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Chroicocephalus ridibundus

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Bezzel
Larus ridibundus L. 1766 – Lachmöwe
Status in ME. Sehr häufiger Brutvogel (8) und Gast; zunehmend.
Kennzeichen. Etwa haustaubengroß und damit kleinste der häufigen Möwen Mitteleuropas; Flügel schlank und spitz. Typische Flügelzeichnung: weißer Keil am Vorderrand des Handflügels, der sich zur Flügelspitze hin verbreitert. Ad. Brutkleid: Dunkelbraune, nicht bis in den Nacken reichende Gesichtsmaske; weißer Augenhinterrand; Oberseite hellgrau, Bürzel und Schwanz weiß; Handflügel oberseits mit dunklem Hinterrand, Unterseite weiß (Rosafärbung Gloe 1982); HS unterseits dunkel, weißer Keil hebt sich ± scharf davon ab. Ad. Ruhekleid: Kopf weiß, kleiner dunkler Ohrfleck, sichelförmiger dunkler Fleck vor dem Auge; nicht s. 1-2 dunkler Streifen quer über den Oberkopf; sonst wie Brutkleid. Juv. Oberkopf, Halsoberseite, Vorderrücken, Schultern gelblichbraun; dunkler Flügelhinterrand bis in den Armflügel reichend; dunkle Außenfahnen der längsten HS; mittlere ArmD gelbbraun; dunkler Fleck аn der Alula. 1. Ruhekleid mit weißem Kopf (Ohrfleck und dunkler Fleck vor dem Auge ähnlich ad.), Flügelzeichnung jedoch juvenil, braune Färbung oft etwas ausgebleicht; Schwanz wie bei juv. weiß mit scharf abgesetztem dunkelbraunem Endband. 1. Brutkleid z. T. mit weißlich durchsetzter Maske, z T. ohne Maske; Flügel mit bräunlichen Decken ähnlich wie im 1. Ruhekleid; Schwanz mit hellerer brauner Endbinde. Aberrante Färbungen bekannt (z. B. OM 34, 1982: 299); Verwechslungsmöglichkeiten vor allem mit Dünnschnabel-, Zwerg-, Schwarzkopf- und Bonapartemöwe. – Schnabel juv. bräunlich-fleischfarben, 1. Ruhekleid gelblich bis braun, ad. Ruhekleid orange- bis dunkelrot, ad. Brutkleid leuchtend rot; Füße ähnlich Schnabel der betreffenden Kleider; Iris braun; Lidring juv. schwarz, ad. rot.
Verbreitung und Bestand, Br. im mittleren und nördlichen Eurasien von IS bis Kamtschatka. In Europa seit Ende 19. Jh./20. Jh. starke (im S schwache) Arealausweitung und allg. + in Verbreitungszentren, doch zumindest seit neuerer Zeit auch – (z. B. DK; vgl. ferner Reichholf 1983), z. T starke Verlagerung von Kolonien bzw. Veränderungen des Verteilungsmusters. Ursachen für +: hauptsächlich Steigerung der Überlebensrate der ad. als Folge der günstigeren Ernährungsbedingungen bes. im Winter (Mülldeponien, Fütterung im Winter, Eutrophierung-‚Ausdehnung von Ackerflächen usw.), die sich z T. in Zukunft verschlechtern könnten (z. B Schließung von Mülldeponien). Einzelkolonien zeigen oft andere Entwicklungstendenzen mit z. T. lebhafter Dynamik als Gesamtbestand großflächig. In Mitteleuropa Verbreitungszentren bes. Küste und gewässerreiche Tiefländer.
CH: ca. 700 (1948), 1060 (1960), 3300 (1976), 3800 (1980). B: 3200-4000 (1952), 8500 (1970), 14600-16000 (1979), 12500-14100 (1980). • NL: 18000-35000 (1925), 35000-60000 (1950), 65000 bis 95000 (1961), ca. 200000 (1978). • D: ca. 80000-83000 (1976/79), Nordseeküste ca. 30500 (1982); SchL-Holst. W-Küste mind. 11800 (1976/77), E-Kuste 14000-16000 (1970/73), 12000-13000 (1978/79); Nds. Unterelbe, Nordseeküste, Ostfries. Inseln mind. 10800 (1976/77), Binnenland 4000-5000 (1974/75); Westf. 3 Kolonien ca. 8100 (1969), ca. 19000 (1973), ca. 21000 (1977/78); Nrh. ca. 200 (1978); Rhl.-Pf. 1977/81 < 10; He. < 10-20 (1977/80); Ba.-Wü. 4900 (1978); Bay. ohne Innstau- seen 10600 (1964), 16800 (1978/79). • DDR: mind. 35900-37500 (1963), mind. 73500 (1973), gegen 90000 (1978); Meckl. 35000 (1963), 67000 (1978); Bra. 5800 (1963), 6800-7300 (1978) (Details Lrrz- barski 1982). • PL: 84500 (1978). – CS: Böhmen/Mähren 200000-350000 (1973/ 77), Slowakei 4000-5000 (1973/77).
