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Bezzel
Circaetus gallicus (Gm. 1788) – Schlangenadler
3 Subspezies; Mitteleuropa C. g., gallicus (Gm. 1788).
Status in ME. Seltener Brutvogel im E und SE (3 + ausgestorben 2); sehr seltener, unregelmäßiger Sommergast.
Kennzeichen. Größer als Bussard; Flugsilhouette mit breitem, vorragendem Kopf. Flügel lang, Ansatz am Körper rel. schmal; Flügel oft ± gewinkelt. Schwanz geschlossen rel. lang und schmal. Im Segelflug Flügel ± flach; HS stark gefingert; im raschen Gleitflug Flügel sehr stark gewinkelt, so daß Kar- palgelenk auf die Höhe der Schnabelspitze kommt. Weiße Unterseite (ähnlich Fischadler, doch dieser mit rel. längeren und schlankeren Flügeln), hell braune Querbinden bzw. Fleckenreihen über die Unterflügel (oft wenig auffällig); schwärzliche Spitzen der HS und AS, bei hellen Individuen dunkler Außensaum der AS sowie dunkle ST-Bänderung nicht oder kaum zu erkennen. Im Unterschied zu Mäuse- und Wespenbussard kein dunkler Fleck am Karpalgelenk. Meist dunkler Kopf bzw. Brustlatz recht deutlich vom hellen Körper abgesetzt (seltener ganz hellköpfig). Dicker Kopf (der vor allem auch im Sitzen auffällt). Oberseite normalerweise 2farbig: dunkle Schwingen heben sich von ± heller graubraunen Schulterfedern und OberFD ab (Details u. a. Svensson 1976, van Ijzendoorn 1981). – Schnabel ± grau, Wachshaut bläulich grau, Füße grau; Iris ad. gelb.
Verbreitung und Bestand. Afrika, Süd- und Osteuropa; Asien von E-Mittelmeer über Iran, Afghanistan bis Indien und N-Mongolei. In Mitteleuropa nur im E und SE r. Br.
CH: kein Brutnachweis, doch Übersomme- rer 1966, 1971 im W; Tessin 7 Sommerbeobachtungen 1962/1976. • D: Br. 19. Jh. bis Anfang 20. Jh. (z. B. Pf.), jetzt ur. G.; z. B. Bay. 1900/50 mind. 14, 1950/80 mind. 12 (darunter im S Übersommererl), Schl.-Holst. 1900/7812 (+ 1 1981), Westf. 1900/77 9 x, Nrh. 1930/80 6 X. • ß: Brut 19. Jh.?, 1900/70 5 X. – NL: 1900/81 14 X. DDR: bis Ende 19. Jh Br. аn verschiedenen Stellen; Bra. Brutverdacht 1953, 1969, 1975; sonst 1900/70 mind. 25 x. ■ A: Br. 19. Jh., 1953/70 mind. 16 Individuen Burgenland, sonst 1952/70 8 Daten. ■ H: 10-15 (ca. 1975). • CS: max. 10 (1970), »einige« (ca. 1975). PL: – seit 19. Jh.; 15-30 (ca. 1980). ■ SU: europäische -, Lett. SSR höchstens 5 (1970/80). ■ E.:ca. 3000 grob geschätzt (ca. 1975). • F: – bis ca. 1965; mind. 1000 (1979/81). • YU, R, GR, TR: verbreitet, mind. > 300. • TN: Teilzählung 96 (1975). • S.: bis 1982 39 x. • SF. anerkannt je 1 1979/80. OK: bis 1975 8 x, Br. 19. Jh. (?)
Wanderungen. Langstreckenzieher; Winterquartier S Sahara (Sahelzone) und wenige weiter S bis ca 10° N; ferner Iran, Indien usw. Dz. Gibraltar max. 9000, Bosporus max. 2300, Suez > 9400 (Herbst). Ab Anfang Aug. Abwanderung aus dem Brutgebiet, Wegzug Ende Aug./Anfang Sept., Höhepunkt bis Mitte Okt., Nachzügler PL/DDR selten, CH/F öfter bis Mitte Nov.; Dez.daten im Mittelmeer Ausnahmen. Im Winterquartier Sept./Okt. bis Ende Febr./März; Dz. Mittelmeer März/Mai, Ankunft F Ende Febr./meist März, H Ende März/Anf. April.
Biotop. Wälder, Macchie mit einzelnen höheren Bäumen als Brutplatz; offenes, reptilienreiches Gelände als Jagdgebiet. Im N vor allem Niederungsgebiete, im S auch Gebirgsgegenden. Sehr von Wind- und Thermikverhältnissen abhängig.
Nahrung. Hauptsächlich Reptilien (in Europa < 1 m), bes. Schlangen, wie Coluber, Elaphe, Natrix, Malpolon; weniger zahlreich Coronella und Ottern (Vipera), Blindschleichen, Eidechsen. Amphibien, Kleinsäuger und Vögel (bis Drossel- und Hähergröße) selten. Täglicher Nahrungsbedarf 1 ad. ca. 1-2, während der Jungenaufzucht mind. 3-5 mittelgroße Schlangen 1 Nestling insgesamt ca. 200-270 Schlangen (8-11 kg).
