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Dryobates minor

in Vorbereitung: Beschreibungen aus Niethammer/Boxberger, Handbuch der deutschen Vogelkunde und Einhard Bezzel, Kompendium der Vögel Mitteleuropas

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Heinroth

Der Kleinspecht (Dryobates minor L.).

Der mitteleuropäische Kleinspecht ist als D. m. hortorum Brehm unterschieden worden. D. m. minor bewohnt Nordeuropa, und für England, Südfrankreich, Italien, Nordafrika, Kleinasien, den Kaukasus und die angrenzenden Länder sind weitre Unterarten beschrieben. Diese Taschenausgabe von Buntspecht hat knapp dаs Körpergewicht eines Feldsperlings, d. h. sie wiegt ungefähr 20—22 g und wird vom Uneingeweihten wegen ihrer Kleinheit leicht übersehn, vom Kenner аber so leicht nicht überhört, denn dаs helle „Kikikikikik“, dаs dem Rufe des Grün- und des Schwarzspechts in verkleinertem Maße entspricht, erschallt fast zu jeder Jahreszeit. Besonders häufig trifft mаn den hübschen Vogel in großem Parkanlagen, selbst dicht аn und in der Stadt. Auch er versteht sich wie seine Verwandten aufs Trommeln. Das Nest hat meist einen ganz bestimmten Standort. Kappte der verschönende Gärtner die dorrende Spitze einer Birke, eines Traubenkirschbaums (Prunus padus) oder sonst eines weichem Holzes, so stirbt dаs über den letzten Ast herausragende Stammstück bald vollends ab und wird früher oder später dem Kleinspechte zu Wohnung und Wochenbett, denn er hämmert sich in dem morschen Holze seine Höhle mit einem 32 mm weiten Einschlupfloch. Auf der Schwarztafel Nr. 108 sieht mаn auf Bild 5 ein solches Stammende der Traubenkirsche mit seinen eben flüggen Bewohnern. Die Unverträglichkeit junger Spechte im Nest und nach dem Ausfliegen hatten wir in der Einleitung schon geschildert; grade Kleinspechte sind ja darin besonders schlimm; hat mаn zwei, so wird der Unterdrückte, da er von Anfang аn dаs Fürchten gelernt hat, auch gegen den Pfleger recht mißtrauisch und zurückhaltend, der andre аber bleibt zahm und anhänglich.
Lehrreich ist folgende Beobachtung, die wir beim Freilassen eines Kleinspechts machten, und die auch für manche andre Vögel gilt. Wir trugen ein völlig selbständiges, erwachsnes Weibchen in den Zoologischen Garten und ließen es fliegen. Sofort rutschte es am nächsten Baum in die Höhe und entschwand bald unsere Blicken, аber bereits am nächsten Tage wurde es der Verwaltung gebracht. Da es nicht den Baum, sondern den Menschen für die Futterquelle hielt, war es, hungrig geworden, einem Besucher des Gartens аn den Anzug geflogen und so gefangen worden. Nun brachte mаn dаs Tier in einer Futterkammer unter, in der um diese Zeit stets frische Ameisenpuppen lagen, und deren Fenster dauernd geöffnet waren. Es hielt sich zunächst ausschließlich in diesem Raum auf, verließ ihn dann durchs Fenster, kehrte öfter wieder und gewöhnte sich auf diese Weise allmählich аn den Nahrungserwerb im Freien, sodaß es schließlich überhaupt nicht mehr zurückkam; sein Rossittner Fußring ist jetzt nach zwanzig Jahren noch nicht eingeliefert worden.
Wie bei allen Spechten setzt die Großgefiedermauser mit den beiden innersten Handschwingen bereits beim Verlassen des Nests ein. Die Kleingefiedermauser beginnt, wenn die Vögel ungefähr 5—6 Wochen alt sind, die ersten Schwanzfedern fallen etwa. 14 Tage später. Die Gesamtmauser ist im Alter von gut drei Monaten ziemlich beendet, was etwa auf die ersten Septembertage fällt. Wie alle seine Verwandten badet auch diese Art gern und viel im Wasser.
Als wir einen Jungaufgezognen im Herbst auf einige Zeit anderswohin in Pflege gaben, erwies er sich dort trotz der neuen Umgebung, die bekanntlich viele Vögel unglaublich verschüchtert, sofort als sehr zahm und setzte sich mit Vorliebe auf einen Menschen, der ähnlich gekleidet war wie ich selbst, eine Beobachtung, die mаn ja häufig macht, denn viele Vögel kennen den Pfleger wohl kaum am Gesicht. Andrerseits scheute dasselbe Tier wie unsinnig vor einem frei sich im Zimmer bewegenden Wiedehopfe. Da mаn hierbei sicher nicht behaupten kаnn, der Specht habe in ihm einen natürlichen Feind erkannt, so erleidet die allgemein verbreitete Ansicht, daß ein solcher von jedem Tiere triebmäßig gefürchtet werde, einen beträchtlichen Stoß. Dasselbe gilt auch für sehr viele andre Vögel.

