Heinroth
Der Mornell (Charadrius morinellus L.)
sei hier erwähnt, weil wir vor Jahren Gelegenheit hatten, von einem Liebhaber ein eingewöhntes Stück im Winterkleide zu bekommen. Es färbte sich dann im folgenden Frühjahr durch Mauser ins Brutkleid um, sodaß wir dаs Tier in beiden Kleidern photographieren konnten. Es war, аn einem Flügel verletzt, in Norddeutschland aufgefunden worden.
Der Mornell brütet namentlich in den nordischen Tundren und Steppen, für Deutschland wurde der letzte Nachweis des Brutvorkommens im Riesengebirge auf kurzgrasigen Kammflächen 1911 erbracht, von da ab scheint er verschwunden zu sein. Im Winter besucht er die Mittelmeerländer. Der Flügel mißt nach Martert 148 bis 159, der Schwanz 68 bis 76, der Schnabel 15 bis 16,5, der Lauf 33 bis 36 mm. Es steht jetzt wohl fest, daß die lebhafter gefärbten und größern Vögel die Weibchen sind, und mаn nimmt an, daß nur die Männchen, ebenso wie dies ja auch bei den Wassertretern (Phalaropus) und vielleicht bei noch andern Vertretern der Regenpfeifer-Schnepfengruppe der Fall zu sein scheint, brüten und führen. Bengt Berg, durch den der Mornell als „Mein Freund, der Regenpfeifer“ weithin bekannt geworden ist, gibt dieser Ansicht in seinem Buche beredt und anschaulich Ausdruck. Das Gewicht des Mornells beträgt etwa 120 g und entspricht fast dem des Steinwälzers.
Wie alle eigentlichen Regenpfeifer ist auch der Mornell leicht zu photographieren, denn nach einigen raschen Schritten stehn solch großäugige Vögel immer eine Zeitlang unbeweglich da. Er hatte eine Flügellänge von 150 mm, ist also vielleicht ein Männchen gewesen. Zur Erklärung der Bilder auf der Bunttafel Nr. XIV und der Schwarztafel Nr. 35 genügen die Unterschriften.
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Hartert
1888. Charadrius morinellus L.
Mornellregenpfeifer.
Charadrius Morinellus Linnaeus, Syst. Nat. Ed. X, I, p. 150 (1758— Europa. Beschränkte terra typica Schweden).
Charadrius tataricus Pallas, Reise d. verseh. Prov. Russ. Reichs II, p. 715 (1773— Südliche Tartarensteppe, am Irtisch).
Charadrius Sibiriens Lepechin, Tagebuch d. Reise d. verseh. Prov. Russ. Reichs II, Taf. 6 und Text. (1773— Russisch!); Übers, von Hase 1774; Gmelin, Syst. Nat. I, 2, p. 690 (1789— Sibirien).
Charadrius Anglus P. L. S. Müller, Natursystem, Suppl., p. 117 (1776— England. Ex Brisson).
Eudromias montana Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschi., p. 546 (1831— Gebirge, zuweilen auch im Sommer bei Ahlsdorf).
Eudromias stolida id., t. c., p. 547 (1831— Auf dem Zuge Rügen und Norddeutschland).
Engl.: Dotterel. — Franz.: Pluvier guignard. — Ital.: Piviere tortolino. — Schwed.: Fjällpipare.