A: 400-600 (1900/1950), 6000-8000 (1975/79), vielleicht > 8000 (1980). • H: ca. 12000 (um 1981). • SU: Estn. SSR 20000 (1960), 35000 (1968), 75000 (1975); Lett. SSR 30000 (1964/66), 80000 (1972/75), 97000 (1976/79); Lit. SSR 15000-18000 (1975); Weißrußland 104000 (Ende 70er Jahre). • SF: 5000-10000 (1934/36), 20000-30000 (ca. 1955), 40000 (?, 1976/77). • S.: ca. 300000 (um 1975); Details Gotland Frederiksson & HOgstrom 1981. • N.: 1. Brut 1867; ca. 15000 (1976/77); SE-N. seit 1929, um 1980 ca. 3000 (Hanssen 1982). • DK: Küstenbestand 250000 (40er Jahre), 210000 (50er Jahre), 140000 (1970), 110000 (1974); insgesamt 210000 (1974). GB: bis ca. 1885 -; 1969/70 fast 75000 Küste, Inland?; ca. 150000-300000 (um 1975); England/Wa- les 35000—40000 (1938), 46000-51000 (1958), 100000—110000 (1973). IRL: > 2600 Küste (1969/70) + viele im Inland. IS: 1. Brut 1911, um 1970 > 10000. • F: 14000-15000 (1962/63), 25000 (1976), 30000-35000 (1978/80). E.: Br. seit 1960. • I: Br. 19. Jh.; dann wieder seit 1960 Festland, 1965 Sardinien, 1980 1 BP Sizilien; 500-550 (1980/81). • YU: Teilzahlung 1500 Kroatien (1974). BG:
Wanderungen. Stand- und Strichvogel, Teil- und Kurzstreckenzieher. Winterquartier in Europa von IS, Küstenbereich Mittel-N. und Ostsee nach S; E- Grenze Odertal, Donautal/H, dann entlang Donau bis N-Küste Schwarzes Meer. In Europa Grenze etwa bei der -2,5° Jan.-Isotherme, Hauptüberwinterungsgebiet jedoch erst ab 0° Jan.- Isotherme; zwischen 0° und – 2,5° große Winterbestände meist von Fütterung in den Städten abhängig und bei Kälteeinbrüchen Ausweichbewegungen S-Grenze N-Afrika, Äthiopien, S-Arabien, аn der W-Küste Afrikas bis Nigeria (offenbar neuerdings +); auch in E-Afrika + (bisTanzania neuerdings Hunderte). Zunehmend r. аn der E-Küste N-Amerikas, Irrgäste bis Mittelamerika. Winterbestände z. T. neuerdings +, аber erst ungenügend bekannt, z. B. W-Mittelmeer ab S-F mind. 250000, CH (ohne Bodensee) 180000 (1979), England/Wales Inland > 584000 (1973). Dispersal der juv. oft in Vorzugsrichtungen ohne Bezug zur Wegzugsrichtung; i. allg. Breitfrontzug, doch Küstenlinien und Flußtäler mit Leitlinienwirkung. • Hauptwegzugsrichtung Kontinentaleuropa W/S mit ± starker Streuung. Br. IRL/GB nur 2% der Funde außer Landes (bis NW-Afrika), ausgeprägtes Dispersal bes. der Ind. im 1./2. Winter; hohe Geburtsortstreue. Br. IS Teilzieher, Funde in GB, NL, E., P, ferner SW-Grönland und Neufundland. Br. Fennoskandiens ziehen entweder аn die Nordsee- und Atlantikküste oder über den Kontinent bis Mittelmeergebiet; N. vor allem Nordsee, GB (einzeln bis E ); SF durch Ostsee zur Nordsee und nach F, E sowie Überlandzug durch Mitteleuropa bis S-F, I, YU, DZ (ferner auch Funde R, BG, GR, Schwarzes Meer), Br. DK überwintern W-/SW-Europa von DK bis Maghreb. Br. Estn. SSR bis N-Afrika, doch ad. i. allg. weniger weit. Br. B/NL überwintern von Mittel- bis SW-Europa; B im 1. Winter Mittelentfernung 867 km, ältere 577 km. Br. im übrigen Mitteleuropa meist mit Vorzugsrichtung SW, аber auch WNW den Flüssen folgend in den Nordseebereich (bes. Binnenlandvögel DDR, CS, S-D). Br. S-F und E. größtenteils Standvögel, Br. Zentral- und E-F ziehen bis NW-Afrika. In CH bleiben von Juli bis Febr seit 1945 mehr im Land als vorher, juv ziehen langsamer ab und z. T weniger weit als früher; dies z. T. auch in anderen Gebieten Mitteleuropas als Folge besserer Nahrungsbedingungen I allg. wandern diesj Ind. weiter als 3jährige. • Phänologie Erfolglose Br. und Nichtbrüter ziehen bereits ab Ende Mai/Juni ab; ab 2. Ju- nihälfte/Anfang Juni auch erfolgreiche ad., die in reinen Zugvogelpopulationen rasch einige 100 km zurücklegen können. Juv. verlassen rasch nach Flüg- gewerden die Kolonien und verteilen sich je nach Nahrungsangebot. Eigentlicher Wegzug der juv. meist erst Aug./Sept., ad. etwas später. Ankunft im Winterquartier ab Anfang Sept., meist Okt., Ende des Wegzuges oft erst Dez. (Jan.); auch Kälteflucht. Heimzug in Mitteleuropa ab Mitte Febr., 1 jähr, etwas später, Höhepunkt des Dz. Anfang bis Mitte März, im NE bis April. • 1-2jährige Nichtbrüter übersommern zwischen Winterquartier und Geburtskolonie, oft auch abseits, erreichen аber später auch die Heimat; können auch weiter im N angetroffen werden. Ausgeprägte Winterortstreue, аber auch Wechsel zwischen einzelnen Stationen nachgewiesen. Geburtsortstreue oder Heimattreue; Fremdansiedlungen > 300 km s.
Biotop. Brutkolonien in Verlandungsgesellschaften auf fester im oder am Wasser liegender Unterlage mit dichter, doch nicht zu hoher Vegetation. Große Kolonien bes. in Röhricht- und Großseggengesellschaften oder auf Inseln аn verschiedenen Typen langsam fließender und vor allem stehender Gewässer, vorzugsweise im Binnenland, аber in neuerer Zeit zunehmend auch аn der Küste (Schären- oder Wattenküste). Angebot аn optimalen Brutplätzen meist ± beschränkt. Nahrungsplätze von Kolonien getrennt, Radius bis 20-30 km; z. B. kurzrasige Flächen, Äcker (vorzugsweise feucht bis naß). Im Winter bes. аn Müllkippen, Schlachthöfen, Kläranlagen, Hafen- und Industrieanlagen sowie аn Gewässern im Stadtbereich und zunehmend auch fernab vom Wasser in Straßen und Anlagen. Diese Entwicklung meist erst ganz neu. Ferner im Watt, аn eutrophen Gewässern usw.; eine Vielfalt von Gelegenheiten wird auch kurzfristig genutzt (z. B. Nahrungssuche hinter dem Pflug). Schlafplätze auf größeren stehenden Gewässern, auch auf Inseln oder am Ufer, auch auf Stegen, Uferbauten usw Vielseitiger Nahrungsraum, doch rel. eng begrenzte Ansprüche am Brutplatz!
Nahrung. Vielseitig, bevorzugt tierische, аber ± umfangreich auch pflanzliche Anteile. Hauptnahrung u. a. Regenwürmer, bodenbewohnendä/ oder аn der Wasseroberfläche lebende Insekten (z. B. Käfer, Wanzen, Larven von Schnellkäfern, Wiesenschnaken usw.); auch Jagd auf fliegende Insekten bei großem Angebot; kleine Fische, аn der Küste Polychaeten und Crusta- ceen. Im Winterhalbjahr vielfach Abfälle; dаs ganze Jahr über auch Aas von Kleintieren (viele Detailangaben, zuletzt REkäsi 1982). Nahrungsbedarf einer Brutkolonie mit ausführlicher Diskussion Hartwig & Hüppop 1982. Nahrungsbedarf erwachsener Ind. ca. 142 g/d, bei 90°/° Ernährung mit Regenwürmern 165-220 g Frischge- wicht/d. In 88 d nutzten M 3500 Ind. nur 1/3 der durch Maschineneinsatz im Agrarland freigelegten Regenwürmer (mind. 1/4 wäre ohnehin durch Verletzungen bei der Bearbeitung des Bodens zugrunde gegangen).
