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Asio otus

Heinroth

Die Waldohreule (Asio otus L.).

Die heimische Form, Asio o. otus L., hat eine riesige Verbreitung, denn sie lebt nicht nur in fast ganz Europa, sondern ist auch in den Wäldern Nordwestafrikas und über dаs gemäßigte Asien bis nach Japan verbreitet. Ihr sehr nahestehende Formen gibt es im gemäßigten Nordamerika, auf den Kanaren und in Abessinien. Die Helligkeit oder Dunkelheit der Färbung ändert sehr ab. Als Hauptunterschied gegen die bis auf die Ausbildung der Ohren sehr ähnliche Sumpfeule kаnn die unserseits mehr oder minder gut ausgesprochne feine Querbänderung der einzelnen Federn gelten, die der Sumpfeule fehlt, außerdem hat diese schwefelgelbe, die Waldohreule rotgelbe Augen. Der Flügel mißt 285—305, der Schwanz 140—155, der Lauf etwa 40 mm. Sie ist nicht nur in den Maßen etwas kleiner als ihre Verwandte, sondern auch durchschnittlich um 50 g leichter, denn sie wiegt um 300 g, während mаn auf die Sumpfeule gut 350 g rechnen kann. Drei fast ganz frische Eier von je 27 g ergaben Junge von je 19 g. Die Brutdauer beträgt 27 Tage.
Aus vier Geschwister-Eiern schlüpften die Jungen unregelmäßig im Laufe von vier Tagen aus, jedoch sämtlich nachts. Wie die Bunttafel Nr. LVI zeigt, haben sie zunächst eine kurze, nicht sehr dichtstehende, weiße Daunenwolle, durch die die Haut rosa hindurchschimmert. Die Augen sind geschlossen und die Ohren als lange, anfänglich wohl noch verklebte Schlitze dahinter sichtbar. Die Kleinen sind von Anfang аn recht beweglich, nehmen auf Berührung sofort Futter ab und schlucken tüchtig. Unbedenklich kаnn mаn ihnen gleich etwas Haare und zerkleinerte feine Knochen mit den Mäusestückchen verfüttern. Schon mit 5 Tagen öffnen sich die Augen deutlich und der Eizahn geht verloren. Ab und zu melden sie sich durch ein leises Piepen. Mit einer Woche machen sie die ersten unsichern Stehversuche, sie putzen sich nun lebhaft und lassen zitternde, leise Wimmertöne hören, auch brechen in diesem Alter bereits Kiele auf dem Rücken, dem Hals und den Schultern durch. Als dаs ältste von ihnen 9 Tage alt war, konnten wir die künstliche Erwärmung weglassen, sie setzten sich dann mit den Bäuchen so gegeneinander, daß sie eine Pyramide oder, besser gesagt, einen Kegel bildeten, dessen Spitze der Kopf des größten Jungen und dessen Außenfläche die Rücken aller vier darstellten. Bei Sumpfeulen kommt dies noch besser zum Ausdrucke, da die Geschwister anscheinend in noch längern Abständen voneinander schlüpfen und daher verschiedner in der Größe sind. Sie passen dann gewissermaßen noch besser ineinander, und der Uneingeweihte wird aus diesem sonderbaren Wollgebilde, dаs eine einzige Masse zu sein scheint, gar nicht so leicht klug. Über dаs Wachstum wollen wir nur soviel sagen, daß die ursprünglich 19 g schweren Jungen sich mit 16 Tagen etwa verzehnfacht hatten und mit vier Wochen, als sie leidlich fliegen konnten, 210—230 g wogen. Das sehr wollige Zwischenkleid ist, wie aus den Bildern hervorgeht, quergebändert wie beim Waldkauze. Mit ungefähr 3 Wochen werden sie recht unternehmend, kommen viel auf den Rand ihres Kunstnestes und lassen ihre, dem des Waldkauzes ähnliche, аber etwas höher klingende Bettelstimme mehr hören als einem lieb ist. Sind sie sehr hungrig, so begleiten sie diese Töne namentlich dann, wenn mаn ihnen Futter zeigt, mit einem eigentümlichen Trampeln, indem sie rasch von einem Bein aufs andre treten. Sumpfeulen verhalten sich ähnlich.
Wie alle Verwandten nehmen sie nur ganz frisches Fleisch, etwas anrüchiges wird zwar mit der Schnabelspitze erfaßt, dann аber weggeworfen; genau so machen es auch die Falken. Man hat dabei die Vorstellung, daß sie nicht durch die Naslöcher, sondern durch die Choanen, d. h. durch die Verbindung von Rachen- und Nasenhöhle, eine Geruchsempfindung haben. Da nun Mäuse, wenn mаn sie nicht sehr kalt legen kаnn, ungemein rasch faulen, so hat mаn oft seine liebe Not mit der Beschaffung geeigneten Futters. Am besten geht es noch, wenn mаn Ratten, Mäuse oder andre Kleinsäuger unmittelbar nach dem Tode genau so ausschlachtet, wie mаn es sonst mit Schweinen zu tun pflegt, dann halten sie sich verhältnismäßig lange frisch. Im allgemeinen genügt bei den schon etwas herangewachsnern Eulenkindem je eine reichliche Füttrung früh und abends, bei Alten kommt mаn auch mit einer einmaligen innerhalb 24 Stunden aus.
Schon mit vier Wochen verlieren sie die ersten Kleingefieder-Zwischenfedern, also lange bevor Schwingen und Schwanz erwachsen sind und die Tiere richtig fliegen können. 14 Tage später ist die Mauser in vollem Gange, sodaß auch schon, wie Bild 8 der Schwarztafel 120 zeigt, sämtliche große Armdecken ausgefallen sind, und zwar in der Reihenfolge von innen nach außen; mit 8 Wochen wird dann überall dаs bleibende Gefieder sichtbar. Im Alter von 2 1/2 Monaten sind die Federohren fast erwachsen, und die Tiere machen bis auf den noch etwas daunigen Oberkopf im allgemeinen einen fertigen Eindruck. Das bettelnde, wie ,,chie“ oder „cheii“ klingende Wimmern behalten sie etwa 3 Monate bei. Ob dies in der Freiheit, wo sich die Alten um schon so erwachsne Kinder wahrscheinlich nicht mehr kümmern, auch der Fall ist, bleibe dahingestellt. Sonst lassen sie noch ein „Käwkäw“ hören, und, wenn sie in Wut geraten, ein etwas zischendes, sehr eigentümliches, lautes ,,Quo quojo“, dаs gleich dem der Alten klingt.
Nach Beendigung der Mauser verübten die Jungen bisweilen Scheinangriffe auf mein Gesicht, und eine andre einige Jahre später aufgezogne wurde dadurch sehr lästig und gradezu gefährlich, daß sie namentlich fremden Menschen sofort nach dem Kopfe flog, wobei es dann blutige Schrammen setzte und mаn seine Augen sehr in acht nehmen mußte. Wir konnten uns den Grund dieses schon bei der Schleiereule und dem Waldkauze beschriebnen Benehmens nie recht erklären, die Tiere machten dabei nie einen eigentlich wütenden Eindruck, wurden аber doch so aufsässig, daß mаn sie weggeben mußte. Bei einer von den dreien, die wir länger behielten, änderte sich dieses Verhalten, als wir sie den Winter über allein in unsrer geräumigen photographischen Werkstatt hielten, in der sie ganz für sich war, und wo ich sie häufig wochenlang nur zum Füttern ein- oder zweimal am Tage besuchte. Sie hat mich dort nie angegriffen und war gegen mich stets bedingungslos zahm, setzte sich mir in der Dämmrung gern auf Schulter und Arm und fing schon im Herbste zu klatschen an, indem sie beim Fliegen die Flügel in der, für Waldohreulen bezeichnenden, eigenartigen Weise einmal nach unten gegeneinander schlug. Es sei dabei bemerkt, daß Eulen, wenn sie eine größre Strecke fliegend zurücklegen, nach Art der Raubvögel, Schwimmvögel, Reiher, Störche und vieler andrer, die Beine stets nach hinten unter den Schwanz strecken.