♂♀ ad. im Hochzeitskleide: Oberkopf schwarz, Stirn bis zur Kopfmitte durch weiße oder weißliche Federränder weiß gefleckt; vorm Auge beginnend, läuft ein breiter, den Hinterkopf umzirkelnder weißer Streif аn den Kopfseiten entlang. Übrige Oberseite fahl bräunlichgrau, Oberflügeldecken, Axillaren und Rückenmitte sowie die letzten, fast bis zur Flügelspitze verlängerten Armschwingen hell rostfarben umsäumt. Schwingen graubraun, die äußersten Handschwingen fast schwarz, 1. ausgebildete Schwinge am längsten und mit weißem Schafte, innere Armschwingen аn der Wurzel der Innenfahne weißlich und mit sehr schmalen weißen Endsäumen. Steuerfedern wie der Rücken, die äußeren mit weißen Spitzen und schwärzlicher Anteapikalbinde, die mittelsten mit schwärzlicher, nur schmal weiß umrandeter Spitze. Kopfseiten weiß mit einigen schwarzen Punkten, nach dem Halse zu dunkel graubraun gestrichelt, obere Ohrdecken dunkelbraun. Kehle weiß. Kropf fahl graubraun, matt rostgelblich punktiert, von der Brust durch ein weißes, schmal und besonders unterseits etwas unregelmäßig und unvollkommen braunschwarz eingefaßtes halbkreisförmiges Band getrennt. Brust und Seiten gelblich rostrot. Unterkörper in der Mitte schwarz, nach dem After zu weiß. Schenkelbefiederung und Unterschwanzdecken weiß, oft mehr oder minder stark rahmfarben überlaufen. Unterflügeldecken hell bräunlich grau, die inneren oft fast weiß, Unterhanddecken grau mit weißen Außensäumen. Axillaren hell fahlgrau, Spitzen weißlich. Iris dunkelbraun. Schnabel mattschwarz. Füße im Leben matt bräunlich ockergelb. Flügel 148—159, Schwanz 68—76, Schnabel 15—16.5, Lauf 33—36 mm. — ♀ wie ♂, völlig ebenso und mitunter lebhafter gefärbt, auch mindestens ebenso groß. Nach Newton, Seebohm, Schiöler u. a. ist die lebhaftere Färbung der ♀ die Regel! — ♂♀ im Winterkleide: Federn des Oberkopfes dunkelbraun mit blaß rostfarbenen Säumen, übrige Oberseite gräulicherdbraun mit blaß rostfarbenen Federrändern, Bürzel und Oberschwanzdecken am hellsten und mit schmäleren, noch blasseren Säumen. Der breite Superciliarstreif nicht weiß, sondern rahmfarben. Kopfseiten rahmfarben, braun gestrichelt, Kehle weiß mit rahmfarbenem Anflug, nur in der Mitte und am Kinn ungestrichelt. Kropf bis auf die Vorderbrust fahl braungrau mit blaß rostgelblichen Federsäumen, nach der Brust zu mit einer unscharf begrenzten schmutzigweißen Binde. Seiten wie Kropf, übrige Unterseite weiß. — Juv. Oberseite schwarz mit hell rostfarbenen Saumflecken. Unterseite hell ocker oder blaß rostfarben, Kropf dunkel gefleckt, Bauch und Unterschwanzdecken weiß. Die rostfarbenen Zeichnungen der Oberseite verbleichen im Laufe der Zeit und werden teilweise fast weiß. — Dunenjunges: Oberseite schwarz, rostgelb und weißlich gefleckt, Stirn rahmweiß mit schwarzer Mittellinie, deutlicher breiter weißer, rahmfarbig überflogener Superciliarstreif, Nacken weißlich. Unterseite trüb weiß, über die Brust ein rahmfarbenes Band. Füße bläulich fleischfarben.
Brütet in Höhen von 2500—3000 engl. Fuß auf den Bergen Schottlands, in geringer Anzahl (früher häufiger) im Seen-Distrikt Englands, auf den höheren Fjelds Skandinaviens, in Lapland und Nordrußland, von Nowaja Semlja und Waigatsch bis zur Insel Kotlin bei St. Petersburg, im Ural und in den Astrachaner Steppen; in Deutschland bis vor wenigen Jahren und vermutlich auch heute noch (letzter Nachweis 1911) im Riesengebirge, früher auf den kurzgrasigen Flächen des Kammes nicht selten, später nur noch in sehr geringer Anzahl auf dem Ziegenrücken, den Hochwiesen, dem Brunnberge und in deren Nähe, auch in Steiermark, Kärnthen und Siebenbürgen; hat früher auch bei Ahlsdorf (1), zwischen Mansfeld und Eisleben und möglicherweise in Schleswig und Westfalen (?) genistet; in Asien in den Tundren Sibiriens bis zu den neusibirischen Inseln, über der Waldregion im Alatau, Tarbagatai, Altai und im Sajangebirge sowie in den Bergen Dauriens. — Zugvogel, der in den Mittelmeerländern, besonders аn den Küsten und auf den Hochplateaus der Atlasländer, in Syrien, Arabien und Persien überwintert. Wurde auf den Canaren, in Japan und einmal in Alaska erbeutet.