Stimme. Häufigste Rufe des ♂ bestehen aus 2 Teilen, hoch »iii« oder »hü…« und tiefer »jo« oder »jiuh«; ähneln in Zusammensetzung etwas dem Pirolgesang. Vielfache Variation; bei der Balz in langen Reihen. Einzelrufe wurden auch mit Schwarzspecht oder Waldkauz verglichen. ♀ offenbar weniger ruffreudig; Rufe weniger klangvoll.
Verhalten. Tagaktiv, Zug und Flugspiele am Brutplatz rel. spät am Tag (Thermik!). Sehr guter Segelflieger, nützt im Unterschied zu Bussard oft Hangwinde aus, schwebt oft rel. niedrig über dem Boden. Rüttelt mit herabhängenden Füßen Rasche Steilabstürze. Warten- und Suchflugjäger; jagt mitunter auch zu Fuß. Ausgeprägtes Territorialverhalten. Auffällige Flugspiele (z. B. »Girlandenflug«) in ihrer Bedeutung offenbar noch nicht ganz geklärt.
Fortpflanzung. Geschlechtsreife mit 3-4 Jahren? Wohl monogame Saisonehe. Balzflüge nach Ankunft bis Aug. Neststand in der Krone von Bäumen, in Trockengebieten und Felswänden auch auf Krüppelbäumen. Nest rel. klein, 50-100 cm Durchmesser, 20-30 cm hoch. Alte Nester anderer Arten werden übernommen; Neubau offenbar durch ♂ und ♀. Eier kurzelliptisch, weiß. Gelege 1 Ei. Eiablage F, E. Ende März/April (s. Anfang Mai), weiter im N Mitte April/Anfang Mai. 1 Jahresbrut. Brutdauer 45-47 d. ♂ versorgt ♀ schon vor Eiablage mit Beute. ♀ brütet und hudert hauptsächlich, wird vom ♂ nur kurze Zeit abgelöst. Nestling beginnt mitunter schon ab 3 Wochen selbständig zu kröpfen. Nestlingsdauer 70-75 d (Irribarren & Rodriguez-Arbeloa 1973).
Alter. Ältester Ringvogel > 17 Jahre.
Mauser. Jugendmauser: offenbar zieht sich 1. HS-Mauser über mehrere Jahre hin. • Ad. Jahresmauser (Vollmauser): Nicht alle Federn scheinen jedes Jahr gewechselt zu werden, beginnt offenbar bereits im Frühjahr.
Literatur (16). L. B£csy, F 22, 1975: 114-119 (Fotoserie). E. van Ijzendoorn, Dutch Birding 3,1981: 38—45. J. J Iribar- ren & A. Rodriguez-Arbeloa, Ardeola 19, 1973:101-106. L. Svensson, VF 35,1976: 217-234.
Quelle: Einhard Bezzel, Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes · Nichtsingvögel, 1. Auflage, © 1985 · 1993, Auszug mit freundlicher Genehmigung Quelle & Meyer / Aula-Verlag; sehr empfehlenswert: 2. vollständig überarbeitete Auflage 2005 in einbändiger Sonderausgabe
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Niethammer/Boxberger
Circaëtus gallicus (Gmelin) — Schlangenadler.
Verbreitung des Rassenkreises. Nordafrika, Süd- und Mitteleuropa, Kaukasus, Südwestsibirien (nach Osten bis Barnaul); ferner Tienschan, Turkestan, nördliche Mongolei, Afghanistan und Vorderindien. — 4 Rassen, davon 2 in der paläarktischen Region.
Circaëtus gallicus gallicus (Gmelin) — Schlangenadler.
Circaëtus gallicus (Grn.), Naumann V, S. 176; Reichenow S. 75.
Beschreibung. ♂ und ♀ ad.: Oberseite braun, abgerieben mehr graubraun mit dunklen Schäften und hellen Säumen, die auf den
Oberschwanzdecken sogar weiß sein können. Zügel und Schnabelwurzelgegend weiß. Augengegend dunkel. Schwanz mit drei dunklen Querbinden. Außere Schwingen schwarz, innere mit weißer Innenfahne, auf der sich 2—4 dunkle Querbinden abheben; bei den äußeren Schwingen ist nur die Wurzel der Innenfahne weiß. Unterseite weiß; Kehle und Kropf entweder fahl oder dunkel erdbraun mit dunklen Schaftstrichen, im übrigen verteilt grob dunkel rostbraun (quer)- gefleckt — oder Kehle und Kropf nur mit braunen Längsflecken verschiedener Breite oder schließlich fast ganz weiß, nur mit wenigen blaßrostbraunen Flecken. Diese dritte Farben Varietät ist außerdem durch weißen, schmal braun gestrichelten Oberkopf ausgezeichnet- — Schnabel dunkelgrau, аn der Wurzel blaugrau, Wachshaut bläulichweiß oder gelblich weiß; Füße bräunlich weiß, weißlichgrau oder bläulich; Iris hochgelb bis orange. — 1. Dunenkleid: kurzdunig, schneeweiß. Schnabel und Wachshaut hell graublau, Iris weiß. — 2. Dunenkleid: weiß, wollig. Dunkle, brillenartige Augenumgebung. Iris gelblichweiß, später gelb. — Jugendkleid-, fast wie ad. Die Unterseite wechselt ebenso wie bei ad., jedoch sind die Flecken eher längs- als quergerichtet und wohl auch schmaler. Iris schwefelgelb, später hochgelb. — Mauser. Jugendmauser (Vollmauser) zwischen April und Oktober; Jahresmauser (Vollmauser) von April bis September, besonders im Mai und Juli (Zebe). — Maße:. Flügel 510 bis 560 mm (Hartert; mit Lineal!). ♀ nicht immer größer als ♂. Gewicht geschätzt 2000 g.
