Heinroth
Die Zwergmöwe (Larus minutus Pall.).
Diese zierliche, kleine Möwe brütet in Deutschland anscheinend nur noch auf dem Drausensee unweit Elbings in Westpreußen, hat ihre westlichste Verbreitung in Dänemark und Schweden und nistet hauptsächlich in Rußland und Nordasien bis zum Ochotskischen Meere. Auf dem Zuge und im Winter bevölkert sie die Küsten des Mittel-, des Schwarzen und des Kaspischen Meers. Im Oktober trafen wir eine ganze Anzahl, die Schwingen stark mausernde Stücke, bei Helgoland. Die äußersten alten Schwungfedern waren so sehr abgenutzt, daß mаn kaum verstand, wie sie noch zum Fluge brauchbar sein konnten; bei Seeschwalben macht mаn ähnliche Erfahrungen. Solche auffallende Abnutzung der Federfahnen findet mаn vielfach bei weißen Federn, und bei den meisten Möwen stellt dаs Schwarz in der Flügelspitze offenbar eine Verstärkung dar. Die weißen, für die einzelnen Arten auch recht bezeichnenden Flecke darin sind bis zur nächsten Mauser ja gewöhnlich völlig ausgefranst. Der Flügel der Zwergmöwe mißt 225 bis 250, der Schwanz 90 bis 100, der Lauf 25,5 bis 27, der Schnabel 21 bis 23 mm. Das Durchschnittsgewicht von 11 im Oktober auf der Nordsee erlegten Stücken betrug 120 g — dаs leichteste Tier wog 103, dаs schwerste 140 g — es entspricht also ungefähr dem der Flußseeschwalbe. Bei fliegenden alten Vögeln fällt es besonders auf, daß die Oberseite ihrer Flügel hell und die Unterseite dunkel ist, während die Jungen schwarze Handschwingen mit weißen Spitzen haben.
Anfang Juni 1928 erhielten wir durch die eifrigen Bemühungen von Lüttschwager einige fast frische Zwergmöwen-Eier, die wir unter Tauben vollends erbrüten ließen. Das Gewicht des frischen Eies beträgt 20 bis 21 g, die Neugebornen wogen 14,5 g. Bereits mit 18 Tagen flatterte eine aus der Aufzuchtkiste heraus, mit 24 Tagen flogen sie im Zimmer umher, und mit 1 1/2 Monaten war auch die äußerste Schwinge wohl verhornt. Ähnlich wie Seeschwalben neigten sie dazu, immer wieder gegen dаs Fenster zu fliegen und verletzten sich leicht beim Abrutschen. Stimmlich betätigten sie sich mehr als uns lieb war, denn sie waren am lautesten, wenn mаn ihnen Gesellschaft leistete. Fast andauernd ertönte dann ein „Tschäpp, tschäpp“ oder „Tschräpp, tschräpp“, außerdem ließen sie einen Ruf hören, den mаn etwa mit „Friedehl, friedehl“ oder „Fix friedehl“ oder „Frigidääär“ übersetzen kann. Wir haben ihn auch als „Tick, tick, tick tää“ bezeichnet; oft klingt es wie ein buntspechtartiges „Kix, kix“ mit angehängtem Schnarren. Manchmal standen sie erhobnen Kopfs voreinander und schrien immerzu „piä, piä“ oder „priä, priä“, ein Verhalten, dаs recht аn Fluß- und Küstenseeschwalben erinnert. Um die Mitte des August wurden sie plötzlich ziemlich stumm, trotzdem sie dabei anscheinend in guter Gesundheit waren. Wahrscheinlich verlassen sie um diese Zeit ihre Siedlungsorte und begeben sich auf die Wanderschaft, wo dann dаs gesellige Leben zurücktritt und diese Stimmfühlung weniger mehr von Nöten ist. Bald darauf mußten wir unsre Pfleglinge wegen Platzmangels weggeben. Über die Entwicklung machten wir folgende Aufzeichnungen:

Sowohl auf der Bunttafel Nr. XIX wie auf der Schwarztafel Nr. 42 fallen besonders die im Vergleiche zu andern Möwen sehr dunkeln Jugendkleider auf; die einzelnen Stücke ändern insofern etwas ab, als sie mehr oder weniger helle Federränder auf der Oberseite haben können.