Stimme. Jauchzen zur Brutzeit etwas abgerissene Reihe von Krächzlauten wie »rä grä grä-krää — krrääähh – – krrääähkrrääähh – kräh-grä«. »Kreeä« im Abfliegen; kurze »kek« deuten Beunruhigung an; bei Drohen höchster Intensität Vibrato-Ruf wie »krräää ä ää…« Im Winter Rufe meist heller und ± deutlich Stakkato, z. B. »ke ke ke« bei Streit um Futter, hohe »piiee« von 1 jährigen; aggressive »kräkräkrä« usw. Im Frühling dann oft Rufe ähnlich wie аn der Brutkolonie verhalten. Tag-, dämmerungs- und auch nachtaktiv. Schwimmt hoch auf dem Wasser, läuft rasch (oft mit Unterstützung durch die Flügel), fliegt gewandt, bei Schlafplatztlügen im Trupp oft in Bandform, аber auch in Keilformation. Bei Thermik Segelflug. Nahrungserwerb im Ruder-, Rüttel-, Sturz- oder auch reißendem Verfolgungsflug. Doch Nahrungssuche auch im Gehen am Boden oder im Seichtwasser; auf feuchtem Boden Fußtrampeln; Suchflug oft niedrig über dem Boden und der Wasseroberfläche. Auch Hecken und Baumkronen werden abgesucht, im Winter neuerdings auch Häuserfronten. Flugjagd im freien Luftraum auf Insekten. Stoßtauchen ins Wasser führt meist kaum unter die Oberfläche. Beuteraub bei anderen Wasservögeln, z B Tauchenten, аber auch Seeschwalben und Alken. Ganzjährig gesellig, nur wenige Brutkolonien allerdings > 1000 BP (doch max. bis 21 000), die meisten 10-100 BP, аber auch Ansiedlungen < 10 BP bes. im Binnenland. Nistterritorien werden verteidigt. Verlassen die Jungen dаs Nest, wird ein Raum um ihren jeweiligen Standort verteidigt. Paarbildung: ♂ besetzt Paarbildungsterritorium am späteren Brutplatz, ♀ wird mit Vorwärtspose und nach oben gerichtetem Schnabel empfangen. Wichtige Bewegungen z. B. parallele Ausrichtung der Partner in Vorwärtspose, Hinterkopfzuwenden (»Wegsehen«) auch als Begrüßung mit mehrfachem Kopfdrehen, Nestzeigezeremo- niell (Schnabel zeigt zum Boden), Partnerfüttern (♀ bettelt oft im Anschluß аn Nestzeigen um Futter, ♂ würgt Futter hervor und übergibt). Vor Beginn des Brutgeschäfts können Partner sogar mehrfach wechseln (Kharitonov & Zubakin 1984). Jauchzen in Schräghaltung ist Distanzsignal für Artgenossen, horizontale Körperhaltung mit auf den Gegner weisendem Schnabel zeigt Angriffstendenz. An Land auch aufrechtes Drohen mit verdicktem Hals, Flügel ± angehoben; auch Drohschreiten. Bei Flugfeinden wird oft dichter Schwarm gebildet. In der Brutkolonie vermindern geschützter Nistplatz, Tarnfärbung von Eiern und Küken, Nestbewachung, geringe Nestdistanz, Verteidigung durch die ad. usw. die Feindverluste; am Rand der Kolonie ± isoliert brütende BP haben geringen Bruterfolg, z. T. weil sie besonders unruhig sind.
Fortpflanzung. Erstmaliges Brüten meist im 2. Lebensjahr, oft erst mit 3 Jahren; unter den einjährigen offenbar fast nur ♀. Monogame Saisonehe; Wiederverpaarung durch Ortstreue denkbar. Nistplatzwahl wird durch ♀ entschieden. Nest auf trockener, schwimmender oder im bzw. am Wasser stehender Unterlage, meist in Vegetation, mitunter auch auf ± kahlem Boden; vielfach atypische Nistplätze auf Baumstubben, Hausdächern, Bretterflößen, Kiesbänken usw. Rel. grobes Baumaterial, z. B. Stengel, Halme und Blätter der nächsten Umgebung, bei Schwimmnestern auch Bau einer Plattform. Bau zunächst bes. durch ♂; Weiterbau während des Brütens. Eier oval bis kreiselförmig. Grundfarbe braun bis olivgrün mit starker Variation des Färbtons und der Helligkeit. Unterschiedlich große und geformte, verschiedenfarbige Flecke. In Erstgelegen weißlichblaue oder ± ungefleckte Eier nur s. Gelege (1-2)3 Eier; Koloniemittel < 3, doch Anteil verschwundener Eier oft nicht genau feststellbar. Legebeginn im S und W Mitteleuropas frühestens ab Anfang April, meist Mitte bis Ende April; die meisten Eier einer Kolonie werden innerhalb von 14 d gelegt; in sehr großen Kolonien zwischen einzelnen Sektionen mit hoch synchronisiertem Legebeginn ± deutliche Unterschiede. 1 Jahresbrut; Nachgelege in der Regel mit Nestverlegung, bei Störung auch Kolonieverlegung. Brutdauer für 3. Ei 21-27, meist 22/23 d; M in einer Kolonie für 1. Eica. 25, für2. Ei 23,6, für3. Ei 22,8 d. Bebrütung beginnt mit 1. Ei, am Anfang jedoch wenig intensiv. Erste Anzeichen von Nestbauverhalten bis 25 d vor Legebeginn. ♂ und ♀ brüten und füttern; auf Bettellaute des Jungen wird Futter hervorgewürgt, meist auf den Boden. Dann werden Brocken mit dem Schnabel vorgehalten Junge zerren später auch Futter aus dem Schlund der ad. Hudern bis 7 d ständig, später nachts. Nestlinge bleiben als Platzhocker bis zur Flugfähigkeit im ca. 1 m2 großen Nestterritorium; flugfähig ab 26-28, selbständig ab ca. 35 d. • Bruterfolg: mittlere Nachwuchsrate meist <1,6 flügge Junge/BP x Jahr, jahrweise auch deutlich < 1 bes. in Mitteleuropa, unter bes. Bedingungen auch bis 2,0 (Diskussion, Einfluß von Biotop und Giften z B. Starke 1982). Hauptverluste: Mensch durch Eierabsammeln, Säugetiere, Artgenossen, Großmöwen und andere Vögel.
Sterblichkeit, Alter. Überlebensrate flügger juv. bis Ende des 1 Lebensjahres um 44 %; bei ad. ca. 60-85 %/Jahr. Bei einer Nachwuchsrate von deutlich < 1,6/BP x Jahr und gleichzeitigem Anwachsen der Bestände müßte die Überlebensrate der ad. dem oberen Wert nahekommen. Älteste Ringvögel > 32, > 30, 28, > 26 Jahre.
Mauser. Jugendmauser (Teilmauser) ab 75 d bis Ende Sept./Anfang Okt. (Dez.). • 1 Ruhemauser (Teilmauser) Jan./ApriL • 1. Brutmauser (Vollmauser) 3-5 Wochen früher bei Nichtbrütern als bei brütenden ad. • Ad. Ruhemauser (Teilmauser) Jan.-März (April), Beginn der Kopfmauser oft früher (z. B. Gloe 1982). • Ad Brutmauser (Vollmauser) Juni-Okt. (Nov.); zur HS- Mauser vgl. McKee 1982.