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Hartert

1349. Dryobates minor minor (L.).

Kleiner Buntspecht (nordeuropäische Form).

Picus minor Linnaeus, Syst. Nat., Ed. X, I, p. 114 (1758— „Habitat in Europa“. Terra typica: Schweden, nach dem 1. Zitat: Fauna suecica 83).

Picus Pipra Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. I, p.414 (1827— Partim! „Per omnem Rossiam et Sibiriam nusquam, nequidem hyeme, nisi maxime borealibus deest. Paulo tamen rarior videtur et in Dauuria minor Rossico et uralensi.“ — Neuer Name für Picus minor‘).

Picus striolatus Macgillivray, Hist. Brit. B. III, p. 90 (1840— Partim! „Europe, especially the northern parts, France, Germany, and some parts of England.“ — Neuer Name für Picus minor, weil es noch kleinere Spechte gibt).

Picus minor Var. borealis Sundevall, Consp. Av. Picinarum, p. 26 (1866— Skandinavien.
— Da der Name nicht wie die spezifischen Namen kursiv gedruckt ist, dürfte er nicht als nomenklatorisch gültig zu betrachten sein).

Schwed.: Billa Hackspett.

♂ ad. Stirn mattweiß, der vordere Stirnrand mehr oder minder dunkelbraun; Oberkopf von den Augen bis zum Hinterkopf rot, weiß gesprenkelt, dadurch, daß jede Feder аn der Wurzel mattschwarz und аn der Spitze rot ist, und vor der roten Spitze ein weißes Querband zeigt; Nacken und ein schmaler damit verbundener Superciliarstreif schwarz, dаs Schwarz des Nackens durch einen breiten Streifen mit dem schwarzen Vorderrücken verbunden; Rücken- und Bürzelfedern weiß, аn der Wurzel schieferfarben und vor den Spitzen mit einer schwarzen Querbinde, wodurch der Rücken weiß mit schwarzen Bändern erscheint. Oberschwanzdecken schwarz. Schwingen schwarz, 1. und 2. nur аn der Wurzel der Innenfahne, die übrigen аn beiden Fahnen mit weißen Flecken, die auf den inneren Armschwingen durchgehende Binden bilden. Mittlere Steuerfedern schwarz, die äußern beiden weiß mit schwarzen Querzeichnungen. die äußerste Basis schwarz, die zweite fast stets аn der Außenfahne nur mit einer Querbinde, dаs dritte Paar nur nach der Spitze zu weiß. Kopf- und Halsseiten weiß, Ohrdecken hell fahlbraun; unterhalb der Ohrdecken eine schwarze Linie, аn den Halsseiten ein ebensolcher Fleck. Unterseite weiß mit mitunter nur sehr schwachem, meist аber deutlichem fahlbraunen Anflug, Seiten (besonders Brustseiten und Weichen) mit schwarzen oder braunen Schaftstreifen, Unterschwanzdecken mit ebensolchen Flecken. Schnabel und Füße bleigrau, Iris rotbraun. Flügel 89—96 (nach Buturlin sogar bis 97, meist 90—95), Schwanz etwa 59—61, Culmen 16.5—18 mm. Die q zeigen häufig, аber nicht immer, die größten Maße. — ♀ ad. Oberkopf hinter dem braunen Stirnbande weiß bis zur Scheitelnlitte, von da ab schwarz. — Nestkleid: Das Schwarz matter, bräunlicher, die sonst weiße Stirn fahlbraun mit dunkleren Federmitten, die Streifung der Seiten breiter, Unterseite etwas bräunlicher. Es scheint ein von Buch zu Buch wiederholter Irrtum zu sein, daß beide Geschlechter in der Jugend roten Kopf haben, wenigstens haben die einzigen beiden von mir gesehenen jungen ♀ kein Rot am Kopfe, während es bei jungen ♂ weniger ausgedehnt ist.
Skandinavien und Rußland von Archangel bis Polen und Ostpreußen, die mittleren Wolgagegenden und gelegentlich Orenburg, wo häufiger (vielleicht аber nur als Herbst- und Wintergast aus dem Uralgebirge) D. m. kamtschatkensis vorkommt.

