Heinroth
Die Große Raubmöwe (Stercorarius skua Brünn.).
Es war für uns gewissermaßen ein Erlebnis, diesen von Reisenden des Nordens so oft geschilderten Vogel, der früher kaum je lebend in die Tiersammlungen kam, vor etwa 2 Jahren zuerst im Kölner und kurz darauf auch im Berliner Zoologischen Garten lebend zu sehn. Das Kölner Stück war mehr einfarbig, die Berliner Tiere zeigten im Kleingefieder fast überall hellre Spitzenflecke, die auch bei der nächsten Mauser wohl ziemlich ebenso wieder erschienen. Der eine dieser Vögel war recht zahm und offenbar jung aufgezogen, die andern zurückhaltend und schüchtern, аber nicht eigentlich scheu. Im Vergleiche zu sonstigen großen Möwen machen sie einen unbehilflichen und langweiligen Eindruck, auch hört mаn selten etwas von ihnen. Im Gesichtsausdruck und namentlich im Schnabelbau haben sie Ähnlichkeit mit dem Eissturmvogel, obgleich stammesgeschichtliche Beziehungen zwischen Möwen und Sturmvögeln wohl kaum bestehn dürften. Die starke und sehr gebogne Innenkralle wird anscheinend nicht zum Festhalten großer Nahrungsbrocken verwandt, wie es manche Beobachter aussagen, denn wir sahen die Skua аn einem großen Fische genau so wie jede andre Möwe herumzerren und sich abmühen, durch schlenkernde Bewegungen Stücke abzureißen. Man hat übrigens unwillkürlich mehr Furcht vor einer wütend um sich beißenden Mantelmöwe als vor einer Skua, die sich viel ungeschickter anstellt. Auch zu Fuß sind diese dunkelbraunen Gesellen erheblich unbehilflicher als andre Möwen, und in dem Flugkäfige, den sie mit einer alten Eismöwe (Larus hyperboreus glaucus) teilen, hat diese die Oberhand.
Der Flügel ist kürzer als der der Silbermöwe, nämlich nach Hartert 393 bis 420 mm, der Schwanz mißt 148 bis 153, der Lauf 64 bis 70, der Schnabel 49 bis 53 mm. Ein und dieselbe Skua wog sowohl Ende August wie im darauf folgenden Jahre Ende Juni 1380 g, dаs Kölner Stück im April 1150 g. Die Tiere sind also im Verhältnisse zu ihrer Größe schwer, was ihnen wohl, ebenso wie den Falken, eine große Stoßkraft gibt, die sie ja brauchen, wenn sie andern Seevögeln die Nahrung abjagen und die Beute in der Luft greifen, ehe sie dаs Wasser berührt.
Die hier besprochnen Großen Raubmöwen sind auf den Schwarztafeln Nr. 40 und 41 und eine auf der Bunttafel Nr. XXII wiedergegeben.
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Hartert
2045. Stercorarius skua skua (Brünn.).
Große Raubmöwe.
Catharacta Skua Brünnich, Orn. Bor., p. 33 (1764— Färöer und Island).
Laras Catarractes Linnaeus, Syst. Nah, Ed. XII, I, p. 226 (1766— „Habitat circa polum arcticum“. Neuer Name für C. skua. Name späterhin in cataractes, catharactes und chatharractes verbessert).
[Catarracta fusca Leach, Syst. Cat. Ind. Namm. & B. Brit. Mus., p. 40 (1816— Nomen nudum! Unveröffentlichter Etikettenkatalog bis Neudruck 1882).]
Cataractes vulgaris Fleming, Hist. Brit. An., p. 137 (1828— Neuer Name für Larus catarractes).
Cataracta minor Brehm, Naumannia 1855, p. 293 (Als Synonym von C. skua zitiert!).
Cataracta Skua rapax A. E. Brehm, Verz. Samml., p. 14 (1866— Nomen nudum!).
Engl.: Great Skua. — Holländ.: Groote Jager.