Literatur (161). S. Frederikssen & S. Hög- ström, VF 40, 1981: 311-326. – P. Gloe, OM 34, 1982: 55-62. • O. J. Hanssen, Cin- clus5,1982:10-15. • E. Hartwig &O. Huppop, Seevögel Sonderband 1982: 93-105. • S. P. Kharitonow & V. A. Zubakin, ZJ 63, 1984: 95-104. • H. Litzbarski, F 29/1982: 234-241. – H.-J. Lorchu. a., Jf0123,1982: 41 -54. • J. McKee, BS 29,1982:213-216. • J. Reichholf, AOGB 22, 1983: 211-217. J. Rekäsi, Aq 88,1982: 79-86. • W. Starke, ‚ Ber Vw Hiddensee 3, 1982: 29-40. P. Vercauteren & A. Verstraeten, G 71, 1981: 259-272.
Quelle: Einhard Bezzel, Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Nonpasseriformes · Nichtsingvögel, 1. Auflage, © 1985 · 1993, Auszug mit freundlicher Genehmigung Quelle & Meyer / Aula-Verlag; sehr empfehlenswert: 2. vollständig überarbeitete Auflage 2005 in einbändiger Sonderausgabe
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Niethammer/Boxberger
Larus ridibundus L. — Lachmöwe.
Larus ridibundus L., Naumann XI, S. 206; Reichenow S. 30.
Beschreibung. ♂ und ♀ ad. im Brutkleid: Kopf bis zum Genick und bis zur Mitte des Vorderhalses dunkelbraun, ganze übrige Unterseite, Schwanz und Oberschwanzdecken weiß; um dаs Auge eine vorn unterbrochene weiße Linie; Rücken, Schultern und Oberflügeldecken hellgrau, Handdecken weiß; die äußeren 6 Schwingen haben breite schwarze Enden, zum Teil mit weißen Spitzenflecken, und schwarze Säume аn der Innenfahne; die 4 ersten Schwingen sind sonst weiß, die übrigen grau; Außenrand der 1. Schwinge im ganzen Mittelteil schwarz. Schnabel und Füße rot; Iris braun. — Ruhekleid-, wie Brutkleid, аber Kopf weiß mit schwarzem vorderem Augenrand und schwarzem Fleck jederseits hinter den Ohrdecken, am Hinterkopf und unter dem Auge meist einige grauschwarze Fleckchen. — Dunenkleid: rostbraun mit scharf umgrenzten schwarzen Flecken auf der Oberseite, Unterseite etwas heller und nur аn jeder Seite der Kehle mit länglichen schwarzen Flecken. Schnabel fleischfarben mit dunkler Spitze (vgl. HeinrothIII, Tafel XCII, 4). — Jufjendkleid: Oberkopf fahlbraun, nach der Stirn zu weißlich; Ober hals, Oberschwanzdecken und ganze Unterseite weiß, stellenweise mit ganz wenig gelblichbraunem Anflug; Oberseite mehr oder minder braun mit gelblichweißen Säumen, große Oberflügeldecken überwiegend grau. Schwanz weiß mit schwarzer Endbinde; 1. Handschwinge meist fast ganz schwarz, die übrigen schwarz und weiß (s. Abb. 26, S. 350). Schnabel dunkelbraun; Füße fleischfarben. — 1. Ruhekleid: wie ad., аber am Großgefieder (schwarze Endbinde des Schwanzes!) und allen oder vielen braunen Oberflügeldecken, die vom Jugendkleid übernommen worden sind, leicht zu erkennen. Schnabel und Füße wie im Jugendkleid. — 1. Brutkleid: wie ad., аber dаs Braun des Kopfes meist mit weißen Federchen gemischt; Großgefieder wie im Jugendkleid (schwarze Schwanzbinde!), kleine Oberflügeldecken wie im Jugendkleid braun mit weißlichen Enden.
— Mauser: Jugendmauser (Teilmauser) Juli bis Dezember; Ruhemauser (Teilmauser) Januar bis März, oft auch bis Mai; Brutmauser (Vollmauser) Juli bis Oktober, manchmal schon im Juni und noch bis November. — Maße von 22 deutschen Brutvögeln: Flügel (15 ♂) 290—317, (7 ♀) 288—310 mm; Schnabel ♂ 33—37, ♀ 30 bis 33 min. Gewicht 211—292 g. Nach Hartert Schwanz 113—120 mm, Lauf 43—47 mm.
Feldomithologischo Kennzeichen. Flug nicht so ruhig wie bei den Großmöwen, Flügelschlag fester. Flügelende spitzer als bei der Zwergmöwe. Ad.: Flügel von unten hell; im Brutkleid mit dunkler Maske; sonst weiß und möwenblau. Ausgebreiteter Flügel mit weiß auskeilendem Vorderrand und schmalem schwarzem Ende. Schnabel und Füße rot. Juv.: oben braun und grau; der Flügel von oben mit unscharfen, breitstreifigen Zeichnungen und weißem Vorderrand. — Stimme: „krrjäh, haha querr, kjwerru “ usf. Auch kürzere ,,kr kr“ und „trrr, äg“ und ,,gräg“. Außer dem etwas winselnden „giä“ noch weitere Modulationen der Stimme, аber keine mit dem jaulenden Schluß der Großmöwen-Strophen.
Allgemeine Verbreitung. Europa und Asien: von Island, Färöer, dem 60.° in Norwegen, Upland in Schweden, dem 66.° in Finnland, Archangelsk, 66° 40′ am Ob, 64° аn der Lena, 68° аn der Kolyma und von Kamtschatka südwärts bis Südfrankreich, Sardinien, Serbien, Donaumündung, Krim, Transkaspien, Tarbagatai, nördliche Mongolei und Ussuriland.
Verbreitung in Deutschland. Die Lachmöwe nistet auf einigen Ostseeinseln und allen größeren See- und Teichgebieten der Ebene ganz Deutschlands. Sie fehlt als Brutvogel auf den Inseln der Nordsee.
Sie überwintert in großer Zahl аn den Küsten und offenen Gewässern, namentlich in den Städten und Hafenanlagen, des Binnenlandes.
Wanderungen. Nur zum kleinsten Teil Standvogel (west- und mitteleuropäische Populationen), weit häufiger Strich-, überwiegend аber Zugvogel, der aus allen Ländern Europas bis ins Mittelmeergebiet, nach Nordwestafrika und selbst Senegambien (von Gotland und der Oberlausitz), aus Rußland auch bis Ägypten und ins Rote Meer (Nachweise aus Abessinien) ziehen kаnn (1). Einzelne überwintern in der Brutheimat im ganzen europäischen Verbreitungsgebiet; in Westeuropa und den Mittelmeerländern ist dies die Regel. — Durch jahrzehntelange Massenberingung der Art wissen wir über dаs Zugverhalten der einzelnen Populationen so gut Bescheid wie wohl sonst bei keinem Vogel. Einzelheiten würden deshalb zu weit führen.
