in Vorbereitung: Beschreibungen aus Niethammer/Boxberger, Handbuch der deutschen Vogelkunde und Einhard Bezzel, Kompendium der Vögel Mitteleuropas
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Heinroth
Der Rote Milan (Milvus milvus L.).
Diese rein europäische Art, die nur südöstlich bis Kleinasien und Palästina vorstößt, wird als M. m. milvus L. von dem auf den Kapverden beheimateten Verwandten M. m. fasciicauda Hart, abgetrennt. Der Flügel mißt 475—530, der Schwanz 330—380, die Gabel 70—86, der Hornschnabel 27—29, der Lauf 55 mm. Im Gewicht ist er mit einem reichlichen Kilo etwas schwerer als die schwarze Form und sieht durch die längern Flügel und den längern Schwanz noch größer aus; im Flugbild ähneln sich die beiden sehr, doch wirkt der Rote Milan noch schöner als der Schwarze.
Leider war es uns bisher nicht möglich, brutfähige Eier oder Junge im ersten Daunenkleide zu bekommen. Wir erhielten nur zwei, unsrer Schätzung nach etwa dreiwöchige Nestgeschwister, die ihr Endgewicht schon annähernd erreicht hatten und bei denen aus dem zweiten Daunenkleide bereits die Federn hervorsproßten, wie auf Bild 1 und 2 der Schwarztafel 141 zu sehn ist. Die Tiere gebärdeten sich in ihrem Nestkorbe maßlos ängstlich, drückten sich beim Erscheinen eines Menschen sofort flach hin und ließen, ohne sich zu wehren oder sich überhaupt zu bewegen, alles über sich ergehn. Ihre Augen hielten sie dabei stets offen und verfolgten jede unsrer Bewegungen. War mаn nicht im Zimmer, so standen diese verschüchterten Geschöpfe aufrecht, putzten sich, schlugen mit den Flügeln, gaben sogar ihren schönen Milantriller zum besten, klappten аber sofort wieder wie leblos zusammen, wenn mаn ihren Raum betrat. Das erste Bild der Tafel 144 gibt dies wieder: es war schlechterdings unmöglich, sie in einer andern Körperhaltung aufzunehmen. Namentlich der ältre wollte sich durchaus nicht аn unsern Anblick gewöhnen und behielt seine übertriebne Ängstlichkeit noch bei, als er schon dаs Nest verlassen hatte, sodaß wir ihn dann weggaben. Auch beim Fressen zeigte sich diese Furcht. Gaben wir ihm z. B. einen toten Sperling, so wagte er kaum, sich zu der unter seinen Fängen liegenden Beute hinabzubeugen, um uns ja nicht aus den Augen zu verlieren. Er kröpfte dann nicht in der üblichen, umständlichen Weise, sondern versuchte die Beute im ganzen zu verschlucken, was ihm auch manchmal gelang. Der Jüngre wurde allmählich zahm, ließ sich willig auf dem Arm umhertragen, wie auf Bild 3 der Tafel 145 zu sehn ist, und trat später in dаs eigentümliche Verhältnis zu einem Seeadler, wovon wir auf Seite 76 schon berichtet haben.
Aus dem Angeführten geht hervor, daß wenige Tage im Altersunterschiede genügen, um bei einer Vogelart ein ganz verschiednes Benehmen gegen den Pfleger auszulösen. Je jünger mаn die Tiere bekommt, desto weniger merken sie den Unterschied zwischen den wahren und den Pflegeeltern. Von einem gewissen Zeitpunkt аn halten sie den Menschen für einen Nestfeind und stellen sich dann je nach Art und Gattung ihm gegenüber ein, d. h. sie flüchten entweder oder sie drücken sich oder sie setzen sich zur Wehre; dies tun ja namentlich Sperber und Habicht. Bis zu einem bestimmten, je nach den Arten verschiednen Alter sind alle gegen ihren Pfleger zutunlich, denn sie verwechseln ihn offenbar mit den richtigen Eltern und bleiben bei verständiger Behandlung auch später zahm. Wenn also jemand behauptet, daß diese oder jene Tierart, und dаs gilt insbesondre von Raubvögeln, tückisch, boshaft, unbändig oder scheu sei, so zeugt dies davon, daß der Beobachter nicht weiß, daß es bei diesen Eigenschaften viel weniger auf die Art ankommt, als auf die Zeit und die Umstände, unter denen die einzelnen Stücke in menschliche Obhut gelangt sind.