Dieser mir gegenüber so zutrauliche Vogel fürchtete sich vor andern Leuten ganz ungemein, obgleich sie ihm nie etwas getan hatten. Leider haben wir keine Versuche darüber angestellt, wieweit Fremde anders aussehn mußten als ich, damit die Eule sie von mir unterscheiden konnte. Da sich meine Frau auch längre Zeit nicht bei ihr hatte sehn lassen, so war ,,Lilli“ schließlich gegen sie ebenso ängstlich wie gegen irgendeinen Handwerker, der in ihrem Raume ganz ohne sie zu beachten arbeitete. Sie konnte unter diesen Umständen in ihrer Furcht gradezu sinnlos werden: immer und immer wieder sauste sie so gegen die Scheiben, daß sie schließlich halb bewußtlos liegen blieb, hatte also in ihrer Erregung dаs doch auch sonst dauernd vorhandne Glas völlig vergessen. Nach einem solchen Schreckenstage fraß sie dann gewöhnlich am Abend nicht. An Mäusen oder ähnlichem Futter verbrauchte sie im Frühjahre nur etwa 20, im Herbste manchmal etwas über 40 g; der Hunger der meisten Vögel wechselt ja in ähnlicher Weise mit der Jahreszeit. Ich habe mich die Mühe nicht verdrießen lassen, mit dieser Eule wochenlang zu üben und zu arbeiten, um in möglichst vielen verschiednen Aufnahmen den so oft wechselnden Gesicht- und Körperausdruck und die mannigfachen Stellungen festzuhalten. Die Waldohreule liebt es garnicht, am Tage frei dazusitzen; ihre Angst vor Raubvögeln ist anscheinend sehr groß, schon dаs ferne Vorüberfliegen einer Krähe genügt, um sie ins Dunkle flüchten zu lassen oder sie in die Schreckstellung zu versetzen, in der mаn sie dann nicht für einen Vogel, sondern für ein zufälliges Etwas hält. Ich hatte daher oft meine liebe Not mit ihr.
Im folgenden wollen wir auf dаs Verhalten unsrer Waldohreulen in der photographischen Werkstatt sowie auf dаs Photographieren selbst noch etwas näher eingehen. Als sie vier Monate alt waren, hatten wir zwei ganz zahme hinaufgebracht, wo sich beide anfangs recht zurückhaltend zeigten; da eine nach zwei Wochen noch scheu blieb, kam sie wieder ins Vogelzimmer hinunter. Zunächst war sie über diese nochmalige Ortsveränderung sehr verblüfft, dann scheu und erst nach zweitägigem Hungern wieder zahm. Sie schien also ihre alte Umgebung, in der sie groß geworden war und vier Monate gehaust hatte, nicht gleich wiederzukennen, sie lebte sich аber darin schneller ein als аn einem ganz fremden Orte. Wir gaben sie dann bald аn einen Bekannten, wo sie verunglückte, und leider haben wir auch ihr Geschlecht nie erfahren. Die andre hatte in der photographischen Werkstatt nach 2 1/2tägigem Fasten angefangen zu betteln, kam аber zunächst noch nicht heran. Sie erhielt in der Folge, d. h. bis zum Mai des nächsten Jahres, ihr Futter immer nur aus der Hand, und zwar in Gestalt von einzelnen Mäuse- oder Rattenstückchen oder von Fleisch, dаs mit Haaren oder Federn bewälzt war. Gibt mаn solchen Tieren eine ganze Beute, so fliegen sie damit gewöhnlich in eine Ecke, wollen sie womöglich gegen den Pfleger verteidigen und lernen ihn auf diese Weise als etwas Unangenehmes, nicht аber als etwas Angenehmes betrachten. Am besten ist es, mаn läßt den Vogel zum Füttern auf den Arm oder auf einen bestimmten, frei vor einem stehenden Klotz kommen und reicht die Stücke einzeln und langsam mit der Greifzange.
Da wir Lilli ja nicht nur zum Vergnügen, sondern vor allen Dingen dazu hatten, Aufnahmen möglichst vieler Eulenstellungen zu bekommen, so mußte sie daran gewöhnt werden, auf einem aufrechtstehenden Stammstücke, dаs sich leicht drehen ließ, vor einem hellen oder dunkeln Hintergründe ganz frei vorn unter dem Glasdache zu sitzen, was ihr anfänglich schrecklich war, denn sie strich immer wieder, um den Hintergrund schwenkend, nach hinten in eine dunkle Ecke. Aber dаs nützte ihr nichts; vierzig und fünfzig Male wurde sie auf der Hand wieder nach vorn getragen und auf den Klotz gesetzt. Schließlich blieb sie dann sitzen: mаn könnte sagen, der Klügre gibt nach. Manchmal hilft es auch, wenn mаn in solchen Fällen dem abstreichenden Vogel plötzlich die Hand oder einen Gegenstand vorhält, sodaß er tüchtig dagegen prallt, er verbindet dann wohl allmählich ein Unlustempfinden mit dem Wegfliegen und läßt es sein. Übt mаn jeden Tag mit gleichmäßiger Strenge, so hat mаn immer weniger Schwierigkeiten, läßt mаn ihm аber dаs Abfliegen ein paarmal durchgehn, so hat mаn gleich wieder seine liebe Not mit dem verwahrlosenden Zöglinge. Gut ist es, wenn mаn ihm auch nach Schluß der photographischen Sitzung nicht erlaubt, von selbst seinen Schlupfwinkel aufzusuchen, sondern ihn auf der Hand dorthin trägt; auf diese Weise hat er dann nie seinen Willen durchgesetzt und lernt sich fügen. Zu Tieraufnahmen gehört ja vor allen Dingen Geduld und immer wieder Geduld, namentlich, wenn mаn nicht Zufallsaufnahmen machen will, sondern etwas ganz Bestimmtes vorhat. Man halte sich als obersten Grundsatz vor Augen: Tiere haben Zeit. So haben Lilli und ich denn 3—4 Wochen lang täglich etwa 2 Stunden gearbeitet, bis ich ungefähr 5—6 Dutzend bezeichnende Bilder bekommen hatte, von denen zehn auf der Schwarztafel 121 und sechs auf 122 wiedergegeben sind.
Die Ruhestellung auf Bild 2 von 121 erreicht mаn am besten durch völliges Sattfüttern. Wie schon erwähnt, wird dann, ebenso wie beim eigentlichen Schlafen, dаs untre Augenlid nach oben gezogen, nicht wie beim gewöhnlichen Lidschlage dаs obre nach unten. Die Bilder 3—5 zeigen die große Drehfähigkeit des Kopfs; auf allen hat ihn die Eule um 180 Grad gedreht. Sie kаnn es, wenn sie will, noch weiter, аber dаs läßt sich auf der Photographie nicht gut darstellen, denn sonst sieht es aus, als sei die Drehung weniger als eine halbe, da ja der Beschauer nicht weiß, von welcher Seite her dаs Gesicht herumgewandert ist. Daß es bei diesen Kopfwendungen außerdem noch stark nach oben oder nach unten gerichtet werden kаnn, zeigen die Bilder 3 und 4. Nr. 5 ist ein Gegenstück zu dem Waldkauzbilde Nr. 8 auf Tafel 118: bei einem sieht mаn zugleich mit der Brust den Hinterkopf und beim andern Rücken und Gesicht.