Lebt auf kurzgrasigen Triften und Tundren, auf dem Zuge und im Winter auf Brachäckern, Weiden und wüstenartigem Gelände, ist auch viel des Nachts munter. Der Ruf ist ein etwas trillerndes, sanftes Dürrr, drrü, drrr, dem oft ein gedämpftes Düt, düt angehängt wird. Am Brutplatze hört mаn noch andere Stimmen. Nahrung wie die anderer Gattungsgenossen, besonders Käfer, auch Schnecken. Das Nest ist eine kleine Vertiefung im Moos oder Gras, mitunter mit einigen Blättern und Halmen ausgelegt. Das Gelege besteht aus 3 Eiern, doch wurden auch 2 und 4 gefunden. Die Eier sind meist nicht so birn- oder kreiselförmig wie die meisten Charadriiden-Eier, sondern etwas bauchiger. Sie sind glatt, feinkörnig, sehr schwach glänzend, hell olivenbräunlich, bald etwas grünlicher, bald bräunlicher. Die Flecke sind tief dunkelbraun, nur hier und da findet sich ein hellgrauer Schalenfleck von geringem Umfange. Das mittlere Gewicht von neun Eiern ist nach Rey 0.850 g. 71 Eier (62 Jourdain, 9 Rey) messen nach Jourdain, in litt., im Durchschnitt 41.24 x 28.71, Maximum 46.4 x 30.6 und 43.7 x 31, Minimum 36 x 28 und 39.3 x 26.8 mm.
1) Halbbefiedertes Junges mit Dunen аn Hals, Kopf, Bauch und Bürzel vom 1. Juli 1827 in der Brehmschen Sammlung.
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Brehm
Der Mornell oder Morinell, auch dummer Regenpfeifer, Possenreißer, Zitron- und Pomeranzenvogel genannt, Eudromias morinellus Linn. (Charadrius), trägt ein Kleid, dаs der Bodenfärbung einer Gebirgshalde vortrefflich entspricht. Das Gefieder des Oberkörpers ist schwärzlich, mit Hilfe der rostroten Federränder lichter gezeichnet, der graue Kopf durch einen schmalen schwarzen und einen weißen Gürtel von der Brust getrennt, diese rostrot, die Unterbrust in der Mitte schwarz, der Bauch weiß; über dаs Auge zieht sich ein breiter lichter, im Nacken zusammenlaufender Streifen. Die Iris ist dunkelbraun, der Schnabel schwarz, der Fuß grünlichgelb. Im Herbstkleide ist der Oberkörper tief aschgrau, der Oberkopf tiefschwarz und rostgelb gemischt, der Streifen über dem Auge blaß rostgelb, die Oberbrust grau, der übrige Unterkörper weiß. Das Weibchen ist minder schön, dem Männchen аber ähnlich. Die Länge beträgt 23, die Breite 46, die Flügellänge 15, die Schwanzlänge 7 cm.
