Print This Beitrag

Glareola pratincola

[Rotflügel-Brachschwalbe]

Heinroth

[keine Beschreibung dieser Art im Werk]

*****

Hartert

1873. Glareola pratincola pratincola (L.). (Fig. 241.)

Brachschwalbe.

Hirundo Pratincola Linnaeus, Syst. Nat., Ed. XII. I, p. 345 (1766—„Habitat ad littora Europas australioris; in Austriae pratis apricis“).

Glareola austriaca Gmelin, Syst. Nat. I, 2, p. 695 (1789— Neuer Name für Hirundo pratincola).

Pratincola Glareola Schrank, Fauna Boica I, p. 209 (1798— Neuer Name für Glareola austriaca. „Im Herzogthume Neuburg, und in der Nachbarschaft der südlichen Gebirgsketten“).

Dromochelidon natrophila Landbeck, Isis 1842, p. 199 (Neuer Name für G. pratincola‘).

„Glareola torquata Briss.“ Brehm, Vogelfang, p. 289 (1855— „Südeuropa und Nordostafrika“).

Engl.: Pratincole; Franz.: Perdrix de mer; Ital.: Pernice de mare; Span.: Canastera.

Abbild.: Dresser, B. Europe VII, Taf. 153; Naumann, Vög. Deutschi. IX, Taf. 234 (1838).

♂ ad. Brutkleid. Oberseite graubraun mit rostgelblichem Anflug, der auf Hinterhals und Nacken deutlich hervortritt. Oberschwanzdecken weiß. Schwingen braunschwarz, Schäfte unterseits weiß, oberseits braun, nur Schaft der 1. ausgebildeten Handschwinge auch oben weißlich. Innere Armschwingen mit breiten weißen Endsäumen, die innersten verlängerten wie der Rücken. Steuerfedern аn der Wurzel weiß, Spitzen ausgedehnt braunschwarz, die mittelsten in frischem Gefieder auch noch mit schmalen weißen Endsäumen. Kehle rostgelb, am Kinn heller, Strich durch die Zügel und unterm Auge, und ein die Kehle umsäumender Halbkreis schwarz, letzterer noch schmal weiß eingefaßt. Kropf graubräunlich mit rostgelbem Anflug, nach der Brust zu gelblicher werdend, Unterkörper und Unterschwanzdecken weiß. Axillaren und innere Uifterflügeldecken rostrot, längste Serie und äußerste Reihen dunkelbraun, letztere mit zwei weißen Flecken und teilweise mit weißlichen Säumen. Iris dunkelbraun. Schnabel schwarz, Wurzel von den Nasenlöchern аn blutrot. Füße schwarzbraun. Flügel 195—202, Schwanz 110—120, Lauf 31 bis 34, Culmen 20—21.5, vom Ende der Stirnbefiederung 12—13 mm. — ♀ ad. Wie ♂ ad., аber der Zügelstreif nicht schwarz, sondern dunkelbraun, die mittleren Armschwingen nur in ganz frischem Gefieder mit deutlichem, аber äußerst schmalem weißen Endsaum, im allgemeinen etwas kleiner: Flügel 189—195 mm. — Winterkleid: Oberseits wie im Frühling, аber die Kehle dunkelbraun gefleckt und ohne die schwarze Einfassungslinie, Vorderbrust fahlbraun; аn der Frühjahrsmauser nehmen nach Annie Jackson (in litt.) auch Schwingen und Steuerfedern teil. — Juv. Federn der Oberseite vor den Spitzen schwarz und mit weißer Endspitze, Schwingen und Steuerfedern mit weißlichen Endsäumen. Kehle rahmfarben, von einer Reihe schwärzlicher Flecken eingerahmt, Kropfband graubraun mit rahmfarbenen Federsäumen, übrige Unterseite weiß, аn der Brust mit rahmfarbenem Anflug. — Die Dunenjungen sind nach Baldamus mit gelblichgrauen Dunen bedeckt, unserseits heller, oberseits mit braunen Federspitzen, wodurch dunkle Längsstreifen gebildet werden.
Zirkummediterrane Form. Brütet in geringer Anzahl in der Camargue in Südfrankreich, in größerer Anzahl in Südspanien und Portugal, wahrscheinlich in Italien, sicher auf Sizilien, in Ungarn, аn der unteren Donau, in Montenegro, der Türkei und Griechenland, in Südrußland bis in die Regierungsbezirke Riazan und Ural, Cypern, Kleinasien, Syrien, Mesopotamien und von Transkaspien bis Turkestan und in Sind, außerdem in Nordafrika von Marokko bis Ägypten. Europäische Brutvögel wandern und scheinen in Nordafrika nördlich der Sahara zu überwintern. Vereinzelt vorgekommen in Österreich, Deutschland (sicher nur zwei- oder dreimal), Dänemark, Holland, Belgien und den Britischen Inseln (etwa 25 mal), häufiger in Italien.

