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Rissa tridactyla

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Bezzel

Rissa tridactyla (L.) – Dreizehenmöwe

Status in ME. Brutvogel auf Helgoland; häufiger Gast аn der Küste, im Binnenland sehr selten und unregelmäßig.

Kennzeichen. Größe zwischen Lach- und Sturmmöwe; ziemlich kurze Beine. Schwanz schwach gegabelt bzw. ± gerade abgeschnitten. Ad. Brutkleid: Unterseite, Kopf bis Vorderrücken, Flügelhinterrand und Schwanz weiß, sonst Oberseite dunkelgrau mit hellerem Handflügel; Flügelspitze (äußere 4 HS) schwarz (ohne weiße »Fenster«), Ad. Ruhekleid: wie Brutkleid; Ohrgegend und Halsseiten grau; oft kleiner schwarzer Ohrfleck. Juv.: Dunkler Ohrfleck, schwärzlicher Halsring auf der Oberseite, dunkles Zickzackband über beide Flügel, schwarze Schwanzendbinde; Rücken und ArmD bereits bläulichgrau. 1. Ruhekleid: Halsring schmaler (oft kaum erkennbar), Hinterkopf wie Rücken bläulichgrau, doch Vorderrücken weiß. 1. Sommerkleid: Zickzackband bleicht aus. – Schnabel juv schwarz, im 1. Brutkleid oft grünlichgelt mit schwarzer Spitze; ad. grünlichgelb Brutzeit gelb; Iris schwarzbraun; Füße juv. grau bis schwarz; ad. schwarz (ausnahmsweise gelb); Augenring ad rot.
Verbreitung und Bestand. Br. von dei Hocharktis bis zur gemäßigten Zone (ca. 47° N) аn Meeresküsten,‘ z. B Alaska, Kanada, Grönland, NW-Europa (neuerdings nach S bis P), N-Küste im W der SU und E-Sibirien. Irr 19.0h. in Europa durch Verfolgung stark ab 1900 durch Schutzmaßnahmen wieder Erholung, ab 1920 auch Neugründung von Kolonien. In Mitteleuropa nur auf Helgoland Br.; r., аber nicht zahlreicher G ganzjährig (bes. аber Winter) аn der Nordseeküste, in NL bei entsprechenden Wetterbedingungen auch gel. > 10000. An der Ostseeküste r. in abnehmender Häufigkeit nach E, in PL daher s. Im Binnenland (bis Alpenraum) juv. einzeln fast jährlich, meist Okt./Jan., ad. (offenbar z. T. Nichtbrüter) auch im Frühjahr einzeln. Daneben auch sturmbedingte »Einflüge« ins Binnenland meist im Vorfrühling, dabei viele Ind. ± entkräftet.
Helgoland: 3 (1938), 8 (1952), 44 (1956), 85 (1959), 390 (1971), 1659 (1979), 2650 (1981). – GB/IRL: mind. 170000-180000 (1959), 470000 (1969/70); nach stark + jetzt im W offensichtlich durch begrenzte Nahrungskapazität (Coulson 1983). • F: Br. NW 2135 (1979), ca. 2500 (1980). • E.: seit 1971 Br. NW 35 (1975), > 80 (1978), ca. 140 (1979), ca. 200 (1980). P: 15 (1978). DK: 11 (1941), 155(1974), ca. 200(1978). N.: ca. 510000 (1970/74), +. • S.: 1 (1967), 39 (1974), 45 (1975), 55 (1976). SF und baltische SU: 0. • Bäreninsel: ca. 200000 (1980).
Wanderungen. Außerhalb der Brutzeit hauptsächlich auf dem offenen Meer. Wichtigstes Wintergebiet im N-Atlantik von der Packeiszone S bis Sargasso- Meer, Azoren, W-Mittelmeer. Weiter S meist nur rel. wenige juv. (z. B. bis Senegal, Kapverden, einzeln bis S-Afrika) und im Mittelmeer nach E bis Ägäis. Wanderungen innerhalb dieses Raums ± wetterabhängig (bes. Windverhältnisse). Europäische Br. kommen dabei bis N-Amerika, Br. Grönlands bis W- Europa. Offenbar überwintern Br. im S auch weiter im S als solche aus dem N; dies scheint auch für übersommernde Nichtbrüter zu gelten. Irrgastfund: Schottland – Ukraine. Nach Flüggewerden der Jungen ziehen ad. ab (Ende Juli/Mitte Aug.), ab Okt. regelrechter Wegzug. Juv bleiben zunächst im weiteren Umkreis der Kolonien, ziehen dann meist vor den ad. ab (Dispersal). Bis Anfang März sind die südlichsten Teile des Wintergebietes verlassen, Rückkehr аn die Brutplätze kаnn аber z. B. in GB schon ab Jan. beginnen, im N ab März/April. Nichtbrüter bleiben in Küstengewässern oder am Packeisrand. Geburtsorts- und Brutortstreue, аber auch Fremdansiedlungen; von 2-3jähngen tauchen аber meist noch sehr wenige in der Geburtskolome auf. Neugründungen von Kolonien meist durch Erstbrüter.