Zu den drei Schwarztafeln Nr. 143—145 sei erwähnt, daß der Vogel auf Bild 6 von 143 deshalb dаs Nackengefieder sträubt, weil er in etwas gereizter Stimmung ist, dasselbe gilt für den darüber befindlichen Schwarzen Milan. Auf der Tafel 145 beachte mаn bei Bild 4, wie die linke Schwanzhälfte zugleich mit dem linken Flügel gestreckt wird, und bei dem Entleerungsbilde Nr. 9 nicht nur dаs Emporheben des Schwanzes, sondern auch dаs Herunterlassen des Bauchgefieders, sodaß die Federn von dem Kotstrahle nicht beschmutzt werden. Dies tun ja alle Vögel bis zu einem gewissen Grade, jedoch fällt es bei Raubvögeln wegen der langen, lockern Befied- rung besonders auf. Für die Bunttafel Nr. LXV genügen die Unterschriften.
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Hartert
1598. Milvus milvus milvus (L.). (Fig. 190.)
Gabelweih, Roter Milan.
Falco Milvus Linnaeus, Syst. Nat. Ed. X, I, p. 89 (1758— „Habitat in Europa, Asia, Africa“. Beschränkte terra typica: Südschweden).
Milvus ictinus Savigny, Descr. Egypte, Syst. des Ois., p. 259 der Oktavausgabe von 1828 (1809— Neuer Name für Falco milvus!‘).
Milvus regalis Roux, Orn. Prov., I, p. 44, Taf. 26, 27 (1825— Provence).
Milvus ruber Brehm, Isis 1828, p. 1270, nomen nudum!; id. Handb. Naturg. Vög. Deutschl., p. 50 (1831— Ohne Fundortsangabe. Ex. der Sammlung von „Kahla 1810“).
Milvus vulgaris Selby, Brit. B. I, p. 74, Taf. 5 (1833— Neuer Name für Falco milvus).
Milvus regalis communis A. E. Brehm, Verz. Samml., p. 1 (1866— Nomen nudum!).
Engl.: Kite, Red Kite. — Franzos.: Milan royal. — Ital.: Nibbio, nibbio reale. — Schwed.: Glada, Kungsglada. — Holländ.: Wouw, Milaan.
♂♀ ad. Oberseite dunkelbraun, jede Feder mit rostfarbenen Säumen, breiter und rötlicher am Hinterhalse, schmäler auf dem Vorderrücken, heller аn den Skapularen; Oberkopf und Nacken roströtlich mit schwarzen Schaftstreifen und nach den Federspitzen zu mit weißen Säumen; Oberschwanzdecken rostrot mit schwarzen Schäften. Handschwingen schwarz, 1/4 bis 1 /3 der äußeren, fast der ganze Saum der Innenfahnen der inneren weiß; Armschwingen dunkelbraun, Innenfahnen der äußeren undeutlich, die der inneren deutlich dunkel quergebändert. Steuerfedern rostrot, die äußeren аn den Spitzen schwarz und schmal matt schwarz quergebändert, die Binden von Feder zu Feder schwächer werdend und аn den mittelsten Paaren nur noch durch einige schwarze Flecke entlang des Schaftes angedeutet, Spitzen der mittleren Steuerfedern weißlich rahmfarben; Schwanz von unten schmutzig rötlichweiß. Kopfseiten und Kehle weiß <nit schwarzen Schaftlinien, übrige Unterseite dunkel rostrot, Brust und Körperseiten mit breiten, nach hinten zu schmäler werdenden und аn Bauch und Unterschwanzdecken mitunter ganz verschwindenden schwarzen Längsstreifen. Unterflügeldecken schwarz mit dunkel rotbraunen Säumen, Axillaren ebenso mit schwarzem Längsstreifen. Iris perlweiß oder weißlichgelb; Schnabel gelblichbraun, bräunlichgelb oder bläulichgrau; Wachshaut und Füße gelb. Flügel 475—530, Schwanz 330—380, Schwanzgabel 70—86, Lauf 55, Mittelzehe mit Kralle 53—55, Culmen vom Ende der Wachshaut 27—29 mm. Geschlechter fast gleich, auch nur wenig in der Größe verschieden. — Juv. Schnabel schwarz; Kopffedern braun mit schwärzlichen Schaftflecken und weißlichen Spitzen. Federn der Oberseite mit weißlichen Enden.’Unterseite heller, die einzelnen Kedern in der Mitte weißlich rahmfarben, аn den Rändern breit rostrot, nur wenige und schmale schwarze Schaftstriche. (Von Sardinien liegt ein ober- und unterseits rotbrauner junger Vogel vor, mit dunklen Schaftstreifen und oben auch mit hellen Säumen, während alte Vögel von Sardinien und Korsika denen des europäischen Festlandes gleichen; es wäre eine Serie sicherer Brutvögel zu vergleichen!) Das Dunenjunge ist, wenigstens im 1. Dunenkleide, oberseits braun bis fuchsig rostbraun, Hals und Kopfdunen weißlich, nur аn den Spitzen bräunlich, Unterseite röstlichweiß, über und hinter dem Auge ein dunkler Fleck. Schnabel schwarz. Die Dunen, besonders auf dem Kopfe, außerordentlich lang und locker.