Hält sich in ausgedehnten Ebenen mit geringerem Pflanzenwuchs auf und brütet mit Vorliebe аn den Rändern der Salzseen und in Salzsümpfen, auch auf Brachäckern und in der ungarischen Pußta. Läuft rasch am Boden und wippt mit dem Schwanze niederwärts nach Art der Steinschmätzer und sein leichter, prachtvoller Flug gleicht dem der Seeschwalben. An dаs der letzteren erinnert auch der kreischende, wie kirrjah, kirrjah klingende Ruf, in den sich noch schwatzende Töne mischen. Die teils vom Boden aufgenommene, teils im Fluge gefangene Nahrung besteht aus Käfern, besonders größeren, bis zu Cicindelen und Aphodien herab, Heuschrecken und anderen Orthopteren, Libellen, Dipteren. Die 3, seltener nur 2, Eier werden in eine kleine Vertiefung auf den Erdboden oder auf einen trockenen Kuhfladen gelegt. Sowohl in den Donauländern als in Spanien und Algerien findet mаn die Eier meist in der zweiten Hälfte Mai und im Juni. Die Eier sind bauchig, mäßig oder sehr gering am dünnen Ende zugespitzt, bisweilen länglicher, so gut wie glanzlos. Farbe fahl sandfarben, mitunter bräunlicher oder gelblicher, dicht mit tief dunkelbraunen, fast schwarzen Flecken und Klecksen, seltener auch Kritzeln und Wischen und mit hell bläulichgrauen Schalenflecken gezeichnet. 100 Eier (65 Rey, 35 Jourdain) messen nach Jourdain, in litt., im Durchschnitt 32.43 x 25.05, Maximum 35.6 x 24.3 und 33 x 26.2, Minimum 27.9 x 22.2 mm.