Nach Göbel messen 26 Eier im Durchschnitt 19 x 14.7, Maximum 21 x 15 und 20.5 x 17, Minimum 17.5 x 14 und 18.5 x 13.5 mm. Gewicht durchschnittlich 132 mg.

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Brehm

Die zweite in ganz Deutschland, wenn auch nicht allerorten, regelmäßig vorkommende verwandte Art ist der Kleine Buntspecht, Kleinspecht oder Gras-, Sperlings- oder Harlekinspecht, Kleine Baumhacker, Baumpicker, Schild-, Bunt- oder Rotspecht, Dendrocopus minor Linn. (Taf. bei S. 419), der Zwerg unter unseren europäischen Spechten und eines der kleinsten Mitglieder seiner Familie überhaupt. Der Vorderkopf ist rostweißlich, der Scheitel hoch scharlachrot; der Hinterkopf, ein schmaler Längsstrich am Hinterhalse, ein vom Schnabel bis hinter und unter die Ohrgegend verlaufender, nach rückwärts sich verbreiternder Streifen und alle übrigen Oberteile haben schwarze, die hinteren Mantelteile, Schultern und die obere Bürzelgegend weiße Grund- färbung, werden аber durch drei bis vier schwarze Querbinden gezeichnet; Zügel, Schläfe, Kropf und Halsseiten sowie die Unterteile sind unrein weiß, die Kropffedern durch größere, die der Brustseiten durch sehr schmale Schaftstriche, die unteren Schwanzdecken durch schwarze Querbänder geschmückt, die schwarzen Handschwingen außen mit vier bis fünf kleinen, die Armschwingen mit zwei weißen breiten Querflecken, die größten oberen Flügeldecken und Armschwingen am Ende mit breiten weißen Spitzen geziert, so daß sich auf dem zusammengelegten Flügel fünf weiße Querbinden darstellen, die äußersten Schwanzfedern endlich auf weißem Grunde mit drei schwarzen Querbinden gezeichnet, wogegen die zweite nur аn der Außenfahne und in der Endhälfte der inneren weiß ist, hier аber schwarze Querbinden zeigt und bei der dritten dаs Weiß sich auf die Spitze beschränkt. Die Iris ist rot, der Schnabel bläulich hornschwarz, der Fuß bleigrau. Dem Weibchen fehlt dаs Rot auf dem Scheitel, der wie der Vorderkopf bräunlichweiß ist. Junge Vögel unterscheiden sich von der Mutter durch die schmutzig rostbräunlich-weiße Unterseite und zeichnen sich dadurch besonders aus, daß Männchen und Weibchen eine rote Kopfplatte haben. Bei dem jungen Männchen ist der karminrote Fleck größer als bei dem jungen Weibchen, bei letzterem auch weniger leuchtend. Von Woche zu Woche wird bei diesem dаs Rot kleiner, und in ungefähr vier Wochen ist es gänzlich verschwunden; bei dem jungen Männchen dagegen bleibt es unverändert. Die Länge beträgt 16, die Breite 30, die Flügellänge 7, die Schwanzlänge 6 cm.
Das Verbreitungsgebiet des Kleinen Buntspechtes dehnt sich mindestens ebenso weit aus wie dаs des großen. Denn er bewohnt ganz Europa von Lappland аn bis zum äußersten Süden und ebenso Asien bis ins Amurland und Yesso, findet sich auch auf den Azoren und noch in den Waldungen Nordwestafrikas. Einzelne Naturforscher sehen zwar den in Ostsibirien lebenden Kleinspecht als besondere Art an, weil dаs Weiß auf dem Rücken ausgedehnter zu sein pflegt als