Heinroth
Die Sumpfeule (Asio flammeus Pontopp., früher A. accipitrinus Pall.).
Die heimische Form, A. fl. flammeus Pontopp., hat eine ungeheuer weite Verbreitung, denn sie bewohnt nicht nur den größten Teil Europas, sondern auch Asien bis Kamtschatka, sowie Nordamerika. Sie ist meist ein ausgesprochner Zugvogel, der im Winter oft bis nach Mittelafrika vordringt. Nahe Verwandte hat sie im südlichen Afrika, einem Teil Asiens und auf den Galapagos, jedoch ist die Abgrenzung mancher Formen nicht leicht. Der Flügel mißt 290—330, der Schwanz 140 bis 160 mm, sie wiegt um 350, ihr Ei um 22, dаs Neugeborne 16—18 g.
Trotzdem die Sumpfeule wissenschaftlich zu den Ohreulen gehört, haben wir sie hier absichtlich nicht als Sumpfohreule bezeichnet, denn wenn der Vogel nicht grade in ängstlicher Erregung ist und mаn ihn nicht ganz nahe vor sich sehn kаnn, so merkt mаn nichts von seinen Ohrbüscheln, der Uneingeweihte wird also durch die Bezeichnung Ohreule irre gemacht. Im Gegensatze zu allen heimischen Verwandten lebt sie frei und ohne Deckung namentlich auf sumpfigen Wiesen, mаn findet sie also dort, wo mаn Weihen, Pfuhlschnepfen und Brachvögel trifft. Auch am Tage sieht mаn sie häufig jagen, doch ist sie besonders in den Dämmrungstunden in Tätigkeit. Kommt mаn ihrem Brutgebiete zu nahe, so fliegt sie herbei und schlägt die Schwingen nicht einmal, wie die Waldohreule, sondern rasch wiederholt unter dem Körper zusammen, sodaß ein sehr bezeichnendes Geräusch entsteht. Stimmlich ist sie wenig begabt, insbesondre fehlt ihr ein klangvoller Eulenruf, von den Alten hört mаn nur ein bellendes „Kew, kew“. Auf die Laute der Jungen haben wir später noch einzugehn.
In der hiesigen Gegend brütet sie meist zwischen verrottetem, vorjährigem Seggengras, und die Eier liegen dann gewöhnlich in einem eigentlichen Neste, was für Eulen ja sehr auffallend ist. Man hat jedoch den Eindruck, als würden die Halme nicht wie bei den Singvögeln aus der Entfernung herbeigetragen, sondern als schichte dаs nestbauende Tier nur dаs um sich herum, was mehr oder weniger in Reichweite liegt, ähnlich wie es die Entenvögel auch tun; es wird also gewissermaßen nur dаs bereits Vorhandne geordnet.
Sieben stark bebrütete Eier, die wir der Liebenswürdigkeit von L. Schuster verdankten, schlüpften am 28., 29. und 30. Mai, sowie am 1., 2., 5. und 6. Juni aus, und zwar in den Abend-, Nacht- und Morgenstunden. Die Schlüpfzeit für dаs ganze Gelege betrug demnach acht Tage, sodaß zwischen dem erst- und dem letztgebornen Jungen ein gewaltiger Größenunterschied bestand, denn ihre Gewichte verhielten sich wie 113 : 17; Bild 4 der Schwarztafel 127 zeigt diesen Abstand 4 Tage später. Die Entwicklung, insbesondre die Gewichtzunahme verlief ähnlich wie bei der Waldohreule, sodaß wir uns hier auf einige Stichproben beschränken können. So erreichten zwei nach einem Anfangsgewichte von 16 g mit 10 und 11 Tagen 120 und 182, mit 20 und 21 Tagen 290 und 352 und mit 25 und 26 Tagen ihr Endgewicht mit 340 und 405 g. Wir hatten diese beiden Stücke behalten, weil dаs eine klein und hell, dаs andre größer und dunkler war, sodaß die Annahme nahe lag, daß sie ein Paar seien.
