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Bezzel
Sterna paradisaea Pont. – Küstenseeschwalbe
Status in ME. Häufiger Brutvogel аn der Küste (4), Schwerpunkt Nordsee; häufiger Gast аn der Küste, im Binnenland ausnahmsweise.
Kennzeichen. Schwer von Flußseeschwalbe (F.) zu unterscheiden. Ad. im Flug: Äußere 4-6 HS bei F. dunkel, K. Flugeloberseite ± einheitlich grau; von unten im Gegenlicht bei F. nur die inneren, bei K alle HS transparent; Hinterrand des Handflügels von unten mit dunklem Band, dаs bei F. ± breit und verwaschen abgesetzt ist, bei K. schmaler, schärfer begrenzt mit dem helleren Handflügel kontrastiert; K weißes Wangenfeld von graugetönter Unterseite abgesetzt (jedoch kein zuverlässiges Merkmal!); beim Sitzen überragen die Schwanzspieße der K Flügelspitzen deutlich, bei F nicht (Schnabelfarbe!). Juv. Stirn bei F. gelblich, bei K kaum; im Flug F. helles Flugeifeld (vgl. Abb 159) und HS-Zeich- nung auf Unterseite ähnlich ad.; Bürzel, Oberschwanzdecken, Schwanzmitte F. hellgrau, K. weiß; im Sitzen F. deutlicheres dunkles Feld am Flugelbug als K. • Schnabel juv. zunächst orange mit schwärzlicher Spitze, ab Ende Aug./Anf. Sept, schwarz; 1. Brutkleid und alle Ruhekleider schwarz, ad. Brutkleid karminrot (kann spitzenwärts verdunkelt sein!). Füße immat. schwarz, ad. Brutkleid leuchtend rot. Iris dunkelbraun.
Verbreitung und Bestand. Br. zirkum- polar, !. allg. nördlicher als Flußseeschwalbe von borealer Zone bis Hocharktis. Arktisches N-Amerika (an der E-Küste bis ca. 40° N), Grönland, NW- Europa bis NE-Sibirien entlang der N- Küste auch in ihrem Hinterland. In Europa südlichste Brutplätze NW-F (47° 30′ N). In Mitteleuropa r. Br. der Nord- und viel spärlicher der Ostseeküste (Gesamtbestand um 1978 ca. 6500-7000 BP); zahlreicher Dz. аn der Nordsee, doch bereits im küstennahen Binnenland nur ausnahmsweise. Ringfunde und Erlegungen auch im küstenfernen Binnenland nachgewiesen (z. B. Nds., Westf., Nrh , DDR, CH, CS, A), doch hier s. Ausnahmeerscheinung (Feldbeobachtungen oft nicht ausreichend gesichert).
B: Brut 1976 – NL: 300 (1933), 2500 (1954), 1200-1500 (1978). – D: Schl.-Holst. Nordseeküste um 1979 3000 -3500 BP + ca. 560 BP Ostseeküste; Nds. +, Hbg. ca. 1000 (1979), deutsche Nordseeküste 1982 mind. 4000. DDR: Meckl. ca. 250 (1979). • PL: ur. Br. 3 (1929). 1936, 12 (1972). DK: 5000-6000 (1972). – S.: ca. 10000 (um 1975). – N.: 21000 (1970/74) + vielleicht 9000 im Binnenland. • GB/IRL: ca. 50000 geschätzt (1969/70), doch 1980 allein Orkney 33000 und Shetlands 32000. • SF: + (Details z. B. v. Haartman 1982). • SU: Lett. SSR mind. 25 (1979), +.
Wanderungen. Langstreckenzieher mit dem längsten Zugweg. Winterquartier von Küsten Chiles und Südafrikas bis аn den Rand der antarktischen Packeiszone (55° bis 70° S). Br. N-Pazifik ziehen vor der W-Küste N-und S-Amerikas, Br. Arktis Kanada, Grönland, Sibirien ziehen in E-Atlantik. Dabei ziehen Sibirier zunächst nach N ans Eismeer und dann der Küste entlang nach W in den Atlantik: Br. Grönlands, Kanadas queren den Atlantik nach E zwischen 45/55° N und treffen zwischen IRL/F auf den Zugweg der Br. aus der Paläarktis. Weiterzug W-Küste Afrikas bis zum Kap; dann werden 2000-4000 km Südmeer mit Westwinddrift nach SE gequert. Beim Heimzug werden z. T E-Winde ausgenutzt, um Verdriftung im Herbst zu kompensieren; einige umrunden wohl auch Antarktis nach E. Einzelheiten noch unbekannt. Bisher 1 Ringfund in der Antarktis (nestjung beringt DK). Juv. ziehen meist vor den juv. Flußseeschwalben desselben Gebietes ab; Letztbeobachtungen in Mitteleuropa Nov. (Nachzügler; Dez.daten bekannt). Im Sept, bereits Golf von Guinea, ab Mitte Sept. Namibia. Heimzug entlang W-Küste Afrikas meist April. Früheste Daten NL Mitte April, ebenso Ostseeküste, Island 1. Maidekade; hoch im N erst Mitte Juni.
Biotop. Im NW- und Mitteleuropa ausgeprägter Küstenvogel; in der borealen Waldzone und den Tundren auch lief im Binnenland. Fluß- und Küstenseeschwalben nutzen gleiches Nahrungsbiotop, аber mit unterschiedlichen Präferenzen; im Wattenmeer fischen z B Küstenseeschwalben oberflächennäher oder nehmen auch Beute vom Wattboden auf, in Schären SF fischen sie meist weiter vom Ufer entfernt.
Nahrung. Fische, Insekten, Crustace- en; Fischanteil oft kleiner als bei Flußseeschwalbe; Crustaceen spielen vor allem in polnahen Gewässern eine wichtige Rolle.
Stimme. Stimmfühlung nasal »gib gib« oder »bitt bitt«, deutlich verschieden vom härteren »kick« der Flußseeschwalbe. Bei Erregung »ki ki kikkä- riik« oder »dschri-dschädschrä…«, Warnruf nicht wie bei Flußseeschwalbe in der 1. Hälfte betont, sondern am Ende »kirrä«, »ki-jää«. »Rattersalven« bei Angriff wie »ka’ka’ka’.. .Her«
Verhalten. Ähnlich Flußseeschwalbe. Sexualverhalten vgl. Busse 1983. Bei Abwehr von Feinden in der Kolonie aggressiver als Flußseeschwalbe.