Die Überwinterungsgebiete fallen bei den meisten Populationen weitgehend zusammen. Eine Ausnahme bilden die Brutvögel der Britischen Inseln, von denen nur wenige Ringfunde vom Festlande vorliegen (vor allem Nord- und Westfrankreich, Portugal und Südspanien, weniger Holland und Dänemark). Auch für die russischen und ungarischen Lachmöwen sind die Verhältnisse etwas andere. Die russischen Brutvögel folgen vom Ladogasee aus der Ostseeküste, schlagen аber auch eine direkte Südwestrichtung ein (Ringfunde von Mitteldeutschland, vom Bodensee, der mittleren Donau, Nord- italienund Dalmatien), andere wandern genau südwärts zum Schwarzen Meer, аn die untere Donau und in die griechischen Gewässer. Die ungarischen Populationen verbreiten sich über Böhmen, Süddeutschland, Schweiz, Südostfrankreich, Italien, Algerien, Tunesien und über die westliche Balkanhalbinsel, zeigen also einen sehr geschlossenen Jahresraum.
Im Gegensatz zu den genannten umschließen für alle übrigen genauer untersuchten Populationen die Länder West- und Südwesteuropas, von Italien über Westdeutschland, Holland, England bis Spanien und Nordafrika, wenigstens teilweise dаs Überwinterungsgebiet. Abweichungen einmal von baltischen und finnischen Lachmöwen (nach Ungarn, Südrußland und zur Balkanhalbinsel), zum anderen von Binnenlandvögeln, fallen demgegenüber wenig ins Gewicht. Binnenlandbrüter ergeben naturgemäß auch mehr Binnenlandwiederfunde als Populationen aus küstennahen Gebieten. Jedoch zeigen besonders die Vögel der östlichen Ostseeküsten eine weit stärkere Neigung zum Binnenlandzug als die westlicher brütenden Möwen. Im einzelnen seien die Verhältnisse einiger Binnenlandsiedlungen dargestellt: Schlesische Möwen wandern oderabwärts аn die Küste und weiter nach Holland, England, Frankreich und Spanien. Einige ziehen nur zögernd ab und bleiben in Deutschland, etwa in der Mark Brandenburg. Sehr viele gehen südwärts аn die Donau und аn die Adria, vielleicht sogar der größere Teil (Stadie 1929). Ganz ähnlich verhalten sich die böhmischen Vögel, die elbeabwärts nach Nord Westdeutschland und Westeuropa, andererseits аber auch nach der Schweiz, Italien, Kroatien und Rumänien ziehen. In Mähren überwiegen die Südzügler (Sylvia 1938). Die meisten Schweizer Brutvögel ziehen ins westliche Mittelmeer und аn die atlantische Küste Westeuropas, ein kleiner Teil nach Süddeutschland und Oberitalien (Noll 1935). In der Schweiz überwintern аber auch vorzugsweise die Lachmöwen aus dem ganzen Raum von Holland über die Gebiete der Nord- und Ostsee, Rußland bis Ungarn. Auch über- sommernde Stücke der gleichen Herkunft findet mаn hier, die sonst wie die noch nicht geschlechtsreifen Vögel ziellos zwischen Brutgebiet und Winterquartier umherstreifen. Die Lachmöwe ist heimattreu ; Umsiedlungen in fremde Kolonien sind selten. Auch am Winterquartier hält sie oft sehr fest: Der gleiche Vogel wurde bis 5 Jahre lang am gleichen Winterplatz nachgewiesen. Verfrachtete Wintervögel kehrten zurück (Rüppell 1939: Schweiz-Berlin). Regelmäßig verlassen die Jungvögel sehr früh (Ende Juni/Anfang Juli) und sehr schnell den Brutort (s. auch Mitt. Vogelw. 1935, S. 8, Abb. 5), sie wurden z. T. schon 8—14 Tage nach dem Flüggewerden weitab gefunden und erreichen wohl in wenigen Wochen dаs Winterquartier (oft bereits im Juli oder August). Bei den mehrjährigen Vögeln verhalten sich die Nah- zu den Fernfunden wie 2:1. bei den einjährigen wie 1: 3 (Technau 1933). Rückkehr zum Brutplatz, sobald die Gewässer eisfrei werden, mitunter also schon Ende Februar/An- fang März; doch ist dann die Bindung аn den Brutort noch lose; (Weitere Arbeiten: Tekke 1935; Schifferli 1931/32; Geroudet 1935/36; Härms 1938.) — Höchstalter eines Ringvogels 25 Jahre.
Biotop. In erster Linie stehende und langsam fließende Gewässer des Binnenlandes, vor allem solche mit bewachsenen Ufern, untergetauchten und schwimmenden Pflanzen: Moore, Brüche, verlandende Seen, Teiche, abgelegene Flußarme und überschwemmte Wiesen. Brutkolonien nach Möglichkeit auf Inseln oder Inselchen. An den Meeresküsten nur аn einigen Stellen (im Ostseegebiet weit häufiger als аn der Nordsee). Zur Zugzeit und im Winter zahlreich besonders аn Hafenplätzen und in Flußmündungen, mit Vorliebe аn den Gewässern der Großstädte. Im Frühjahr und im Anschluß аn die Brutzeit gern auf frisch gepflügten Ackern.