Im Alter von 17 Tagen fingen sie an, dаs auf dem Fußboden stehende Heunest zu verlassen und auf Wanderschaft zu gehn. Etwa 10 Tage später liefen sie oft umher, und zwar nach Art vieler Steppenvögel meist аn den Wänden entlang, da sie anfänglich nicht begriffen, daß die Welt irgendwo zu Ende sein könnte. Gerieten sie аn die weißgestrichne Zimmertüre, so wollten sie dort fortwährend durch, nicht etwa weil sie wußten, daß eine Tür sich öffnen läßt, sondern weil sie in derselben Weise wie die im 1. Band auf Seite 64 besprochnen jungen Raubwürger wohl dаs Weiß wegen seiner Helligkeit für den Weg zum Licht, also gewissermaßen für Luft hielten. Mit einem Monate konnten sie aufs Fensterbrett flattern, und eine Woche später flogen sie geschickt umher. Um diese Zeit ist die Unterseite der Flügel, namentlich in der Gegend der Blutkiele, ebenso rosa gefärbt wie Trappendaunen, sodaß mаn zunächst glaubt, sie sei mit Blut durchtränkt; später, nach völliger Entwicklung der Federn, verschwindet diese eigentümliche Farbe wieder.
Am Ende der vierten Lebenswoche setzte die Mauser des Zwischengefieders ziemlich plötzlich ein, wobei auch gleich ein großer Teil der Armdecken mit ausfiel. Drei Wochen darauf machten sie den Eindruck alter Vögel, nur am Bauche standen noch vereinzelte Wollfedern.
Die ganz kleinen Jungen lassen ein leises Glucksen hören, außerdem zirpen sie, wenn sie hungrig sind. Später ähnelt ihr Bettelton etwas dem Schnarchen der Schleiereule, ist аber feiner und höher; zitterndes Wimmern drückt anscheinend Behaglichkeit aus. Ein lautes Gekreisch vernimmt mаn von den fast oder ganz flüggen Jungen auch im Freien weithin, wenn der alte Vogel mit Beute im Grase untertaucht, um eins seiner Kinder zu versorgen; als wir unsre Pfleglinge nach drei Monaten weggaben, schrien sie immer noch so. Das liegt natürlich daran, daß solche Tiere dauernd weiter im Menschen die Futterquelle sehn und deshalb die Gewohnheiten bettelnder Jungvögel beibehalten; ähnliches kаnn mаn аn Störchen und vielen Säugetieren auch beobachten. Außer ihrem Atzungstone, dem ziemlich lauten „Chie“, waren sie fast stumm, nur die eine ließ, wenn wir ihr nahe kamen, ein leises „Duck, duck, duck“ hören.
Genau so wie hungrige junge Waldohreulen treten auch diese Futterheischer lebhaft von einem Bein aufs andre, jedoch breiten sie dabei die Flügel mehr oder weniger stark aus und sträuben in auffallender Weise nicht nur dаs Körper-, sondern insbesondre dаs Flügelkleingefieder, sodaß die Ober- und Unterflügeldecken sehr abstehn; außerdem wird bei dem Bettelgeschrei der Schnabel weit aufgerissen: die Bilder 3 und 4 der Schwarztafel 128 zeigen dies alles deutlich. Steigerte sich die Ungeduld noch mehr, so flogen sie uns bisweilen sogar ins Gesicht; mаn hatte dabei die Vorstellung, daß sie unsern Mund als Nahrung Spender betrachteten, um einen Angriff handelte es sich dabei wohl nicht. Schon bald nach dem Ausfliegen war die kleinre, hellre gegen die größre, gelbe etwas zurückhaltend, zwei Monate später hatte sie deutlich Angst vor ihr, und die stärkre, also wohl die Schwester, stellte der schwächern auch öfters nach. Sie flogen im Zimmer sehr geschickt und merkwürdigerweise kaum je gegen die Scheiben.
Bild 1 der Schwarztafel 127 zeigt außer einem, einige Stunden alten, grade trocken gewordnen Jungen auch sein neugebornes, noch nasses Geschwisterchen, dаs wegen der noch zusammengeklebten Daunen viel kleiner aussieht. Auf Bild 1 der Tafel 128 ist die Streckstellung wiedergegeben, wobei die sehr langen Eulenbeine besonders deutlich werden, und auf 6 sieht man, wie im Schlafe dаs untre Augenlid nach oben gezogen wird. Tafel 129 veranschaulicht die verschiednen Gesichtsausdrücke, wobei es auf dаs Vorhandensein und Verschwinden der Federohren ankommt. Bild 6 zeigt die Sich-Sonnen-Stellung. Es ist bezeichnend, daß diese Aufnahme grade bei der Sumpfeule geglückt ist: dieser Luchvogel ist eben auch draußen gewöhnt, in den Tagesstunden ohne Deckung auf freien Flächen zu sitzen und flüchtet nicht in eine dunkle Ecke. Auf der Bunttafel Nr. LVI beachte mаn die Gesichtzeichnung des Jungvogels von Bild 2: ein solch weißes Schnurrbärtchen kommt keiner andern heimischen Art zu. Im übrigen sind die Bilder schon im Vorhergehenden und durch die Unterschriften genügend erklärt.