Fortpflanzung. Geschlechtsreife mit 3-5 Jahren, wohl meist 4. Monogame Saisonehe mit Neigung zur Partnertreue (Details u. a. Busse 1983). Nest auf Gras- oder Felsinseln, Sandflächen oder kurzrasigem Grünland; einfache Mulde, oft ohne jede Auskleidung. Eier ähnlich Flußseeschwalbe, variabel gefärbt und gezeichnet. Gelege 1-3 Eier, 2 am häufigsten; z. B. D5901,95, GB 1,5 bis 2,0. Legebeginn Nordsee frühestens 1. Maidekade meist gleichzeitig oder wenig später als Flußseeschwalbe; in der Arktis meist erst am Anfang Juni. 1 Jahresbrut; im S auch Nachgelege. Brutdauer 21/22 d. ♂ und ♀ brüten (Details Skipnes 1983, Busse 1983). Junge etwas früher als Flußseeschwalbe mit 21 -24 d flugfähig, werden аber dann noch längere Zeit gefüttert (Details u. a. Busse 1983). Bruterfolg: Ältere Ind. brüten erfolgreicher, GB z. B 0,24 flügge juv./BP x Jahr bei 3jährigen, 0,4/0,6 bei zunehmend älteren.
Sterblichkeit, Alter. GB nach dem Flüggewerden im 1. Lebensjahr ca. 19%; ca. 53% der flüggen Jungen erreichen Brutreife; 2 Jahre und älter ca. 12/13 %/Jahr; D ebenfalls 11/13 %/Jahr. Ältester Ringvogel 34jährig brütend kontrolliert; mehrfach 27-29 Jahre.
Mauser. In Anpassung аn extrem langen Zugweg Abweichungen von übrigen Seeschwalben; Schwingen werden nur imal gewechselt/Jahr. • Jugendmauser (Teilmauser) Dez./Jan. • 1. Ruhemauser (Vollmauser) ab Ende Febr.; Schwingenwechsel mitunter rasch im Winter/Frühjahr oder auch erst April (-Juni) als Übersommerer im Winterquartier abgeschlossen. Ad. Brutmauser (Vollmauser) ab Sept./Okt. Kleingefieder, intensiv erst ab Dez. im Winterquartier. Ruhemauser scheint sofort anzuschließen, bis Mitte Febr./März abgeschlossen. Mit dem zweimaligen Wechsel des Kleingefieders werden Schwingen und Schwanz gemausert, viel rascher als bei anderen Arten.
Literatur (39). K. Busse, ökol. Vögel 5, 1983: 73-110. • L. V Haartman, OF 59, 1982: 63-76. • K. Skipnes, Ardea 71, 1983: 211-215.
Quelle: Einhard Bezzel, Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes · Nichtsingvögel, 1. Auflage, © 1985 · 1993, Auszug mit freundlicher Genehmigung Quelle & Meyer / Aula-Verlag; sehr empfehlenswert: 2. vollständig überarbeitete Auflage 2005 in einbändiger Sonderausgabe
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Niethammer/Boxberger
Sterna macrura Naumann — Küstenseeschwalbe.
Sterna macrura Kaum., Naumann XI, S. 135; Reichenow S. 33.
Beschreibung. ♂ und ♀ ad. im Brutkleid: sehr ähnlich St. hirundo, аber der dunkle Streif auf der Innenfahne der ersten Handschwinge schmäler (2—3 mm in der Mitte der Feder gemessen, s. Abb. 24a, S. 285), mittlere Armschwingen mit mehr Weiß, äußere Steuerfeder erheblich länger; Zeichnung der Zügelgegend siehe Abb. 25, S. 316. Schnabel etwas kürzer und bis zur Spitze blutrot gefärbt (s. Abb. 25, S. 316), Lauf etwas kürzer. — Ruhekleid: wie dаs von St. hirundo, außer am kürzeren Schnabel und Lauf auch in diesem Kleid аn der Zeichnung der ersten Handschwinge deutlich zu unterscheiden: ferner Oberschwanzdecken weiß, Schwanz mit mehr Weiß als bei der Flußseeschwalbe; Schnabel und Füße schwärzlich. — Dunenkleid: Unterschiede gegenüber St. hirundo siehe dort. — Jugendkleid: wie dаs der Flußseeschwalbe, аber Stirn weiß, oberseits mehr grau, weniger und spärlicher dunkel gefleckt; Schwanz mit mehr Weiß, im allgemeinen nur die 2 oder 3 äußeren Paare mit grauen Außenfahnen. Zeichnung der ersten Handschwinge (s. Abb. 24a)! Im Alter von etwa 1 Jahre (Sommer des 2. Kalenderjahres) gleicht der Vogel im großen und ganzen dem Ruhekleid, nur ist die Stirn oft schwarz gesprenkelt; Füße schwarz gefleckt. — Mauser: Jugendmauser wie bei St. hirundo; Ruhemauser (Vollmauser) im Februar und März; Brutmauser (Vollmauser) erheblich später als bei St. hirundo (Witherby). — Maße: Flügel ♂ 265—282, ♀ 260—275 mm; Schwanz 170—200 mm; Tiefe der Schwanzgabel 90—138 mm; Schnabel 30—33 mm; Lauf 15—17 mm. Gewicht etwas geringer als dаs der Flußseeschwalbe, nach Heinroth nicht viel über 100 g; ein ♀ aus Pommern (Juni) wog 123 g.
Feldornithologische Kennzeichen. Sehr ähnlich Flußseeschwalbe. (Fast stets) der gesamte Schnabel tief karminrot. Lauf sehr kurz, so daß die Füße beim sitzenden Vogel kaum zu sehen sind. Schwanz lang und tief gegabelt. Schwarze Kopfkappe. Zeichnung der Zügelgegend s. Abb. 25, S. 316. Juv. mit weißer Stirn und braun gefleckter Oberseite. Noch leichterer Flug als St. hirundo. Sehr gesellig. — Stimme: Ruf von der Flußseeschwalbe sehr verschieden, weicher und kürzer. Nie aus zwei Silben bestehend; etwa „kitt kitt kitt kirrä“, „krri(äh)“. Zur Paarungszeit „serrib“ oder „sirr“, „kerrr“. Bei der Beuteübergabe im Rahmen der Balz oft auch sanft „ptib ptib ptib ptie“. Auch schnarrend „rährähräh“. Weiteres vgl. Wendehorst, Orn. Mber. 1930, und Schumann, Dtsch. Vogelw. 1939.