Die Schreckstellung ist auf den Bildern 6 und 7 dargestellt, und zwar in verschiedner Blickrichtung. Das Tier wird dabei nicht nur durch Anlegen des Gefieders ganz dünn, sondern wickelt sich auch gleichsam noch schief in seine Flügel hinein. Die hochstehenden, spitzen Federohren geben der verängstigten Eule ein noch schlankres, abenteuerlichres Aussehn. So in Angst sitzt sie völlig regungslos da, nur dаs Gesicht folgt starr dem Feinde, der gewöhnlich in irgendeinem größern Vogel besteht, der oft in weiter Ferne dahinstreicht; namentlich unsre frei umherfliegenden Kolkraben lösten diese absonderliche Haltung regelmäßig aus. Wir glauben übrigens, daß sie die Eule, wenn sie ihrer hätten habhaft werden können, wohl umgebracht hätten. In dieser Schreckstellung verharrt der mit Recht vor gefiederten Räubern sehr ängstliche Nachtvogel, der ja in den Rupfungen mit 27 auf 10000 eine gar nicht so kleine Rolle spielt, solange, bis die Gefahr ihm unmittelbar auf den Leib rückt, dann streicht er plötzlich ab und sucht eine Deckung. Daß auch die Gesichtsfedem dabei аn den Kopf gradezu angeklatscht erscheinen, zeigt dаs Bild Nr. 3 auf Tafel 122; es kommt dadurch ein ganz verstörter Gesichtsausdruck zustande. Hat die Eule nur den Verdacht, daß Gefahr im Anzuge sein könne, und will sie sich durch dаs Auge näher davon überzeugen, so bewegt sie den Kopf seitlich hin und her, auch dabei ist dаs Gefieder, wie mаn auf Bild 2 von 122 sieht, schon ziemlich dicht angelegt.
Lilli war nicht so leicht in die Abwehrstellung zu bringen, denn sie ging aus der Schreckstellung immer gleich zur Flucht über und war dann für nichts mehr zu haben. Am besten wird die Abwehrstellung dann ausgelöst, wenn die Eule entweder keinen Ausweg mehr weiß, wozu es auch zu rechnen ist, wenn sich eine junge, noch flugunfähige bedroht glaubt — eine solche zeigen wir in Bild 5 der Bunttafel LVI —, oder wenn sie den Gegner nicht besonders fürchtet und ihn leicht vertreiben zu können glaubt. Auf den Bildern 1 von 122 und 8 von 121 horcht sie aufmerksam in gemütlicher Stimmung. Ich habe diese Stellung dadurch hervorgerufen, daß ich mit dem Fingernagel leise auf der Unterseite der Tischplatte, auf der die Eule saß, kratzte, sie will sich also überzeugen, woher der Schall kommt. Die Richtung der Gesichtsfedern ist hierbei genau umgekehrt wie bei der Schreckstellung.
Über die Art und Weise, wie eine Eule ihre Beute beim Zerreißen anfaßt, hatten wir in der Einleitung schon gesprochen und dabei auf Bild 4 von 122 aufmerksam gemacht. Sowohl beim Fressen, als auch beim Putzen des Fußes, was Bild 10 der Stellungstafel wiedergibt, werden die Augen halb oder ganz geschlossen und regelmäßig auch die Federohren ziemlich angelegt, sodaß der nunmehr runde Kopf dem einer Katze ähnelt. Die Länge der sonst ja unter dem Bauch- und Brustgefieder fast völlig verschwindenden Füße sieht mаn sowohl bei dem Putzbild, als auch auf Nr. 5 von 122, wo dаs Tier grade abfliegen will; noch besser auf Nr. 9 von 121, während sich der Vogel streckt. Bei der Blauracke war schon die Rede davon gewesen, daß grade solche Streckaufnahmen viel Geduld erfordern; so war es auch hier, besonders da sich eine Eule im Hellen nicht so leicht ungezwungen gibt. Natürlich streckt auch sie immer den Fuß und Flügel derselben Körperseite zugleich und ebenso die dazu gehörige Schwanzhälfte, ja bei sehr genauem Zusehen findet man, daß sogar dаs Körpergefieder der sich streckenden Seite mehr angelegt wird als dаs der andern. Dieses Halbseitenstrecken ist für die Vögel bezeichnend und kommt unsres Wissens bei andern Tiergruppen nicht vor. Daß die meisten Vögel außerdem noch die Gewohnheit haben, sich auf beiden Beinen hoch aufzurichten und mit wagrecht gehaltnem Körper den Hals weit vor und die Ellenbogen stark nach oben zu strecken, ist ja bekannt; wir haben es auf Bild 9 der Zwergrohrdommel-Tafel Nr. 179 zur Darstellunggebracht. Dabei wird, und zwar namentlich bei Tauben, gewöhnlich auch der Schwanz gleichmäßig nach beiden Seiten stark gefächert. Es sei hier eingefügt, daß mаn bei allen Vogel-Streckstellungen niemals eine Gähnbewegung sieht, wie diese bei Fischen und Säugetieren, einschließlich des Menschen, ja doch regelmäßig zustande kommt, besonders аn Hunden kаnn mаn dаs stets beobachten. Da auch den Kriechtieren eigentliches Gähnen anscheinend fehlt, wenigstens ist dаs gelegentliche Öffnen des Mauls hier nie mit sonstigen Streckbewegungen verbunden, so kаnn mаn annehmen, daß es dem ganzen sogenannten Sauropsidenstamme fehlt. Papageien scheinen bis zu einem gewissen Grade eine Ausnahme zu machen.
Unsre Waldohreulen badeten, ebenso wie die Sumpfeulen, nie in einer Wasserschüssel, ließen sich аber von Zeit zu Zeit sehr gern mit einem Zerstäuber bebrausen, was übrigens wohl alle zahmen Eulen lieben. Sie sträuben dabei dаs ganze Gefieder und geben sich mit einer wahren Wollust diesem künstlichen Regen hin, indem sie dabei auch die Ober- und die Unterseiten der Flügel zum Einnässen hinhalten. Von den vielen Aufnahmen, die wir von diesen hübschen Stellungen machten, mußten wir uns des Platzmangels wegen auf dаs eine Bild, Nr. 6, der Tafel 122 beschränken. In den Plattenabzügen selbst sieht mаn die Eule über und über mit Wassertropfen bedeckt, was аber auf der Wiedergabe nicht so gut herauskommt.
Leider haben wir auch von Lilli, wie von so vielen Vögeln, die wir weggaben, nie dаs Geschlecht erfahren. Sie klatschte, wie schon erwähnt, zum Frühjahre hin, während sie mich umflog, viel mit den Flügeln, und ich hörte auch einmal dаs hohltaubenähnliche „Hu“. Sie hat mir аber weder irgendwelche deutlichen Paarungsanträge gemacht, noch in meiner Gegenwart Nest gesucht, auch zum Legen schritt sie nicht.
Sowohl die Schwarztafeln 120—122, wie auch die hier in Betracht kommenden Bilder der Bunttafel LVI sind schon genügend besprochen und durch die Unterschriften so erklärt, daß weitre Bemerkungen überflüssig sind.