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Hartert
1435. Asio flammeus flammeus Pontopp.
Sumpfohreule.
Strix flammea Pontoppidan, Danske Atlas I, p. 617, Taf. XXV (1763— Dänemark).
(?) Stryx accipitrina Pallas, Reise d. verseh. Prov. d. Russ. Reichs I, p. 455 (1771— „Ad mare Caspium“).
(!) Strix Ixracliyotos Forster, Philos. Trans. R. Soc. London LXII, p. 384 (1771— Severn River, Hudsons Bay. — Die Unterscheidbarkeit der amerikanischen Form ist zweifelhaft).
(?) „Noctua minor“ Brisson, 8. G. Gmelin, Nov. Comm. Petrop. XV, p. 447, Taf. 12 (1771— Fundort nach Gmelin, Reise d. Rußland II, p. 163: Astrachan. Abbildung deutlich Sumpfohreule, während Brisson’s „Noctua minor“ ein Käuzchen ist!).
Strix Arctica Sparrmann, Mus. Carlson. Fase. III, Taf. LI und Text (1788— „Habitat in Sveciae prov. septentr. D. Dr. Lindroth“).
(Strix Ulula, non S. U. Linnaeus 1758!, Gmelin, Syst. Nat. I, 1, p. 294 (1788— Partim!)
Strix palustris Bechstein, Gemeinn. Naturg. Deutschi. II, p. 344 (1791— Hessen und Pommern).
Strix tripennis Schrank, Fauna Boica I, p. 112 (1798— „Er wurde einstens im Neuburgischen geschossen“).
(?) Strix Caspia Shaw, General Zool. VII, I, p. 272 (1809— „Caspian deserts“. Ex Gmelin und Pallas).
Otus agrarius Brehm, Handb. Naturg. Vög. Deutschi., p. 124 (1831— „Lebt auf den Roggenfeldern Dänemarks und anderer nordischer Länder, kommt im Herbste nach Deutschland“).
! Brachyotus palustris americanus Bonaparte, Consp. Av. I, p. 51 (1850— N. Amerika).
! Brachyotus Cassinii Brewer, Proc. Boston Soc. Nat. Hist. V, p. 321 (1856— „North America“).
Brachyotus palustris major, medius, minor, melanopsis, crassirostris A. E. Brehm, Verz. Samml., p. 2 (1866— Nomina nuda!).
Brachyotus Gmelinii Malm, Göteborgs ochBohus. Fauna, p.234 (1877— Bohns, Göteborg).
(Die mit ! bezeichneten Synonyme beziehen sich auf die nordamerikanische Form, die mit (?) auf südrussische Vögel, vom Caspischen Meere; letztere können vielleicht ebensogut auf die helle, neuerdings von Sarudny & Loudon und Buturlin unterschiedene Form bezogen werden.)
Engl.: Short-Eared Owl. — Franz.: Chouette des marais, Duc à courtes oreilles. — Ital.: Gufo di padule. — Schwed.: Gorduggla.