Feldornithologische Kennzeichen. Dickköpfig. Deutlich größer als Mäusebussard. Flugbild s. Abb. 4k. Schwingen im Bug leicht gewinkelt, Schwanz etwas länger als beim Mäusebussard erscheinend und mit drei Querbinden. Bauch und Flügelunterseite weiß mit (oderohne) dunkelbraunen, lose verteilten Flecken. Dunkler Kropf latz oft auffällig. Der graubraune Mantel hebt sich deutlich gegen die schwarzen Schwingen ab. Vom Wespenbussard durch plumpere Gestalt und dickeren Kopf sowie durch die Zeichnung der Flügelunterseite (s. Abb. 4) zu unterscheiden. — Stimme: volltönend („Xylophon- oder auch glockenartig“) ,,jü-ok“, die erste Silbe ansteigend, die letzte kurz und voll. Dies ist wohl vorwiegend der Ruf des ♂. Im Ärger „ijök-jök ..“ oder reiherartig „chro-ih“. Der hauptsächlichste Ruf des $ klingt mehr miauend, jaulend. Die Jungen betteln anfangs ,,kü“ o. ä., „jäck“, später „ijöck“. (Weiteres s. Zf,be, Ber. Ver. Fehles. Orn. 1936.)
Allgemeine Verbreitung. Nordafrika, Spanien, Portugal (?), Südfrankreich bis zur Loire, Süd- und Südosteuropa, nach Norden bis Schlesien (einzeln), Baltische Staaten (sehr spärlich), russische Gouv. Leningrad, Moskau, Kostroma und Kasan; ferner Südwestsibirien, Kleinasien, Kaukasus, Persien und nördliche Mongolei. In Turkestan, Tienschan, Ferghana C. g. heptneri Dementjew.
Verbreitung in Deutschland. Die durch dаs Schrifttum bekannt gewordenen Nestfunde zeigen, daß dаs Brutgebiet des Schlangenadlers innerhalb Deutschlands sich zwar von Ostpreußen bis zum äußersten Südwesten Deutschlands erstreckt hat, аber doch große Verbreitungslücken und nur аn einigen Stellen eine dichtere Besiedlung aufwies. Der Schlangenadler wurde brütend gefunden im Küstengebiet der Ostsee von Ostpreußen bis Nordschleswig. Häufungen der Nestfimde sind festzustellen: 1. im Masurischen Seengebiet. 2. im westlich der Oder und südlich des Stettiner Haffs gelegenen Teile Pommerns mit den angrenzenden Teilen Mecklenburgs und der Uckermark. 3. in Schleswig zwischen Husum und Hadersleben. Zerstreute Nestfunde in diesem Gebiet wurden gemacht bei Königsberg, im Samland, in der Tuchler Heide, bei Köslin, auf Rügen (C. L. Brehm), bei Boizenburg, Ahrensburg und in Ostholstein. Ein weiteres Gebiet dichterer Besiedlung befand sich im Rheinland. Aus dem Westerwald, dem Taunus, der Eifel, dem Hunsrück und der Rheinpfalz liegen mehrere belegte Nestfunde bis zur Jahrhundertwende vor, dazu noch einige Feststellungen aus Baden und dem Elsaß. Aus dem übrigen Deutschland westlich der Elbe sind nur noch wenige einzelne Nestfunde bekannt geworden. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts bei Nürnberg, bei Celle und 1859 bei Rebberlah in der Lüneburger Heide. Eine Meldung von Augustusburg bei Chemnitz ist unsicher. Aus der Mark sind noch zu nennen Grünau b. Rathenow, Duberow, Brieselang und Joachimstal, aus Schlesien Rietschen in der Oberlausitz, Pieskau in Oberschlesien, Sulau im Kreise Militsch. Im 20. Jahrhundert werden nur mehr 4 Brutvorkommen bezeugt: 1902 in der Tucheier Heide, 1919 in Hinterpommern, bis mindestens 1910 in der Rheinprovinz (Kondel- wald), 1918 in Schlesien, und nur aus dem Kreise Militsch i. Schles. liegen Beobachtungen aus neuester Zeit vor (Zebe, Ber. Ver. Schles. Orn. 1936, hier ausführliches Schriftenverzeichnis); alle anderen Feststellungen fallen in dаs 19. Jahrhundert, z. T. liegen sie viele Jahrzehnte zurück. Trotzdem ist anzunehmen, daß auch heute noch, namentlich in Ostpreußen und Pommern, einige Paare brüten. Nach Tischler (briefl.) bestehen noch jetzt in Ostpreußen 4 Gebiete, in denen der Schlangenadler zur Brutzeit beobachtet wird: Rominter Heide — Borker Heide — Kreis Neidenburg — Kreis Labiau.
Wanderungen. Im Norden Zugvogel; in den Mittelmeerländern (Italien, Spanien, Jugoslawien) und Südrußland z. T. Stand- oder Strichvogel. Überwintert vorwiegend am Südrand der Sahara (Stromgebiet des Niger), in Ägypten, Abessinien und Südarabien. Im Winterquartier von Mitte September (meist Oktober) bis März (z. T. bis Mai). Ankunft bei uns von Anfang bis Ende April (Durchzug bis Mitte Mai), Abzug von Ende September bis Mitte Oktober (in Westeuropa schon ab August; Nachzügler bei uns noch November). Außerhalb des Brutgebietes zur Zugzeit gelegentlich in Nordfrankreich, Holland und Belgien (niemals in Großbritannien), Dänemark (2), Finnland (1), Schweden (1).