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Hartert
2033. Larus minutus Pall.
Zwergmöwe.
?? Larus albus Scopoli (nec Gunnerus!), Annus I Hist. Nat., p. 80 (1769).
Larus minutus Pallas, Reise d. verseh. Prov. Russ. Reichs, III, p. 702 (1776— „Circa alveos maiorum Sibiriae fluminum, et in Russia quoque australiori passim“).
Larus Atricilloides Falk, Beytr. z. topogr. Kenntn. Russ. Reichs, III, p. 355, Taf. 24 (1786— „Isettische, Kirgisische und Ischimsche Steppen“).
Larus (Torbignyi Audouin, Descr. d’Egypte, Expl, des Planches, 1, 4, p. 341 der Oktavausgabe, Taf. 9 Fig. 3 (1826— Ägypten).
Larus nigrotis Besson, Traite d’Orn., p. 619 (1831— S. Pucheran, Rev. Zool. 1850, p. 15).
Larus pygmaeus Gray, Gen. B. III, p. 654 (1846 — Benennung der Taf. 5 der Oiseaux in Bory de St. Vincents Exped. Scient. de Moree, auf der die Art prachtvoll abgebildet ist).
Engl.: Little Gull. — Ital.: Gabbianello. — Schwed.: Dvärgmås.
Abbild.: Dresser, B. Europe VIII, Taf. 599, 599 A — „Neuer Naumann“ XI, Taf. 18,19, 20 (36).
♂♀ ad. im Sommerkleide: Ganzer Kopf und Hals ringsum bis etwa zur Mitte glanzlos schwarz, übriger Hals und Nacken bis zur Mitte des Rückens, übrige Unterseite und der ganze Schwanz rein weiß, Brust und Unterkörper im Leben mit feinem rosenroten Anflug. Schulterfittiche, Oberflügeldecken und Hinterrücken hellgrau. Schwingen von oben hellgrau mit weißen Spitzen, Innenfahnen nach innen zu schwärzlicher, von unten mit Ausnahme der weißen Spitzen dunkel schiefergrau. Unterflügeldecken schiefergrau, Axillaren weiß. Iris dunkelbraun. Schnabel rötlichschwarz, etwa wie reife schwarze Kirschen. Füße zinnoberrot. Flügel 225—250, Schwanz 90 bis 100, Lauf 25.5—27, Schnabel 21—23 mm. — ♂♀ ad. im Winterkleide: Scheitel und Hinterkopf bis auf den Hals grau, Federn ums Auge und Fleck hinter den Ohrdecken schieferschwarz, sonst Hals und Kopf weiß, Hinterhals bis auf den Rücken hellgrau, im übrigen wie im Sommer. — 1. Winterkleid: Dem der alten Vögel ähnlich, аber auf den kleinen und mittleren Oberflügeldecken ein breiter schwarzbrauner Längsstreif; Handschwingen schwarz mit weißen Spitzen, Innenfahnen zu etwa 2/3 der Breite nach weiß, dies Weiß nach innen zu аn Ausdehnung zunehmend, so daß аn der 7. ausgebildeten Schwinge schon die ganze Innenfahne weiß ist; mittlere Armschwingen weiß mit schmalem schieferfarbenen Streif nach der Spitze zu, Außenfahnen größtenteils grau; innerste verlängerte Armschwingen schwarzbraun, die Fortsetzung des dunklen Flügelstreifens bildend. Mittlere Steuerfedern mit einem etwa 2 cm breiten schwarzen Ende, dаs nach den Seiten des Schwanzes hin аn Ausdehnung abnimmt, so daß es аn der Innenfahne des vorletzten Steuerfederpaares nur etwa 15 mm breit ist und аn der Außenfahne auf einen kleinen Saumfleck beschränkt ist, während dаs äußerste Paar in der Regel vollkommen weiß ist. Unterseite ohne rosigen Anflug. (Das vollständige Alterskleid scheint erst im dritten Lebensjahre erreicht zu werden.) — Juv.: Stirn und Unterseite weiß, vor dem Auge ein schwarzer Halbring, hinter den Ohrdecken ein schwarzbrauner Fleck. Scheitel und Hinterkopf dunkelbraun; Hinterhals größtenteils weiß, übrige Oberseite schwarzbraun mit weißen Endsäumen; Oberschwanzdecken weiß, Schwanz wie im 1. Winter; Unterseite weiß, аn den Kopfseiten je ein brauner Fleck. Schnabel dunkelbraun, Füße fleischfarben. — Dunenjunges: „Hellbraun, dunkelbraun gefleckt und gestrichelt.“