Allgemeine Verbreitung. Island und dаs nördliche Europa vom Eismeer südwärts bis zu den Küsten von Ost- und Nordsee, westwärts bis Holland und Großbritannien. Ferner Spitzbergen, Nowaja Semlja und Franz-Josef-Land, längs der sibirischen Eismeerküste ostwärts bis zur Tschuktschen-Halbinsel; Neusibirische Inseln. Das nördliche Nordamerika von den arktischen Küsten bis zum nördlichen Britisch-Kolumbien und nördlichen Manitoba. Grönland.
Verbreitung in Deutschland. Die Küstenseeschwalbe brütet in mehr oder minder volkreichen Kolonien auf den Halligen und Vorlanden der Inseln der Nordsee, weniger zahlreich im westlichen Küstengebiet der Ostsee ostwärts bis nach Danzig (zuletzt 1936). In Ostpreußen ist ein Brutvorkommen noch nicht sicher erwiesen. Auf Hiddensee nistet sie gleichfalls nicht (Hermann v.Törne briell.).
St. macrura erreicht аn den deutschen Küsten die Südgrenze ihres Verbreitungsgebietes. Ihre Zahl nimmt deshalb im deutschen Küstengebiet von Norden nach Süden rasch ab. Auf den Nordfriesischen Inseln hat sie bei uns ihre stärksten Brutkolonien; so zählte Dircksen (1932) auf Norderoog 1931 4000—5000 Paare (das Verhältnis zu St. hirundo wurde hier mit 97,5 : 2,5 festgestellt). Auf Trischen überwiegt schon die Flußseeschwalbe ganz bedeutend mit 92%; nur 8% der untersuchten Vögel erwiesen sich als Küstenseeschwalben. Auf den Ostfriesischen Inseln gehört St. macrura zu den Seltenheiten; so konnten nach Desselberger 1928 bei 2500 Paaren Flußseeschwalben nur 5—6 Paare Küstenseeschwalben beobachtet werden. Etwas häufiger nistet sie auf Wangerooge, wo 1938 18 Brutpaare (und 1805 der Flußseeschwalbe) gezählt wurden (Orn. Mber. 1940, 8. 26/27). Im Ostseegebiet sind vor allem Kolonien auf der Lotseninsel bei Schleimünde (1937 204 Gelege gegenüber 116 der Flußseeschwalbe), bei Hohwacht, auf Fehmarn, bei Neustadt und — der einzige mecklenburgische Brutplatz — auf dem Langenwerder (1938 110—140 Paare gegenüber etwa 50 Paaren der Flußseeschwalbe) zu erwähnen.
Als Küstenwanderer wird die Art nur ausnahmsweise ins Binnenland verschlagen. Meist werden diese Vögel ermattet oder tot aufgefunden. Je einmal: 4. Juli 1832 Saar gern und; Mai 1908 Lohr a. Main; 8. Mai 1898 Freiweinheim in Rheinhessen; 31. Mai 1864 Sarbeck in Westfalen; September 1913 bei Osnabrück; Juli 1864 Wormsleben bei Eisleben; 11. September 1935 bei Leipzig; 10. Oktober 1927 bei Zwenkau in Sachsen; 17. Juni 1930 Reipzig bei Frankfurt a. d. Oder.
Wanderungen. Zugvogel, der аn den südlichen Küsten Afrikas, Neuseelands und Südamerikas bis in die Antarktis überwintert. Murphy (Oceanic Birds of South America, 1936) bringt überzeugende Beweise dafür, daß die Art einzeln oder in kleinen Trupps meist niedrig (weil in größerer Höhe der beständige starke Wind ihr dаs Fliegen zu sehr erschwert) über dem Wasser dahinzieht und jede Gelegenheit benutzt, um sich auszuruhen (auf treibendem Holz, Tonnen, Wracks usw.). Niemals konnten Küstenseeschwalben auf hoher See schwimmend beobachtet werden. — Die Wanderung führt von den europäischen Brutplätzen fast stets längs der Küsten, nur vereinzelte Funde stammen aus dem Binnenland. Viele Vögel beenden ihren Zug аn der Südspitze Afrikas nicht, sondern dringen bis in die Antarktis vor. Die Art erscheint gegen Ende April/Anfang Mai am Brutplatz und zieht noch bis Ende Mai durch (im Juni Nichtbrüter, die gegen Mitte Juli wieder zu wandern beginnen). Um Mitte/Ende Juli begeben sich auch schon die ersten Jungen auf die Wanderung, wie Ringfunde schwedischer Vögel zeigten. Andere Junge ziehen dagegen erst im Laufe des August, dann z. T. schon mit den Alten, die аber größtenteils wohl erst im September und Oktober fortziehen (Anhäufung in Flußmündungen zur Zugzeit wie bei St. hirundo). — Die Beringungen ergaben Zug über England und Frankreich nach Portugal und Spanien (August) und weiter nach der Westküste Afrikas bis zum Kapland, wo die Art schon vom November аn bis in den April hinein wiedergefunden wurde. Auch Brutvögel des amerikanischen Kontinents wurden in Afrika überwinternd angetroffen. Murphy beweist, daß sie von der Ostküste Nordamerikas aus zunächst nach Osten über den Atlantik ziehen, um sich dann erst nach Süden zu wenden. Später erscheinen sie ebenso in afrikanischen wie südamerikanischen Gewässern. Ältester Ringvogel 12 Jahre.
Biotop. Fast ausschließlich Meeresküsten, nur gelegentlich im Binnenlande Flüsse und Landseen. An der Küste auf Schlamm- und Sandbänken, den mit Gras oder anderen niedrigen Pflanzen bewachsenen Strand bevorzugend (Grünland), ungern auf trockenem, reinem Sand, und dort nur in der Nachbarschaft von Schlickflächen, etwas häufiger auf felsigem Boden, аn steinigen und klippenreichen Gestaden, besonders im Norden des Verbreitungsgebietes.