Biotop. Schlangenreiche, stille Wälder, denen größere oder kleinere Blößen, Schonungen oder auch Kahlschläge sowie buschreiche Wiesen nicht völlig fehlen. Gern in Mischwald aller Altersklassen, in dem Nadelholz und besonders hochwüchsige Kiefernbestände dominieren, vielerorts wasserreiche Gebiete (in denen Ringelnattern besonders häufig sind).
Fortpflanzung. Geschlechtsreife? Ankunft gewöhnlich 2. Aprilhälfte, in warmen Jahren eher (Zebe 1933 und 1936), unter ungünstigen Umständen später. Mit der Ankunft setzt die Balz ein: ein oder beide Gatten führen Flugspiele aus, die weniger im Kreisen als im jähen Abstürzen über dem Walde bzw. über Blößen und Kahlschlägen bestehen. Derartige Flugspiele (vom F, auch vom $) u. U. bis Ende Juli/Anfang August. — Horst: im ganzen bussardähnlich. Unterbau aus gröberen, Oberbau aus feineren trockenen Ästen und Reisern, oben und außen auch z. T. aus frischen Zweigen; die flache Mulde wird bisweilen gar nicht, sonst mit grünen Nadel- und Laubholzzweigen und -blättern ausgelegt. Horstmaße: äußerer Durchmesser 0,60—1 m (Zebe); Höhe nur 50 cm, Tiefe der Mulde gegen 6 cm. — Horstbau: Alte, wahrscheinlich früher erbaute Horste werden mehrere Jahre hindurch benutzt oder im Wechsel nach mehreren Brutperioden wieder angenommen (Zebe), in diesem Falle mehr oder weniger ausgebessert. Bis in den Spätsommer hinein pflegt dаs ♀ (auch dаs ♂?) den Horst mit frischgrünen Zweigen auszubessern. — Horststand: hoch, meist zwischen 15 und 20 m, in dichten Kronen alter Bäume, sowohl von Nadel- (Kiefer) als Laubbäumen (Buche, Eiche). Horst möglichst hoch auf Seitenästen oder in einer Gabelung, die guten Ab- und Anflug sowie weite Umsicht gewährt. Gelegentlich und nur außerhalb Deutschlands auch niedriger stehende Horste, auf Gebüsch (Hartert) und аn Felsen, sogar auf dem Boden. — Vollgelege: 1 Ei, ganz ausnahmsweise 2 Eier; wohl häufiger vom 2. Maidrittel als von Monatsanfang, in warmen Jahren auch schon vom letzten Aprildrittel ab (Zebe). — Ei: kalkweiß und ohne Zeichnung; dаs Schaleninnere läßt dаs Licht gelb oder schwach grünlich durchscheinen. Durchschnitt von 68 Eiern (Hartert) 72,8 x 57,5 mm; Maximum 79 x 58,5 und 73 x 62,3, Minimum 62 x 55 und 71 X 50 mm; Schalengewicht etwa 11 g. Frischvollgewicht eines Eies 173,7 g (Sachse 1875). Maße und Gewichte deutscher Eier sind nicht bekannt. — 1 Jahresbrut; möglicherweise Nachgelege. — Brutpflege: Beide Gatten brüten (Zebe; Tristan 1936), hauptsächlich allerdings dаs ♀, dаs vom ♂ ein- oder zweimal täglich abgelöst wird. ♂♀ sitzt wenig fest, verläßt u. U. schon vor Rückkehr des ♀ dаs Ei. Während der Nacht brütet ♀, ♂ nächtigt auf bestimmtem Schlafbaum oder wechselnden Ortes. Während des Brütens sehr starke Mauser bei beiden Gatten. Die umher liegenden Mauserfedem sind — ähnlich wie bei Habicht und Sperber, in schwächerem Maße auch bei Fischadler und Wespenbussard — die besten Kennzeichen eines belegten Horstes. — Brutdauer: gegen 35 Tage. An der Aufzucht sind beide Gatten beteiligt. ♂ wacht oder holt Beute, ♀ füttert dаs Junge und kröpft selbst davon; doch scheint die Arbeitsteilung nicht sehr starr zu sein: frühzeitig holt dаs ♀ selbst Beute, öfter schon auf seinen Ablösungsflügen; nicht selten füttert dаs ♂ auch selbst, sogar in Anwesenheit des ♀. Futterübergabe findet, wenn überhaupt, im Horst statt; in den Hauptaufzuchtmonaten Juni und Juli dürfte dаs ♂ täglich wenigstens 4 mal zutragen. Gegenüber dem ♀ ist dаs ♂ аber immer weniger heimisch am Horst, hält sich gern auf bestimmten Warteplätzen (hohen Bäumen аn Rändern von Schonungen oder Blößen) auf, аn denen sich mit fortschreitendem Selbständigwerden des Jungen auch dаs ♀ immer öfter einzufinden pflegt. Nach Zebe zerstückelt dаs ♀ bei der Fütterung des zunächst noch kleinen Jungen die Schlangen. Auch wenn dаs Junge schon gegen 14 Tage alt ist, erhält es die Atzung noch „brockenweise, doch beginnen die Stücke schon größer zu werden. Kann sie dаs Kleine nicht recht bewältigen, so werden sie eingespeichelt und ihm nochmals vorgebalten oder vorgespien. Doch sehr bald, etwa nach Vollendung der 3. Lebenswoche, schlingt es die ihm dargebotenen Nattern, die noch durchaus nicht seiner Größe angemessen scheinen, selbst“. Das Auswürgen der Natter aus dem Schlund des Altvogels unterstützt dаs Junge, indem es kräftig am Schwanz der Schlange, der aus dem Schnabel des Elterntieres hängt, zu ziehen beginnt. Der Tagesbedarf des selbständig kröpfenden Jungen beträgt im Durchschnitt 3 mittelgroße Schlangen, d. h. etwa 120—150 g. — Nestlingsdauer : offenbar sehr lange, 9 bis 11 1/2 Wochen. Auch dann wird dаs Junge noch längere Zeit geführt und kehrt zunächst oft zum Horst zurück.