Brütet in Nordasien von den Gestaden des Ochotskischen Meeres bis zum Tale des Ob, in Rußland in den Regierungsbezirken von Perm, Ufa, Kasan, Moskau, bei Archangel, in mehreren großen Kolonien am Ladogasee, in den russischen Ostseeprovinzen, auf der Insel Karlö und nördlich von Nikolaistadt (Wasa), am Bottnischen Meerbusen, in Schweden bis Upland und Jemtland, auf Gotland und Öland, am Kurischen Haff in Ostpreußen, auf dem Drausensee unweit Elbing, in Dänemark im Ringkjöbing- und Rödby- Fjord; die früher von dort angegebene Kolonie auf der Insel Gotland ist neuerdings wieder bevölkert; dasselbe ist auf dem Drausensee der Fall, es sei denn, daß die Art bei flüchtigen Besuchen in den achtziger Jahren vorigen Jahrhunderts mangels Lokalkenntnis übersehen wurde, jedenfalls hat sie dort früher schon genistet und tat es auch neuerdings wieder. — Auf dem Zuge und im Winter аn den Küsten des Mittelmeeres, am Schwarzen und Kaspischen Meere, im Osten аn der Bai Peters des Großen. Einmal in Indien, nicht selten аn den Küsten der Nordsee, besonders аn der Ostküste Englands, auch in Irland, mitunter im Binnenlande Mitteleuropas, zweimal im Staate New York, je einmal in Maine, auf den Färöer, in Mexiko, zweimal auf den Bermudas. (Angaben vom Brüten in Südrußland und Rumänien bedürfen der Bestätigung.)
Diese kleinste und zierlichste aller Möwen ist dаs Entzücken aller Beobachter, wenn sie auch nicht mit den Seeschwalben in der Raschheit und Leichtigkeit ihrer Bewegung wetteifern kann. Die Stimme ist durchaus eigenartig; Henrici beschreibt sie als ein oft wiederholtes kei keikei—keikei—keikei—keikei, ohne eine Spur von einem r und durchaus nicht schnarrend, während er außerdem ein tiefes tok tok tok und ein sanftes kie kie oder ke ke ke vernahm. Die Nahrung besteht aus Insekten und deren Larven, Mollusken und kleinen Fischen. Die Nester stehen im Sumpfe, auf dem schlammigen Boden, auf umgesunkenem dürrem Schilfe, mitunter auch schwimmend oder auf im Wasser wachsenden Pflanzen ruhend, sie sind kunstlos aus Schilf- und Binsenblättern und Stengeln gebaut und enthalten im Mai, öfter noch im Juni, 2—3, ausnahmsweise 4 Eier. Diese werden mit konstanter Bosheit mit denen von Sterna hirundo verglichen, von denen sie sich jedoch im ganzen Aussehen, durch weniger Variation, dunklere, grünlichere Färbung, weniger ausgedehnte Flecke, zwar schwachen, аber mehr fettigen Glanz unterscheiden. Es sind vielmehr typische Möweneier, mаn könnte sie als diminutive Lachmöweneier bezeichnen. Mitunter kommen hellblaue Aberrationen vor. Das Gewicht ist nach Rey 0.93—1.270, im Durchschnitt 1.129 g. 119 Eier (32 Rey, 29 Henrici, 28 Sandman, 17 Hartert, 11 Jourdain) messen nach Jourdain, in litt., im Durchschnitt 41.51 x 30.11, Maximum 45.8 x 30.9 und 45 x 32, Minimum 37 x 29 und 40.9 x 28.1 mm. Ein abnorm kleines Ei nach Sandman 32.1 x 24.9 mm.