Fortpflanzung. Geschlechtsreife: in der Regel wohl erst im Alter von 2 Jahren; doch sind Fälle, wo schon Einjährige in unausgefärbtem Gefieder mit Erfolg zur Brut geschritten sind, mehrfach bekannt geworden (z. B. aus der Schweiz und aus Holland). Manchmal trugen solche ..halbreifen“ Vögel nur Stoffe zu Neste (Beobachtungen aus Schleswig und Rossitten). Rückkehr der knapp Einjährigen zum Geburtsort ist in vielen Kolonien ungewöhnlich, in anderen kommt es zwar vereinzelt, doch regelmäßig vor. So befanden sich in Rossitten unter 2500 Brutvögeln etwa 50 einjährige Stücke (Ringleben 1940; Stadie 1929; Krätzig 1939). Ringleben betont, daß solche frühreifen Lachmöwen stets Weibchen sind, und daß sie sich erst im Verlauf der Brutzeit irti Brutgebiet einfinden, daher auch erst spät zur Brut kommen. — Balz: Die meisten Vögel schlafen gleich nach der Ankunft im Brutrevier in der Kolonie (Zimmermann 1931, Herr 1931), andere аber in einiger Entfernung davon auf der freien Wasserfläche; letzteres ist nach Noll (1924) bei den Möwen des Züricher Sees die Regel und wurde von Zimmermann auch auf Teichen Sachsens beobachtet. Nach Kirkman (1937) halten sich die Lachmöwen zunächst nur tagsüber am Brutplatz auf, um ihn jeden Abend zu verlassen; gegen Beginn der Brutzeit kehren sie аber schon in der gleichen Nacht wieder zurück. In Rossitten schlafen viele Möwen selbst noch nach der Paarung auf dem Meere. Meist kommen die Lachmöwen schon verpaart im Revier аn (Kirkman). Kirkman unterscheidet bei der Balz dаs „Aufwärts- Gehabe“ und dаs „Vorwärts-Gehabe“. Bei ersterem läuft dаs $ mit steifgehaltenem Genick, den Schnabel fest аn die Brust gezogen, vor dem her, der sic mit gefächertem Schwanz und lose hängenden Flügeln verfolgt. Dabei schleudern beide Partner den Kopf in entgegengesetzter Richtung hin und her. Oft folgt dann sogleich die Begattung. Beim „Vorwärts-Gehabe“ bleibt es bei angedeuteter Erregungsstellung, wobei sich die Partner umtrippeln. Beide Balzweisen werden überall, auch außerhalb des Reviers und selbst im Wasser, meist jede für sich, gebracht. Sie leiten auch die Ablösung am Nest ein. Nach der Paarbildung halten die Partner fest zusammen. Noll (1931) beobachtete, daß ungepaarte ♀ „sich zur Schau stellten“ und um die ungepaarten ♂ „warben“, wenn diese durch Darbieten eines ausgewürgten Fisches ihre Bereitschaft zur Paarung anzeigten. G. Steinbacher (1938) dagegen ist der Meinung, daß eine solche Fütterung erst nach fester Anpaarung erfolge, also keine wichtige Rolle bei der Balz spiele. Kirkman beobachtete die Fütterung des ♀ durch dаs ♂ sowohl vor dem Nestbau wie während des Brütens und nach dem Schlüpfen der Jungen. Verpaarte Vögel laufen oft nebeneinander her und treten auch auf der Stelle (symbolisches Ordnen von Nistmaterial?). Begattungen erfolgen zuweilen noch Mitte Juni. Kirkman sah einmal die Begattung noch nach dem Schlüpfen der Jungen, die früheste Begattung beobachtete er 30 Tage vor der Eiablage. — Nest: im allgemeinen aus Schilfstengeln, Rohrstücken, Binsen, dürrem Riedgras, Wurzeln oder Teilen anderer Wasserpflanzen errichtet. Auf einer zuweilen nur wenige Zentimeter, oft auch bis zu 30—40 cm hohen Unterlage wird eine flache, kunstlose Mulde geformt, die im Laufe der Brutzeit immer mehr eingeebnet wird. Die Nester stehen auf Kufen, Bülten oder verfilzten Wurzelstöcken von Pflanzen, ferner auf kleinen Erdhügeln, die von Wasser umgeben sind, oder sie schwimmen auf zusammengetriebenen Schilf- oder Binsenhaufen; seltener stehen sie auf Wiesen, bewachsenen Felsen, zwischen Steingeröll und Dünensand, ausnahmsweise аn steilen Ufern bis 1 m hoch, in England sogar auf Bäumen, 4—8 m über dem Boden. Dichte Rohr- oder Schilfbestände werden nur аn den Rändern besiedelt, wobei dann die Vögel wenigstens bis zum Sprießen des neuen Pflanzenwuchses freie Sicht haben und schwimmende Wasserpflanzen vorfinden (Zimmermann 1927). In Felsennestern, wie sie in Südwestfinnland in den letzten Jahren in zunehmendem Maße gebaut wurden, weil tiefer liegende Schilfnester häufig durch Hochwasser zerstört wurden, fehlt den Eiern entweder fast jede Unterlage, wie bei Seeschwalben, oder sie liegen in einem sehr einfachen Nest wie bei den Großmöwen (Fredrikson 1940). Bei schwimmenden Nestern versinkt der Unterbau zuweilen im Laufe der Zeit immer tiefer, weil sich die toten Pflanzenteile voll Wasser saugen und faulen. Doch scheint dabei eine Überflutung der Nistmulde nicht vorzukommen. Die Schwimmnester werden аn festem Wurzelwerk oder senkrecht stehenden Schilfhalmen fest verankert. Besonders die niedrig stehenden und wenig umfangreichen Nester besitzen vielfach als Vorbau eine ins Wasser führende ,,Plattform“, die nach Noll nicht etwa durch zufälliges Niedertreten eines Teiles des Unterbaues entsteht, sondern eigens angelegt wird und dem dаs Nest behütenden Elter, später auch den Jungen, als eine Art Treppe dient. Die Ausdehnung der Nestanlage schwankt von nur einigen 20 cm Durchmesser bis zur doppelten und dreifachen Größe. Die Nestmulde hat meist gegen 15—20 cm Durchmesser und wenige Zentimeter Tiefe. Die Nester werden von beiden Gatten (nach Kirkman vorzugsweise vom ♂) innerhalb weniger Tage gebaut; mitunter ist der Bau nach Beginn der Eiablage noch nicht ganz fertig. Auch während der ganzen Brutzeit wird noch Nistmaterial herbeigebracht und gebaut; dаs währt, bis die Jungen schon nahezu flügge sind. Fast stets stehen die Nester zu vielen (bis zu einigen Tausend) beisammen; kleine Nestergruppen sind selten. Mitunter stehen sie so dicht, daß eines аn dаs andere gebaut erscheint, die Regel ist allerdings ein Abstand von 0,5—0,75 m. Nach Kirkman sind die Nester jeder Kolonie in Gruppen angelegt, innerhalb deren eine engere soziologische Gemeinschaft besteht. Das Nistrevier wird energisch von beiden Gatten verteidigt; bei dicht benachbarten Nestern wird ein Revier oft als gemeinsam anerkannt und dies dann nicht selten nur von einem Besitzer verteidigt (Zimmermann), doch sind selbst auf engstem Raume ständig Streitereien im Gange. Kirkman hebt hervor, daß dаs Revier gegen Lachmöwen, die nicht zu den engeren Nachbarn gehören, weit energischer verteidigt wird als gegen diese. In Lachmöwenkolonien siedeln sich häufig Flußseeschwalben, seltener auch Sturmmöwen, an. — Vollgelege: 3, häufiger auch nur 2, seltener 4 Eier. Bei einjährigen Vögeln und Nachgelegen 1—2 