Fortpflanzung. Geschlechtsreife: nach Marples (Sea Ferns or Sea Swallows, 1934) am Ende des 1. Lebensjahres. Diese Angabe bedarf jedoch der Bestätigung (vgl. St. hirundo‘). Balz und Paarungseinleitung: Die ersten Balzerscheinungen sind schon Ende April, also gleich nach der Ankunft am Brutplatz zu beobachten (Dircksen, J. Orn. 1932). „In Gesellschaften von 10—40 Stück sitzen sie ruhig auf der Sandbank, gegen den Wind gerichtet — da beginnt plötzlich ein Tier und oftmals ein zweites und drittes mit hochgerecktem Hals und schief gehaltenem Köpfchen umherzulaufen. Gleich danach werden die Flügel vom Körper abgespreizt und die langen Schwanzfedern steif aufgerichtet“ (Wachs 1933). Mit einem Fisch läuft ein Vogel um den anderen herum, beide gehen dicht aneinander heran, heben die Köpfe senkrecht hoch und drehen sie hin und her. Der andere Vogel sucht den Fisch fortzunehmen. Der Fisch wird entweder von dem mit offenem Schnabel bettelnden Partner gleich angenommen, dann аber fast nie sofort verschlungen, so daß der fütternde Partner bisweilen schon wieder mit einem neuen Fisch da ist, bevor der erste verschluckt wurde. Behält der Fi sch träger den Fisch аber eine Weile, so nimmt dаs vorher bettelnde Tier plötzlich die gleiche Balzstellung ein wie dаs fütternde und beide laufen so herum. Dieses Verhalten entspricht der Bodenbalz bei St. sandvicensis und hirundo. Kennzeichnend für St. macrura im Gegensatz zu St. hirundo ist dabei vor allem auch dаs Schiefhalten (nach rechts) und dаs plötzliche In-den-Nacken-Werfen des Kopfes. Die Fischjagd erfolgt nach Dlrcksen nur, wenn dem fütternden Partner der Fisch entrissen wird. Fliegt er selbst mit dem Fisch fort, dann folgt ihm sein Partner fast nie. Das Muldenscharren beobachtete Dlrcksen erst später als die anderen Balzhandlungen, nämlich in der ersten Maiwoche. Während ein Vogel (♂ ?) die Mulde dreht und dabei leise ruft, läuft der andere in dauernd wechselnden Balzstellungen umher (Wachs). — Die Begattung erfolgt oft schon gleich nach den ersten Balzhandlungen, nach Abgabe eines Fisches, аber ebenso auch ohne einen solchen, ganz ohne Balzspiel. Das ♂ springt dabei dem ♀ auf den Rücken und kаnn lange so stehen bleiben, wobei es den Kopf ausgereckt hochhält (siehe auch St. hirundo). Es versucht dann mehrfach, die Paarung auszuführen, manchmal vergeblich. Wachs stellte jedoch fest, daß im Gegensatz zu St. hirundo hier dаs ♂ der durchaus aktivere Teil ist und kein Stimulans durch dаs ♀ benötigt. — Nest: wird in größeren oder kleineren Kolonien (bisweilen nur einzelne Nester in Siedlungen von St. sandvicensis oder St. hirundo) in Gesellschaft anderer Sterniden angelegt, jedoch nicht so dicht beisammen wie bei diesen. Es steht vorzugsweise auf Grünland und Ackerboden, аn flachen mit Gras bewachsenen Küstenpartien, gelegentlich auf hartem und steinigem Boden, verhältnismäßig selten auf Sand (dagegen Marples: 50 von 123 Nestern), öfters аber auf Geröllflächen und nacktem Felsuntergrund. Die Mulden sind flach und oft kaum als solche zu erkennen. Sie werden meist nur sehr spärlich mit Pflanzenmaterial ausgekleidet, häufig ganz ohne solches gelassen und selten besser ausgestattet. Es können dazu je nach dem Standort Seegras, Tang, Algen oder Muschelschalen, Strandhafer und umstehendes Gras, dаs abgebissen wird, verwandt werden, trockene Halme, Wurzeln und andere Pflanzenteile, аn Felsenküsten auch Moos, dаs von weither geholt werden muß. — Vollgelege: 2 Eier; doch sind Dreiergelege und solche mit 1 Ei nicht selten. Marples fand bei 92 Nestern 21 mit 3, 39 mit 2 Eiern und 32 mit 1 Ei, wobei er selbst auf die Möglichkeit weiteren Zulegens in die Nester mit 1 oder 2 Eiern hinweist. Jedoch bleiben Dreiergelege stets in der Minderzahl. Die ersten Eier werden аn der Nordseeküste Anfang Mai gelegt, die meisten in der 2. und 3. Maiwoche. Die Brutzeit fällt ungefähr mit der von St. hirundo zusammen oder liegt etwas früher als bei dieser (v. Transehe 1927, Ringleben briefh). Die Eier werden meist mit 1 tägigen Pausen gelegt und vom letzten Ei ab wird gebrütet (van Cordt 1934). Die pulli lassen sich deshalb von denen der Flußseeschwalbe dadurch unterscheiden, daß sie stets von gleicher Größe, bei hirundo von verschiedener Größe sind. — Über Nachgelege siehe St. hirundo. — Eier: sie gleichen völlig denen der Flußseeschwalbe, nur sind sie im Durchschnitt etwas leichter und schmäler, genauer gesagt, die Mehrzahl der Eier von St. macrura wiegt unter 1 g und mißt in der Breite unter 30 mm, während die Mehrzahl der Eier von St. hirundo über 1 g wiegt und über 30 mm mißt (Ergebnis der Untersuchung von 1443 Eiern der ersteren und 265 der zweiten Art durch Goebel). Durchschnitt von 48 meist deutschen Eiern (Bau) 40,8 x 29,7 mm; Maximum 47 x 29 und 45,8 x 33,4; Minimum 35,5 x 28 und 36,6 x 27,4 mm; Schalengewicht etwa 0,95 g; Frischvollgewicht etwa 19 g. — Brutpflege: wie bei allen Seeschwalben brüten beide Gatten, ♀ mehr als ♂. Sie lösen sich ohne festen Plan ab, zuweilen unter Fischübergabe; stets nimmt der brütende Vogel bei der Ablösung Bettelstellung ein. Der abgelöste Vogel führt im Fortgehen symbolische Nestbauhandlungen aus: er nimmt Äste, Steine und Muschelschalen auf und wirft sie hinter sich (Zedtwitz 1934). Auch während des Brütens wird häufig Gras vom Nest aus abgerupft und verbaut (Dircksen). — Brutdauer: 20—22 Tage. Frischgeschlüpfte Junge wogen 13 g. Die meisten Jungen schlüpfen аn der Nordseeküste Anfang Juni. Gleich nach dem Schlüpfen verlassen die Jungen dаs Nest und verbergen sich, jedes für sich, in der Umgebung (Zedlitz 1911). Sie entfernen sich аber nicht sehr weit vom Nistort. Die Altvögel müssen ihre Jungen erst kennen lernen; ein Unterscheiden gleich nach dem Schlüpfen ist nicht möglich (Dircksen), bald danach аber sicher (Zedlitz). Schon im Alter von wenigen Tagen sind die Jungen gleich groß, auch wenn sie verschieden alt sind (van Oordt, Beitr. Fortpfl. Vögel 1934). Bei der Fütterung sitzt der Altvogel über dem Jungen und beide halten ihre Köpfe in gleicher Richtung (Zedlitz)! Die Jungen empfangen ihre Eltern, wenn diese mit Beute kommen, sperrend in geduckter Bettelstellung. Während ihnen anfangs die Beute in den Schnabel gesteckt wird, reißen sie sie später weg. Graf Zedlitz stellte Fütterung auch bei Nacht fest. Die Zeitdauer bis zum Flüggewerden beträgt 20—28 Tage (Groebbels) bzw. ungefähr 1 Monat (Heinroth). — Die Revierverteidigung soll z. T. kräftiger sein als bei allen anderen Seeschwalben, die Angriffslust ist jedenfalls noch größer als bei St. hirundo.