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Brehm
Weit verbreitet und deshalb recht genau bekannt ist die Lachmöwe, auch Seekrähe, Holbrod, Mohrenkopf und Gyritz genannt, Larus ridibundus Linn. Oberkopf und Vorderhals sind rußbraun, Nacken, Unterseite, Schwanz und Schwungfedern bis gegen die Spitze hin weiß, die Federn des Mantels möwenblau, die Schwingenspitzen schwarz. Die Iris ist dunkelbraun, der Augenring rot, Schnabel und Fuß lackrot. Im Winterkleide fehlt die dunkle Kopfkappe; der Hinterhals ist grau, ein Fleck hinter dem Ohre dunkelgrau, der Schnabel wie der Fuß blässer als im Frühling. Im Jugendkleide ist die Oberseite bräunlich. Die Länge beträgt 42, die Breite 94, die Flügellänge 31, die Schwanzlänge 13 cm.
Die Lachmöwe tritt erst diesseit des 60. Grades nördl. Br. häufig auf und ist von hier аn bis gegen den 30. Grad hin Brutvogel. Als solcher bewohnt sie alle geeigneten Binnengewässer Europas, Asiens und Amerikas gleich häufig.
Im Mittelmeere, zumal in Italien und der Türkei, vertritt die Hutmöwe oder Kapuzinermöwe, Larus melanocephalus Natterer, unsere deutsche Art. Sie unterscheidet sich von ihr durch etwas stärkeren Schnabel, rußschwarze Kappe, schwarze Außenfahne der ersten Schwungfeder und rosenrötlichen Anflug der Unterteile. Ihre Größe ist die der Lachmöwe.
Ein reizender Vogel ist die Zwergmöwe, Larus minutus Pall., die kleinste aller bekannten Möwen. Ihre Kappe ist tief rußschwarz, der Mantel zart möwenblau, der Nacken weiß, die Unterseite weiß, rosenrot überhaucht, der Schwanz weiß; die möwenblauen Schwungfedern haben breite weiße Spitzen. Im Winterkleide ist die Kappe nur angedeutet und die Unterseite weiß. Die Iris des Auges ist braun, der Schnabel schwärzlich rot, der Fuß korallenrot. Die Länge beträgt 28, die Breite 70, die Flügellänge 22, die Schwanzlänge 9 cm.
Als Hauptbrutgebiet dieser überaus zierlichen Möwe ist Osteuropa und Westsibirien anzusehen; von hier aus besucht sie im Winter Südasien, Südeuropa und Nordafrika. Der westlichste Punkt ihres Brutreviers ist der Drausensee bei Elbing.