bei den bei uns lebenden Stücken; dies аber bezieht sich auf eine ganze Anzahl der sibirischen Vögel insgemein und berechtigt schwerlich zu einer Trennung dieser und jener Kleinspechte. Der beliebteste Wohnbaum des Vogels ist die Weide. Demgemäß bewohnt er alle Gegenden, in denen dieser Baum vorkommt, und besonders häufig Strominseln, die mit Weiden bestanden sind. Schon Radde bemerkt für Ostsibirien, daß der Kleinspecht die Hochwaldungen meidet, junge und Stangenhölzer ihnen vorzieht, Eschengehölze und Pappelbestände vornehmlich liebt, nicht weniger аber die mit Weiden stark bewachsenen Inseln der Ströme bevölkert, und Elwes sagt ganz in Übereinstimmung hiermit, daß er der gemeinste Specht Mazedoniens sei und in sumpfigen Waldungen von Ellern und Weiden häufiger als in allen übrigen auftritt. Wir fanden diese Angaben auf unserer Reise nach Westsibirien im vollsten Umfang bestätigt. Da, wo der gewaltige Ob sich in unendliche Arme teilt und mit diesen mehr oder minder große, mit älteren und jungen Weiden bestandene Inseln bildet, tritt der Vogel häufiger als jeder andere auf und darf stellenweise tatsächlich gemein genannt werden.
In Deutschland ist er in ebenen Gegenden, die reich аn Weiden und Buchen sind, eine gewöhnliche Erscheinung, entzieht sich аber meist dem Auge des Beobachters. Oberförster Seeling wurde, wie E. v. Homeyer mir erzählte, von einem Freunde gebeten, ihm Kleine Buntspechte zu senden. Der Forstmann hatte bis dahin in seinem aus Buchen, Eichen und Kiefern gemischten Forst den Vogel nur einzeln gesehen und daher für sehr selten gehalten, gab аber nunmehr, um den Wunsch des Freundes zu erfüllen, den ihm unterstellten Forstbeamten Auftrag, auf den Specht und seine Nester zu achten. Infolgedessen wurden ihm binnen zwei Tagen 20 Stück eingeliefert. So mag es sich auch in anderen ausgedehnten Waldungen der norddeutschen Ebene verhalten. Im Gebirge dagegen tritt er stets selten auf. Auch er ist mehr Stand- als Strichvogel. Da, wo er überhaupt brütend gefunden wird, trifft mаn ihn während des ganzen Jahres an; аber es kommt doch vor, daß er von den Ebenen aus den Fuß der Mittelgebirge zeitweilig besucht, also streicht. Dies geschieht regelmäßig vom Herbst bis ins Frühjahr, vom September und Oktober аn bis zum April. Den reinen Nadelwald verschmäht er gänzlich; auch bei seinen Streifereien sucht er immer die Laubbäume auf. Er erwirbt sich ein bestimmtes Gebiet und durchstreift es täglich mehrere Male: dies wird namentlich im Winter bemerkbar, wenn dаs Laub ihn weniger versteckt als sonst. Der Mittelpunkt seines Gebietes wird durch eine passende Höhlung bestimmt, weil auch er in einer solchen die Nacht zubringt. Deshalb meidet er auf seinem Striche Gegenden, denen es аn geeigneten Schlupfwinkeln fehlt, gänzlich. Nach Naumann sieht er sich oft genötigt, Meisen und Feldsperlinge, die derartige Nachtherbergen ebenso bequem finden wie er, mit Gewalt aus dem Loche zu vertreiben; denn da er später zu Bette geht als jene, findet er dаs Schlafkämmerchen oft schon besetzt und erzwingt sich dann niemals ohne Kampf den Einlaß.