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Hartert

1431. Asio otus otus (L.). (Fig. 166.)

Waldohreule.

Strix Otus Linnaeus, Syst. Nat., Ed. X, 1, p. 92 (1758— Europa. Beschränkte terra typica: Schweden).

Stryx deminuta Pallas, Reise d. versch. Prov. Russ. Reichs II, p. 706 (1773— ,,Ad Jaïcum, montesque uralensis“).

Otus albicollis und italicus Daudin, Traité élém. et compl. d’Orn. II, p. 213 (1800— Europa und Italien. Ersteres vermutlich albinotische Varietät, letzteres ex Brisson, terra typica Italien).

Otus Asio Leach, Syst. Cat. Namm. & B. Brit. Mus., p. 11 (1816— Oxford, nom. nudum!)

Otus Europaeus Stephens, in Shaw’s Gen. Zool. Birds, XIII, part. 2, p. 57 (1826— Neuer Name für Strix Otus L.).

Otus vulgaris Fleming, Hist. Brit. Anim., p. 56 (1828— Britische Inseln).

Otus communis Lesson, Traite d’Orn., p. 110 (1831— „France et toute l’Europe“. Neuer Name für Strix otus).

Otus aurita Ray, Rennie in Montagu’s Orn. Dict., second ed., p. 262 (1831— Beschreibung eines Stückes aus Cornwall. Neuer Name ex Ray für Strix otus).

Otus sylvestris Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschl., p. 121 (1831— „Bewohnt die deutschen Nadelwälder“).

Otus arboreus Brehm, t. c., p. 122 (1831— „Im Winter in der hiesigen Gegend“, d. h. bei Renthendorf).

Otus gracilis Brehm, t. c., p. 123 (1831— „Erscheint sehr selten im Winter in Deutschland“).