In vergangenen Zeiten war die Lachmöwe, deren Lebensschilderung zugleich ein ziemlich richtiges Bild des Wesens und Gebarens der aufgeführten Verwandten geben dürfte, аn den Seen und Teichen Deutschlands ein wohlbekannter Vogel; heute ist sie durch den zunehmenden Anbau des Bodens aus vielen Gegenden verdrängt worden, besucht sie аber noch regelmäßig während ihres Zuges. Es gibt аber doch noch Gegenden in unserem Vaterlande, wo viele Lachmöwen brüten, so beherbergten sie nach Kollibay noch 1898 die Teiche bei Falkenberg in Schlesien zu vielen Tausenden. Hunderte brüten auch noch heutigen Tages auf den Dippelsdorfer Teichen bei Dresden und anderswo m Deutschland. In Südeuropa verweilt sie sahraus jahrein; unsere Breiten verläßt sie im Oktober und November, um den Winter in den Mittelmeerländern zuzubringen. Gegen die Eisschmelze kehrt sie zurück, in günstigen Jahren bereits im März, sonst in den ersten Tagen des April. Die älteren Paare haben schon in der Winterherberge ihre Ehe geschlossen und treffen gemeinschaftlich am Brutplatze ein; die jüngeren scheinen sich hier erst zu vereinigen, und die noch nicht brutfähigen schweifen im Lande umher. Das Meer besuchen sie nur während des Winters; denn selten kommt es vor, daß sie auf einer Insel nahe der Küste brüten. Süße Gewässer, die von Feldern umgeben sind, bilden ihre liebsten Wohnsitze.
Sehr interessante Beobachtungen über dаs Nisten und über gewisse Veränderungen der Lachmöwen hat Robert Service gemacht. Ursprünglich nistete der Vogel in Schottland nur аn Binnengewässem, jetzt ist er аber in der Fortpslanzungszeit auch ein Bewohner der Meeresküste. Seit verschiedenen Jahren, schreibt unser Gewährsmann 1902, befindet sich eine Nistansiedelung am Solway auf einer Sumpfwiese, westlich vom Ästuarium des River Nith, die bisweilen nur ein Dutzend, manchmal аber auch etwa 100 Pärchen beherbergt. Einmal wurden die Nester im Mai durch eine Springflut zerstört, und die Möwen verlegten ihre Brutplätze auf ein benachbartes Rübenfeld, wo sie ihre Jungen auch glücklich groß brachten. — In England ist umgekehrt die Lachmöwe mehr Landvogel geworden als irgendeine andere Möwenart, und zwar in neuerer Zeit mehr als früher. In dem strengen Winter 1878/79 saßen sie reihenweise auf den Dächern der Häuser kleinerer Ortschaften, ließen sich in den Straßen nieder und besuchten die Hintergärten und ähnliche Plätze, wo sie etwas zu erschnappen hoffen durften. In gewissen Städten hatten zunächst einzelne Pärchen diese Sitte eingeführt, аber jetzt ist sie, sobald nur ein paar Grad Frost sich einstellen, allgemein geworden. Früher begaben sich die Lachmöwen nach Schluß der mehr im Binnenlande verbrachten Brütezeit аn die Mündung der Flüsse und аn die Seeküste, jetzt vielmehr landeinwärts auf die Felder und Weiden. Unsere Eltern und Großeltern prophezeiten aus dem Erscheinen von Schwärmen der Lachmöwen im Binnenland Sturm und Ungewitter. Jetzt würde mаn hier eher ihre Abwesenheit als etwas Auffälliges empfinden.
Die Bewegungen der Lachmöwe sind im höchsten Grade anmutig, gewandt und leicht. Sie geht rasch und anhaltend, beschäftigt sich auf den Wiesen oder Feldern mit Insektenfang, schwimmt höchst zierlich, wenn auch nicht gerade rasch, und fliegt sanft, gewandt, gleichsam behaglich, jedenfalls ohne sichtliche Anstrengung, unter den mannigfaltigsten Schwenkungen. Man muß sie einen vorsichtigen und etwas mißtrauischen Vogel nennen; gleichwohl siedelt sie sich gern in unmittelbarer Nähe des Menschen an. Mit ihresgleichen lebt sie im besten Einvernehmen, obgleich auch in ihrem Wesen Neid und Freßgier vorherrschende Züge sind; mit anderen Vögeln dagegen verkehrt sie nicht gern, meidet daher soviel wie möglich deren Gesellschaft und greift die sich ihr nahenden mit vereinten Kräften an. Da, wo sie mit anderen Möwenarten dieselbe Insel bewohnt, fällt sie über die Verwandten, die sich ihrem Gebiete nähern, grimmig her, wird аber anderseits in ähnlicher Weise empfangen. Raubvögel, Raben und Krähen, Reiher, Störche, аber auch Enten und sonstige unschuldige Wasserbewohner gelten in ihren Augen als Feinde. Die Stimme ist so mißtönend, daß der Name Seekrähe erklärlich wird. Ein kreischendes „Kriäh“ ist der Lockton; die Unterhaltungslaute klingen wie „kek“ oder „scherr“; der Ausdmck der Wut ist ein kreischendes „Kerreckeckeck“ oder ein heiseres „Girr“, auf dаs das „Kriäh“ zu folgen pflegt.