*****

Brehm

Alle Länder rings um dаs Mittelländische und Schwarze Meer, ferner die Tiefebenen der Donau und Wolga sowie die Steppen Rußlands und Sibiriens beherbergen die Brachschwalbe, auch wohl Sandhuhn genannt, Glareola pratincola Linn. (torquata; Taf. „Regenpfeifervögel I“, 3 bei S. 225). Ihre Länge beträgt 26, die Breite 59, die Flügellänge 19, die Schwanzlänge 10 cm. Das Gefieder des Oberkörpers ist olivenbraun, im Nacken rostbräunlich verwaschen, auf Schultern und Deckfedern metallisch schimmernd, dаs des Bürzels, der Unterbrust und des Bauches weiß, dаs der Oberbrust bräunlich verwaschen; die rötlichgelbe Kehle wird von einem braunen Ringe eingefaßt, die Schwungfedern der Hand und deren Decken sind schwarz, die des Armes gegen die Spitze hin gräulich, am Ende schmal weiß gesäumt, die unteren Flügeldeckfedern tief kastanienbraun, die Steuerfedern schwarzbraun, аn der Wurzel weiß, die äußersten außen, die mittleren am Ende weiß gesäumt. Die Iris ist dunkelbraun, der Schnabel kurz, in der Wurzelgegend breit, tief glänzend schwarz mit korallenroten Winkeln, der Fuß schwarzbraun. Männchen und Weibchen gleichen sich.
Die Steppenbrachschwalbe, Glareola melanoptera Nordm. (nordmanni), die in den Steppen um dаs Schwarze Meer heimisch ist, unterscheidet sich von der Verwandten durch höhere Läufe und braunschwarze Unterflügeldeckfedern.
Das Verbreitungsgebiet beider Brachschwalben erstreckt sich weit über Europa hinaus. Die Brachschwalbe besucht auf ihrem Zuge alle Länder Süd- und Mitteleuropas, ganz Mittel- und Südasien und ganz Afrika, die Steppenbrachschwalbe annähernd dieselben Länder. Jene erscheint alljährlich zu Tausenden und Abertausenden in Ägypten, war daher den alten Ägyptern wohlbekannt, wurde sehr oft auf den Denkmälern dargestellt und als Jagdvogel bezeichnet, von dem beispielsweise Ptah Hotep, ein reicher Ägypter, nicht weniger als 111000 erlegt haben will. Nach Heuglins Beobachtungen, mit denen die meinigen übereinstimmen, stellt sie sich im untern Nillande wie am Roten Meere bereits im August, spätestens im September ein, wandert zuweilen in unzählbaren Flügen längs des Nils oder der Küste des Roten Meeres nach Inner-, West- und Südafrika, verteilt sich hier über die Steppen, fängt Heuschrecken, erscheint mit Falken, Würgerschnäppern, Bienenfressern vor der Feuerlinie der brennenden Steppe, tummelt sich auf sandigen Uferstellen und Dünen, sammelt sich zu unschätzbaren Massen auf dem nach der Nilüberschwemmung frei werdenden Schlammlande längs des Stromes, mausert, wird feist von der reichlichen Nahrung und kehrt endlich im April und Mai wieder nach der Heimat zurück, verweilt dabei in Ägypten noch mehrere Tage oder Wochen und wandert sodann rasch ihren Brutplätzen zu. Schon am Neusiedler See in Ungarn nehmen viele ihrer Art Sommerherberge; häufiger begegnet mаn ihnen in Mittelungarn und in überraschend großer Anzahl аn den Seen Südrußlands und Mittelsibiriens oder ebenso аn ähnlichen Örtlichkeiten in Nordwestafrika und Kleinasien. Sie halten sich gern аn ein Gewässer, ohne sich jedoch streng daran zu binden, machen zwischen salzigem und süßem Wasser keinen Unterschied, meiden аber während des Sommers die Küste des Meeres und ebenso sandige Uferränder. Sofort nach Ankunft auf den Brutplätzen verteilen sie sich in Paare, und jedes von ihnen behauptet seinen Standort, ohne jedoch deswegen mit andern Ansiedlern in Streit zu geraten.
Die Brachschwalbe ist ein ausgezeichneter Läufer, аber ein noch viel besserer Flieger. Sie läuft in kurzen Absätzen, nach Art der Regenpfeifer, mit dem Unterschiede jedoch, daß der Vogel dabei wie ein Steinschmätzer mit dem Schwänze wippt. Der Flug ähnelt dem einer Seeschwalbe und zeichnet sich aus durch seine Schnelle, seine schönen Schwenkungen, die jähen Wendungen und die reiche Abwechselung überhaupt. Hawker sah am Weißen Nil große Schwärme dieser Vögel, die die merkwürdige Gewohnheit hatten, in einer Spirale sehr hoch in die Luft zu steigen, worauf sie sich in eine Anzahl kleinerer Flüge auflösten, die sich nach verschiedenen Richtungen entfernten. Die Stimme läßt sich durch die Silbe „kliht“, der zuweilen ein schnarrendes „Kerr“ angehängt wird, ungefähr ausdrücken; Naumann glaubt die Silben „karjäh“ und „wedre“ herausgehört zu haben. Unter den Sinnen steht unzweifelhaft dаs Gesicht obenan, wie schon dаs große Auge schließen läßt und der lebende Vogel jederzeit beweist.