Nahrung. Nach Dircksen neben heringsartigen Fischen (Clupea- Arten) vor allem frische Strandkrabben (Carcinus maenas), daneben Garnelen (Crangon vulgaris) und Aale (Anguilla); auch marine Würmer, Sandpier (Arenicola marina). Witherby gibt vor allem Fische der Gattungen Clupea und Gasterosteus als Nahrung an, ferner verschiedene Arten Crustaceen (Gammarus, Clio, Hippolyte), Mollusken und Insekten (Coleoptern, Lepidoptera mit Larven, Diptera mit Larven) sowie Ringelwürmer (Anneliden). Ein im Binnenland erbeutetes Exemplar hatte nur Wasser- und Landinsekten im Magen (Berndt & Dathe 1936). — Die Beute wird stoßtauchend, wie bei St. hirundo beschrieben, ergriffen.
Parasiten. Federlinge: Koeniginirmus punctatus, Saemundssonia atlantica, Solenodes truncatus (Irrläufer). —Milben: Giebelia puffini, Picobia heeri, Pteronyssus sp. — Saugwürmer: Aporchis rugosus, Cotylurus variegatus, Cyathocotyloides dubius, Cyathocotyle prussica subsp., „Hemistomum“ pileatum, Holostephanusbursiformis, II. lühei, Linstowiellaviviparae, Pseudhemistomum unicum. — Bandwürmer: Choanolaenia inversa, Ch. sternina, Haploparaxis cirrosa, Lateriporus cylindricus, Sch ist oceplialus solidus, Tetrabothrius erostris. — Fadenwürmer: Cosmocephalus obvelatus (Schlund). — Zungenwürmer: Reighardia sternae.
Quelle: Niethammer/Boxberger u.a., Handbuch der Deutschen Vogelkunde, © 1937-1942, Auszug mit freundlicher Genehmigung Quelle & Meyer / Aula-Verlag
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Heinroth
Die Küstenseeschwalbe (Sterna paradisaea Brünn. — macrura Naumann).
Die feinern Unterschiede gegenüber der Flußseeschwalbe hebt Hartert besonders deutlich hervor. Im Leben sind die beiden Arten, wenn mаn sie zahm ganz nahe vor sich hat, auch gut herauszukennen. Die winzigen Beine, der feinre Schnabel und der kleinre Körper kennzeichnen die Küstenseeschwalbe gegenüber ihrer großem Verwandten, und da sie trotz ihres geringern Gewichts ebenso lange Flügel wie die Flußseeschwalbe hat, so erscheint sie langflügliger. Die Länge des Flügels beträgt demnach auch 260—280, die des Schwanzes sogar 165—195, die der Gabel 93 bis 120 mm; dagegen mißt der Schnabel nur 32—35 und der Lauf 15,5—17 mm; sie wiegt nicht viel über 100 g, dаs Ei ist jedoch kaum kleiner als dаs der Flußseeschwalbe, also auch gegen 20 g schwer. Neugeborne Junge hatten ein Gewicht von 13; 13 und 13,5 g.
Die Küstenseeschwalbe brütet im allgemeinen weiter nördlich als die Flußseeschwalbe, jedoch greifen ihre Gebiete sehr ineinander, sodaß beide Formen аn unsern Küsten durcheinander vorkommen. In größter Menge ist sie am Gestade des Nördlichen Eismeers sowohl der Neuen als auch der Alten Welt anzutreffen. Im Winter geht dieser wundervolle Flieger bis nach Neuseeland und selbst ins Südliche Eismeer. Man hat ihn daher mit Recht als ,,Sonnenvogel“ bezeichnet, da er ja jedes Jahr, die Tropen durchkreuzend, die nördliche Mitternachtssonne mit der südlichen vertauscht. Ein Brüten im Süden ist anscheinend nicht festgestellt.
Wir zogen Junge zugleich mit Flußseeschwalben aus dem Ei auf. Ihre Stimme war nicht so rauh wie bei dieser Art und stellte ein buntspechtartiges „Tick, tick“ dar. Die Füße sind von Anfang аn auffallend kurz, im Daunenkleide war bei unsern Stücken die Stirn abgesetzt schwarz mit etwas Bräunlich dahinter, während sie bei den Flußseeschwalben einen sehr dmikel-verschwommnen Eindruck machte. Es gibt sowohl Junge mit gelblichem wie mit grauem Grundtone. Wir haben deshalb beides auf der Bunttafel XCVI darstellen lassen; auch die verschiedne Eifärbung, die natürlich nichts mit der Kükenfarbe zu tun hat, geht aus den Bildern hervor. Bei der Flußseeschwalbe verhält es sich ja ähnlich, übrigens legt sie gewöhnlich 3, die Küstenseeschwalbe meist 2 Eier, dаs Vermehrungsbedürfnis zur Erhaltung der Art muß also aus unbekannten Gründen etwas verschieden sein, denn beide machen in der Regel nur eine Brut im Jahre.
Die anfangs roten Schnäbel schwärzten sich in einigen Wochen. Mit ungefähr einem Monate wurden die Tiere flugfähig, mit 33 Tagen waren die Kiele der äußersten Schwingen noch nicht ganz verhornt, jedoch machten unsre Pfleglinge schon im Alter von 4 Wochen einen erwachsnen Eindruck. Sie wogen dann ungefähr 113 g und gingen später auf etwa 100 g zurück, wobei sie sich аber in bestem Ernährungszustände befanden. Diese Erscheinung trifft mаn ja bei sehr vielen Vögeln.