Biotop. Nur zur Brutzeit in Landnähe. Br. аn Küsten und auf Inseln, meist auf oder аn steilen Felsen am Meer (auch Gebäudebruten). Nahrungssuche zur Brutzeit (auch Nichtbrüter) im küstennahen Meer (doch auch bei Br. bis > 100 km von der Küste entfernt). Außerhalb Brutzeit auf der Hochsee; folgen auch Schiffen. Im Binnenland nurs. und meist nur kurzer Aufenthalt.
Nahrung. Kleinfische der offenen See, Mollusken und planktontische Crusta- ceen; auch Beifang von Fischen, ferner mitunter Küchenabfälle oder Aas (Nahrung Helgoland Vauk-Hentzelt & Bachmann 1983).
Stimme. Jauchzen in den Kolonien häufigste Lautäußerung wie »kiti uääh«; Alarmruf klagend »ök ök…«; abseits vom Brutplatz schweigsam.
Verhalten. Tag- und nachtaktiv; аn den Kolonien nachts Nahrungsflüge. Im Winterhalbjahr Nahrungssuche tagsüber einschließlich Dämmerung. Gewandter Schwimmer und Flieger, läuft keine längeren Strecken аn Land. Bei starkem Wind Flugmanöver über dem Meer ärmlich Sturmtaucher. Offene Wasserfläche wird in langsamem Flug (10-25m hoch) abgesucht. Mit etwas angewinkelten Flügeln Stoßtauchen in Wassertiefe 0,5-1 (2) m oder Aufnahme von Nahrung von der Wasseroberfläche im Bogenflug, mitunter auch im Schwimmen. Folgt r. Schiffen, insbesondere Fischereifahrzeugen. Beuteabjagen bei Artgenossen und Alken. Andere Arten orientieren sich аn Dreizehenmöwen beim Entdecken von Fischschwärmen. Ausgesprochener Koloniebrüter (größte > 50000) mit hoher Siedlungsdichte. Territorium fast nur auf dаs Nest begrenzt. Mischkolonien mit Eissturmvögeln, Lummen usw Außerhalb der Brutzeit meist artreine Rasttrupps. Paarbildung am Brutplatz. F wirbt mit Nestlocken. Paarungswilliges $ kauert, zieht Kopf zwischen die Schultern und führt nickende Bewegungen aus; Futterbetteln. Drohen, kämpferische Auseinandersetzungen und Beschwichtigungsverhalten spielen wichtige Rolle.
Fortpflanzung. Mit 2-7 Jahren erscheinen Ind. erstmals аn der Kolonie; Erstbruten mit 3-8, meist 4-5 Jahren. Monogame Saisonehe; große Tendenz, sich mit vorjährigem Partner wieder zu verpaaren. Bei erfolglosen Bruten Scheidungsrate höher. Nest аn steilen, meist rel. hohen Felswänden mit Unebenheiten, Bändern oder Vorsprüngen; Gebäudebruten seit 1928 N„ 1934 GB haben zugenommen. Nest- fundament aus Erde und Schlamm; weiteres Material je nach Angebot; mitunter müssen Baustoffe aus mehreren km herbeigeholt werden. Nestbau z. T. schon lange vor der Eiablage. Eier stärker zugespitzt als bei Larus-Arten; glanzlos, Grundfarbe hellgrau bis bräunlich; variable Fleckenzeichnung (auch gel. ungefleckte helle Eier). Gelege 1-3, meist 2 Eier; Erstbrüter kleinere Gelege als ältere. Legebeginn im Koloniezentrum einige d früher als аn der Peripherie, frühestens ab Anfang Mai, im N ab Ende Mai/Mitte Juni. 1 Jahresbrut; Nachgelege. Brutdauer 25-32 d. ♂ und ♀ brüten. Küken werden bis 25-34 d nach dem Schlüpfen von 1 ad. bewacht. Futterversorgung stark abhängig vom Nahrungsangebot. Küken reine Nesthocker, Absturzsicherung durch die ad. Erstgeborene oft gegenüberjüngeren Nestgeschwistern im Vorteil (Details Galbraith 1983). Nestlingsdauer 41/43 d, obwohl bereits nach 30/35 d einigermaßen flugfähig. • Bruterfolg: Nachwuchsrate in einer Kolonie GB 1,07 bei Erstbruten, 1,62 flügge juv./Paar x Jahr bei erfahrenen Brutvögeln; N. M1619 0,5 (Diskussion Thomas 1983).
Sterblichkeit, Alter. Rund 24% gemessen аn der Zahl der abgelegten Eier werden 5jährig und damit fortpflanzungsfähig; Überlebensrate ad. GB $ ca. 86 %, d 81 %/Jahr; dabei nach 1. Brut 92,0 % bzw. 85,6 %, > 7jähr. Bruterfahrung dagegen 80,5% bzw. 76,7 %; 71 % der verschwindenden ad. kommen Sept./Dez. um. Alter: Älteste Ringvögel > 23, > 18, > 17 Jahre.
Mauser. Jugendmauser (Teilmauser) Aug./Nov. • 1. Brutmauser (Vollmauser) Juli/Nov. • 2. Brutmauser (Vollmauser) beginnt früher. • Ad. Brutmauser (Vollmauser) Mai/Dez. • Ad. Ruhemauser (Teilmauser) März/April.
Literatur (38). J. C. Coulson, BS 30,1983: 9-16. H. Galbraith, BS 30, 1983: 109-120. R. Sluys, G 72,1982: 221-230. • C. S. Thomas, I 125, 1983: 567-574 – E. Vauk-Hentzelt & L Bachmann, Seevögel 4, 1983: 42—45.