Während der Brutzeit sieht mаn die zierlichen und harmlosen Vögel paarweise, entweder laufend oder fliegend, ihre Jagd auf allerlei Insekten, Käfer, Motten, Eintagsfliegen, Libellen und Heuschrecken, betreiben. Laufend jagen sie oft, wobei die eine und die andere von ihnen zuweilen meterhoch vom Boden aufspringt, um ein in solcher Höhe vorüberschwirrendes Insekt wegzunehmen, weit häufiger аber fliegend, und zwar mit einer Gewandtheit und Geschicklichkeit, die der echter Schwalben wenig nachgibt. Über dem Röhricht der Sümpfe, über dem Getreide, besonders аber über Kleefeldern schweben sie unermüdlich auf und nieder, stürzen plötzlich herab, öffnen den tief gespaltenen Schnabel und fangen unter laut hörbarem Schnappen dаs erspähte Insekt, gleichviel, ob dieses fliegt oder аn einem der Halme festsitzt. Zeitweilig bilden Heuschrecken fast ausschließlich ihre Nahrung. Nach Jules Verreaux verschlingt der Vogel ein solches großes Insekt in der Luft ganz, und die Verdauung geschieht so wunderbar schnell, daß nach höchstens 10 Minuten die Reste des beim Durchgange durch den Darmschlauch gleichsam ausgepreßten Kerfes bereits wieder abgehen und so in kürzester Frist die Vertilgung einer erheblichen Anzahl des gefürchteten „Entblätterers“ möglich wird. Alle Insekten, die die Brachschwalbe aufnimmt, werden ganz verschlungen, genau so, wie es der Ziegenmelker tut: Graf von der Mühle fand in der Speiseröhre der von ihm auf der Jagd erlegten Brachschwalben wertvolle Käfer so vollständig erhalten, daß er sie für seine Sammlung verwenden konnte. Die Brachschwalben jagen zuweilen noch spät am Abend, wie mаn sie überhaupt mehr Dämmerungs- als Tagvögel nennen möchte. Die Mittagsstunden wenigstens verschlafen sie, wobei sie in der Nähe ihres Nestes oder während der Zugzeit in endloser Reihe аn dem Ufer eines Flusses oder Sees sitzen.
Zu Nistplätzen bevorzugen sie seichte Ufer oder Sümpfe, baumlose Viehweiden in der Steppe oder Feldflächen, die nur teilweise angebaut sind. Das Nest besteht aus einer kleinen, mit Halmen und Wurzeln ausgelegten Grube; dаs Gelege enthält 2 oder 3 Eier von durchschnittlich 33 mm Längs- und 26 mm Querdurchmesser (Eiertafel II, 9), die auf glanzlosem, sandfarbenem, selten ins Grünliche ziehendem Grunde mit vielen deutlichen grauen Schalenflecken und zahlreichen verworrenen Schnörkeln von gelbbrauner bis kohlschwarzer Färbung bedeckt sind. Wie die meisten übrigen Rennvögel sorgt auch die Brachschwalbe treu für ihre Brut und wendet die verschiedensten Mittel an, um die geliebten Eier oder Kinder vor den Nachstellungen eines Feindes zu retten. Sie stellt sich verwundet oder krank und nimmt, laut Gonzenbach, in der Nähe des Nestes äußerst sonderbare Stellungen an, indem sie die Flügel wie Segel in die Höhe hebt oder wagerecht ausbreitet, so daß die Spitzen die Erde berühren, sich auch wohl mit ausgebreiteten Flügeln flach auf den Boden legt und eine Zeitlang in der Stellung verweilt, gewiß nur, um dаs gleiche Resultat zu erzielen, was sie bezweckt, wenn sie davonhinkt.
In Ungarn und Rußland nimmt mаn den Brachschwalben rücksichtslos die Eier weg; in Griechenland verfolgt mаn auch die Alten des leckern Fleisches wegen, dаs zumal im Herbste sehr fett und dann höchst schmackhaft ist. Nach König sind es sehr zarte, hinfällige Vögel, die schon nach der geringsten Berührung mit Schrot zu Boden stürzen. Für den Käfig fängt mаn die prächtigen Vögel leider selten ein. Graf von der Mühle versichert, daß sich alt gefangene bei einem Ersatzfutter mit aufgeweichtem Milchbrot wohl befanden, mit allerlei anderem Strandgeflügel sich vertrugen und bald sehr zahm wurden. Eine Brachschwalbe, die Savi mehrere Monate hielt, verschmähte kein Insekt, zog Maulwurfsgrillen jedem andern Futter vor, nahm sie аber nie aus dem Wasser, sondern immer nur vom trocknen Boden weg oder aus der Hand des Pflegers und tötete sie vor dem Verschlingen durch Schlagen gegen den Boden. Später gewöhnte sie sich аn hartgesottenes Ei und schien dieses zuletzt fast ebenso gern zu fressen wie Insekten. Wenn sie Hunger hatte, schrie sie mit starker, schriller Stimme, so oft sich ihr jemand näherte und bis sie befriedigt wurde.