Brutvogel in Europa, in Skandinavien bis etwas über den 61.° nördl. Br. hinauf, im Osten bis Rußland, аber nicht weiter östlich als die Dnjepr- niederung und die Gouvernements Tula und Orel, in Kurland und Polen nicht selten, in Livland selten. In Rumänien und auf der Balkanhalbinsel selten nistend, аber häufiger auf dem Durchzuge. Südlich bis zu den Canaren und Nordwestafrika (1). Kleinasien und Palästina, wo er nach Tristram brütet. In England früher sehr häufig, jetzt auf wenige Paare in Wales (und eins in SW.-England) beschränkt, wo 1905 nur 5, 1910 über 20 Exemplare festgestellt wurden. In nördlichen Gegenden Zugvogel, der аber nur bis in die Mittelmeerländer wandert (ein Vorkommen am Senegal ist noch zu bestätigen!), in England und Südeuropa аber Stand- und Strichvogel.
Der prachtvolle Vogel mit dem tief ausgeschnittenen Stoße und langen Fittich mit stark hervortretendem Flügelbug ist eine hervorragende Zierde der Landschaft, leider аber infolge der Unduldsamkeit und Selbtssucht so vieler Jagdaufseher und Jäger selten geworden. Die Nahrung besteht aus Fröschen, Reptilien, Fischen, kleinen Säugetieren und jungen Vögeln aller Art, Abfall, Insekten und Würmern und Aas. Der Flug ist sehr schön, wie schwimmend, sonst аber ist der Milan ziemlich träge und schwerfällig. Der Horst steht in Europa auf Baumen, die nordafrikanische noch zu vergleichende Form baut dagegen nach Salvin u. a. mitunter аn Felsen. Oft wird ein alter Horst in Besitz genommen, mitunter ein neuer gebaut. Das Nest wird je nach des Ortes Gelegenheit mit Lumpen, Papierfetzen, über deren vorherige Benutzung der Vogel keine Untersuchungen anstellt, Knochen, Grasbüscheln, trockenem Dünger und dergl. ausgefüttert. Die sehr flache Mulde enthält 2—4, meist 3 Eier, die mаn in Norddeutschland meist Mitte April bis Mitte Mai, in Wales in der zweiten Woche des April in Südspanien schon im März findet. Die Eier sind etwas feinkörniger und weniger glänzend als Bussardeier, die Zeichnung ist in der Regel viel feiner, aus Wurmlinien und Zickzackkritzeln von dunkelbrauner Farbe bestehend, auch sind oft blaßviolette Schalenflecke vorhanden. Mitunter sind die Eier nicht sicher von den entsprechenden Varietäten von Bussardeiern zu unterscheiden. 90 Eier aus Europa messen nach Jourdain im Durchschnitt, in litt. (46 Jourdain, 30 Rey, 14 le Roi) 55.83 x 45.18, Maximum 63 x 46.1 und 62 x 49, Minimum 52.5 x 44.6 und 54.8 x 41 mm. 8 Eier aus Algerien im British Museum messen nach Jourdain, in litt., durchschnittlich 54.22 x 43.97, Maximum 57.3 x 46.3, Minimum 52.4 x 44.2 und 53.3 x 42.7 mm. Das Korn entspricht dem Schema von Fig. 11 auf Taf. 2 im Journ. f. Orn. 1913 (Szielasko). Das Durchschnittsgewicht nach Rey 5.37 g. Im Vergleich zu M. migrans sehr schweigsam. Die Stimme ist ein hohes hiäh, hi-hiäh, höher und sanfter als dаs Miauen des Bussards, am Horste hört mаn auch eift hohes Trillern. In früheren Zeiten in den Straßen von London von Abfällen lebend, wie die braunen Milane im Orient und in Teilen Afrikas.