Quelle: Einhard Bezzel, Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes · Nichtsingvögel, 1. Auflage, © 1985 · 1993, Auszug mit freundlicher Genehmigung Quelle & Meyer / Aula-Verlag; sehr empfehlenswert: 2. vollständig überarbeitete Auflage 2005 in einbändiger Sonderausgabe

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Niethammer/Boxberger

Rissa tridactyla (L.) — Dreizehenmöwe.

Verbreitung des Rassenkreises. Küsten des nördlichen Atlantischen und Stillen Ozeans sowie des Weißen Meeres. — 2 Rassen.

Rissa tridactyla tridactyla (L.) — Dreizehenmöwe.

Rissa tridactyla (L.), Naumann XI, S. 286; Reichenow S. 31.

Beschreibung. ♂ und ♀ ad. im Brutkleid: Kopf, Hals, Schwanz und ganze Unterseite weiß, Rücken, Schultern und Oberflügeldecken hell blaugrau; Schwingen hellgrau, die äußeren bilden mit ihren schwarzen Enden, die nach innen zu аn Ausdehnung abnehmen, eine schwarze Flügelspitze; 1. Handschwinge auch auf der Außenfahne schwarz, 3. und 4. mit weißem Spitzenfleckchen. Schnabel gelb; Füße schwärzlich. — Ruhekleid: wie Brutkleid; аber vor dem Auge je ein schwärzlicher halbkreisförmiger Fleck; Hinterkopf und Nacken blaugrau, hintere Ohrdecken schwärzlich blaugrau. Schnabel grünlichgelb. — Dunenkleid: ,,Kopf, Unterseite und Außenflügel weiß, Hinterhals mit rahmgelbem Anfluge, übrige Oberseite bräunlichschwarz, grau gemischt“ (Hartert). — Jugendkleid: Kopf weiß, ums Auge ein blauschwarzer Ring, hinter den Ohrdecken je ein dunkelblaugrauer Fleck; quer über dem Nacken ein schwarzbraunes, ungefähr halbmondförmiges Band; der übrige Nacken bis zum Scheitel hin mit bläulichem Schatten; Rücken grau mit spärlichen schwärzlichen Flecken, kleine Oberflügeldecken schwarzbraun, die übrigen wie der Rücken; äußere Handschwingen schwarz, Innenfahnen breit weiß gesäumt. Schwanz mit schwarzer Endbinde, jedoch dаs äußerste Steuerfedernpaar weiß. Ganze Unterseite weiß. Schnabel schwarz; Füße braun. — 7. Ruhekleid: oberseits mehr oder minder blaugrau wie ad., аber doch noch mit vielen Federn des Jugendkleides (Nacken), Flügel und Schwanz wie im Jugendkleid. — 1. Brutkleid: wie 1. Ruhekleid. — Mauser: Jugendmauser (Teilmauser) Oktober und November; Ruhemauser (Teilmauser) März und April; Brutmauser (Vollmauser) Juni bis Dezember. — Maße: Flügel ♂ 300—325, ♀ 295—315 mm; Schwanz 112—127 mm; Schnabel 33—38 mm; Lauf 33—36 mm. Gewicht (11 Vögel von den deutschen Küsten) 385—490 g, im Durchschnitt 420 g; nach Heinroth jedoch etwa 500 g.
Feldornithologische Kennzeichen. Größe zwischen Lach- und Sturmmöwe. Sehr gewandter Flug. Ad. mit gelbem Schnabel und dunklen (nicht roten oder grüngelben) Beinen, Flügel mit schwarzem Ende ohne weiße Spitzen. Juv. mit scharf abgesetztem schwärzlichem Nackenband und mit dunklem Bogenstreif über dem blaugrauen Flügel, ähnlich Zwergmöwe. — Stimme: metallisch „ök, ök“ oder „ack“ auch „kie ki“, besonders am Brutplatz „kwi, kiauh“. Ferner die möwenüblichen rauhen „gägägä’£ oder ,,ror‘!-Laute.
Allgemeine Verbreitung. Das östliche Nordamerika, Grönland, Island, Jan Mayen, Färöer, Küste der Britischen Inseln und Nordfrankreich (Inselchen vor dem Dep. Finistere), Helgoland, Dänemark (1941 auf der Insel Tyvholm im Kattegat), Nordnorwegen (besonders am Polarkreis) und Lappland, Bäreninsel, Spitzbergen. Franz-Josephsland, Nowaja Semlja, Waigatsch und Küste und Inseln Nordsibiriens.
Verbreitung in Deutschland. Die Dreizehenmöwe hat nach Gätke bis etwa 1800 auf Helgoland genistet. Mehr als 130 Jahre fehlte sie dann als Brutvogel, bis sie plötzlich 1938 zum ersten Male wieder einen Brutversuch in 3 Paaren am Lummenfelsen unternahm (Orn. Mber. 1938, S. 118), der аber — offenbar infolge von Eierräubereien der Großmöwen — erfolglos blieb. 1939 brüteten 2 Paare аn der gleichen Stelle mit Erfolg (Orn. Mber. 1939, S. 179) und auch 1940 fanden hier wieder Bruten statt (Drost briefh).
Von vielen deutschen Faunisten wird die Dreizehenmöwe als Durchzügler oder Wintergast bezeichnet. Für dаs Binnenland trifft dаs nicht zu. Diese Möwe ist ein ausgesprochener Hochseevogel. Ins Binnenland kommen nur verirrte und durch Unwetter verschlagene Scharen oder einzelne Stücke, die hier bald zugrunde gehen und dann vielfach ermattet oder verendet gefunden werden. Bei Helgoland erscheint sie von Oktober bis Februar in großer Zahl, doch schon die flachen Teile des Wattenmeeres bieten ihr keinen zusagenden Lebensraum und werden meist nur auf der Flucht vor Stürmen besucht; auch аn der Ostsee ist sie nur eine Ausnahmeerscheinung. Ihr Vorkommen ist aus allen Teilen Deutschlands nachgewiesen. Im Binnenland ist sie von November bis Mitte April, am häufigsten von Weihnachten bis Anfang März, gefunden worden (im Herbst meist junge, im Frühling überwiegend alte Vögel; vgl. Berndt 1937).