Nahrung. Vorzugsweise Schlangen, ungiftige wie giftige, in Deutschland vorwiegend Ringelnattern; dem Jungen werden sie nicht selten noch lebend zugetragen. Der Schlangenadler ist keineswegs gegen Schlangengift gefeit, sondern schützt sich nur durch Gewandtheit vor dem Otterbiß. Die Schlangen werden mit (Zebe) oder ohne Kopf (Engelmann), mit dem Vorderende voran, verschlungen ; beim Zutragen im Schlund hängt häufig dаs Schwanzende aus dem Schnabel. — Ferner Blindschleichen, Frösche, Eidechsen und Insekten, vereinzelt auch Mäuse (Wickler 1925), nur äußerst selten Vögel (Hartert). — Nahrungssuche: der Schlangenadler lauert von erhöhter Warte aus auf Beute, auf die er im Steilflug niederstößt, oder er jagt im Fluge, wobei er häufig rüttelt; schließlich jagt er auch zu Fuß, dann nicht selten in seichtem Wasser.
Parasiten. Federlinge: Degeeriella fusca leueopleura, Falco- lipeurus secretarius subsp., Philopterus triangularis. — Saugwürmer: Echinochasmus africanus, E. bursicola, Neodiplostomum spathula, Platynosomum semifuscum (Leber). — Bandwürmer: Cladotaenia cylindracea, Mesocesto’ides perlatus. — Fadenwürmer: Physäloptera alata, Porrocaecum depressum.
Quelle: Niethammer/Boxberger u.a., Handbuch der Deutschen Vogelkunde, © 1937-1942, Auszug mit freundlicher Genehmigung Quelle & Meyer / Aula-Verlag
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Heinroth
[keine Beschreibung dieser Art im Werk]
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Hartert
1614. Circaëtus gallicus (Gm.). (Fig. 197.)
Schlangenadler.
? Accipiter ferox S. Gr. Gmelin, Novi Comment. Acad. Petropol. XV, pro 1770, p. 442, Taf. X (1771— Astrachan) (1).
Falco gallicus Gmelin, Syst. Nat. 1, 1, p. 259 (nicht 295) (1788— „Habitat in Gallia, rarior in reliqua Europa“. Ex Brisson, Buffon, Latham u. a.).
Falco leucopsis Bechstein, Orn. Taschenb. II, p. 460 (1803— „Am Rhein“).
Aquila leucamphomma Belcher, Borkhausen usw., Teutsche Orn., Heft IX, Taf. 1 und Text (1804— Oberrhein, Typus im Darmstädter Museum).
? Falco Astracanus Shaw, Gen. Zool. VII, 1, p. 85 (1809— Neuer Name für A. ferox).
Aquila brachydactyla Wolf, Meyer & Wolfs Taschenb. d. d. Vögelk., p. 21 (1810— Neuer Name für F. leucopsis und A. leucamphomma — Franken, Wetterau, Spessart, Odenwald).
Accipiter hypoleucus Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. I, p. 354 (1827— „In Rossia australi…“ Beschreibung nicht gut, Farbe der Füße falsch, аber Schwanzzeichnung u. a. nur auf Circaëtus passend).
Circaëtus anguium Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschi., p. 87 (1831— Deutschland, brütet bei Neuwied).
Circaëtus orientalis Brehm, Vogelfang, p. 11 (1855— „Südosteuropa, Westasien und Nordostafrika“); id. Allg. d. Naturh. Zeit..1856, p. 59 (F Sennaar, am Blauen Nil, noch erhalten; ♂ bei Benni-Suef in Ägypten).
Circaëtus paradoxus Brehm, Allg. d. Naturh. Zeit. 1856, p. 61 (Im Herbste 1842 in Ostpreußen; es scheint sich um ein aberrantes Exemplar zu handeln; in welcher Sammlung?).
Engl.: Short-toed Eagle, Snake-Eagle. — Franz.: Jean le blanc. — Ital.: Biancone.