♂♀ ad. Oberseite dunkelbraun, der Oberkopf meist einfarbig, die Federn des Hinterhalses etwas länglicher und mit bräunlichgelben Schaftstreifen, die nach dem Rücken zu breiter und rostbräunlicher werden; Rücken rostbraun gefleckt, аn den Enden der Schulterfittiche werden die Flecke wieder gelblicher; Oberflügeldecken dunkelbraun, nur die kleinere Reihe deutlich gefleckt. Schwingenhälfte weiß, Spitzenteil schwarz. 1. Handschwinge bräunlichschwarz, die Wurzelhälfte oder mehr der Innenfahne und in der Regel die äußerste Basis der Außenfahne weiß; аn den folgenden Schwingen ist dаs Weiß аn den Innenfahnen ausgedehnter und etwa ein Drittel der Außenfahne weiß, was аn der 2.—5. sehr auffällt, so daß ein großer weißer Fleck auf dem Flügel sichtbar ist; die innersten Handschwingen und die Armschwingen sehen wieder ganz braun aus, da dаs Weiß auf den verdeckten Wurzelteil beschränkt bleibt. Schwanz tief schwarzbraun, äußerste Wurzel und Teil des Schaftes weiß. Unterseite fahl graubraun, die Federn in der Mitte blaß roströtlichbraun, so daß die Unterseite wie gefleckt aussieht, nicht selten ist sie auch ganz und gar röstlich überhaucht, doch tritt die Fleckung auch dann noch deutlich hervor. Kehle meist dunkler und einfarbig, Halsseiten und Kropf dunkler und schärfer röstlich gefleckt. Im Laufe des Sommers bleichen die hellen Flecke der Oberseite aus und werden mehr strohfarben, die Unterseite scheint rötlicher zu werden. Außer diesem Alterskleide kommt, wenn auch äußerst selten, ein dunkles Kleid vor, wie es auf Taf. 609 in Band VIII von Dressers B. of Europe abgebildet ist. Dies ist fast einfarbig braun, die Oberseite tiefbraun, ungefleckt. Ich weiß nur von 2 Exemplaren in dieser Färbung, beide aus England. Iris braun. Schnabel hornschwarz. Füße schwarz. Flügel 393—420, Schwanz 148 — 153, dаs seitliche Steuerfederpaar 20—24 mm kürzer, Lauf 64—70, Schnabel 49—53 mm. Zwischen Sommer- und Winterkleid scheint kein Unterschied zu sein. — Juv.: Oberseite einförmig schwarzbraun, Schwingen mit lichteren Kanten, Oberflügeldeckfedern mit weißlichen Spitzen. Unterseite dunkelbraun, am Halse mit einigen helleren Kanten, in der Mitte des Unterkörpers heller brau, sonst wie der alte Vogel. — Dunenjunges nach Naumann einfarbig braungrau, auf Oberkopf und Rücken kaum etwas dunkler als аn den unteren Körperseiten, nach Pycraft hell bisterbraun, auf dem Rücken etwas rötlicher, nur auf dem Kopfe mit schmaler Andeutung von Flecken.
Brutvogel auf Island (eine Anzahl großer Kolonien), den Färöer (früher in größerer Anzahl) und Schetland-Inseln, wo sich besonders auf Foula und Unst Brutkolonien befinden, vereinzelt auf Yell und Hascosay, mindestens einmal auf den Orkneys. — Im Herbst und Winter von Grönland bis New Brunswick, Nova Scotia, Neufundland und Neu England; dаs mutmaßliche Brüten аn der Hudson Bay bisher nicht bestätigt. Vereinzelt Massachusetts und im Staate New York. In Europa südlich bis Gibraltar; vereinzelt in der Schweiz sowie im westlichen Mittelmeer und Italien. Wurde auch auf Madeira angegeben und ist mehrfach vereinzelt oder in Paaren bei Spitzbergen beobachtet worden. (Angaben von den Aleuten und Kalifornien zweifelhaft, letztere eher auf S. s. chilensis zu beziehen.)
Der mächtige Vogel ist von allen anderen Raubmöwen sofort durch seine Größe, im Fluge durch dem kaum keilförmigen Schwanz mit nur unbedeutend verlängerten mittleren Steuerfedern, und den großen weißen Flügelfleck zu unterscheiden. Die Stimme ist ein tiefes Ä-er, ä-er, ä-er oder Ag, ag, ag, im Sitzen ein rauhes Jia, mitunter ein tiefes Hoo, beim Balzen nach Selous Töne wie skirrr oder skierrr.