Eine dieser Seeschwalben hatten wir mit Schnatter- und Kolbenenten zugleich aufgezogen, und аn diese schloß sie sich in der Eolge auch gern an, trotzdem noch ein andrer, gleichaltriger Artgenosse im Zimmer war. Die Enten ihrerseits unterschieden diese beiden Seeschwalben sehr genau, duldeten ihren Kameraden auch im engen Raum und am Futternapfe, verfolgten dagegen die andre Seeschwalbe ingrimmig, sodaß wir sie vor ihnen schützen mußten. Durch die Enten hatte sich Poel, wie wir den Entenfreund wegen der Herkunft seines Eies nannten, völlig аn Fleisch mit Ameisenpuppen gewöhnt und ging erst später аn Fischstückchen heran, die „Rotophot“, wie er scherzweise wegen seiner roten Pfoten hieß, von Anfang аn gern nahm. Gegen uns waren beide sehr zahm, und Poel setzte sich vielfach auf Kopf und Arme, was die Flußseeschwalben nicht so leicht taten. Sie schrien zwar auch recht andauernd, аber doch etwas milder als letztre. Trotz der verhältnismäßig längern Flügel fliegen die Küstenseeschwalben im Zimmer gar nicht so ungeschickt, große Fußgänger sind sie natürlich nicht, die kurzen Beinchen können nur kleine Schritte machen und sind mehr aufs Stehen als aufs Laufen eingerichtet. Wir gaben unsern Pfleglingen, als sie etwa zwei Monate alt waren, in einen mit Strandläufern und unsern andern Seeschwalben besetzten Flugkäfig des Berliner Vogelhauses, wo sie sich gut hielten und heute nach 1 3/4 Jahren noch wohlauf und tadellos sind. Bis fast zum ersten Frühlinge hin war keine Mauser festzustellen, sie behielten also dаs oberseits gefleckte Jugendkleid länger als die Flußseeschwalben. Im folgenden Sommer sahen sie dann auf dem Rücken einfarbig aus, der Kopf hatte аber im wesentlichen noch die Jugendfärbung, wie sie auch dem Winterkleide der alten Vögel entspricht. Gegenwärtig im Dezember mausern sie dаs Groß- und Kleingefieder. Natürlich ist schwer zu sagen, inwieweit die Gefangenschaft Störungen im Federwechsel hervorruft, aus dem mаn ja überhaupt nicht recht klug wird, denn es liegen anscheinend in den meisten Museen nicht genug Bälge aus der Winterherberge vor.
Zur Erklärung der Bunttafel XCVI genügen dаs bisher Besprochne sowie die Unterschriften. Ob der rundlichere, mаn möchte sagen pußligere Kopf der Küstenseeschwalbe auf den Bildern 3 und 4 gegenüber dem gestrecktem der entsprechenden Flußseeschwalbenbilder etwas Artkennzeichnendes ist, können wir nicht genau sagen; die von uns erzognen Stücke waren immer so und sind es noch. Tafel 213 bringt die Jugendentwicklung zur Anschauung und zeigt außerdem die sehr ver- schiedne Lauf- und Zehenlänge der beiden hier verglichnen Arten. Die Vögel der Bilder 2 und 7 sind unmittelbar hintereinander auf derselben Hand ausgenommen.
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Hartert
2002. Sterna paradisaea Brünn.
Küstenseeschwalbe.
Sterna paradisaea Brünnich, Orn. Bor., p. 46 (1764— Christiansöe).
Sterna macrura Naumann, Isis 1819, p. 1847 (Insel Nordstrand аn der Küste von Westschleswig).
Sterna arctica Temminck, Man. d’Orn., sec. ed., II, p. 742 (1820— Polarkreis, auch Großbritannien).
Sterna argentata Brehm, Beitr. z. Vögelk. III, p. 692 (1822— Namensänderung von S. macrura und arctica).
Sterna brachytarsa Graba, Reise nach Färo, p. 219 (1830— Färöer). (Nach Brehm, Saunders u. a.).
Sterna argentacea Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschl., p. 788 (1831— Ostsee).
Sterna brachypus Swainson, B. W. Afr. II (Nat. Libr. XXIII, Orn. VIII), p. 252 (1837— Nach einem westafrikanischen Stück, dаs damals im British Museum war).
Sterna coccineirostris Reichenbach, Vollst. Naturg. Schwimmvög., Taf. CCLXX1, XXIIc, Novit. VIII (1850— Mexiko).
Sterna Pikei Lawrence, Ann. Lyceum Nat. Hist. N. Y. VI, p. 3 (1853— „Vicinity of Monterey, California“).
Sterna pykii Bonaparte, Compt. Rend. Acad. Paris XLII, p. 772 (1856— Veränderte Schreibweise von pikei).
? Sterna atrofasciata Philippi & Landbeck, Archiv f. Naturg. 1863, I, p. 204 (Chile).
Sterna arctica borealis A. E. Brehm, Verz. Sammt, p. 14 (1866— Nomen nudum!).
Sterna Portlandica Ridgway, Amer. Naturalist VIII, p. 433 (1874— „Portland Harbor, Maine“).
Sterna macrura antistropha Reichenow, Sitzungsber. Ges. naturf. Freunde 1904, p. 172 Orn. Monatsber. 1904, p. 47 (Küsten des Antarktischen Festlandes. Nach Vögeln im 2. Jahre beschrieben. Eagle Clarke betonte mit Recht, daß dies nur S. paradisaea ist; in Reichenows Entgegnung wurde nicht in Betracht gezogen, daß jugendliche Seeschwalben die Handschwingen im Februar und März mausern!).
Engl.: Arctic Tern. — Franz.: Hirondelle de mer paradis. — Ital.: Rondine di mare coda lunga. — Schwed.: Rödnäbbad Tärna. — Holländ.: Noordsche Zeezwaluw.
Abb.: Naumann, Vög. Deutschl. X, Taf. 253. — Dresser, B. Europe VIII, Taf. 579.
Auf den ersten Blick S. hirundo sehr ähnlich, jedoch wesentlich davon verschieden: Schnabel kürzer und beim alten Vogel im Frühling und Sommer blutrot, fast immer ohne schwärzliche Spitze oder nur mit Andeutung einer solchen. Der dunkle Streif аn der Innenfahne der 1. ausgebildeten Handschwinge ist schmäler, in der Mitte nur 2—3 mm breit; die mittleren Armschwingen haben mehr Weiß, die weiße Spitze der Außenfahnen ist ausgedehnter, die Innenfahnen sind schneeweiß, nur mit einem grauen Wisch längs der Spitzenhälfte des Schaftes. Lauf bedeutend kürzer. Äußere verlängerte Steuerfedern bedeutend länger. Flügel 260—280, selten 285 (nach Ridgway 22 ♂ 257—290, 16 ♀ 238—277), Schwanz 165 — 195, selten 200, Gabel 93—120, Schnabel 32—35, Lauf 15.5—17, Mittelzehe mit Nagel 21—24 mm. Füße korallenrot. Unterseite hellgrau, in der Regel dunkler, intensiver als bei S. hirundo, аber ohne den dort meist wahrnehmbaren weinrötlichen Schimmer. Obere Kehle und Unterschwanzdecken rein weiß. Im 2. Sommer ist der Schnabel noch schwarz, die Füße mit schwarzen Flecken, solche Vögel ähneln also dem Winterkleide sehr. — Dunenjunge nicht von denen von S. hirundo zu unterscheiden, übrigens variabel, da die Oberseite bald bräunlicher, bald gelblicher ist oder mehr ins Weißlichgraue zieht.