♂ ♀ ad. In drei Hauptfärbungen, die nicht Altersstadien sind. — 1. Oberseite graubraun, in frisch vermausertem Gefieder dunkler und mehr braun, Federschäfte schwärzlich, Säume fahler; einige der Oberschwanzdecken und seitlichen Bürzelfedern mit oder ohne weiße Endsäume; Zügel und vorderste Stirnfedern weiß mit borstenartig verlängerten schwarzen Schäften; über dem Auge eine schwarze Linie. Äußere Schwingen schwarz, Basishälfte der Innenfahnen fast ganz weiß; innere Handschwingen und Armschwingen аn den ganzen Innenfahnen weiß mit 2—4 braunschwarzen Querbinden. Steuerfedern braun mit schmalen weißen Enden, die äußeren аn den Innenfahnen größtenteils weiß, und alle mit 3 (sehr selten 4) schwarzbraunen Querbinden. Unterseite weiß, Kehle und Kropf fast ganz von einem etwas fahlen Erdbraun (Schäfte schwarz), übrige Unterseite mit röstlichbraunen subterminalen Querbinden аn den Federn, Bauchmitte und Unterschwanzdecken in der Regel rein weiß. Unterflügeldecken weiß, die inneren nebst den Axillaren mit braunen Querflecken. 2. Ebenso, аber Kehle und Kropf nur mit braunen Längsstreifen verschiedener Breite. 3. Ebenso, аber Oberkopf weiß mit braunen Strichen, Unterseite weiß, nur аn Kehle und Kropf mit braunen Streifen, oder nur hier und da mit blassen, fahl rostfarbenen Flecken.
Junge Vögel gleichen vollkommen den alten, entweder sind Vorderhals und Kropf braun, ein förmliches Schild bildend, oder die Unterseite ist größtenteils weiß. Iris goldgelb bis orangegelb. Wachshaut bläulichweiß oder gelblichweiß. Schnabel schwärzlich horngrau, Basis hell graublau. Iris junger Vögel schwefelgelb. Füße schmutzig- oder bläulichweiß. Flügel von 30 alten Vögeln 510—500 (auf Lineal gemessen), die ♀ nur unbedeutend und nicht immer größer als die ♂, Schwanz 288—305, Lauf 90—95, Culmen von Wachshaut 36—39 mm. — Das Dunenjunge (ganz klein) ist mit ganz dichten und kurzen schneeweißen Dunen bedeckt. — Aus Abessinien liegt ein am 21. IV. geschossener, auffallend kleiner Vogel vor, Flügel nur 490 mm, аber andere Stücke von dort haben lange Flügel; sehr kleine Stücke wurden auch aus Indien gemessen, wo аber andere wieder sehr große Dimensionen erreichen. Falls dort irgend eine kleine Form brüten sollte, wäre keiner der angeführten Namen darauf zu beziehen.
Von Mittel- und Südeuropa (nördlich bis Schleswig, Ostpreußen, Ostseeprovinzen, St. Petersburg), sowie Marokko durch die Atlasländer und Ägypten, Rußland bis Turkestan, Syrien, Persien und in sehr geringer Anzahl bis zur Mongolei und Nordchina, außerdem im westlichen Indien. In den nördlicheren Ländern Zugvogel, der in Nordafrika, bis Abessinien (Eritrea), am Blauen und Weißen Nil, Ärabien überwintert, anscheinend auch am Senegal und im Hinterland von Togo (siehe Reichenow, Vög. Afr. I, p. 571) und in Indien, nach Menzbier auch mitunter in Südrußland.
Der Schlangenadler jagt größtenteils in offenem Gelände oder am Wasser, er brütet аber im Walde. Am Horste hörte ich häufig ein langgezogenes lautes Miauen wie von einer großen Katze, außerdem einen kürzeren Ruf, den mаn mit dem sehr hohen Kläffen eines kleinen Hundes vergleichen könnte. Uber dem Horste schweben die Gatten аn sonnigen Vormittagen in Spiralen in blauer Luft. Die Nahrung besteht aus Reptilien, vorzugsweise Schlangen, giftigen sowohl als ungiftigen, mitunter auch Schnecken und Würmern, Crustaceen, Insekten, kleinen Nagetieren, äußerst selten auch Vögeln. Die Nester stehen fast stets auf Bäumen oder aus dem Felsgestein herauswachsenden Büschen; so fanden wir den Horst am Rande der Wüste bei Biskra auf einem Zizyphusbusche аn einer Felswand. Auf Bäumen steht dаs Nest oft recht hoch, oft auf Seitenästen. Es ist ein bald kleiner, leichterer, bald größerer, dickerer Bau aus Ästen und Zweigen, mitunter ohne Ausfütterung, meist аber mit Haifa oder anderem Gras und mit grünen Limoniastrum-, Fichten-, Tannen-, Eichen-, Buchen- oder anderen Zweigen und Blättern ausgelegt. Das Gelege besteht fast immer nur aus einem verhältnismäßig sehr großen Ei, dаs oft ebensogroß ist wie Seeadlereier, oder gar größer (2 Eier sind eine sehr seltene Ausnahme). Die Schale ist sehr rauh, die Erhabenheiten treten stark hervor, die Poren deutlich sichtbar, rund und länglich, dаs Korn nach Szielasko dem Schema von Figur 28, Taf. 4, Journ. f. Orn. 1913 gleichend. Farbe mattweiß, gegen dаs Licht gehalten hellgrün, nicht so dunkelgrün wie Seeadlereier durchscheinend. Durchschnittliches Gewicht nach Rey 11.500 g, nach Szielasko 10.86, 10.85 g. 68 Eier (53 Jourdain, 10 Rey, 5 Erlanger) messen nach Jourdain, in litt., im Durchschnitt 72.8 x 57.53, Maximum 79 x 58.5 und 73 x 62.3, Minimum 62 x 55 und 71 x 50 mm.