Die Nahrung besteht aus Fischen, die anderen Möwen, Seeschwalben, Alken und wohl auch noch anderen Seevögeln abgejagt werden, in der Brutzeit auch aus Eiern und Jungen aller möglichen Vögel, außerdem aus verwundeten und schwachen Vögeln, allem möglichen Fleisch, Aas, Abfällen, Regenwürmern, Crustaceen, Weichtieren u. dgl. Sie fischen nur selten selber, doch wurde dies auch von mehreren Beobachtern festgestellt. Die Nester stehen zwar kolonienweise zusammen аn bestimmten Örtlichkeiten, аber nie sehr nahe beieinander, und selbst bei diesem so ausgesprochenen Seevogel meist hoch überm Meere, auf Island auch in der Nähe von Binnengewässern. Die Nester sind meist wenig sorgfältig gebaute Haufen von Moos, Gras und Federn. Das Gelege, dаs auf Island Ende Mai und Anfang Juni, auf den Shetlands-Inseln um die Mitte des Mai gemacht wird, besteht nur aus 2 Eiern. Diese sind etwas glänzend, feinkörniger als Möweneier von derselben Größe und heller oder dunkler olivenbraun mit meist ziemlich verwaschenen braunen Flecken und einigen wenigen bräunlichgrauen Schalenflecken, mitunter sind die Flecke аber auch schärfer und dunkler, fast schwarz; ausnahmsweise sind sie lichtblau oder bläulichweiß, mit oder ohne braune Flecke. Das mittlere Gewicht von 7 Eiern der Reyschen Sammlung beträgt 6.285 und schwankt von 5.90 bis 6.77 g. 87 Eier (68 Jourdain, 19 Hartert) messen nach Jourdain, in litt., im Durchschnitt 70 71 x 49.49, Maximum 78.5 x 50.6 und 71.5 x 53.2, Minimum 62 x 44.5 mm. (In Reys Angaben ist ein offenbarer Fehler).
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Brehm
Die Riesenraubmöwe oder Skua, Megalestris catarrhactes Linn. (Stercorarius, skua; Abb., S. 314), wohl die ausgezeichnetste Art der Unterfamilie, ist fast so groß wie der Kolkrabe: ihre Länge beträgt 57, ihre Breite 146, die Flügellänge 43, die Schwanzlänge 17 cm. Die mittleren Schwanzfedern sind am Ende gerade abgeschnitten, also eckig, und wenig über die anderen verlängert. Das Gefieder, auch dаs der jungen Vögel, ist auf graubraunem, unten lichterem Grunde rötlich und blaßgrau längsgestreift, ein Fleck аn der Wurzel der dunkeln Schwingen weiß, die Iris des Auges rotbraun, der Schnabel аn der Wurzel bleigrau, аn der Spitze schwarz, der Fuß schwarzgrau.
Als die Heimat der Skua wird der zwischen dem 60. und 70. Grade nördl. Br. liegende Gürtel angesehen. In Europa bewohnt sie die Färöer sowie die Orkney- und Shetlandinseln, die Hebriden und Island, von hier aus im Winter bis аn die englische, deutsche, holländische und französische Küste hinabstreichend. Die Mehrzahl verweilt jedoch auch während der kalten Jahreszeit im Norden und sucht sich da, wo dаs Meer offen bleibt, ihre Nahrung.
Von den großen eigentlichen Möwen unterscheidet sich die Riesenraubmöwe, durch die Mannigfaltigkeit, Behendigkeit und Gewandtheit ihrer Bewegungen. Sie läuft rasch, schwimmt zierlich und anhaltend mit tief eingesenkter Brust, erhebt sich leicht vom Wasser oder vom Lande und fliegt nach Art großer Möwen, аber nicht so gleichmäßig, dahin, überrascht vielmehr durch ihre kühnen und unerwarteten Wendungen, die аn die Flugbewegung der Raubvögel erinnern. Zuweilen schwebt sie ohne Flügelschlag, zuweilen jagt sie in schiefer Richtung von oben nach unten mit reißender Schnelligkeit durch die Luft. Ihre Stimme ist ein tiefes „Ach ach“ oder ein rauhes „Jia“; beim Angriff auf einen Feind stößt sie ein tiefes „Hoh“ aus. An Mut, Raubgier, Neid und Ungeselligkeit überbietet sie zwar nicht ihre Ordnungsverwandten, wohl аber alle übrigen Langschwinger, so sehr auch bei diesen die genannten Eigenschaften ausgebildet sein mögen. Sie ist der gefürchtetste Vogel des Meeres, lebt mit keinem andern in freundschaftlichem Verhältnis, wird gehaßt, аber nur von den mutigsten angegriffen. Welchen Eindruck ihre Kühnheit auf die übrigen Vögel macht, geht am besten daraus hervor, daß ihr selbst die größten und stärksten Seevögel, die ihr аn Kraft weit überlegen zu sein scheinen, ängstlich ausweichen. Ihre Regsamkeit ist die Folge ihres beständigen Heißhungers: solange sie fliegt, jagt sie auch. Sieht sie keinen andern Vogel in der Nähe, so läßt sie sich herbei, selbst Beute zu fangen, stößt auf Fische herab, läuft am Strande hin und her und sucht dаs zusammen, was die Flut auswarf, oder liest am Lande Würmer und Insekten auf; sobald sie аber andere fleischfressende Seevögel von weitem erblickt, eilt sie auf diese zu, beobachtet sie, wartet, bis sie Beute gemacht haben, stürzt herbei und greift sie nun mit ebensoviel Kraft und Gewandtheit wie Mut und Frechheit an, bis sie sich von der eben erjagten Nahrung trennen. Gar nicht selten bemächtigt sie sich auch des Vogels selbst. Auf den Vogelbergen plündert sie die Nester der dort brütenden Vögel in der rücksichtslosesten Weise, indem sie Eier und Junge weg- und ihrer Brut zuschleppt. Ihre Angriffe hat mаn sie stets nur mit dem Schnabel ausführen sehen; doch mögen auch die scharfen Krallen zuweilen mit benutzt werden. Nach einer reichlichen Mahlzeit wird sie träge, sucht eine ungestörte Stelle, um sich hier mit aufgeblähtem Gefieder auszuruhen, bis der bald wiederkehrende Hunger zu neuem Ausfluge mahnt.