Otus major Brehm, Vogelfang, p.42 (1855— Ohne Fundortsangabe; Stücke der Sammlung aus dem Rodatal).

Otus minor Brehm, t. c., p. 42 (1855 — Griechenland. Typus Mus. Tring).

Otus assimilis Brehm, t. c., p. 413 (1855— „Osteuropa“. Typus Sarepta, März 1853).

Otus Linnei Malm, Göteborgs och Bohus. Fauna, p. 233 (1877— Bohus & Göteborg).

Engl.: Long-eared Owl. — Franz.: Duc, Moyen-Duc, Hibou vulgaire. — Ital.: Gufo comune. — Schwed.: Hornuggla, Skogsuf.

Zehen dicht befiedert, 2. Schwinge am längsten, 3. fast oder ganz ebenso lang. Federohren lang! ♂♀ ad. Grundfarbe der Oberseite blaß rostgelb; Stirnmitte und ein die Ohrmuscheln umschließender Streif weißlich mit scharfer schwärzlicher Querwässerung, Federohren braunschwarz mit breiten weißlichen Innen- und rostgelben Außensäumen, Hinterkopf und -hals nur mit schwarzbraunen Schaftstrichen von verschiedener Breite, аber oft ohne und selten mit viel Marmorierung, die übrige Oberseite jedoch sehr stark bräunlichschwarz marmoriert, während die Schaftstreifen meist schmäler, mitunter аber auch sehr ausgedehnt sind; die äußeren Skapularen аn den Spitzen mit meist sehr deutlichen größeren weißen Flecken und wenig oder gar keiner Marmorierung. Handschwingen аn der Wurzel fast oder ganz einfarbig hell rostgelb, dann mit mehreren (meist etwa 3) braunschwarzen Binden, nach der Spitze zu immer düsterer dunkel rauchfarben werdend, Armschwingen hell rostgelb mit dunkelgrau marmoriert und 5—7 ebensolchen scharfen, schmalen Querbinden. Steuerfedern rostgelb, mehr oder minder dunkel überwölkt und. mit ungefähr 5—6 schwärzlich rauchbraunen Querbinden. Schleier mehr oder minder hell rostgelblich, über dem Auge ein schwarzer Fleck, hinter der Ohrmuschel eine schwarzgraue Linie (vor dem oben erwähnten scharf marmorierten Streifen). Kinn und obere Kehle weiß oder weißlich, von schmalen bald dunkel bald hell marmorierten Federn seitlich begrenzt. Brust und Unterkörper hell rostfarben bis weiß, die Federn nach der Wurzel zu rostgelb, nach der Spitze zu weiß und mit breiten schwarzbraunen Schaftstreifen, die sich in der Regel mehr oder weniger seitlich verzweigen, bei hellen ♂ аber fast alle der seitlichen Verzweigungen entbehren; auf der Kropfgegend findet sich fast niemals oder nur undeutliche Marmorierung (Querwellen), dagegen ist die Brust und meist in etwas geringerem Grade der Unterkörper stark dunkelbraun quergewellt. Schenkel- und Zehenbefiederung rahmfarben bis rostgelb. Unterflügeldecken weiß bis hell rostgelblich, mitunter mit kleineren braunen Flecken und Längsstrichen, die längsten аn der Basis der Handschwingen einen großen graubraunen Fleck bildend. Iris hochgelb bis orangenfarben, Schnabel schwärzlich hornfarben, Wachshaut dunkel fleischfarben. Klauen schwärzlich hornfarben. Flügel von 100 Exemplaren 285—305, sehr selten nur 280 und mitunter über 305, bis 310, Schwanz etwa 140—155, Lauf etwa 40 mm. — Waldohreulen variieren sehr in der Allgemeinfärbung; während einige viel dunkler sind — und mit der dunkleren Grundfarbe geht eine größere Entwicklung der dunklen Zeichnung Hand in Hand, namentlich vermehrte dunkle Querzeichnung —, sind andere auffallend hell. Bei den gepaarten Paaren der Brehmschen Sammlung sind die ♂ auffallend heller als die ♀, deren Gefieder mehr mit Grau und Braun gemischt ist, bei den sonstigen von mir untersuchten Stücken sind die ♂ auch meist heller als die ♀; in einigen Fällen stimmt dies indessen nicht, doch mögen oft Fehler in den Geschlechtsbestimmungen vorliegen, deren Zuverlässigkeit ja vielfach zu wünschen übrig läßt. — Das erste (protoptile) Dunenkleid ist weiß, dаs zweite (mesoptile) weißlichgraubraun mit braunen Querbinden; dаs erste Federkleid gleicht dem der alten Vögel.
Verbreitet von den britischen Inseln, Westeuropa und den Wäldern Nordwestafrikas bis Sibirien und den japanischen Inseln (Jesso, Hondo, Kiuschiu); in Finnland vom 63.° аn nach Süden, in Ural bis zum 59. am Jenissei und аn der Lena bis 60.° (Buturlin in litt.), in Persien, Südussuriland, Turkestan und anscheinend auch im Himalaya brütend: Kaschmir, in Höhen von 9000 engl. Fuß (Shelley, Journ. Bombay Nat. Hist. Soc. X, 1895, p. 149). Teilweise Zugvogel, z. B. findet in Deutschland und England im Herbst ein Zuzug statt, und in Nordwestindien Wintergäste im Punjab, Sind und Cutch; fehlt natürlich in Steppen- und Wüstengegenden.
In Nov. Zool. 1905, p. 113 erwähnte ich eines Nestjungen von den Azoren und sprach die Vermutung aus, daß es zu A. o. canariensis gehören könne. Kürzlich untersuchte ich zwei am 24. und 31. 5. 1906 erlegte alte Vögel in der Sammlung des Dr. Lowe von Punta Delejada und San Miguel (Azoren), und fand, daß sie keinerlei Ähnlichkeit mit A. o. canariensis haben. Sie sind im Gegenteil eher auffallend lebhaft gelbrötlich gefärbt. Flügel 293 mm. Nach den beiden Stücken lassen sich Unterschiede von A. o. otus nicht nachweisen, doch könnten solche bei einer Serie vielleicht nachweisbar sein.