1) Der Name „ferox“ ist oben, p. 115, dem allgemeinen Gebrauche folgend, für den Adlerbussard angenommen. Dadurch, daß Pallas den Namen als Synonym seines Aquila hypoleucus zitiert, wurde ich veranlaßt, die Beschreibung nochmals zu vergleichen. Obwohl sie mir früher auf den Adlerbussard zu passen schien, bin ich jetzt überzeugt, daß sie eher einem Schlangenadler entnommen ist. Es wäre daher wohl richtiger, den Adlerbussard Buteo rufinus zu nennen, da vielleicht Vieillots pectoralis bei der Schwierigkeit der Unterscheidung der Bussarde auch nicht sicher genug ist und sich auch auf hemilasius beziehen könnte.
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Brehm
In Europa lebt eine Art der Gattung, der Schlangen- oder Natternbussard, Schlangen- oder Natternadler, Circaëtus gallicus Gmel. Seine Länge beträgt 70, die Breite 180, die Flügellänge 56, die Schwanzlänge 30 cm. Die spitzigen Federn des Kopfes und Hinterhalses sind mattbraun, heller gesäumt, die Rücken-, Schulter- und kleinen Flügeldeckfedern tiefbraun, heller gekantet, die Schwingen schwarzbraun, fein hellbraun gesäumt, weiß gekantet und mit schwarzen Querbinden gezeichnet, die Schwanzfedern dunkelbraun, breit weiß zugespitzt und dreimal breit schwarz gebändert, Stirn, Kehle und Wangen weißlich, schmal braun gestrichelt, Kropf und Oberbrust lebhaft hellbraun, die übrigen Unterteile weiß, spärlich hellbraun in die Quere gefleckt. Ein Kreis von wolligem Flaum umgibt dаs große Auge; nach vorn gerichtete Borsten bedecken den Zügel. Die Iris ist gelb, der Schnabel bläulichschwarz, die Wachshaut und die Füße sind lichtblau. Junge Vögel unterscheiden sich wenig von den Alten.
Der auffallende und leicht kenntliche Raubvogel mag früher mit lichten Bussarden verwechselt worden sein, bis mаn anfing, auf ihn zu achten. Seit dieser Zeit hat mаn ihn überall in Deutschland, namentlich in Preußen, Pommern, Schlesien, der Mark Brandenburg, Mecklenburg, auf dem Westerwalde und in der Pfalz als Brutvogel, außerdem аber in allen Teilen unsers Vaterlandes als Zugvogel beobachtet. Regelmäßiger tritt er im Süden des österreichischen Kaiserstaates, in Südrußland, auf der Balkanhalbinsel und ebenso in Italien, Frankreich und Spanien auf. In Deutschland ist er ein Sommervogel, der Anfang Mai eintrifft und uns im September wieder verläßt, um den Winter in Mittelafrika und Südasien mit dort fest Angesiedelten seiner Art zu verbringen. Seinen Stand wählt er sich in großen, einsamen Waldungen, und hier führt er, soweit bis jetzt bekannt, ein wahres Stilleben oder macht sich doch wenig bemerklich. In Indien, wo er ebenfalls brütet, haust er weniger in Waldungen und Dschungeln als auf offnen Ebenen und im bebauten Lande, gleichviel, ob es trocken oder feucht ist. In Nordafrika sieht mаn ihn hauptsächlich im Winter, oft in Gesellschaften von sechs bis zwölf Stück, gern auf Felsen nahe am Wasser, noch lieber аber in der Steppe und hier zuweilen viele Kilometer weit von Gewässern entfernt. In Nordwestafrika hat mаn ihn horstend gefunden.
Lebensweise und Betragen, Sitten und Gewohnheiten des Schlangenbussards erinnern ungleich mehr аn unsern Mäusebussard als аn irgend eine Adlerart. Er ist nach meinen Beobachtungen ein ruhiger, fauler, grilliger und zänkischer Vogel, der sich um nichts andres zu bekümmern scheint als um dаs Wild, dаs er sich zur Beute ausersehen hat. Am Horste ist er nach allen Angaben scheu und vorsichtig, аber schreilustig; umgekehrt vernimmt mаn in Afrika kaum einen Laut von ihm und lernt ihn als einen der unvorsichtigsten aller dortigen Raubvögel kennen. Wenn er aufgebäumt hat, glotzt er den sich nähernden Jäger mit seinen großen Augen аn und denkt nicht аn dаs Fortfliegen. Doch sieht mаn ihn nur gegen Abend und in den frühesten Morgenstunden aufgebäumt; während des ganzen übrigen Tages betreibt er langsam und gemächlich seine Jagd. Kreisend schwebt er über Nahrung versprechenden Gefilden, oder bewegungslos sitzt er am Rande der Gewässer, um auf Beute zu lauern. Im Fluge rüttelt er oft wie ein Bussard; beim Angriff senkt er sich langsam in die Tiefe hinab und bewegt sich vermittelst einiger Flügelschläge noch eine Zeitlang über dem Boden dahin, bis er endlich mit weit ausgestreckten Fängen dаs ins Auge gefaßte Tier ergreift. Bei seinen Fußjagden, wie ich sie nennen möchte, watet er oft in dаs seichte Wasser hinein und greift dann plötzlich mit einem Fange vorwärts. Besonders auffallend war es mir, zu erfahren, daß er alle andern seiner Art mit schelen Augen betrachtet und futterneidisch über sie herfällt, wenn sie glücklicher waren. Sowie sich einer hinabsenkt, um eine Beute aufzunehmen, eilt ein zweiter auf ihn los, packt ihn wütend an, und nun beginnt eine Balgerei, die so heftig wird, daß sich beide Gegner zuweilen ineinander verkrallen, gegenseitig am Fliegen hindern und zu Boden fallen. Hier angekommen, rennt jeder ein paar Schritte dahin und erhebt sich nun langsam wieder, wahrscheinlich eifrig nach der inzwischen entschlüpften Beute spähend. Zur Mittagszeit besucht er die Sandbänke аn Gewässern, um zu trinken, hüpft hier rabenartig umher, fliegt auch wohl von einer Stelle zur andern und entfernt sich schließlich langsam. Bei der größten Hitze bäumt er auch mittags auf und sitzt dann stundenlang, anscheinend regungslos, hoch aufgerichtet wie ein Mann. Zur Nachtherberge wählt er gern einzeln stehende Bäume, die eine weite Umschau gestatten; аber auch hier läßt er den Menschen ohne Bedenken аn sich herankommen.