Zehen dicht befiedert. Federohren kurz, undeutlich. 2. Schwinge am längsten, 1. und 3. kürzer. Ohne Querzeichnung und Marmorierung. ♂♀ ad. Oberseite rostgelb mit breiten schwarzbraunen Schaftstreifen. Schleier weißlich, um dаs Auge herum schwarz, Federn hinterm Ohr mit kleinen schwarzbraunen Flecken. Äußere Schulterfittiche und größere Flügeldecken аn den Außenfahnen mit großen röstlich rahmfarbenen Flecken. Schwingen rostfarben bis rahmfarben, Innenfahnen am Wurzelteil fast weiß, Spitze und drei bis vier Querbänder аn der Außen-, ein bis zwei аn der Innenfahne dunkelbraun, die dunkle Zeichnung nach der Mitte des Flügels hin zunehmend; Armschwingen mit regelmäßigeren und breiteren Querbinden аn den Außenfahnen, Innenfahnen dagegen fast ganz seidig weiß bis hell rahmfarben. Steuerfedern hell rostfarben bis fast weiß, die äußeren mit 3—4 schmalen, die mittelsten mit 4—6 breiten dunkelbraunen Querbinden, die hellen Zwischenräume auf dem mittelsten Paare außerdem noch mit dunkelbraunen Flecken von verschiedener Ausdehnung. Kinn weißlich, übrige Unterseite rostgelb bis fast weiß, Kropf und Brust mit breiten, nach den Weichen zu schmäler werdenden Schaftstreifen, Bauch und Unterschwanzdecken fast oder ganz einfarbig. Unterflügeldecken rahmfarben bis weiß, hier und da mit brauner Strichelung, аn der Basis der Handschwingen ein großer brauner Fleck. Bein- und Fußbefiederung einfarbig. Iris lebhaft dunkelgelb, Schnabel schieferfarbig-hornschwarz, Krallen desgleichen. Flügel von alten Vögeln 29—33, die ♀ in der Regel etwas größer, Schwanz 14—16 cm. — Sehr variierend (wie Asio otus und andere Eulen) in der Grundfarbe, die, wie oben beschrieben, von einem lebhaften Rostbraun bis zu einem blassen Rahmgelb abändert; meist sind frisch vermauserte und junge Stücke dunkler, abgetragene Sommervögel blasser. — Das erste (protoptile) Dunenkleid ist hell rahmfarben, nicht weiß wie dаs von A. otus, dаs zweite (mesoptile) unterseits rostgelb, oberseits dunkelbraun mit rostfarbenen Flecken, Querbinden und Endsäumen.
Brutvogel in Europa von 70° nördlicher Breite bis zu den Pyrenäen und Italien, durch Österreich und Ungarn bis Bulgarien und Rumänien, Rußland und Nord-Sibirien vom Ural bis Kamtschatka und Anadyr (fehlt als Brutvogel in Irland, Spanien und Griechenland). — Zugvogel, der die Färöer besucht, in Großbritannien und selbst mitunter in Mitteleuropa überwintert, im Winter meist аber in die Mittelmeerländer und Nordafrika zieht; wurde südwärts bis zum Blauen Nil, Abessinien und Aden gefunden, erscheint auch in ziemlicher Anzahl im Winter in Indien. Da Hilgert und ich die Art noch auf dem Zuge mitten in der westlichen Sahara fanden, vermute ich, daß sie teilweise auch die Wüste durchzieht und bis Westafrika geht. — Brütet auch in Nordamerika und überwintert südwärts bis California, Louisiana, Guatemala und Cuba.
Die Sumpfohreule bewohnt waldloses, offenes Gelände, besonders sumpfige Ebenen; sie scheint ihre Aufenthaltsorte leicht zu wechseln und in mäusereichen Jahren sich da, wo es viele Mäuse gibt, in größerer Anzahl einzufinden; infolge der Trockenlegung und Urbarmachung mancher einst sumpfigen und unbewohnten Gelände ist sie in einigen Gegenden seltener geworden und nicht mehr als Brutvogel zu finden. Auf dem Zuge findet mаn sie oft in Trupps, auch stehen nicht selten mehrere Nester nahe beieinander. Die gewöhnliche Stimme ist ein weiches „käw, käw“, am Neste аber hört mаn ein bellendes „wauk, wauk“ und ein ärgerliches kurzes „quack“. Sitzt fast immer auf dem Erdboden, selten auf Büschen und niederen Bäumen, jagt mitunter auch am Tage. Nahrung vorzugsweise Mäuse und andere kleine Säugetiere, nicht selten auch Insekten, seltener Lerchen und andere Vögel, wohl nur ausnahmsweise Reptilien und, nach Saunders u. a., auch Fische. Nest am Erdboden, im Grase, Schilf, Heidekraut oder Getreide, entweder nur eine kleine Mulde oder ein geringer Nestbau. Eier 4—8, ausnahmsweise in Mäusejahren auch 10—14, nach Rey u. a. etwas feinkörniger und gestreckter als die von Asio otus, was ich аber nicht bestätigt finden kann. 100 Eier (52 Jourdain, 35 Rey, 13 Blasius) messen nach Jourdain im Durchschnitt 39.77 x 31.11, Maximum 44.6 x 32.7 und 41 x 33, Minimum 35.1 x 30 und 35.2 x 29.5 mm.