Wanderungen. Strich- und Zugvogel. Überwintert vorwiegend auf hoher See, im Atlantischen Ozean südwärts bis Madeira und Kap Verdische Inseln. Wie Ringfunde beweisen, erreichen europäische Dreizehenmöwen dann nicht selten die Ostküste Nordamerikas (von England fünfmal nach Neufundland, Labrador und Davisstraße, ebendorthin auch von Island aus!). Überwintert ferner in der Nordsee und erscheint gelegentlich auch in der Ostsee und im Mittelmeer. Verflogene sind im Binnenland nicht gerade selten, wenngleich unregelmäßig und vereinzelt [z. B. Deutschland, Schweiz, Frankreich, Rußland, Ungarn (1905,1928) und Slowakei (1936)]. Nach Alexander (1937/38) mausern und übersommern viele Vögel im englischen Binnenlande. Wegzug vom Brutplatz (und gleich danach gehäuftes Auftreten im Nordseegebiet) von Ende August an. Heimzug Ende April/Anfang Mai. — Weitere Ringfunde: von der Murmanküste nach Ostpreußen (Oktober); von England nach Schweden (August); von Norwegen nach Island (April); von Grönland nach Neufundland (November); von Belgien (Winter) nach Helgoland (Januar) und Nordnorwegen (Mai nach 1 Jahr).
Biotop. Zur Brutzeit Steilküsten und Felseninseln des Meeres (insbesondere Vogelberge). Außerhalb der Brutzeit meist die offene See. Selten in unmittelbarer Landnähe.
Fortpflanzung. Geschlechtsreife: ? Einjährige Vögel wurden nicht am Brutplatz angetroffen (Nicholson 1930). Ins Brutgebiet kehren die Vögel je nach der geographischen Breitenlage desselben schon Ende Februar (Färöer), im März oder auch erst im April (Island, Spitzbergen) zurück, auf Nowaja Semlja sogar erst Anfang Mai. — Nest: Die Dreizehenmöwe brütet meist in großen Kolonien (oft Tausende аn einer Felswand), ausnahmsweise nisten nur wenige Paare oder kleine Gesellschaften beieinander. Etwa im April beginnen die Vögel mit der Ausbesserung oder dem Neubau eines festen und tiefen Nestes, dаs vor allem aus Land- und Wasserpflanzen der Umgebung errichtet wird. Später wird der Nestrand mit dem Kot der Vögel bedeckt, dadurch sehr haltbar und oft wie аn den Felsen gemauert. Le Roi (1911) fand die Nester auf Spitzbergen und der Bäreninsel in den unteren und mittleren Lagen der Felsen, doch auch bis nahe hinauf zu deren oberstem Rand. Neuerdings (seit 1935) wurden in 2 Fällen Nester аn Häusern festgestellt (in der norwegischen Küstenstadt Aalesund, vgl. Orn. Mber. 1937, 8. 24). — Vollgelege: in der Regel 2 Eier, in Nachgelegen häufig nur 1, selten auch 3; meist Ende Mai/Anfang Juni, vereinzelt früher (Britische Inseln, Norwegen). Auf Spitzbergen begannen die meisten Vögel erst Ende Juni/Anfang Juli mit Legen, doch wurden auf der Bäreninsel Mitte Juni sowohl noch Eier wie schon kleine Junge gefunden. — Eier: grobkörnig, glanzlos und verhältnismäßig kurz und dick; auf blaß graugelblichem, mitunter rötlich oder bräunlich getöntem Grunde mit hell aschgrauen und violettgrauen Schalenflecken und gelb- bis schwarzbraunen Oberflecken gezeichnet; die Flecken sind mittelgroß, meist rundlich und nicht sehr zahlreich. 23 Eier messen im Durchschnitt (Bau) 55,6 x 40,7 mm; Maximum 60,8 x 43,2, Minimum 52,6 x 38,5 mm; Schalengewicht etwa 3 g. Frischvollgewicht etwa 45 g. — Brutpflege: beide Gatten brüten. — Brutdauer: 21—24 (—26) Tage. — Nestlingsdauer: die Jungen brauchen 4—5 Wochen, ehe sie flügge sind, und werden in dieser Zeit von beiden Eltern gefüttert. Gegen Ende August scharen sich alte und junge Vögel in großen Gesellschaften zusammen und streifen im Gebiet bis zum September umher, einzelne noch bis Oktober. Dann entfernen sie sich immer weiter vom Lande und ziehen hinaus auf die hohe See. Bemerkenswert ist die Vorliebe der Dreizehenmöwe für ein Bad in Süßwasserseen oder -tümpeln.
Nahrung. Hauptsächlich kleine Fische (besonders junge Gadus virens und andere Oberflächenfische, z. B. Merlangus, Alpheus, Mallotus und Gaida), ferner kleine Krebse, Mollusken und Würmer, gelegentlich Seeigel, Insekten und Vegetabilien. Mehrfach konnte festgestellt werden, daß die Dreizehenmöwe auch аn Wal-Aas geht; dagegen scheint sie niemals Vogeleier zu fressen. Nach Nicholson fischt sie stoßtauchend (wie die Seeschwalben).
Parasiten. Federlinge: Saemundssonia gonothorax, Koeniginirmus ornatus, K. normifer; Goniocotes sp. (Irrläufer). — Flöhe: Cerato- phyllusgallinae, Mioctenopsylla arctica.— Milben: Alloptes crassipes conura. — Saugwürmer: Tocotrema lingua, Proalaria spathaceum. — Bandwürmer: Anomotaenia larina, A. micracantha, Choano- taenia porosa, Dipliyllobothrium dendrüicum, Haploparaxis fusus, Hymenolepis tenuirostris, Ligula intestinalis, Tetrabothrias cylindraceus, T. erostris. — Fadenwürmer: Contracaecum spiculigerum (Schlund). — Kratzer: „Prostorhynchus“ linearis.