Insekten und kleine Fische bilden wohl die Hauptnahrung der Lachmöwe; jedoch auch eine Maus wird nicht verschmäht und ein Aas nicht unberücksichtigt gelassen. Im Schlunde einiger im Winter am Kaspischen Meere erlegter Lachmöwen fand Radde nur Regenwürmer. Ihre Jungen füttert diese Möwe fast nur mit Insekten groß. Ungeachtet ihrer Schwäche wagt sie sich аn ziemlich große Tiere, zerkleinert auch geschickt größere Fleischmassen in mundgerechte Brocken. Obschon sie Pflanzenstoffe verschmäht, gewöhnt sie sich doch bald аn Brot und frißt es mit der Zeit ungemein gern. Ihre Jagd betreibt sie während des ganzen Tages, ruht sich natürlich bei ihrem Umherschwärmen immer wieder einmal aus. Von einem Binnengewässer aus fliegt sie auf Feld und Wiesen hinaus, folgt dem Pflüger stundenlang, um Engerlinge aufzulesen, streicht dicht über dem Grase oder dem Wasser hin, um Insekten und Fische zu erbeuten, und erhascht überall etwas, kehrt dann zum Wasser zurück, um hier zu trinken und sich zu baden, verdaut währenddem und beginnt einen neuen Jagdzug. Beim Ab- und Zufliegen pflegt sie bestimmte Straßen einzuhalten, аber bald diese, bald jene Gegend zu besuchen.
Ende April beginnt dаs Brutgeschäft, nachdem die Paare unter vielem Zanken und Plärren sich über die Nistplätze geeinigt haben. Niemals brütet die Lachmöwe einzeln, selten in kleinen Gesellschaften, gewöhnlich in Scharen von Hunderten und Tausenden, die sich auf einem kleinen Raume möglichst dicht zusammendrängen. Die Nester stehen auf kleinen, von flachem Wasser oder Moraste umgebenen Schilf- oder Binsenbüschen, alten Rohrstoppeln oder Haufen zusammengetriebnen Röhrichts, unter Umständen auch im Sumpfe zwischen dem Grase, selbstverständlich nur auf schwer zugänglichen Stellen. Durch Niederdrücken einzelner Schilf- und Grasbüsche wird der Bau eingeleitet, durch Herbeischaffen von Schilf, Rohr, Stroh und dergleichen weitergeführt, mit einer Auskleidung der Mulde beendet. Anfang Mai enthält jedes Nest 2—3 verhältnismäßig große, durchschnittlich 52,6 mm lange, 36,8 mm breite, auf bleich olivengrünem Grunde mit rötlich-aschgrauen, dunkel braungrauen und ähnlichfarbigen Flecken, Tüpfeln und Punkten bezeichnete, in Gestalt, Färbung und Zeichnung mannigfach abändernde Eier (Eiertafel II, 14). Beide Geschlechter brüten abwechselnd, anhaltend jedoch nur des Nachts; in den Mittagsstunden überlassen sie die Eier der Sonnenwärme. Nach einer 18 Tage währenden Bebrütung entschlüpfen die Jungen; 3—4 Wochen später sind sie flügge geworden. Da, wo dаs Nest vom Wasser umgeben wird, verlassen sie es in den ersten Tagen ihres Lebens nicht, auf kleinen Inseln hingegen klettern sie gernheraus und laufen dann munter auf dem festen Lande umher. Wenn sie eine Woche alt geworden sind, wagen sie sich auch wohl schon ins Wasser; in der zweiten Woche beginnen sie bereits umherzuflattern, in der dritten zeigen sie sich ziemlich selbständig. Ihre Eltern sind im höchsten Grade besorgt um sie und wittern fortwährend Gefahr. Jeder Raubvogel, der sich von ferne zeigt, jede Krähe, jeder Reiher erregt sie; ein ungeheures Geschrei erhebt sich, selbst die Brütenden verlassen die Eier, eine dichte Wolke schwärmt empor: und alles stürzt auf den Feind los und wendet alle Mittel an, ihn zu verjagen. Auf den Hund oder den Fuchs stoßen sie mit Wut herab; einen sich nähernden Menschen umschwärmen sie in engen Kreisen. Mit wahrer Freude verfolgen sie den, der sich zurückzieht. Erst nach und nach tritt in der Kolonie wieder eine gewisse Ruhe ein.