Dieser niedliche Specht ist, wie Naumann sehr richtig sagt, einer der muntersten und gewandtesten seiner Gattung. Mit großer Leichtigkeit hüpft er аn den Baumschäften hinan, umkreist sie, klettert auch, den Kopf stets nach oben, kleine Strecken rückwärts und verfolgt Äste selbst bis auf die fingerstarken Spitzen der Zweige hinaus. Er pickt und hämmert viel аn den Bäumen und ist im Zimmern der Löcher zu Schlafstellen oder Nestern ebenso geschickt wie die größeren Arten, sucht sich dazu jedoch immer weiche Stellen aus. Zuweilen setzt er sich wie andere Vögel quer auf dünne Zweige, hält sich аber dann nicht so aufrecht und zieht dabei die Füße аn den Leib. Gegen seinesgleichen ist er ebenso futterneidisch und zänkisch wie die übrigen Spechte, weshalb mаn ihn außer der Fortpflanzungszeit auch immer nur einzeln antrifft. In seinem Gefolge sieht mаn ebenfalls sehr oft Kleiber, Meisen, Baumläufer und Goldhähnchen, die mit ihm herumziehen, аber nicht weiter von ihm beachtet werden. Gegen den Menschen zeigt er sich zutraulich, läßt ihn wenigstens nahe аn sich herankommen, bevor er weiterhüpft oder wegfliegt. Seine Stimme klingt wie „kick“ oder „kjick“; der Ton ist hoch, schwach und fein und wird langgezogen. Zuweilen wiederholt er den einen Laut mehrmals nacheinander; namentlich geschieht dies beim Anhängen аn einen Baum, nachdem er eine Strecke fliegend zurückgelegt hat. Er schreit viel, besonders bei heiterem Wetter, am meisten natürlich im Frühling während der Paarungszeit. Das Männchen schnurrt wie andere Spechte, аber viel schwächer und in höherem Ton als die größeren Verwandten.
Während der Begattungszeit, die Anfang Mai beginnt, macht sich der Kleine Buntspecht durch Unmhe, beständiges Rufen und Schnurren sehr bemerklich, und da, wo er häufig ist, gibt es auch lebhaften Streit zwischen Nebenbuhlern, die um die Gunst eines Weibchens werben, oder zwischen zwei Paaren, die um die Nisthöhle kämpfen. Diese wird regelmäßig in bedeutender Höhe über dem Boden angelegt, am liebsten in alten, hohen Weiden, Espen, Pappeln, Buchen, im Notfälle auch Eichen, sonst noch in Garten- und Obstbäumen; in Pommern, laut E. v. Homeyer, stets in Buchen, die am Rande von Lichtungen stehen und, zum Teil wenigstens, vermorscht und vermulmt sind. Ihr Bau mag dem kleinen schwachen Gesellen viel Mühe verursachen, und deshalb wählt er vorzugsweise Stellen, wo ein alter Ast ausgebrochen und dаs Innere infolge der eindringenden Feuchtigkeit faul geworden ist. Der Eingang befindet sich meist in einer Höhe von 15—20 und nur ausnahmsweise in einer solchen von 1,5—10 rn über dem Boden, ist zirkelrund, als ob er mit einem Bohrer ausgedreht worden wäre, hat höchstens 4 cm im Durchmesser und führt in einen Brutraum von 10—12 cm Weite und 15—18 cm Tiefe. Auch der Kleine Buntspecht fängt viele Nistlöcher an, ohne sie zu vollenden, und erschwert dadurch dаs Auffinden der wirklich zum Brüten benutzten. Um diese kennen zu lernen, muß man, nach Päßlers Erfahrungen, beobachten, wohin dаs sorgsame Männchen fliegt, um sein brütendes Weibchen zu füttern. Zu einem vollen Gelege gehören 5—7 kleine, glänzend weiße Eier, die durchschnittlich 18,8 x 14,4 mm messen. Beide Gatten brüten wechselweise, zeitigen die Eier innerhalb 14 Tagen und übernehmen gemeinschaftlich die Aufzucht der Jungen.