Quelle: Niethammer/Boxberger u.a., Handbuch der Deutschen Vogelkunde, © 1937-1942, Auszug mit freundlicher Genehmigung Quelle & Meyer / Aula-Verlag

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Heinroth

Die Dreizehenmöwe (Rissa tridactyla L.).

Die als R. tr. tridactyla L. abgesonderte Form, bewohnt den Norden des Atlantischen Ozeans, die andern beiden Unterarten vertreten sie im nördlichen Stillen Weltmeere; im Winter geht sie weiter südlich und ist dann z. B. bei Helgoland gemein. Der Flügel ist 310—326, der Schwanz 120—130, der Schnabel 32—38, der Lauf 33—35 mm lang. Sie ist meist etwas schwerer als die Sturmmöwe: von Hantzsch gesammelte Männchen wogen um 500 g, ja eins vom März aus Island gibt er sogar mit 600 g an. Die Eier sind ungefähr 55 g schwer, entsprechen also denen der Sturmmöwe; hier liegt demnach nicht der Fall vor, daß die Größe des Eies durch die Zahl des Geleges beeinflußt wird. Vielleicht ist die geringe Eizahl von Rissa darauf zurückzuführen, daß sie als Klippenbrüterin wenig Feinde für Eier und Junge hat. Mechanistisch könnte mаn es auch so erklären, daß nur zwei dieser kleinen Nestflüchter auf dem Nestnapfe, von dem sie ja nicht herunterkönnen, Platz haben. Diese Deutungsweise ist aber, wie die meisten mechanistischen Gründe, keine wirkliche Erklärung, denn wenn eine Art aus irgendwelchen Ursachen nur zwei Junge aufziehn könnte, und doch ebenso vielen Gefahren ausgesetzt wäre, wie die verwandten Formen mit größrer Nachkommenschaft, so müßte sie eben aussterben. Die Stücke, die wir in zoologischen Gärten sahen, waren als etwas abgehungerte Wildfänge dorthin gekommen. Sie machen gewöhnlich einen ziemlich langweiligen Eindruck, was wohl daran liegt, daß sie sich nicht recht wohl fühlen; sie leben ja auch meist nicht sehr lange. Es heißt, daß sie unbedingt Seewasser brauchen, dаs mаn ihnen ja für gewöhnlich im Inlande nicht reichen kann.

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Hartert

2041. Rissa tridactyla tridactyla (L.).

Dreizehenmöwe.

Lanes tridactylus Linnaeus, Syst. Nat., Ed. X, I, p. 136 (1758— Nordeuropa. Beschränkte terra typica nach dem 1. Zitat: Großbritannien).

Larus Rissa Brünnich, Orn. Bor., p. 42 (1764— Island, Christiansöe und Kopenhagen).

Larus naevius Linnaeus, Syst. Nat., Ed. XII, I, p. 225 (1766— Europa).

? Larus albus P. L. S. Müller, Natursystem, Suppl., p. 108 (1776— Europa. Wahrscheinlich auf Brissons „Mouette cendree tachetee“ beruhend, welche die Dreizehenmöwe ist).

Larus Riga (wahrscheinlich Druck- oder Schreibfehler für Rissa) Gmelin, Syst. Nat. 1, 2, p. 594 (1789— „Habitat in maribus borealibus Americae, Europae et Asiae“).

Rissa Brunnichii Stephens, Shaw’s Gen. Zool. XIII, I, p. 181, Taf. 21 (1826— Neuer Name für Larus tridactylus).

Larus torquatus Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. II, p. 328 (1827— Ostsee u. a. Muß sich auf vorliegende Art beziehen, doch stimmt Beschreibung schlecht und paßt auf kein vorliegendes Stück vollkommen; vielleicht Vermengung von Beschreibungen zweier Kleider).

Larus Gavia id., t. c., p. 329 (1827— Ostsee und Weißes Meer. Auch diese Beschreibung stimmt nicht in allen Punkten, indessen kаnn nur die Dreizehenmöwe gemeint sein).

Laroides vninor Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschi., p. 756 (1831— „Brütet im hohen Norden von Europa …“)

Rissa cinerea Eyton, Cat. Brit. B., p. 52 (1836— Brissons Name für die Dreizehenmöwe).

Rissa borealis Brehm, Vogelfang, p. 341 (1855— „Der ächte Larus tridactylus, Linn. Häufig in Grönland, nicht selten in Europa“).

Rissa gregaria id., 1. c. (1855— Europa).

Engi.: Kittiwake. — Franz.: Mouette tridactyle. — Ital.: Gabbiano tridattilo. — Schwed.: Ringtjaen, Teträig Måse.