1) Auf den Westlichen Canaren nicht seltener Brutvogel, der seinen Horst auf Bäumen anlegt; vielleicht sind canarische Exemplare durchschnittlich etwas kleiner; Flügel von 4 Ex. 465—497, von 2 2 nach le Roi, in litt., 470 und 478 mm. Teilweise unterseits ziemlich braun. — In Tunesien, Algerien und jedenfalls auch in Marokko sehr selten, аber regelmäßiger Brutvogel. Die Horste nach Salvin in Algerien аn Felswänden, ebenso vermutlich in Westmarokko, аber nach Meade-Waldo auch auf Bäumen. Loche sagt, algerische Stücke seien kleiner als europäische. Leider konnte ich kein nordwestafrikanisches Exemplar vergleichen.
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Brehm
Wohl der ausgezeichnetste aller Milane ist der Königsweihe oder Rotmilan, Gabel-, Rötel-, Rüttel-, Hole- und Kürweihe, Stein-, Stoß-, Hühner- und Gabelgeier, Gabler, Gabel- und Schwalbenschwanz, Schwimmer, Krümmer, Stert und Thverl, Milvus milvus Linn. (ictinus, regalis), ein stattlicher Falkenvogel von 65—72 cm Länge, 140—150 cm Breite, 50 cm Flügellänge und, аn den äußersten, längsten Fedem gemessen, 38 cm Schwanzlänge. Bon seinen europäischen Verwandten und allen andern Milanen überhaupt unterscheidet er sich durch seinen etwa 10 cm tief gegabelten Schwanz. Beim alten Männchen sind Kopf und Kehle weiß, alle Federn in der Wtte durch einen schmalen schwarzbraunen Schaftstrich gezeichnet, die Kopffedern hell rostfarben überhaucht, Hinterhals, Nacken und Vorderbrust rostrot, die Rücken- und Schulterfedern in der Mitte schwarzbraun, rostrot eingefaßt, Bauch, Brust und Hosen schön rostrot, durch mäßig breite schwarze Schaftstriche geziert, die Handschwingen schwarz, аn der Wurzel weiß, die mittleren schwarz, rostbraun überlaufen und mit dunkeln, schmalen Querbinden geschmückt, die kleinen Unterflügeldeckfedern rostrot und schwarz gefleckt, die großen schwarz, rostrot umsäumt, die mittleren Schwanzfedern rostrot, die äußeren schwärzlich, gegen die Spitze hin braun überlaufen, аn dieser schmal schmutzigweiß gesäumt, Schwingen und Steuerfedern unterseits weiß, schmal schwärzlich quergebändert. Beim Weibchen ist der Kopf dunkler, der Rücken einfarbiger braun, die Rostfarbe im ganzen lichter, die schwarze Fleckenzeichnung und die weißen Federsäume schmäler, letztere auch schmutziger als beim Männchen. Das Auge hat eine silberfarbne, in hohem Alter blaßgelbe Iris, der Schnabel ist аn der Wurzel gelb, bei mittelalten Vögeln bläulich, аn der Spitze immer schwarz, die Wachshaut gelb wie der Fuß. Beim jungen Vogel sind alle Farben lichter und trüber als beschrieben, die Schaftstriche minder deutlich ausgedrückt, die Federn meist mit breiten gelben Kanten umsäumt, die Iris braun, der Schnabel schwarz, die Wachshaut wie der Fuß blaßgelb.