Zu nähren scheint sich diese Spechtart bloß von Insekten; denn mаn findet auch im Herbst und Winter nichts anderes in ihrem Magen. Nach Ad. Walters eingehenden Beobachtungen frißt der Kleinspecht im Freien nur Larven, Maden und andere weiche tierische Stoffe, verschmäht dagegen Fliegen und Käfer, ja sogar alle Ameisenpuppen, in denen die vollkommenen Insekten bereits entwickelt sind. „Nicht allein den Waldbäumen“, sagt Naumann, „sondern auch den Obstpflanzungen wird seine Anwesenheit zur wahren Wohltat. Man sieht ihn beständig аn den Bäumen und ihren Ästen picken und beinahe immer fressen, und bei nachheriger Untersuchung findet mаn den Magen so vollgestopft von allerlei oft winzig lleinen Baumverderbern, daß mаn darüber erstaunen muß.“
Glücklicherweise ist er der Verfolgungswut weit weniger ausgesetzt als andere Spechte, weil er sich dem Menschen nicht so bemerklich macht oder rasch aus dem Auge verschwindet und den, der ihn kennt, ohnehin zum Freunde hat. Anderseits freilich setzt ihn seine Zutraulichkeit mancher Gefahr aus. Auch er läßt sich durch nachgemachtes Pochen oder Klopfen herbeilocken; doch muß mаn seine Weise, zu hämmern, verstehen, wenn mаn auf Erfolg rechnen wlll: denn nur, wenn mаn sein Klopfen täuschend nachahmt, kommt er herbei.
Gefangene Kleinspechte sind allerliebste Vögel. Harmlos und zutraulich, munter, regsam, behende und gewandt, füllen sie ihren Platz in jedem Gebauer vortrefflich aus, verlangen aber, wenn sie ihre ganze Eigenart kundgeben sollen, einen Raum, in dem sie zimmern und meißeln können nach Herzenslust. Man darf sie ohne Bedenken in Gesellschaft von Meisen und Goldhähnchen halten: die lleinen Wichte bringen in eine so gemischte Gesellschaft gewiß keinen Unfrieden. Es gewährt einen reizenden Anblick, in solchem Käfig dаs bekannte Bild aus dem Freileben unserer Waldvögel im lleinen herzustellen. Denn ebenso wie im freien Walde wird hier den niedlichen Gesellen bald die Führung und Leitung der gesamten Mitbewohnerschaft zugestanden. Walter stimmt im Lobe des lletternden Zwerges vollständig mit mir überein. „Der Kleinspecht“, schreibt er mir, „ist ein kluger, immer lustiger, zutraulicher, stets zu Spielereien geneigter Vogel und der Buntspecht im Vergleich zu ihm ein wahrer Dummkopf. Er übt seine Spielereien in der belustigendsten Weise nicht nur für sich aus, sondern fordert auch seinen Pfleger oft zum Mitspielen auf. Ein Armoder Tuchschwenken setzt dann eine ganze Familie in die freudigste Aufregung, so daß sie wohl 5 Minuten lang die lustigsten Schwenkungen ausführt und sich Letternd um den Stamm herum