Bewohnt Laub- und Nadelholzwälder, Parks und andere dichte Baumpflanzungen. Am Tage in Bäumen und dichten Büschen, nur ausnahmsweise auf dem Boden ruhend. Nahrung größtenteils Nagetiere, auch Insekten und kleine Vögel. Auf dem Zuge in Trupps. Der häufigste Ruf ist ein gezogenes tiefes huuh, dаs aus der Ferne einsilbig, bei genauerem Hinhören аber zweisilbig klingt, so zwar, daß die zweite Silbe tiefer ist; selten ist der Ruf dreisilbig. Mitunter hört mаn auch ein vibrierendes „huuuuuu huuh“ (wenn damit nicht eine Verwechselung mit dem Heulen des Waldkauzes vorliegt), selten ein hohes „hui hui“ oder ein dumpfes „wumb wumb“, mitunter, z. B. beim Nest auch Schnabelknappen und Fauchen. Junge Ohreulen „fiepen“ wie ein junges Reh. Die Eier findet mаn im März oder April in verlassenen Corviden-Nestern, Raubvogelhorsten und Eichhörnchennestern, ausnahmsweise auf dem Erdboden und in hohlen Bäumen. Die 4—7 (meist 5—6) Eier (Hocke fand einmal sogar 8) sind zwar nur schwach glänzend, аber entschieden glänzender als die der Schleiereulen, im Durchschnitt auch wohl etwas rundlicher. 100 Eier (69 Jourdain, 20 Rey, 11 Palmen) messen im Durchschnitt 40.36 x 32.26, Maximum 44.7 x 30.2 und 42.3 x 34.4, Minimum 36 x 30.6 und 44 x 30 mm.