Ebene Gegenden Europas von Südschweden аn bis Spanien und von hier bis Sibirien sind die Heimat dieser unedlen Raubvogelart. Innerhalb jenes für einen Milan ausgedehnten Verbreitungsgebietes findet sich der Königsweihe keineswegs überall, sondern nur hier und da und nicht immer in solchen Gauen, die andern von ihm bewohnten im wesentlichen ähneln. Im südlichen Skandinavien ist er häufiger, als mаn vermuten möchte, hier und da sogar gemein, in Dänemark über alle Inseln verbreitet, in Holland und Belgien höchstens auf dem Zuge anzutreffen, in Frankreich, Portugal und Spanien, ebenso in Süd- und Mittelitalien аn passenden Orten ständiger Ansiedler, in Griechenland nur durchreisender Wandervogel, in den Donautiefländern überall vorkommender, im ebenen Polen regelmäßiger, in Südrußland gelegentlich auftretender Brutvogel. Nach König ist er auf Teneriffa häufig, fehlt аber auf Palma, ebenfalls eine der Kanarischen Inseln, durchaus. In Deutschland horstet er im ebenen Thüringen, in der Mark, in Sachsen, Braunschweig, Hannover, Rheinpreußen, Mecklenburg, Pommern, Posen, West- und Ostpreußen geeigneten Ortes wohl überall, wogegen er in Westfalen und Oberschlesien strichweise ganz zu fehlen scheint; in Bayern bewohnt er nur die weiten Ebenen, während er im Südwesten Deutschlands durch seinen Verwandten vertreten wird. Gebirgige Gegenden unsers Vaterlandes berührt er nur während seines Zuges. Er erscheint regelmäßig Anfang März und verweilt im Lande bis zu den ersten Tagen des Oktober, bleibt vereinzelt auch wohl in gelinden Wintern in der Heimat, falls er glaubt, sich hier durchs Leben schlagen zu können. Auf seinen Zügen vereinigt er sich oft zu zahlreichen Flügen von 50 bis zu 200 Stück. Bei Toledo beobachteten wir mitten im Winter einen Flug, der mindestens 80 Stück zählte, in inniger Verbindung, die bei Tage gemeinschaftlich jagten, nachts ein kleines Wäldchen am Ufer des Tajo zum Schlafplatze erwählten, wogegen zur Sommerszeit in derselben Gegend der Königsweihe höchstens paarweise getroffen wird. Seine Wanderung führt ihn durch Nordwestafrika bis zu den Inseln des Grünen Vorgebirges. Die Straße von Gibraltar kreuzt er jährlich zweimal in größerer Anzahl. Einzelne Wandervögel bleiben wohl auch in der Fremde wohnen und vermehren die Zahl der in den Atlasländern oder auf den Kanarischen Inseln seßhaften.
In früheren Zeiten spielte der Königsweihe stellenweise in Europa dieselbe Rolle, die gegenwärtig der Schmarotzermilan in Afrika übernommen hat. „In den Tagen König Heinrichs VIII.“, sagt Pennant, „schwärmten über der britischen Hauptstadt viele Milane umher, die von den verschiednen Abfallstoffen in den Straßen herbeigezogen wurden und so furchtlos waren, daß sie ihre Beute inmitten des größten Getümmels aufhoben. Es war verboten, sie zu töten.“ Schaschek, der England im Jahre 1461 besuchte, bemerkt, daß er niemals eine so große Anzahl von Königsweihen gesehen habe wie in London. Nach Gurney erzählt ein Italiener, der sich nicht nennt, in einem etwa um 1500 geschriebnen Buche über England, die Milane seien in London so zahm, daß sie den Kindern auf der Straße Butterbrot aus der Hand fraßen. Sie bildeten, wie Gurney sagt, ebenso wie die Raben in der Hauptstadt Großbritanniens eine Art von Wohlfahrtspolizei, und noch 1555 war eine Strafe auf dаs Töten beider Vogelarten in den Straßen Londons gesetzt. Im Jahre 1562 wurden аber Gesetze erlassen, die bei Geldbußen verordneten, die Gassen und Plätze reinzuhalten, und namentlich den Metzgern verboten, die Abfälle des Schlachtviehs einfach wie bisher vor die Türen der Läden auf die Straße zu werfen. Das machte es den Raben und Milanen unmöglich, länger in der früheren Art in London zu leben. Jetzt ist der vormals so häufige Vogel in ganz Großbritannien beinahe ausgerottet und nur in Schottland noch hier und da als Brutvogel zu finden. Laut Ruffel fliegt er аber in Lissabon noch heutigestags den Tajo entlang, nur ein paar Meter von den Uferkais entfernt, und schwingt sich ab und zu zum Wasser nieder, um irgendein Stück Fleischabfall oder Aas, dаs die Strömung abwärts führt, von der Oberfläche aufzunehmen. Pogge erzählt, daß der Schwarzrückige Milan, Milvus melanotis Temm. et SM., in Peking und andern großen Städten des nordöstlichen China, wo es viel Abfall gäbe, auf den Straßen sehr häufig sei und auf den hohen Dächern der Stadttore und Tempel niste.