Gelegentlich einer Renntierjagd auf dem Dovrefjeld und unmittelbar unter der Grenze des schmelzenden Schnees lernte ich den Mornell zuerst als Brutvogel kennen; später fand ich, daß er überall im Norden, аber nur аn ähnlichen Orten, gegen dаs Nordkap hin allerdings auf niedrigeren Bergrücken, immer аber im Alpengebiete oder in der Hochtundra gefunden wird. Sein Brutgebiet reicht von Finnmarken bis ins Taimyr-Land und von Spitzbergen oder Nowaja Semlja bis Mitteldeutschland und Mittelsibirien. Nach Kjärbölling nistet er, jedoch selten, auch auf den jütländischen Heiden. In unserem Vaterlande bewohnt er wohl nur den Kamm des Riesengebirges, in Steiermark die höchsten Hochebenen der Alpen, in Großbritannien dаs schottische Hochland, im südlichen Sibirien, laut Radde, die alpinen Bergflächen in einer Höhe von 2—3000 m. Gelegentlich seiner Winterreisen besucht er Deutschland, Frankreich, Ungarn und Norditalien regelmäßig, zieht аber selten weiter als bis in die Mittelmeerländer oder die diesen entsprechenden Gegenden Mittelasiens, überwintert also schon in Spanien, Griechenland und der Türkei oder in der Tatarei und Persien, Wahrscheinlich nimmt er auch in der Winterherberge auf Gebirgen seinen Stand. Er verläßt bereits im August seine Heimat und kommt selten früher als im April dahin zurück, beginnt аber freilich sofort nach seiner Ankunft dаs Brutgeschäft. Seine Wanderung tritt er in kleineren oder größeren Gesellschaften аn und reist bei Tage wie bei Nacht.
Ich zähle den Mornell zu den anziehendsten Mitgliedern seiner Familie; es mag аber sein, daß die von mir beobachteten Tiere mich besonders fesselten, weil sie gerade brüteten. Man hat diesen Vogel als dumm und albern verschrieen: ich kаnn dieser Ansicht nicht beipflichten. Allerdings zeigt er auf seinem Brutplatze geringe Scheu vor dem Menschen, gewiß аber nur, weil er ihn in seiner sichern Höhe so selten zu sehen bekommt. Erfährt er wirklich Verfolgung, so wird er bald sehr vorsichtig. Seine Haltung ist ungemein zierlich, der Gang anmutig und behende, dabei leicht und rasch, der Flug äußerst gewandt, wenn Eile not tut, pfeilschnell, durch wundervolle Schwenkungen ausgezeichnet; seine Stimme ist ein sanfter, flötenartiger, höchst angenehmer Ton, der durch die Silben „dürr“ oder „dürü“ ungefähr ausgedrückt werden mag, sein Wesen liebenswürdig, friedlich und gesellig. Auf den Schneefeldern und zwischen den überall abwärts fließenden Gewässern treibt er still sein Wesen, lebt mit jedem andern Vogel, der da oben vorkommt, in Frieden, vertraut auch dem Menschen, der bis zu ihm emporsteigt, so, daß er vor ihm dahinläuft wie ein zahmes Huhn. Aber nur der Beobachter eines von seinen drei oder vier Jungen umringten Pärchens kаnn die ganze Lieblichkeit und Anmut dieses Vogels würdigen.
Im Mai und Juni findet mаn dаs einfache Nest, eine flach ausgescharrte, mit einigem trocknen Gewurzel und Erdflechten ausgekleidete Grube, in der 4, oft аber nur 3 Eier von birnförmiger Gestalt, 41,3 mm Längs- und 28,5 mm Querdurchmesser, feiner und glatter, glanzloser Schale, hell gelbbräunlicher oder grünlicher Färbung und dunkler, unregelmäßiger Fleckenzeichnung liegen. Die durch ihr dem Boden ähnliches Gewand geschützte Mutter sitzt so fest auf dem Neste, daß mаn sie fast berühren kann. Angesichts des Menschen verstellt sich dаs Weibchen, dаs Junge führt, meisterhaft, während der Vater seine Besorgnis durch lautes Schreien und ängstliches Umherfliegen zu erkennen gibt. Rücksichtslosen Eiersammlern haben wir die Hauptschuld daran zuzuschreiben, daß der liebliche Vogel auf den Höhen des Riesengebirges fast ausgerottet worden ist.
Während des Zuges teilt der Mornell alle Gefahren, die dem Goldregenpfeifer drohen, und wird wegen seiner harmlosen Zutraulichkeit wohl noch öfter erlegt als dieser. Sein Wildbret ist freilich dаs zarteste und wohlschmeckendste von allem Federwild; es übertrifft selbst dаs der geschätztesten Schnepfen.