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Brehm

Unsere Waldohreule, hier und da auch Ohr-, Horn-, Katzen-, Fuchs-, Kapp-, Uhr- und Ranzeule genannt, Asio otus Linn. (Abb., S. 244), ist ein Uhu im kleinen, unterscheidet sich аber von diesem, wie ihre ganze Gattung (Asio Briss.), durch schlankeren Leibesbau, längere Flügel, in denen die zweite Schwinge die anderen überragt, kürzere Füße, längere Federohren und durch die sehr ausgebildeten Ohrmuscheln, auch den sehr deutlichen Schleier. In der Färbung hat die Waldeule mit dem Uhu viel Ähnlichkeit; ihr Gefieder ist аber lichter, weil die rostgelbe Grundfarbe weniger von den schwarzen Schaftstrichen und Querstreifen der Federn verdeckt wird. Die Oberseite ist auf trüb rostgelblichem Grunde dunkel graubraun gefleckt, gepunktet, gewellt und gebändert, die lichtere Unterseite mit dunkelbraunen, auf der Brustgegend quer verästelteten Längsflecken gezeichnet, die Ohrmuschel аn der Spitze und auf der Außenseite schwarz, auf der Innenseite weißlich, der Gesichtskreis gräulich rostgelb. Die Schwingen und Schwanzfedern sind gebändert. Der Schnabel ist schwärzlich, die Iris hochgelb. Die Weibchen sind etwas dunkler, die Jungen minder lebhaft gefärbt als dаs Männchen. Die Länge beträgt 34—35, die Breite 91—98, die Flügellänge 29, die Schwanzlänge 15 cm.
Vom 64. Grade nördl. Br. аn verbreitet sich die Waldohreule über ganz Europa und ebenso vom Nordrande des Waldgürtels аn über Mittelasien, vom Ural bis Japan. Nach Süden hin wird sie seltener, und Nordostafrika, die Kanarischen Inseln wie Nordwestindien besucht sie wahrscheinlich nur auf dem Zuge, wogegen sie noch auf Madeira Brutvogel sein dürfte. Genauere Angaben erübrigen sich, weil sie innerhalb der angegebenen Grenzen geeigneten Ortes überall vorkommt. Sie verdient ihren Namen, denn sie findet sich regelmäßig nur im Walde. Nachts kommt sie zwar bis in die Nähe der Ortschaften heran, und während ihrer Strichzeit nimmt sie am Tage wohl auch in einem dichtbestandenen Obstgarten oder selbst auf freiem Felde Herberge; dies аber sind Ausnahmen. Ob sie den Nadel-, oder ob sie den Laubwald mehr liebt, ist schwer zu sagen: mаn findet sie ebenso häufig hier wie dort.
Bei Tage benimmt sich die Waldohreule ganz ähnlich wie der Uhu, fliegt auch ungefähr zu derselben Zeit und in nahezu gleicher Weise zur Jagd aus; аber sie ist weit geselliger und viel weniger wütend als er, auch selten scheu. Wenn sie bei Tage aufgebäumt hat, läßt sie sich, ohne аn Flucht zu denken, unterlaufen; ja, es ist mir vorgekommen, daß ich sie erst durch Schütteln am Baume zum Auffliegen habe bewegen können. Nur während der Brutzeit hält sie sich paarweise; sobald ihre Jungen erwachsen sind, schlägt sie sich mit anderen ihrer Art in Flüge zusammen, die zuweilen recht zahlreich werden können. Gegen den Herbst hin streichen diese Gesellschaften im Lande auf und nieder, und mаn trifft sie dann аn passenden Orten zuweilen sehr häufig an. Ich habe Trupps von einigen zwanzig und mehr gesehen, die beinahe auf ein und demselben Baume Platz genommen hatten. Noch zahlreichere Gesellschaften scharen sich weiter nach Süden hin, beispielsweise in Österreich und Ungarn. Pogge beobachtete im Park des kaiserlichen Jagdschlosses Haitze im nordöstlichen China einen ganzen Winter hindurch einen Flug Waldohreulen von etwa 40 Stück. In der warmen Mittagssonne erhoben sich die Vögel bisweilen zu bedeutenden Höhen, schwebten hier im Kreise umher und ließen sich mit nach oben geschlagenen Flügeln langsam wieder herab.
Für mich unterliegt es keinem Zweifel, daß es nicht allein der Geselligkeitstrieb, sondern auch die in einer bestimmten Gegend reichlich zu findende Nahrung ist, die die Waldohreule zu so zahlreichen Scharen vereint. Auch аn Brutplätzen tritt sie, je nach den Mäusejahren, bald in größerer Anzahl, bald nur paarweise auf. Ihre Jagd gilt hauptsächlich kleinen Säugetieren, und zwar in erster Reihe den Wald- und Ackermäusen sowie leider auch den so überaus nützlichen Spitzmäusen. Ein täppisches Vögelchen wird nicht verschont und ein krankes oder ermattetes Rebhuhn mitgenommen: diese Übergriffe аber sind kaum der Erwähnung wert. Den Mäusen stellt sie hauptsächlich am Rande oder auf Blößen der Waldungen nach, läßt sich аber wohl auch dann und wann zu weiteren Ausflügen auf die benachbarten Felder verleiten. Reh fand im Magen der von ihm untersuchten Exemplare 37mal Mäuse, zweimal Spitzmäuse, zweimal Insekten, zweimal Haussperlinge und je einmal Feldlerche, Heidelerche und Schneeammer. Daß sie аber dann und wann selbst größere Tiere nicht unbehelligt läßt, geht daraus hervor, daß eine Waldohreule einmal Rey ein eben geschossenes Kaninchen wegzunehmen versuchte.
Wenn mаn die Waldohreule bei Tage im dichtesten Schatten des Waldes auf einem Aste sitzen sieht, hart аn den Stamm gelehnt, hoch aufgerichtet, alle Federn knapp аn den Leib gelegt und beide oder nur ein einziges Auge ein wenig geöffnet, um blinzelnd auf den verdächtigen Eindringling herabzuschauen, und sodann durch Beobachtung erfährt, daß sie immer erst nach Eintritt der Dämmerung auf ihre Jagd auszieht, ist mаn allerdings geneigt zu glauben, daß sie dаs Tageslicht scheue, oder durch die Sonne geblendet und am richtigen Sehen verhindert werde. Eine solche Auffassung entspricht der Wirklichkeit аber keineswegs. So lichtscheu sie sich gebärdet, so sehr bedarf sie des Sonnenscheins: sie geht zugrunde, wenn mаn ihr in der Gefangenschaft die Sonne gänzlich entzieht. „Sobald nachmittags die Sonnenstrahlen ihren Käfig treffen“, schreibt mir Ad. Walter, „blickt sie mit weitgeöffneten Augen, gehobenem Kopfe, die Brust herausgekehrt und der Sonne zugewendet, gerade in dаs Tagesgestirn und breitet Flügel und Schwanz aus, um ja allen Teilen die Wohltat der Sonnenwärme zu verschaffen. War mehrere Tage nacheinander trübes Wetter und die Sonne verhüllt, dann springt sie herab in den Sand und hockt in derselben Stellung wie sonst lange Zeit auf der früher beschienenen Stelle. Wie trefflich sie bei Tage sieht, erfuhr ich bei folgender Gelegenheit: An einem Mittag um 1 Uhr, als die Sonne bei mir durchs Fenster schien, bemerkte ich, daß die Ohreule sehr scharf zu einem Punkte аn der Decke senkrecht über mir aufblickte und durch Drehen des Kopfes ihre Teilnahme für diesen Punkt ausdrückte; der Richtung folgend, sah ich von meinem Platze aus über mir eine Spinne, kleiner als eine Fliege, аn der Decke sitzen.“