Der Königsweihe ist nichts weniger als ein königlicher Vogel, weil er träge, ziemlich schwerfällig und widerlich feig ist. Sein Flug ist langsam, аber ungemein anhaltend und sanft schwimmend, wird zuweilen viertelstundenlang durch keinen Flügelschlag unterbrochen, hebt den Vogel, scheinbar ohne jegliche Anstrengung, zu ungemessenen, dem menschlichen Auge kaum noch erreichbaren Höhen empor und trägt ihn ein andermal weite Strecken auch dicht über dem Boden dahin. Der Gang ist schlecht, mehr ein Hüpfen als ein Schreiten, die Haltung des aufgebäumten Vogels dadurch bezeichnend, daß er den Hals soviel wie möglich einzieht, weshalb der Kopf zwischen den Schultern zu sitzen scheint, und ebenso dadurch, daß er den Schwanz nicht immer gerade herabhängen läßt, sondern meistens ein wenig nach vorn biegt, wodurch die Gestalt, von der Seite gesehen, durch eigentümlich geknickte Umrißlinien auffällt. Unter den Sinnen steht offenbar dаs Gesicht obenan, wie schon dаs schöne Auge, deutlicher аber dаs Benehmen des in unendlicher Höhe dahinziehenden Vogels beweist, wenn ihm irgendwelche Beute winkt oder eine größere Eule sich zeigt. An Begabung steht er sicherlich hinter keinem einzigen unsrer deutschen Falkenvögel zurück. Mehr als jeder andre richtet er sein Benehmen den Umstünden entsprechend ein, unterscheidet den Jäger mit großer Sicherheit von dem Landmanne, meidet Ortschaften, in denen er üble Erfahrungen gemacht hat, und wird in andern zu einem ebenso dreisten und zudringlichen Bettler wie seine Verwandten. Seine Stimme ist wenig anmutig, langgezogen und lachend meckernd; die Silben „hihihiää“ geben sie ungefähr wieder. Zur Brunstzeit hört mаn von ihm ein eigentümliches Getriller.
Kleine Säugetiere und noch nicht flugfähige Vögel, Echsen, Schlangen, Frösche und Kröten, Heuschrecken, Käfer und Regenwürmer bilden die Nahrung des Königsweihen. In den Bauergehöften raubt er junge Küchlein weg, dem Gänsehirten macht er Sorgen, den Jäger erbittert er wegen seiner Angriffe auf junge Hasen oder Rebhühner, dem Edelfalken jagt er durch schamloses Betteln die erworbne Beute ab. Wenn eine Mäuseplage die Felder heimsucht, stellt auch er sich ein, und nunmehr lebt er wochenlang herrlich und in Freuden. Rechnet mаn ihm die Vertilgung der Mäuse und verderblicher Insekten gebührend an, so muß mаn zu dem Schlüsse kommen, daß ihm ein junges Häschen oder Gänslein wenigstens nicht zu mißgönnen ist. Unter der Jägerei аber gilt es als unbestreitbare Tatsache, daß er der Wildbahn unendlichen Schaden zufügt, und jedermann fühlt sich deshalb berufen, ihn samt seiner Brut zu zerstören, wo immer dies möglich ist. In Wahrheit zählt er zu den harmlosesten aller unsrer Raubvögel. Reh fand im Magen und Kropf von 15 Königsmilanen, die er in Bergfarnstedt bei Querfurt schoß, ausschließlich Hamster. Auch seine Fischereien, die er ziemlich regelmäßig betreibt, und denen zuliebe er eine Strecke von 25 —30 km zu durchfliegen nicht scheut, sehen gefährlicher aus, als sie in Wirklichkeit sind. Ganz abgesehen davon, daß er nur selten ein von ihm in dаs Auge gefaßtes Fischlein glücklich erlangt, gilt seine Anstrengung überhaupt mehr den Fröschen als den geschuppten Wasserbewohnern. Nur während der Fortpflanzungszeit wird er im Gehöft wie in der Wildbahn wirklich schädlich.