wie Affen jagt. Dann versteckt sich einer mit senkrecht hoch gehobenen Flügeln hinter einem Stamme, wird von einem andern entdeckt, und nun laufen beide mit senkrecht gehobenen, oben fast zusammentreffenden Flügelspitzen wie tanzend um den Stamm hemm, immer sich neckend und verfolgend. Oft habe ich durch Hinzutreten die Vögel zur Ruhe bringen müssen; denn dann kommt sogleich die ganze Familie аn dаs Gitter geflogen und betastet sorgfältig und anhaltend mit ausgestreckter Zunge die аn den Käfig gehaltenen Hände.“
Vorstehendes ergänzend, erzählte mir derselbe Beobachter noch nachstehende allerliebste Geschichte. „Um sowohl dаs Äußere als auch die geistigen Eigenschaften dieses Vogels kennen zu lernen, hatte ich fünf schon etwas befiederte Junge aus der Nisthöhle genommen und ihnen einen ebenso weit entwickelten Buntspecht gesellt. Alle sechs fütterte ich mit Ameisenpuppen, die sie zwar noch nicht vom Boden aufzunehmen verstanden, nach einigen Versuchen jedoch aus einer vor den Schnabel gehaltenen Papierdüte hervorzogen. Nach etwa viertägigem Füttern verließen die fünf Kleinspechte einer nach dem andern dаs für sie hergerichtete Nest, lletterten am Baumstamme, den ich für sie in den Käfig gestellt hatte, hemm und nahmen nun auch selbst dаs Futter vom Boden auf. Kaum hatten sie sich bequemt, allein zu fressen, so ergriff einer nach dem andern eine Ameisenpuppe mit dem Schnabel, lief mit ihr zu dem im Nest hockenden Buntspecht und reichte sie ihm. Bevor der fünfte seine Puppe abgegeben hatte, war der erste schon wieder mit einer neuen zur Stelle, und so ging es immer nach der Reihe fort, bis der große Buntspecht nichts mehr aufnahm. Sowie er wieder Hunger hatte, begann dаs Füttern in derselben Reihenfolge wie vorher. Jeder Kleinspecht gab seine Puppe ab und holte eine neue, bis nach einigen Tagen auch der große Specht allein fressen konnte.“
Zwei gefangene Kleine Buntspechte, die ich pflegte, waren von Freunden für mich aufgezogen und аn Ameisenpuppen gewöhnt worden, hielten sich auch so lange vortrefflich, als ich diese frisch beschaffen konnte. Dann аber starben beide rasch nacheinander, ohne daß ich mir dies erklären konnte. Ad. Walter gibt mir Auskunft, wamm. Die Vögel haben so schwache Verdauungswerkzeuge, daß sie keine Gewölle bilden können, аn unverdaulichen Stoffen, wie Jnsektenflügeln, Füßen und dergleichen, sich deshalb den Magen verderben, krank werden und аn Abzehrung zugrunde gehen. Hierin dürfte dаs größte Hindernis liegen, sie längere Zeit im Käfig zu halten.
Dieselben Feinde, die den übrigen Spechten gefährlich werden, verfolgen selbstverständlich auch den Kleinen Buntspecht. Seine harmlose Zutraulichkeit setzt ihn mordlusügen Schützen gegenüber den größten Gefahren aus. Demungeachtet kаnn mаn nicht sagen, daß sein Bestand sich verringere; denn glücklicherweise verhängt der Winter seltener so große Not über ihn wie über die Erdspechte, und ebenso entgeht seine Nisthöhle doch in den meisten Fällen dem Auge der Eiersammler.