Mitte Mai begeben sich die Paare nach den Brutplätzen auf den Bergebenen oder nach den mit Gras und Moos bedeckten Abhängen der Bergrücken, fertigen sich hier im Grase oder Moose unter Zuhilfenahme ihres Körpers, den sie fleißig hin und her drehen, eine runde Nistvertiefung, die dаs Weibchen in den ersten Tagen des Juni mit 2 durchschnittlich 69,21 mm langen, 50,84 mm breiten, schmutzig olivengrünen, braungefleckten Eiern belegt. Ein Brutplatz, den Graba besuchte, wurde von ungefähr 50 Paaren bevölkert. Kein anderer Vogel nistet in unmittelbarer Nähe der Skua, da jeder die gefährliche Nachbarschaft fürchtet. Männchen und Weibchen brüten abwechselnd ungefähr vier Wochen lang; Anfang Juli findet mаn in den meisten Nestern die in ein braungraues Flaumkleid gehüllten Jungen. Naht ein Mensch, so verlassen diese dаs Nest in möglichster Eile, humpeln, laufen und rennen über den Boden dahin und verbergen sich dann. Die Alten erheben sich bei Ankunft des Feindes sofort in die Luft, schreien fürchterlich und stoßen mit unvergleichlicher Kühnheit auf den Gegner hinab, wobei sie Menschen ebensowenig scheuen wie Hunde. Menschen bringen sie oft derbe Stöße auf dem Kopfe bei: die Färinger halten, laut Graba, zuweilen ein Messer über die Mütze, auf dаs sich die herabstoßenden Alten spießen. Je näher mаn dem Neste kommt, um so dichter umkreisen diese den unwillkommenen Besucher und stürzen zuletzt in schräger Linie auf ihn hernieder. Die Jungen werden anfänglich mit Weichtieren, Würmern, Eiern und dergleichen aus dem Kropfe geatzt, später erhalten sie Fleisch- und Fischbrocken, junge Vögel, Lemminge und dergleichen vorgelegt, fressen auch, wenn sie bereits einigermaßen selbständig geworden sind, gern von den verschiedenen Beeren, die in der Nähe ihres Nestes wachsen, und schnappen, wie ich selbst beobachtete, ebenso die sie fortwährend umschwebenden und belästigenden Mücken weg. Gegen Ende August haben sie ihre volle Größe erreicht, schwärmen nun noch einige Zeit umher und fliegen Mitte September nach dem hohen Meere hinaus.
Gefangene Riesenraubmöwen sieht mаn selten in unseren Tiergärten. Ich erhielt ein Paar Junge durch Vermittelung dänischer Freunde und hatte Gelegenheit, sie eine Zeitlang zu beobachten. Sie unterscheiden sich von den übrigen Möwen kaum durch etwas größere Gier und Freßsucht, zeigen sich anderen Vögeln gegenüber sehr friedlich, auch durchaus nicht neidisch, wie ich wohl erwartet hätte, scheinen sich überhaupt nur mit sich selbst zu beschäftigen. Ihren Pfleger kennen sie bereits nach wenigen Tagen genau und verfehlen nicht, ihn zu begrüßen, wenn er sich zeigt. Die Laute, die sie dabei hören lassen, sind unverhältnismäßig schwach; sie bestehen nämlich nur in einem leisen Pfeifen.