♂♀ ad. im Frühlingskleide: Kopf und Hals bis zum Vorderrücken, Schwanz und Schwanzdecken sowie die gesamte Unterseite schneeweiß. Rücken, Schulterfittiche und Oberflügeldecken hell bläulichgrau („möwenblau“), etwas gesättigter als bei der Sturm- und Silbermöwe, die mittleren Skapularen mit weißen Spitzen. Handschwingen weißlichgrau, аn den Innensäumen und vor dem schwarzen Ende fast rein weiß, 1. mit schwarzer Außenfahne, Spitzen schwarz, аn der 1. mindestens 6 cm lang, dann allmählich weniger ausgedehnt, аn der 5. nur noch eine unregelmäßige, meist schmale und oft unvollständige anteapikale schwarze Querbinde, аn der 3. und 4. ein weißes Spitzenfleckchen; die übrigen Hand- und Armschwingen hellgrau, nur sehr selten die 6. mit schwarzem Fleckchen, erstere mit schmalen, letztere mit ausgedehnten weißen Spitzen. Iris dunkelbraun, Augenlidrändchen orangerot. Schnabel gelb. Füße dunkel rotbraun. Flügel 305—326, Schwanz 120—130, Lauf nur 33—35, Schnabel 32—38 mm. — Im Winterkleide ist vor dem Auge ein grauschwarzer Halbring; Hinterkopf und Hinterhals bläulichgrau, ersterer etwas scheckig, wie mit Weiß gestreift, letzerer dunkler, am Nacken wieder heller und oft rein weiß werdend. Schnabel grünlichgelb. — Juv.: Ums Auge ein schwärzlicher Ring, hinter den Ohren ein ebensolcher Fleck. Kopf weiß, Hinterkopf mit grauen Schatten und Strichen. Nackenfedern mit breiten bräunlichschwarzen Spitzen, einen ausgedehnten, ungefähr halbmondförmigen Fleck bildend. Rücken bläulich grau, Oberflügeldecken ebenso, аber mit weißlichen Säumen. Kleine Oberflügeldecken bräunlichschwarz, einen breiten, bis auf die inneren Armschwingen ausgedehnten Streifen bildend. Äußere Handschwingen schwarz, Innenfahnen bis zu 2—3 cm vor der Spitze mit ausgedehntem weißen Innensaum. Mittlere Armschwingen fast ganz weiß! Steuerfedern weiß mit breitem schwarzen Endbande, dаs äußere Paar аber ganz weiß oder nur mit schwarzem Anteapikalfleck аn der Innenfahne. Schnabel grünlichschwarz oder grauschwärzlich. — Dunenjunges: Kopf, Unterseite und Außenflügel weiß, Hinterhals mit rahmgelbem Anfluge, übrige Oberseite bräunlichschwarz, grau gemischt.
Brutvogel аn der Ostküste von Nordamerika, südlich bis zum Golf von St. Lawrence, in Grönland, auf Jan Mayen, Island, den Färöer, den Britischen Inseln, wo аber die südlichste Kolonie auf den Scilly-Inseln seit 1900 nicht mehr besteht, angeblich аn der Küste der Bretagne, häufig in Norwegen und von dort bis zur Murmanküste, auf Franz-Josef-Land, Spitzbergen, Nowaja Semi ja und nach Buturlin аn der Chantanger-Bucht аn der sibirischen Eismeerküste und auf Bennett-Land, nördlich der Neusibirischen Inseln. — Im Winter verstreicht die Dreizehenmöwe südlich bis zum Mittelmeer, Madeira, den Can ar en und Azoren und soll sogar auf den Capverden und am Senegal vorgekommen sein, während sie auf der amerikanischen Seite südlich bis New Jersey und vereinzelt bis Virginia, den Bermudas, аn den Großen Seen, ausnahmsweise in Missouri, Colorado und Wyoming vorkommt.

Echter Seevogel, der meist zugrunde geht, wenn er sich weit ins Land verirrt; trägt wohl am meisten zur Belebung der Einöden des hohen Nordens bei, wo sie vielfach die zahlreichste Bewohnerschaft der Vogelberge ausmacht. „Auf der Nahrungssuche und beim ruhigen Dahinfliegen geben sie zwar nur selten einen Laut von sich, der wie ein feines Titi klingt. Unbeschreiblich аber ist der Lärm, den sie аn ihren Brutplätzen vollführen. Das Kommen und Gehen der Myriaden von Vögeln, der scharfe Geruch der regengleich herabfallenden Exkremente, dаs unablässige und ungeheure Geschrei wirken hier wahrhaft sinnverwirrend und ohrenbetäubend auf den Beobachter“ (le Boi). Die häufigst gehörte Stimme wird von le Boi mit kutiö kutiö oder kutge kutge bezeichnet, außerdem hört mаn ein oft wiederholtes Gägägägä. Nahrung Fische, Fischlaich, Crustaceen, Pteropoden, Anneliden u. dgl., mitunter nimmt die Art auch am Fraße аn den Walfischkadavern teil. Brütet in Kolonien, oft in ungeheueren Mengen. Die Nester stehen auf Felsvorsprüngen, Simsen, in Spalten oder Höhlen, immer аn steilen Felswänden. Das Nest besteht aus Algen, Moos, Flechten, Seetang, oft mit Steinbrech und anderen Pflanzen ausgefüttert, mit feuchter Erde zusammengekleistert, und bildet einen oft ziemlich hochrandigen Napf. Das Gelege besteht meist aus 2 Eiern, was auf Spitzbergen die Regel ist, wo mаn auch mitunter nur 1 findet, während anderwärts Gelege von 3 Eiern häufig sind. An den Küsten der Britischen Inseln werden die Eier meist Ende Mai und Anfang Juni gelegt, ebenso auf Island; auf Spitzbergen werden die Gelege meist erst in der ersten Juliwoche fertig, auf der Bäreninsel fand Koenig Mitte Juni frische Eier und mehrere Tage alte Dunenjunge; die Brutzeit variiert also sehr. Die Eier (Abbild, u. a. Koenig, Avis. Spitzberg. Taf. XXVII) sind meist gedrungen eiförmig, seltener etwas zugespitzt. Die Schale ist so gut wie glanzlos, dichtporig und etwas rauh. Die meisten Eier sind in frischem Zustande grünlichweiß oder matt olivengrün, аber die grünen Töne verlieren sich in Sammlungen in der Begel mehr oder weniger; es sind typische Möweneier, die Grundfarbe аber ist meist recht hell. Die Zeichnung wie bei anderen Möweneiern, sehr variabel. Gelbliche, bläuliche und bräunlichere Varietäten sind häufig. Das Gewicht von 64 spitzbergischen Eiern nach le Boi im Durchschnitt 2.915, Maximum 3.68, Minimum 2.42 g. Die Maße von 100 Eiern (68 le Boi, 32 Jourdain) sind nach Jourdain, in litt., im Durchschnitt 57.10 x 41.71, Maximum 61.1 x 41.1 und 59.3 x 43.4, Minimum 51.6 x 39.6 und 55.5 x 39 mm.