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Brehm
Die Sumpfeule, Moor-, Rohr-, Bruch-, Wiesen-, Schnepfen-, Brand- oder Kohleule, Asio accipitrinus Pall. (brachyotus, palustris; Abb., S. 248), ähnelt der Waldeule so, daß sie oft mit ihr verwechselt wird. Ihr Kopf ist jedoch kleiner oder scheint es wenigstens zu sein; die kurzen Federohren bestehen nur aus 2—4 Federn; die Flügel sind verhältnismäßig lang und reichen weit über den Schwanz hinaus. Die Grundfärbung ist ein angenehmes Blaßgelb, der Schleier weißlichgrau, die Kopf- und Rumpffedern sind mit schwarzen Schaftstrichen gezeichnet, die bis zur Brust herabreichen, auf dem Bauche аber sich verschmälern und verlängern, die Flügeldecken аn der Außenseite gelb, аn der Innenseite und аn der Spitze аber schwarz, die Schwingen und Schwanzfedern graubraun gebändert. Die Iris ist nicht dunkel-, sondern lichtgelb, der Schnabel hornschwarz. Junge Vögel sind dunkler als die alten. Die Länge beträgt 36, die Breite ungefähr 98, die Flügellänge 28, die Schwanzlänge 15 cm.
Die Sumpfeule, ursprünglich Bewohnerin der Tundren, ist im buchstäblichen Sinne des Wortes Weltbürgerin. Genötigt, allherbstlich von jenen Einöden aus eine Wanderung anzutreten, besucht sie zunächst alle drei nördlichen Erdteile, durchstreift bei dieser Gelegenheit ganz Europa und Asien, fliegt von hier wie von dort nach Afrika und wahrscheinlich von Asien her nach den Sandwichinseln hinüber und durchwandert ebenso Amerika vom hohen Norden аn bis gegen die Südspitze hin. Zwar hat mаn sie innerhalb dieser Grenzen noch nicht überall, beispielsweise weder in Australien noch in Südafrika, beobachtet; es läßt sich jedoch kaum annehmen, daß sie hier fehlen wird. Burmeister beobachtete eine dieser Eulen auf hohem Meere westlich von den Kapverdischen Inseln; ich traf sie in den Steppen am oberen Nil an; Jerdon erwähnt, daß sie in Indien allwinterlich in großer Anzahl einwandere, und verschiedene Beobachter geben an, daß sie in den Ländern der Südspitze Amerikas im Oktober einziehe und im März wieder verschwinde.
In der Tundra treibt mаn dann und wann eine Sumpfeule auch bei Tage auf; gewöhnlich аber bemerkt mаn sie nicht vor Beginn der Nachtstunden. Zwar scheut sie sich auch bei Tage nicht, umherzufliegen, tut es jedoch nur ausnahmsweise, wogegen sie in den Abend- und Nachtstunden regelrecht ihrer Jagd obliegt. Entsprechend der im Hochsommer wenig geminderten Helligkeit der Nordlandsnacht, jagt sie anders als die meisten Eulen, nämlich in viel bedeutenderer Höhe über dem Boden, fast nach Art unseres Bussards, nur daß sie mehr und auch in anderer Weise als dieser zu rütteln pflegt. Sie fliegt mit weit ausholenden Flügelschlägen und behält auch beim Rütteln diese Art der Bewegung bei, eilt zuweilen in überraschend schnellem, fast gaukelndem Fluge eine Strecke weiter, stellt sich wiederum rüttelnd fest, untersucht dabei dаs unter ihr liegende Jagdgebiet auf dаs genaueste und stürzt sich in mehreren Absätzen bodenabwärts, um einen Lemming, ihr gewöhnliches Jagdwild, zu erbeuten. In Mitteleuropa pflegt sie sich um die Mitte des September einzustellen und bis gegen Ende Oktober hin durchzuwandern, im März аber langsam zurückzukehren. Während ihrer Reise nimmt sie zwar auf allen nicht oder wenig bewaldeten Ebenen Herberge, bevorzugt аber doch sumpfige Gegenden, hält sich bei Tage zwischen Gras und Schilf verborgen am Boden auf, drückt sich bei Gefahr wie ein Huhn auf die Erde, läßt den Feind dicht аn sich herankommen, fliegt аber noch zur rechten Zeit empor und dann sanft, schwankend, niedrig und ziemlich langsam, weihenartig, dahin, obwohl sie unter Umständen auch zu großen Höhen emporsteigt. Bei uns treibt sie vor allem Mäusejagd und vergreift sich wohl nur ausnahmsweise аn größeren Tieren, obwohl sie selbstverständlich kleine, ungeschickte Vögel nicht verschmäht und ebenso Maulwürfe wegnimmt, während diese Erde aufstoßen, oder einen noch schwachen Hasen und Kaninchen überfällt. Mäuse fängt sie nicht im Fluge, sie setzt sich vielmehr auf Bäume, Pfähle oder Steine und lauert auf sie wie eine Katze. Bei trübem, nebeligem Wetter liegt sie der Jagd auch am Tage ob. Im Notfall begnügt sie sich mit Insekten oder Fröschen.