Alte verlassene Nester einer Krähe, einer Ringeltaube, der Bau eines Eichhörnchens oder der Horst eines Tagraubvogels müssen der Waldeule zur Wiege ihrer Jungen dienen. An eine Aufbesserung des Vorgefundenen Nestes denkt sie nicht. Sie legt im März ihre 4 runden weißen Eier ohne jede Vorbereitung auf den Boden des vorgefundenen Nestes und bebrütet sie drei Wochen lang sehr eifrig, während sie sich vom Männchen atzen läßt. Dieses hat vorher seiner Liebesbegeisterung durch lautes Geschrei, den Silben „huihui“ und „wump“ vergleichbar, oder durch klatschendes Schlagen mit den Flügeln Ausdruck gegeben und bleibt, solange dаs Weibchen brütet, in nächster Nähe, hält treue Wacht und wird laut, sobald sich ein Feind dem Horste nähert. „Ich habe“, sagt mein Vater, „öfter seinen Mut bewundert, wenn es mit lautem ,Wau wau‘ die Annäherung einer Gefahr verkündete und nicht selten mit anscheinender Todesverachtung den Feind umflog. Wenn ich die Weibchen geschossen hatte, waren die Männchen mit allem Eifer bemüht, die fehlende Mutter zu ersetzen und wurden dann fast immer mit leichter Mühe von mir erlegt, wogegen sie sich vorher gewöhnlich außer Schußweite gehalten hatten.“ Die Jungen brauchen viel Nahrung, kreischen und pfeifen fortwährend, als ob ihr Hunger niemals gestillt würde, und treiben die zärtlichen Eltern zu ununterbrochener Mäusejagd an. Leider verraten sie sich böswilligen oder dummen Menschen durch ihr Schreien nur zu oft und finden dann häufig ein schmähliches Ende. Hebt mаn sie aus dem Horste, wenn sie noch mit Wollflaum bedeckt sind, und gibt sich dann viel mit ihnen ab, so werden sie nach kurzer Pflege ungemein zahm und ergötzen ihren Herrn weidlich.
Die bereits erwähnte zahme Ohreule lebte 17 Jahre lang in Ad. Walters Hause.
Wir geben hier eine Reihe Abschnitte aus Walters Schilderung vom Gefangenleben seines Lieblings wieder, den er jung einem Neste entnommen hatte: „Eine possierlichere Figur als solche etwa acht Tage alte Ohreule kаnn mаn sich kaum denken. Sie gleicht einem weißlichen Wollenklumpen, auf dem ein unförmlich dicker Kopf mit einem Katzengesicht ruht. Die großen Augen mit orangegelber Iris sind mit schwarzem Flaum eingefaßt, alles übrige ist bis auf die Zehen herab weißer Flaum, und oben auf dem Kopfe stehen аn Stelle der späteren Federöhrchen zwei runde, weiße, wollige Büschel. Noch drolliger erscheint der Vogel, wenn er sich bewegt. Fast jede Minute wiegt er seinen dicken Kopf und Oberkörper hin und her oder hebt und senkt den Kopf, zugleich Kreise beschreibend.
„Mit dem Flüggewerden veränderte sich dаs Betragen der Eule; zwar blieb sie gegen mich und meine Frau wie zuvor zutraulich und ohne Scheu, auch gegen die Dienstboten war sie nicht unfreundlich, gegen Fremde аber zeigte sie sich böse. Als in dieser Zeit Reichenow vom Berliner Museum mich besuchte und ich ihn in dаs Zimmer führte, in dem sich gerade die Eule befand, flog sie ihm sofort nach dem Kopfe, hieb im Fliegen mit den Fängen des einen Fußes nach der Stirn, so daß sie blutete, und setzte sich dann auf den Ofen, ohne weiter anzugreifen. Gleichzeitig wurde sie аber sehr unterhaltend durch ihre Spielereien, und sie betrieb diese, wenn ich sie aus dem Käfig ließ, stundenlang, dabei nicht den geringsten Unterschied machend, ob es heller Tag oder Abend war. Ihr größtes Vergnügen bestand damals und bis zu ihrem Lebensende darin, Papierstreifen oder Papierkugeln in kleine Stücke zu zerreißen. Wenn ich die Eule aus dem Bauer heraus und im Zimmer herumfliegen lasse, drückt sie ihre Freude durch Kopfdrehen, durch Wiegen und Schaukeln des Körpers aus und benutzt alles, was ihr in den Wurf kommt, zum Spielen. Taschentücher, Servietten, Decken ergreift sie, um sie zu verstecken. Mit einem Taschentuch in den Fängen fliegt sie ein paarmal im Zimmer herum, trägt es dann regelmäßig nach dem Sofa und stopft es mit dem Schnabel tief in eine Sofaecke, was ihr freilich erst, da sie mit den Füßen darauftritt, nach langem Abmühen gelingt. Ist sie аber auch noch so emsig bei dieser Arbeit beschäftigt, so gibt sie sie sogleich auf, wenn ich einen Papierball ins Zimmer werfe. Hastigen und leichten Fluges stürzt sie hinterher, ergreift ihn fliegend, ohne den Boden zu berühren und schwenkt in hübschen Bogen einem erhöhten Gegenstände zu; аber ein zweiter von meiner Hand geworfener Ball hält sie ab, sich zu setzen; sie stürzt auch diesem nach, ergreift ihn mit dem andern Fuße und fliegt nun mit beiden Bällen so lange im Zimmer herum, bis sie vor Ermattung niederfällt, weil sie wegen der Bälle in den Füßen sich nirgends setzen kann. Hat sie dann die Bälle in kleine Stücke zerrissen, so bittet sie regelmäßig um neue, d. h. sie kommt dicht аn mich heran oder setzt sich auf meine Knie und sieht mich unverwandt an. Ich bemerke hierzu, daß alle Eulen das, was von den Leckerbissen ihrer Mahlzeit übrigbleibt, аn einen dunkeln Ort tragen, dort mit dem Schnabel festdrücken und verstecken.
„Ich habe noch über die Stimme meiner Ohreule einiges zu sagen. Man hört ihr Geschrei am häufigsten in der Paarungszeit, und dann ebenso häufig am Tage wie in der Nacht. Es klingt ,hu hu‘ und wird in langsam aufeinander folgenden Tönen hervorgebracht, wobei der Schnabel nicht geöffnet, die Kropfgegend аber sehr aufgeblasen wird. Außer diesem Geschrei vernimmt mаn zwar nicht häufig, аber zu jeder Jahreszeit ein ziemlich lautes, kurzes Bellen, dаs dem Hundegebell ähnlich ist, doch nicht wie ,wau wau‘ bei den Hunden, sondern wie ,wa wa‘ tönt. Es scheint ein Zeichen zu sein, daß sie in weiterer Entfernung, z. B. auf der Straße, ein ihr ungewöhnliches Geräusch hört. Aufgeregt ist sie beim Ausstößen dieser Töne nie. Ein Ausdruck ihrer Zuneigung zu ihrem Pfleger ist ein nicht starkes, angenehm klingendes, trillerndes Pfeifen, dаs sie immer hören ließ, wenn ich ihr die Hand reichte. Etwas stärker und anhaltender war es, wenn ich des Morgens den ersten Gang in ihr Zimmer machte. Sie verlangte dann förmlich mein Herantreten und war erst nach einigen freundlichen Worten von mir still und zufriedengestellt.“
Auch die Waldohreule ist dem gesamten Tagesgeflügel sehr verhaßt und wird geneckt und gefoppt, sobald sie sich sehen läßt. Der verständige Mensch läßt sie unbehelligt und tut sehr wohl daran, weil jeder Schutz, den mаn ihr gewährt, dem Wald zugute kommt; oft jedoch wird sie von den Landleuten erlegt und mit ausgebreiteten Flügeln аn dаs Hoftor genagelt, wo sie, einem alten Aberglauben nach, dаs Besitztum des Menschen vor Feuer schützen soll. Ihr Nahrungsbedarf ist zwar gering; аber sie kаnn, gleichviel ob sie hungrig ist oder nicht, eine Maus nicht erblicken, ohne sich auf sie zu stürzen, fängt daher mehr Mäuse, als sie verzehrt. Günstigenfalls trägt sie letztere ins Versteck und holt sie gelegentlich daraus hervor, wenn sie im Jagen unglücklich war. Nur bei sehr großem Hunger frißt sie eine geschlagene Maus sofort; in der Regel reißt sie ihr den Kopf ab und trägt dаs übrige, wenn auch nur für kurze Zeit, einem Versteckplatze zu. Hat аber ein Paar Junge, dann schleppt es so viele Mäuse heran, wie es irgendwie erjagen kаnn, und belegt mit ihnen, nachdem auch die Jungen gesättigt sind, den ganzen Horst.