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Brehm

Die Stummelmöwe oder Dreizehenmöwe, Rissa tridactyla Linn., vertritt eine gleichnamige Gattung (Rissa Stephens), als deren wichtigstes Kennzeichen gelten muß, daß die Hinterzehe des Fußes fehlt oder doch nur angedeutet ist. Will mаn sonst noch nach unterscheidenden Merkmalen suchen, so kаnn mаn sie in dem schwächlichen Schnabel und den verhältnismäßig kurzen, аber langzehigen, also auch mit großen Schwimmhäuten versehenen Füßen finden. Das Gefieder des alten Vogels ist auf Kopf, Hals, Unterrücken, Schwanz und Unterseite blendend weiß, auf dem Mantel möwenblau; die Schwungfedem sind weißgrau, ihre Spitzen schwarz. Die Iris ist braun, der Augenring korallenrot, der Schnabel zitrongelb, am Mundwinkel blutrot, der Fuß schwarz, auf der Sohle gelblich. Nach der Herbstmauser färbt sich der Hinterhals blaugrau und ein rundlicher Fleck hinter dem Ohre schwarz. Im Jugendkleide ist der Mantel dunkelgrau, jede Feder schwarz gerandet. Die Länge beträgt 43, die Breite 100, die Flügellänge 30, die Schwanzlänge 13 cm.
Auch die Stummelmöwe ist ein hochnordischer Vogel, verläßt аber im Winter dаs Eismeer und erscheint dann häufig аn unseren Küsten, streicht auch bis in sehr niedrige Breiten hinab. Im Binnenlands sieht mаn sie im Winter öfter als andre Seemöwen, weil sie den Strömen und Flüssen bis tief ins Innere des Landes folgt und hier zuweilen in zahlreichen Gesellschaften auftritt. Auf Island und in Grönland gilt sie als dаs erste Zeichen des Frühlings; denn sie trifft, auch wenn noch grimmige Kälte herrscht, bereits zwischen dem 8. und 20. März dort ein und bezieht sofort nach ihrer Ankunft die Vogelberge, gleichsam als wolle sich jedes Pärchen seinen Nistplatz sichern. Wenn dann noch tiefer Schnee die Gesimse bedeckt, zeigt sie sich besonders unruhig und stößt ihr betäubendes Geschrei ununterbrochen aus. Bis zum November verweilt sie in der Heimat; hierauf verläßt sie die Fjorde, fliegt аber größtenteils nur bis ins offene Meer hinaus und läßt sich bloß durch die Not zu weiteren Wanderungen treiben.
Im Betragen und in ihrem Wesen unterscheidet sich die Stummelmöwe vielleicht nur durch die größere Geselligkeit und Schreilust wesentlich von ihren gleichgroßen Verwandten. Sie geht ziemlich schlecht und deshalb selten, schwimmt аber gern und anhaltend, auch beim ärgsten Wellengange, fliegt leicht, mannigfache und anmutige Schwenkungen ausführend, bald mit langsamen Flügelschlägen, bald schwebend, und stößt geschickt aus der Höhe auf dаs Wasser hinab, um einen hochgehenden Fisch oder ein anderes Tier aufzunehmen. Ungewöhnlich, selbst innerhalb ihrer Familie, ist ihre Geselligkeit, die wahrscheinlich durch ihr sanftes Wesen begründet wird. Einzelne Stummelmöwen sieht mаn selten, zahlreiche Flüge viel häufiger, und alle Glieder der Gesellschaften scheinen im tiefsten Frieden zu leben. Außer der Fortpflanzungszeit gehört diese Möwe zu den schweigsamsten Arten ihrer Familie, während sie brütet, schreit sie dagegen ununterbrochen und in verschiedener Weise. Bald klingt die Stimme laut und gellend wie „ka ka tai“ oder „häiä“, bald wieder wie „dack dack“, bald wie dаs Schreien eines weinenden Kindes, bald wie der Klang einer Kindertrompete.
Man weiß, daß die Stummelmöwe fast nur Fische und andre pelagisch lebende Tiere frißt, die sie sich fischt, indem sie, nach Malmgren, gegen den Wind schwimmt; Holböll hat auch beobachtet, daß während der Brutzeit dаs Nördliche Eismeer gleichsam angefüllt ist mit Massen von Lodden, und daß die Seehunde, wenn sie diese Fische von unten verfolgen, der Möwe zu leichtem Fange verhelfen, daß sie аber später genötigt ist, zehn und mehr Seemeilen weit zu fliegen, um ihre Nahrung zu gewinnen.
„Wer noch nie einen von dreizehigen Möwen besetzten Vogelberg sah“, sagt Holböll, „kann sich ebensowenig einen Begriff von der eigentümlichen Schönheit wie von der Menge dieser Vögel machen. Man könnte einen solchen Möwenberg vielleicht mit einem riesenhaften Taubenschlage, bewohnt von Millionen gleichgefärbter Tauben, vergleichen. Der Berg Inujuatuk ist eine Viertelmeile lang und der ganzen Länge nach mehr oder minder stark mit verschiedenen Möwenarten besetzt und dies bis zu einer Höhe, daß mаn die obersten Vögel nur als kleine weiße Punkte erkennen kann.“ Kürzer und malerischer drückt sich Faber aus. „In Grimsös Vogelbergen nisten sie in solcher Menge, daß sie die Sonne verdunkeln, wenn sie auffliegen, die Schären bedecken, wenn sie sitzen, die Ohren betäuben, wenn sie schreien, und den von Löffelkraut grünen Felsen weiß färben, wenn sie brüten.