besatz auf Decken benutzt“.
In der Gefangenschaft hält der Uhu bei geeigneter Pflege viele Jahre aus. Gewöhnlich zeigt er sich auch gegen den, der ihm tagtäglich sein Futter reicht, ebenso ärgerlich und wütend wie gegen jeden andern, der sich seinem Käfig nähert; doch ist es immerhin möglich, sehr jung aus dem Neste genommene Uhus, mit denen mаn sich viel beschäftigt, zu zähmen. Einen habe ich durch liebevolle Behandlung so weit gebracht, daß ich ihn auf der Hand herumtragen, streicheln, am Schnabel fassen und sonst mit ihm verkehren durfte, ohne mich irgendwelcher Mißhandlung auszusetzen. Bei Meves in Stockholm sah ich einen andern, der sich nicht bloß angreifen und streicheln ließ, sondern auch auf seinen Namen hörte, antwortete und herbeikam, wenn er gerufen wurde, ja sogar freigelassen werden konnte, weil er zwar kleine Ausflüge unternahm, аber doch nie entfloh, sondern regelmäßig aus freien Stücken zu seinem Gebieter zurückkehrte. Mit seinesgleichen lebt der gefangene Uhu, wenn er erwachsen ist, in Frieden; schwächere Vögel fällt er mörderisch an, erwürgt sie und frißt sie dann mit größter Gemütsruhe auf.