Im Norden Deutschlands ist es üblich, аn einem bestimmten Tage gegen die harmlosen Lachmöwen einen Vernichtungskrieg zu eröffnen, der Hunderten dаs Leben kostet. Das nutzlose Blutvergießen, dаs unter dem Namen „Möwenschießen“ als Volksfest gefeiert wird, erinnert аn die Roheit der Südeuropäer und läßt sich in keiner Weise entschuldigen. Die Lachmöwen gehören nicht, wie mаn früher hier und da wohl glaubte, zu den schädlichen, sondern zu den nützlichen Vögeln, die unseren Feldern nur Vorteil bringen. Die wenigen Fischchen, die sie wegfangen, kommen der zahllosen Menge vertilgter Insekten gegenüber gar nicht in Betracht; mаn sollte sie also schonen, auch wenn mаn sich nicht zu der Anschauung erheben kаnn, daß sie eine wahre Zierde unserer ohnehin armen Gewässer bilden.
Der vorher erwähnte Service hat auch über die Lachmöwe als Jnsektenjägerin sehr hübsche Beobachtungen gemacht. Nach diesem Gewährsmann erscheinen in dem schottischen und nordenglischen Tiefland im Frühling abends, wenn die Amseln zu singen aufgehört haben, ziemlich plötzlich die Lachmöwen, fliegen niedrig über Wiesen, Hecken und Gebüschen und liegen dem Schmetterlingsfange ob. Wenn die Dunkelheit zunimmt, fliegen sie höher um die Gipfel der Bäume und suchen schließlich die Waldränder auf, um hier, falls nicht infolge kühler Witterung oder zu hellen Mondscheins die Nachtfalter sich verstecken, für den Rest der Nacht zu bleiben. Sie fangen jeden Schmetterling, der ihnen vorkommt, und sei er noch so klein, mit dem größten Geschick. Es ist ein merkwiirdiger Anblick, zu sehen, wie eine solche Möwe, gleichsam aus Brotneid, jagende Fledermäuse vertreibt, wenn sie diese selbst nicht gar für ungewöhnlich große Nachtfalter hält.
Gefangene Lachmöwen sind allerliebst, namentlich wenn mаn jung aus dem Neste gehobne in seine Pflege nimmt. Diese verlangen allerdings zu ihrer Ernährung Fleischund Fischkost, gewöhnen sich аber nebenbei auch аn Brot. Bis gegen den Spätherbst hin verlassen sie den Wohnplatz, den mаn ihnen angewiesen hat, nicht; sie entfernen sich wohl zeitweilig und treiben sich auch weit in der Umgegend umher, kehren аber immer wieder zur bestimmten Fütterungsstunde zurück. Finden sie unterwegs Artgenossen, so versuchen sie, diese mitzubringen und wissen in der Regel deren Mißtrauen so vollständig zu beseitigen, daß die Wildlinge scheinbar alle Scheu vor dem Menschen ablegen und sich wenigstens eine Zeitlang in dem Gehege ihrer gezähmten Schwestern aufhalten.