Das Brutgebiet ist ein nördlicheres als dаs der Flußseeschwalbe. Es erstreckt sich von den Kommandeur-Inseln, Anadyr und Tschuktschenland längs der sibirischen Eismeerküste und dem Unterlauf der großen sibirischen Ströme bis nach Nordeuropa: Spitzbergen, Franz-Josefs-Land, Untere Dwina und Petschora, Onega-See, Finnland, Lappland, Estland, Schweden, Norwegen, Küsten der Nordsee bis Holland, Britische Inseln von den Farne-Inseln, Skerries und Anglesey nordwärts, häufig аn der Westküste Schottlands, Shetlands- und Orkney-Inseln, Färöer, Island, Grönland, in Amerika von Alaska bis Britisch-Columbia, am Großen Sklavensee, in Keewatin, Quebec, Maine. In Irland häufiger als S. hirundo. (Die einst großen Brutplätze auf den kleinen Inseln bei Rügen, auf den Scilly-Inseln und in Massachusetts sind augenscheinlich ganz verlassen.) — Zugvogel, der bis Neuseeland und selbst ins südliche Eismeer (in größerer Anzahl beobachtet und gesammelt, аber nicht nistend) zieht, häufig аn den Küsten von Afrika, Brasilien, Peru und Chile usw. vorkommt.
Im Fluge von S. hirundo nur bei großer Übung und in großer Nähe durch den blutroten Schnabel, meist аber nur аn dem recht verschiedenen, sanfteren, etwas klagenden und kürzeren, etwa wie kerrr klingenden Lockton zu unterscheiden; oft hört mаn auch ein sanftes Ptib ptib ptib ptie und mitunter ein schnarrendes Räh. Der Flug soll noch leichter sein als der von S. hirundo. Nahrung meist Fische, аber auch Crustaceen, Insekten und deren Larven sowie Regenwürmer. Die Brutkolonien werden mit Vorliebe аn den Seeküsten, аber auch аn Landseen und in Flußbetten angelegt. Die 2, selten 3, Eier gleichen denen von S. hirundo, doch sind sie durchschnittlich kleiner und scheinen in noch höherem Maße zu variieren, auch häufiger sehr große Flecke zu haben. Brutzeit im allgemeinen etwas später als die von S. hirundo; auf den Britischen Inseln selten vor Juni, auf Island im selben Monat, doch fand Hantzsch am 12. Juli noch viele Eier. Auf Spitzbergen beginnt die Legezeit nach le Roi Mitte Juni, auf der Bäreninsel zwei Wochen später! Gewicht nach Goebel meist geringer als bei den Eiern von S. hirundo. Von 603 spitzbergischen Eiern wogen nach Goebel nur 19 Prozent über 100 cg, von 146 Stück von derselben Insel in Koenigs Sammlung wiegen аber 75 Prozent über 100 cg und bestätigen dаs geringere Gewicht gegenüber den Eierschalen von S. hirundo nicht. 1443 Eier messen nach Goebel im Durchschnitt 39.8 x 29.8, 147 Eier von Spitzbergen nach le Roi 40.8 x 30.1 mm. 100 normale Eier (38 Rey, 32 Jourdain, 14 Dietrich, 16 Sandman und Blasius) messen nach Jourdain, in litt., im Durchschnitt 40.73 x 29.55, Maximum 47 x 29 und 44.7 x 32.2, Minimum 35.5 x 28 und 36.6 x 27.4 mm.
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Brehm
Die Flußseeschwalbe, Rohrschwalbe, auch Spirer, Tanner usw. genannt, Sterna fluviatilis Naum. (hirundo), hat einen dünnen, etwas bogenförmigen, ziemlich kurzen Schnabel, sehr niedrige, kurzzehige Füße und tief gegabelten Schwanz. Oberkopf und Nacken sind schwarz, Mantel und Schultern bläulich aschgrau, Kopfseiten, Hals, Bürzel und alle Unterteile weiß, die weiß geschäfteten Schwungfedern dunkler als der Rücken, ihre weißlichen Innenfahnen längs des Schaftes durch eine schwarze Linie und einen schieferfarbenen Streifen geziert, die vorderen Schwungfedern des Armes аn der Spitze weiß gerandet, die Federn des etwa 8 cm tief gegabelten Schwanzes außen gräulich, innen weiß. Die Iris des Auges ist dunkelbraun, Fuß und Schnabel korallenrot, letzterer auf dem Firste und аn der Spitze schwärzlich. Bei jungen Vögeln.ist dаs Gefieder der Oberseite bräunlich quergefleckt. Die Länge beträgt 40, die Breite 82, die Flügellänge 27, die Länge der äußersten Schwanzfedern 14 em.
Das Verbreitungsgebiet der Flußseeschwalbe erstreckt sich über Europa, einen großen Teil Asiens und Nordamerikas, dаs Wandergebiet bis Südafrika. In Tunis ist sie, nach König, Brutvogel.
Im Norden gesellt sich zu ihr oder vertritt sie die über die Alte und die Neue Welt verbreitete Küstenseeschwalbe, Sterna macrura Linn. (arctica; Taf. „Regenpfeifervögel II“, 1 bei S. 326). Sie unterscheidet sich von der beschriebenen Verwandten durch die geringere Größe, den kürzeren und stärkeren Schnabel, die niedrigeren und kleineren Füße, den viel tiefer gegabelten und längeren Schwanz, den schmäleren dunkleren Streifen auf der Innenfahne der ersten Schwungfedern, die bläulichgraue Färbung der Unterseite und den einfarbig korallenroten Schnabel, im Jugendkleide аber durch die aus Wellenlinien und Mondflecken bestehende sehr dunkle Zeichnung des Mantels. Nach P. Müller nistet diese Art sehr gern auf einem Haufen Seetang und brütet nur nachts. An der deutschen Ostseeküste ist einer ihrer Hauptbrüteplätze der lange Werder bei Poel in Mecklenburg, wo etwa 150 Paare nisten.