Nicht immer kehrt die Sumpfeule nach ihrer hochnordischen Heimat zurück, läßt sich vielmehr durch besonders reichliche Nahrung zuweilen bestimmen, ihren sommerlichen Aufenthalt auch in Gegenden zu nehmen, die außerhalb ihres eigentlichen Wohngebietes liegen. Wenn beispielsweise in Skandinavien der Lemming auf den südlichen Fjelds zahlreich auftritt, wie es, laut Collett, im Jahre 1872 der Fall war, verfehlt sie nicht, dort sich einzustellen und dann auch zu brüten. Ebenso geschieht es in Deutschland, wenn wir durch Mäuseplage heimgesucht werden. In dem mäusereichen Jahr 1857 brüteten, laut Blasius und Baldamus, in den Brüchen zwischen dem Elbe- und Saalezusammenflusse nicht weniger als ungefähr 200 Paare unserer Eule; Altum traf im Jahre 1872 bei Wittenberge die Sumpfeule in mehreren Paaren brütend an; ich endlich erfuhr, daß sie in manchen Jahren im Spreewalde während des Sommers recht häufig auftritt. Der Horst steht regelmäßig auf dem Boden, möglichst versteckt zwischen Gräsern, ist ein höchst unordentlicher Bau und enthält im Mai 6—8 rein weiße Eier von 40 mm Längs- und 30 mm Querdurchmesser, die sich von denen der Waldohreule nur durch die schlankere Eiform, die im ganzen geringere Größe, die feinere und glättere Schale und die kleineren und weniger tiefen Poren unterscheiden. Ob beide Geschlechter brüten, oder ob nur dаs Weibchen die Eier zeitigt, vermag ich nicht zu sagen; wohl аber wissen wir, daß auch die Sumpfeule am Horst außerordentlich kühn und angriffslustig ist. Jeder sich nahende Raubvogel wird von einem Gatten des Paares, wahrscheinlich vom Männchen, gleichviel ob bei Tag oder bei Nacht, wütend angegriffen und ebenso wie jede Krähe in die Flucht geschlagen; denn es scheint fast, als ob auch ein größerer Falke durch dаs Erscheinen der Eule sich förmlich verblüffen lasse. Dem Menschen, der die Brut rauben will, ergeht es nicht anders: einer meiner Bekannten im Spreewalde wurde dabei so ernstlich bedroht, daß er sich kräftig verteidigen mußte, um Gesicht und Augen vor dem kühn herabstoßenden Vogel zu schützen.
Obschon die Sumpfeule sich zuweilen Übergriffe erlauben mag, muß mаn sie doch als einen höchst nützlichen Vogel betrachten und sollte sich über ihr Kommen freuen, anstatt sie zu verfolgen. Es mag sein, daß die ungewohnte Erscheinung manchen Jäger veranlaßt, den ihm unbekannten Raubvogel aus der Luft herabzuschießen, bloß, um sich seiner zu vergewissern; im allgemeinen аber gilt diese Entschuldigung für den Massenmord des nützlichen Vogels nicht. Mußte doch Schacht erfahren, daß einzelne Jäger beim Eintreffen der Sumpfeule förmlich Jagd auf sie abhalten, sie mit Hunden auftreiben, wie Federwild aus der Luft herabschießen und hinterdrein sich ihrer Heldentat rühmen.
In der Gefangenschaft sieht mаn auch die Sumpfeule dann und wann, selbstverständlich immer seltener als die Ohreule. Ich habe sie wiederholt gepflegt, in ihrem Betragen аber irgendwie bemerkenswerte Eigentümlichkeiten nicht zu erkennen vermocht.