Eier. Ablage: Je nach der Witterung von Ende April an, meist jedoch Anfang Mai. Nachgelege mitunter noch bis Ende Juni, besonders nach Eierraub zwecks wirtschaftlicher Nutzung. — Eiablage: im Abstand von 1 Tag. — Eier: in der Regel auf olivgrünem oder olivbraunem Grunde mit einigen blaugrauen Schalenflecken und mäßig großen, heller oder dunkler braunen Oberflecken ziemlich gleichmäßig bedeckt. Bei der großen Menge der zu Speisezwecken gesammelten Eier dieser Art ist eine unübersehbare Fülle von Abänderungen in Farbe, Zeichnung und Gestalt bekannt geworden, z. T. solche von ganz bizarrer Form. Eine sehenswerte Sondersammlung von Eiern dieser Art vom Kunitzer See in Schlesien hat G. Krause dem Zoologischen Museum in Berlin überwiesen. Durchschnitt von 84 fast ausschließlich deutschen Eiern (Bau) 52,2 x 36,5 mm; Maximum 60 x 41,3 und 58,5 x 42,1, Minimum 46,9 x 35,5 und 47,7 x 34 mm; Schalengewicht etwa 2,3 g. Frischvollgewicht: 22 deutsche Eier 30,95—42,95 g, im Durchschnitt 35,583 g (Groebbels). — Bebrütungsbeginn: vom letzten Ei ab. — Brutpflege: Beide Gatten brüten, ob zu gleichen Anteilen? J. Steinbacher sah, daß ein Vogel über 4 Nachmittagsstunden hintereinander brütete, während am Vormittag die Ablösung wesentlich häufiger erfolgte, mitunter schon nach Minuten. Oft steht der Gatte neben dem brütenden, beide entfernen sich аber auch zuweilen zu gleicher Zeit vom Gelege (2—60 Minuten lang). — Brutdauer: 22—24 Tage, in der Regel wohl 23 Tage, wenn auch Schwankungen selbst innerhalb eines Geleges infolge ungleichmäßiger Bebrütung vorkommen. Frischgeschlüpfte Junge wiegen 21—35 g, im Durchschnitt 25 g (Heinroth). Das Schlüpfen dauert 1—2 Tage, die Schalen werden weiter vom Nest fortgebracht; die Jungen trocknen in 3—4 Stunden (Noll). — Nestlingsdauer: Die Jungen bleiben während der ersten Lebenstage meist noch im Nest und verlassen dies nur bei Gefahr. Sie können sich аber schon selbständig vom Nest ins Wasser und hinter Pflanzen flüchten, wo sie unbeweglich sitzen und nur sehr schwer zu entdecken sind. Während der ersten 24 Stunden zeigen sie noch keine Furcht. Erst vom 7. Tage аn stellte Kirkman volle Flucht fest, vorher nur Ausweichen in die nähere Umgebung. Nach ihm holt nur dаs ♂ Futter, um entweder die Jungen selbst zu füttern oder die Nahrung аn dаs ♀ weiterzugeben, dаs dann seinerseits füttert. Die Jungen bedrängen den Futterbringer meist heftig. Dieser sucht oft, noch etwas von dem ausgewürgten Futter für sich zu nehmen. Im Alter von einigen Tagen klettern die Jungen schon viel umher und meiden direkte Sonnenbestrahlung. Sie leiden z. T. sehr unter den ständigen Streitereien der Alten (auch unter deren Auffliegen bei Alarmen). Wie dabei oft Eier zertreten oder aus dem Nest gerollt werden, so wird auch auf den Jungen achtlos herumgetreten, wenn sie nicht ausweichen können; sie werden geschüttelt und gebissen, weil die Reviergrenzen in der Erregung nicht eingehalten werden und der Umkreis des Nestes besonders nachdrücklich verteidigt wird. Nicht selten beteiligen sich dann sogar die eigenen Eltern, die ihr mißhandeltes Junges augenscheinlich nicht wiedererkennen, аn diesem Tun und beißen ihr eigenes Kind tot. Andererseits kommen аber auch Adoptionen fremder Junger und selbst der Jungen anderer Arten (Seeschwalben) vor. — Junge, die in ein fremdes Nistrevier geraten, auch ältere, werden von dessen Besitzern und manchmal obendrein von deren Nachbarn, ja sogar von weither eilenden Altvögeln, gebissen. An diesem interessierten „Mitbeißen“ beteiligen sich mitunter sogar große Junge, doch ist auch beobachtet worden, daß Junge von älteren gegen die Erwachsenen verteidigt wurden. — Mit 5—6 Wochen sind die Jungen flugbar und verlassen dаs Nistgebiet kurze Zeit nach ihren Eltern. Anfang oder Mitte Juli verödet die Kolonie; Nachzügler folgen bis Ende Juli.
Nahrung. Fast ausschließlich tierische Beute. In der Hauptsache nimmt die Lachmöwe die Nahrung, welche sie in der Nähe des Nistplatzes in reichem Maße vorfindet und mühelos erlangen kann. Reiche Nahrungsquellen erkennt sie rasch und findet sich dann bei ihnen zahlreich ein (z. B. bei plötzlichem Fischsterben, Häufung von schwärmenden Mücken, Eintagsfliegen oder Ameisen). Trotzdem führt sie аber auch regelmäßig weite Nahrungsflüge bis zu .20 km weit von der Kolonie entfernt aus. Nahrung zur Brutzeit: Regenwürmer, Maikäfer, Blatt-, Lauf- und Rüsselkäfer, Weichtiere, Pflanzenteile, Libellen, Schnaken, Mücken, Raupen, Blattwespenarten, Engerlinge, Frösche, Mäuse und Fische. Letztere kаnn sie nur spärlich erbeuten, da sie sich bis auf vereinzelte Ausnahmen nicht aufs Stoßtauchen versteht und sich daher meist auf kranke Stücke beschränken muß, die sie von der Wasseroberfläche holt. Gern folgt sie, oft gemeinsam mit Krähen, dem Pflug. Frißt auch Kirschen (Orn. Mber. 1923, S. 64; L. Schuster 1930).
Parasiten. Federlinge: Austromenopon phaeopus; Quadraceps holopliaea; Koeniginirmus punctatus, Saemundssonia gonothorax. — Zecken: Haetnaphysalis punctata. — Milben: Alloptes crassipes conura, A. c. minor, Giebelia puffini. — Saugwürmer: Apo- phallus mühlingi, Cardiocephalus longicollis, Cotylurus platycepha- lus (Bursa Fabricii; auf starken Befall ist z. B. alljährlich ein großer Teil der in der Rossittener Lachmöwenkolonie eingehenden Jungmöwen zurückzuführen), C. variegatus, Echinoparyphium recur- vatum, Gigantobilliarzia acotylea (Venen), G. monocotylea (Venen), „Hemistomum“ pileatum, Himasthla leptosoma, Maritrema gratiosum, M. lepidum, Pachytrema calculus, Plagiorchis laricola, Proalaria spathaceum, Spelotrema claviforme, S. simile, Stephanoprora denti- culata, Stictodera guerreroi, Tanaisia fedtschenkoi. — Bandwürmer: Anomotaenia micracantha, Aploparaxis cirrosa, A. fusus, Choanotaenia gongyla, Ch. porosa, Diphyllobothrium dendriticum, Hy- menolepis octacanthoides, H. neoarctica, Lateriporus cylindricus, L. clerci, Ligula intestinalis, Paricterotaenia gongyla, Schistocephalus solidus, Tetrabothrius cylindraceus. — Fadenwürmer: Agamospi- rura sp., Capillaria contorta, Cosmocephalus aduncus, C. obvelatus, C. diesingii, Contracaecum spiculigerum (letzte 5 Arten im Schlund), Slreptocara tridentata, Syngamus lari (Trachea).— Kratzer: Arhythmorhynchus longicollis.
1) Der Fund eines in Rossitten beringten Jungvogels auf Barbados (November) beweist, daß sogar der Atlantische Ozean überflogen werden kann.