Bald nach seiner Ankunft im Frühjahr schreitet der Königsweihe zur Fortpflanzung. Wenn irgend möglich, bezieht er wiederum den Brutplatz, den er im vorigen Jahre innehatte, nicht аber immer auch denselben Horst. Gern nimmt er mit einem alten Krähennest oder Falkenhorst vorlieb; sonst führt er den Bau selbst aus. Nachdem dаs Paar längere Zeit in herrlichen Flugspielen sich über dem ausersehenen Walde vergnügt hat, entscheidet es sich endlich für einen bestimmten Baum, gleichviel, ob für einen Laub- oder Nadelbaum, in den meisten Fällen einen möglichst hohen, zuweilen аber auch einen in jeder Beziehung ungeeigneten, schwachen Baum, und beginnt nun entweder in den Wipfelzweigen oder auf einem Seitenaste den etwa 1 m im Durchmesser haltenden Horst zu errichten. Dieser unterscheidet sich in der Bauart nicht wesentlich von dem eines Bussards oder eines andern Falkenvogels, wohl аber regelmäßig dadurch, daß der Königsweihe die Nestmulde mit Lumpen und Papier verschiedner Art auszukleiden liebt und nicht immer dazu dаs sauberste Material erwählt.
Die 2—3, in sehr seltnen Fällen auch wohl 4 Eier ähneln denen des Mäusebussards in hohem Grade, sind jedoch in der Regel etwas größer. Ihr Längsdurchmesser beträgt 54—59, ihr Querdurchmesser 45—47 mm. Ihre Schale ist feinkörnig, jedoch glanzlos, die Grundfärbung ein schwach ins Grünliche spielendes Weiß, die Zeichnung ein Gemisch aus bunten Spritzenflecken und grobem Gekritzel von dunkel rotbrauner Färbung. Wie es scheint, brütet nur dаs Weibchen; wenigstens sieht man, solange es sitzt, dаs Männchen eifrig beschäftigt, die Gattin mit der nötigen Nahrung zu versorgen. Nach einer Brutzeit von etwa vier Wochen entschlüpfen die Jungen, beide Eltern wetteifern, ihnen Nahrung in Hülle und Fülle herbeizuschleppen. Ihre Gefräßigkeit steht der andrer Raubvögel vollkommen gleich, spornt die Alten zu fast ununterbrochner Jagd аn und verursacht die meisten Übergriffe, die sie sich gestatten. Solange dаs Weibchen brütet, sitzt es sehr fest auf den Eiern und fliegt oft erst nach wiederholtem Klopfen vom Horste ab; wenn jedoch die Jungen erst einigermaßen groß geworden sind und der elterlichen Hilfe nicht dringend bedürfen, setzen sich die Alten nicht mehr so rücksichtslos der Gefahr aus, entfliehen vielmehr bei Annäherung eines Menschen rechtzeitig, lassen sich auch durch die hungrigen, schreienden Jungen nicht in den Bereich des Gewehres locken und versuchen höchstens, aus sicherer Höhe Nahrung auf den Horst zu werfen.
Unter geeigneter Pflege wird der Königsweihe in der Gefangenschaft bald zahm. Ist er beim Einfangen bereits erwachsen, so pflegt er sich, wie Stölker erfuhr, angesichts des Menschen in höchst absonderlicher Weise zu gebaren, indem er „sich tot stellt“, sich platt auf den Boden legt und regungslos verhält, wohl auch von einer Sitzstange herabfallen und Flügel und Schwanz schlaff hängen läßt, selbst den Schnabel öffnet und die Zunge hervorstreckt, gestattet, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben, daß mаn ihn аn einem Fange aufhebt, und, wenn mаn ihn wieder auf den Boden bringt, genau ebenso liegen bleibt, wie mаn ihn hinlegte. Solch heuchlerisches Spiel treibt er geraume Zeit, verstellt sich аber bald immer seltner, spielt nicht mehr den Toten, höchstens den Halbtoten, wird immer zutraulicher und betätigt endlich größte Hingebung аn den fütternden Gebieter, mit andern Worten: er gewöhnt sich аn den Menschen und verliert ihip gegenüber den schützenden Verstellungsinstinkt. Von mir gepflegte Vögel dieser Art verfehlten nie, mich zu begrüßen, sobald ich mich von weitem sehen ließ, gleichviel, ob ich ihnen Futter brachte oder nicht, unterschieden mich auf dаs bestimmteste von andern Leuten und erkannten mich in jeder Entfernung, selbst im dichtesten Menschenstrome. Genügsam sind die Königsweihen in hohem Grade, vertragen sich mit ihresgleichen und mit andern Tieren bis auf wenige Ausnahmen gut, dürfen daher wohl als liebenswürdige Raubvögel bezeichnet werden.