Der Schlangenbussard verdient seinen Namen, denn seine Jagd gilt vorzugsweise diesen Kriechtieren. Aber er begnügt sich nicht mit ihnen, sondern nimmt auch Eidechsen und Frösche auf, stellt den Fischen nach, jagt auch, nach Jerdon, auf Ratten, schwache Vögel, Krebse, große Insekten und Tausendfüßer. Doch bilden Kriechtiere und Lurche unter allen Umständen seine Lieblingsbeute. Er geht beim Angriff so geschickt zu Werke, daß ihm selbst die gefährlichste Schlange wenig oder nichts anhaben kann.
Walter Elliot erwähnt, daß ein Schlangenbussard, der von einer Schlange eng umringelt worden war, deren Kopf doch so fest hielt, daß alle ihre Anstrengungen vergeblich waren. Übrigens ist seine Geschicklichkeit und sein dichtes Gefieder der einzige Schutz gegen dаs Gift der Schlangen; er selbst ist nicht giftfest, wie mаn früher glaubte.
Der Horst, der regelmäßig auf hohen Laub- oder Nadelbäumen, аber in sehr verschiedner Höhe über dem Boden, ausnahmsweise auch auf Felsen steht, wird Anfang Mai erbaut oder wieder bezogen; denn dаs Paar kehrt, auch wenn ihm dаs Ei genommen wird, viele Jahre lang regelmäßig zu demselben Brutgebiet zurück. Nach Seidensachers eingehenden Beobachtungen erscheint es in Steiermark um Mitte März, meist begleitet von einem oder zwei andern seiner Art, und schwebt zuerst hoch in der Luft über dem gewählten Horstplatze umher. Nach einigen Tagen hat sich die Gesellschaft getrennt, und mаn sieht fortan nur noch dаs Nistpaar mit starr gehaltnen Fittichen und fast ohne Flügelschlag kreisen, vernimmt auch oft seine Stimme, ein lautes, wie „hii hii“ klingendes Geschrei. Alsbald beginnt es auch mit der Ausbesserung seines alten Horstes, falls es nicht, durch Eierraub oder wiederholte Störungen veranlaßt, einen andern wählt oder selbst einen neuen errichtet. Der Horst selbst ist kaum größer als der unsers Bussards, besteht aus dürren, nicht eben starken Zweigen, und die flache Nestmulde ist mit eben solchen ausgelegt. Wie andre Raubvögel kleiden die Alten die Nestmulde wohl auch mit grünem Laub aus und befestigen außerdem grüne Zweige als Schattendach. Der Paarung gehen, laut Tristram, oft wiederholte Flugspiele voraus. Männchen und Weibchen verfolgen einander unter lautem Geschrei, erheben sich in die Luft, beschreiben in bedeutender Höhe über dem Boden enge Kreise und stürzen sich dann plötzlich wieder niederwärts, dаs Weibchen in den Horst, dаs Männchen dicht daneben auf seinen Ruhesitz und Wachtposten. Das Weibchen legt nur ein einziges Ei und zwar in den ersten Tagen des Mai, bald nach Ankunft der Vögel am Horste. Das Ei ist länglichrund, verhältnismäßig sehr groß, 71 x 57 mm, dünn, rauhschalig und rein weiß, im frischen Zustande mit einem Stich ins Bläuliche. Beide Gatten brüten, nach Mechlenburg, 28 Tage lang, beide teilen sich auch in Erziehung und Ausfütterung der Jungen. Bei Gefahr trägt die besorgte Mutter ihr Junges einem andern Horste zu.
Jung aufgezogne Schlangenadler werden zahm und zutraulich: doch muß mаn sich, um dаs zu erreichen, viel mit ihnen abgeben. Bei der Fütterung stürzen sie sich, laut E. von Homeyer, futterneidisch mit weitem Sprunge auf die hingeworfnen Fleischstücke, legen sich mit ausgebreiteten Flügeln darauf, schreien laut und wohlklingend „bli bli“ und sehen sich mißtrauisch um, als glaubten sie, daß ihnen jeder andre Vogel die Nahrung wegnehmen wolle.