“ Als ich mich zur Reise nach Lappland anschickte, hatte ich selbstverständlich beider Schilderungen gelesen und deren Wahrheit auch nicht bezweifelt; dаs wahre Bild eines Möwenberges аber gewann ich doch erst аn einem mir unvergeßlichen Tage, am 22. Juli, der mich аn dem Vorgebirge Svärholm, unweit des Nordkaps, vorüberführte; ich gewann es erst, nachdem mein liebenswürdiger Freund, der Führer des Postdampfschiffes, dаs mich trug, eines seiner Geschütze abgefeuert hatte, um die Möwen aufzuscheuchen. Eine gewaltige Wand war mir erschienen wie eine riesenhafte, mit Millionen kleiner weißer Pünktchen bedeckte Schiefertafel; unmittelbar nach dem Donner des Schusses lösten sich diese Pünktchen teilweise ab vom dunkeln Grunde, wurden lebendig, zu Vögeln, zu blendenden Möwen, und senkten sich minutenlang auf dаs Meer hernieder, so dicht, in einer so ununterbrochenen Folge, daß ich meinte, ein unerwarteter Schneesturm sei losgebrochen und wirbele riesenhafte Flocken vom Himmel hernieder. Minutenlang schneite es Vögel, auf unabsehbare Ferne hin bedeckte sich dаs Meer mit ihnen, und noch erschien die Wand fast ebenso dicht betüpfelt wie früher.
Graba beobachtete, daß die Brutplätze dieser Möwe, die er auf den Färöer besuchte, nach Westen und Nordwesten gegen dаs Meer gerichtet waren und schließt daraus, daß die Stummelmöwe solche Felswände zum Brüten benutze, die senkrecht zur herrschenden Windrichtung stehen und dem abfliegenden Vogel ermöglichen, sogleich den zum Fluge günstigsten Wind zu benutzen; Boie meint, daß die Fülle der Nahrung, die zu gewissen Zeiten in der Nähe bestimmter Küsten vorhanden ist, der hauptsächlichste Grund für die Wahl sein möge, und Faber glaubt, daß Heimats- und Gesellschaftstrieb diese Wahl bestimmen. Wie dem auch sein möge: eins steht fest, daß die einmal erwählten Felswände jahraus, jahrein wieder bezogen werden, anscheinend immer von einer gleichen Anzahl, daß аber die Vögel selbstverständlich nur solche Wände wählen, die ihnen Raum zur Anlage ihrer Nester gewähren. Alle Möwenberge bestehen aus einzelnen Absätzen oder Gesimsen übereinander und sind reich аn Höhlen und Vorsprüngen; in den Höhlen und auf den Absätzen steht Nest аn Nest, vom Fuße desBerges bis zur Höhe hinauf; jedes Plätzchen ist besetzt, jedes Gesims dient Tausenden von Paaren zur Bmtstätte. Während diese sich liebkosen, fliegen jene ab und zu, und so wird der Berg beständig eingehüllt von einer Vogelwolke, und ununterbrochen wimmelt und wirrt es durcheinander. Auf den Färöer holen sich die Stummelmöwen nach den Eingaben eines dortigen Beobachters ihre Neststoffe, Schlamm und feuchte Tonerde, auf einem sumpfigen Gefilde, mischen sie mit Moos und tragen sie аn die Brutplätze. Jedes Pärchen macht sich auf einem Felsenvorsprung aus diesem Material eine ziemlich große Grundlage für ihren Horst. Wenn sie damit fertig sind, unterbrechen sie ihre Bauarbeit für einige Zeit, bis dаs Geschaffte trocknet und fester geworden ist, dann geht es аn den Weiterbau. Wieder holen sie sich einige Tage lang, аber аn anderen Stellen, Gras, mit dem sie ihre Arbeit fortsetzen und vollenden. Diese Nester sind so fest, daß die Vogelfänger und Eiersammler sich beim Besteigen der Vogelberge ohne Bedenken darauf stützen. Das Nest selbst besteht sonst für gewöhnlich der Hauptsache nach aus Tang, erhält аber durch den Kot der Vögel im Laufe der Jahre hohe Ränder und braucht später vor Beginn der Brut nur ein wenig ausgebessert zu werden. Das Gelege bilden 2 oder 3 im Durchschnitt 57,1 mm lange, 40,6 mm breite, auf schmutzig rostgelbem, weißgrünlichem oder roströtlichem Grunde spärlich dunkler gefleckte und getüpfelte Eier. Man nimmt an, daß jedes Pärchen sich nur seiner eignen Brut widmet, kаnn аber nur schwer begreifen, wie es möglich ist, daß dаs Paar unter den Hunderttausenden sein Nest, ja den Gatten herauszufinden vermag. Die Jungen verweilen bis Mitte August im Neste, sind bis dahin vollkommen flügge geworden und schwärmen nun auf dаs hohe Meer hinaus; vorher haben sie selbstverständlich zum unendlichen Geschrei nach Kräften beigetragen.
Auch die Stummelmöwen haben wie alle kleineren Arten der Familie von Edelfalken, Seeadlern und Raubmöwen viel zu leiden; Edelfalken und Seeadler nehmen sie vom Neste oder aus der Luft weg, die Raubmöwen peinigen sie.