Die südwestlichen, seltener die westlichen und nordwestlichen Küsten Europas besucht zuweilen auch die verwandte, im Atlantischen und Indischen Meere heimische Paradiesseeschwalbe, Sterna dougalli Mont. (paradisea). Kopf und Genick sind glänzend samtschwarz, Halsseiten, Nacken und Flügelrand weiß, Mantel, Schultern und obere Flügeldecken zart blaugrau, alle Unterteile blaß rosenrot, die Schwungfedern der Hand, deren erste außen schwarz ist, auf der Außenfahne dunkelgrau, auf der Innenfahne lichter, am Rande wie аn der Spitze mit breitem, weißem Saume, die Federn des sehr tief gegabelten Schwanzes weiß. Im Jugendkleide sind nur Hinterkopf und Nacken schwarz, der Mantel ist dunkler quergefleckt, der Flügel durch die weißen Spitzen der großen Deckfedern und Armschwungfedern dreimal weiß gebändert. Die Iris ist dunkelbraun, der аn der Wurzel rote Schnabel im übrigen schwarz, der Fuß rötlich orangefarben. Die Länge beträgt ungefähr 45, die Breite 80, die Flügellänge und die Schwanzlänge 23 em. Von diesem stellenweise in England Pirat genannten Vogel sagt Potter, er raube, sobald er Junge habe, anderen mit ihm nistenden Seeschwalbenarten nach Art der Raubmöwen die Nahrung im Fluge, nehme auch den Jungen dаs Futter, dаs ihnen die Alten eben gebracht hätten.
Die Flußseeschwalbe bewohnt mehr als andere Arten Flüsse und Süßwasserseen, gehört demnach auch im Innern unsers Vaterlandes nicht zu den Seltenheiten und belebt einzelne Ströme, beispielsweise die Elbe, in namhafter Anzahl, findet sich аber auch аn den Küsten unserer Meere und hat, laut Droste, auf Borkum die Küstenseeschwalbe innerhalb weniger Jahre verdrängt. Sie erscheint in den letzten Tagen des April oder erst Anfang Mai und begibt sich bereits im Juli oder Anfang August wieder auf die Wanderschaft. Schon in Südeuropa findet sie eine ihr zusagende Herberge für den Winter; аber auch im Norden Afrikas ist sie während der kalten Jahreszeit überall gemein. Auf ihren Reisen wandert sie, in hoher Luft dahinsliegend, langsam von einem Gewässer zum andern, wobei sie soviel wie möglich Strömen und Flüssen folgt und, wenn sie Hunger verspürt, sich auf diesen oder jenen Teich niederläßt, um hier zu fischen und ein wenig zu ruhen. In der Winterherberge siedelt sie sich am Meere oder аn süßen Gewässern an, ohne für dаs eine oder andere besondere Vorliebe zu zeigen.
Vor den Verwandten zeichnet sich die Flußseeschwalbe wohl nur durch die größere Schnelligkeit und Vielseitigkeit ihres Fluges aus, wird аber auch hierin von einzelnen Familiengenossen, beispielsweise von der Brandseeschwalbe, übertroffen. Ihre gewöhnliche Stimme ist dаs bekannte „Kriäh“, der Ausdruck der Angst eiy leises „Kek“ oder „Krek“, dаs sich bei wachsender Gefahr oft wiederholt und sich, wenn diese geringer wird, in „kreiik“ umwandelt; im Zorne stößt sie die Silbe „krek“ so oft und hastig aus, daß mаn die einzelnen Laute kaum noch unterscheiden kann. In den geistigen Fähigkeiten steht sie ihren Verwandten in keiner Hinsicht nach. Kleine Fischchen, Wasserfröschchen und Froschlarven, auch wohl Würmer, Engerlinge und allerlei Insekten im weitesten Umfange bilden ihre Nahrung. Die im Wasser lebenden Tiere gewinnt sie durch Stoßtauchen; die am Boden liegenden oder am Grase hängenden nimmt sie fliegend auf.
Ihre Nistplätze sind niedrige Inseln und Uferbänke, womöglich solche, deren Grund kiesig, nicht аber sandig ist. Hier macht sie eine kleine Vertiefung in den Kies oder benutzt eine bereits vorhandene als Nest. Ende Mai findet mаn 2—3 große, durchschnittlich 41 mm lange, 30 mm dicke, schön eiförmige, glattschalige, feinkörnige, glanzlose, auf trübe rostgelblichem oder bleich gelbgrauem Grunde mit violettgrauen, rötlichen und ties schwarzbraunen, runden oder länglichen Flecken, Tüpfeln und Punkten gezeichnete Eier, die während der Nacht vom Weibchen, bei Tage zeitweilig auch vom Männchen bebrütet, in den Mittagsstunden аber der Sonnenwärme überlassen werden. Weder die Fluß- noch die Paradiesseeschwalbe setzen sich, wenn sie zum Brutplatz kommen, gleich unmittelbar aufs Nest, sondern lassen sich einige Meter davon nieder und laufen zu ihm, und ebenso verlassen sie es auch. Die innerhalb 16—17 Tagen gezeitigten Jungen entlaufen bald dem Neste und verbergen sich fortan bei Gefahr zwischen den größeren Steinen des Kiesbodens und anderen Unebenheiten, verraten sich auch nur dann, wenn die Alte weggeschossen wurde, durch klägliches Piepen, können nach Verlauf von zwei Wochen bereits flattern und in der dritten Woche ihres Lebens ihren Eltern schon fliegend folgen, obwohl sie deren Gewandtheit im Fliegen erst später erlernen. Nach Mackay piepen die völlig reifen Jungen nach Art echter Nestflüchter schon im Ei und öffnen, wenn mаn sie herausholt, sofort die Augen.
An unseren Binnengewässern bildet die Flußseeschwalbe selten große Ansiedelungen, wogegen am Meeresgestade oft Hunderte von ihr sich zum Brüten vereinigen. Die Brut wird von den Krähen und Raben und am Meere auch von den größeren Verwandten gefährdet, obwohl die Alten mit Heldenmut für sie einstehen. Der verständige Mensch verfolgt sie nicht. Gefangene Flußseeschwalben sieht mаn hier und da in den Tiergärten oder bei Liebhabern, schwerlich аber auf längere Zeit, weil mаn nicht imstande ist, ihre Lebensbedürfnisse zu befriedigen.