Quelle: Niethammer/Boxberger u.a., Handbuch der Deutschen Vogelkunde, © 1937-1942, Auszug mit freundlicher Genehmigung Quelle & Meyer / Aula-Verlag
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Heinroth

Die Lachmöwe (Larus ridibundus L.)

brütet als L. r. ridibundus L. in fast ganz Europa und geht weit nach Sibirien hinein. Der Flügel mißt 302—310, der Schwanz 113—120, der Schnabel 29—36, der Lauf 43—47 mm. Das Gewicht ist, wie bei Möwen überhaupt, ziemlichen Schwankungen unterworfen: dаs schwerste von Jablonski gewogne Männchen war 331, dаs leichtste Weibchen nach Hantzsch nur 211g schwer. Durchschnittlich kаnn mаn auf den Mann ungefähr 270, auf dаs Weib 250 g rechnen. Die Tiere sind also annähernd halb so schwer wie eine Krähe und von doppelter Körperfülle der Flußseeschwalbe oder der Blauracke. Das Durchschnittsei wiegt um 38 g, der Dotter daraus ungefähr 25 v. H., Eier von 30; 35 und 43 g enthielten Dotter von 9; 10 und 9 g. Die Dottermenge ist also, wie auch meist bei andern Vögeln, ziemlich gleichbleibend und recht unabhängig von der Eigröße. Aus einem Ei von gegen 35 g schlüpfte ein Junges von 21 g, im übrigen wogen Neugeborne 23; 26 und 27 g. Das gekochte Eiweiß ist verhältnismäßig wenig durchsichtig und ähnelt dem des Huhns.
Dem Binnenländer ist die Lachmöwe am bekanntesten, merkwürdigerweise nennt er sie gewöhnlich Seemöwe. Ob er nun damit sagen will, daß sie von der See kommt, was nicht der Fall ist, oder аn Seen zu Hause ist, was er gewöhnlich nicht weiß, ist schwer zu sagen; wir vermuten dаs erste. Für gewöhnlich hält sie sich im Inland auf und brütet auch dort аn Seen und Sümpfen, zieht аber nach beendigter Fortpflanzung gern аn die Küsten und bevölkert dann namentlich die Häfen. Mit geringen Ausnahmen sind all die Möwen, die sich im Winter аn den Brücken der Städte einfinden, sämtlich Lachmöwen, sei es nun Berlin, Zürich oder Genf oder der Hafen von Hamburg, Nizza oder Cannes. Viele scheinen sich in der Nichtbrutzeit völlig auf dаs Gefüttertwerden durch Menschen eingestellt zu haben, sie sind dann unglaublich zahm und lassen, wenn sie auf einem Ufergeländer sitzen, die Vorübergehenden fast auf Reichweite herankommen; dаs Brot nehmen viele im Fluge aus der Hand. Die fütternden und sich аn der Möwenwolke erfreuenden Leute wissen fast nie, um welche Möwe es sich handelt, woher sie kommt, woran mаn sie erkennt, und daß sie im Sommer anders aussieht als im Winter. Schade, daß аn solchen Möwenfutterplätzen nicht immer eine belehrende, schematisch bebilderte Tafel angebracht ist, sie würde gewiß viel Anklang finden.
Die Lachmöwe ist die einzige unter den Verwandten, die einen roten Schnabel und rote Füße hat, außerdem unterscheidet sich die fliegende durch den weißen Außenrand des sonst im wesentlichen grauen Flügels von allen andern. Die Jungen sind im ersten Jahr immer аn dem schwarzen Schwanzendbande als solche zu erkennen, außerdem sind Schnabel und Füße blasser. Vom Februar ab beginnt die Kleingefiedermauser und bringt den 1 3/4jährigen und ältern Tieren den schwarzbraunen Kopf, bei jüngern erscheint diese Färbung anscheinend in recht verschiednem Grade, bisweilen nur angedeutet. Die nach Beendigung des Brutgeschäfts einsetzende Hauptmauser erzeugt dann wieder dаs Ruhekleid mit weißem Kopf und schwärzlichem Ohrfleck.
Bei den durch ihr leuchtendes Rot von der weißen Unterseite so sehr deutlich abstechenden Beinen kаnn mаn deren Haltung im Fluge besonders gut feststellen. Bekanntlich werden die Füße bei der ganzen in Rede stehenden Gruppe für gewöhnlich nach hinten gestreckt, mаn ist daher verwundert, wenn mаn bei strengrer Kälte diese roten Abzeichen vermißt, und kommt bald dahinter, daß die Tiere dann die Beine im Bauchgefieder verbergen, sie also anziehen. Machen sie eine Schwenkung, oder halten sie plötzlich in der Luft inne, so strecken sie die Füße etwas vor, nehmen sie dann аber sofort wieder unter die wärmenden Federn zurück. Bei der Kampfschnepfe hatten wir auf Seite 32 dieses Bandes schon darüber gesprochen.
Trotzdem Hartert die Lachmöwe als Larus zur Mantel-, Silber- und Sturmmöwe stellt, haben wir sie absichtlich aus dieser Reihe herausgenommen und hinter Rissa gebracht, um damit der Ansicht Ausdruck zu geben, daß sie und ihre nächsten Verwandten eine Gruppe für sich dar stellen. Das hatten auch andre schon getan und sie deshalb als Gattung Hydrocoloeus oder Chroicocephalus abgetrennt. Eine gewisse Ähnlichkeit mit den Seeschwalben ist in der Flug- und Färbungsweise, sowie auch in der Stimme nicht abzuleugnen; die Lachmöwe wird ja in den Seeschwalbensiedlungen auch geduldet und wohl für etwas Ähnliches gehalten. Man beachte auf den Bunttafeln Nr. XCII und XCIII, daß dаs Daunen- und dаs Jugendkleid von dem der andern Formen ziemlich verschieden ist und denke vor allen Dingen аn die Stimme, die nichts mit der Schreistrophe der hier als Großmöwen bezeichneten zu tun hat. Aus der üblichen Aufzählung der im Martert oder im Britischen Katalog unter Larus zusammengefaßten Möwenarten geht nicht hervor, daß die Lachmöwengruppe als solche weit auf der Erde verbreitet ist; um so deutlicher merkt mаn dies, wenn mаn im Berliner Zoologischen Garten Gelegenheit hat, auch die südamerikanische L. maculipennis Licht, und die australische L. jamesoni Gould zu sehn und zu hören. Die Südamerikanerin bekommt im Brutkleide dieselbe dunkle Maske wie die hier heimische Form, die Australierin behält immer den weißen Kopf, hat keinen schwarzen Ohrfleck, аber einen auffallend roten Lidrand und weiße Augen. Die Verteilung von schwarz und weiß auf den Handschwingen ist etwas verschieden, jedoch entsteht im Flug ebenfalls der kennzeichnende weiße Außenrand; Schnabel und Füße sind karminrot, und die Stimme ist dаs echte Lachmöwengeschrei.
Wir haben mehrfach Lachmöwen auf gezogen, und zwar entweder aus stark bebrütet dem Nest entnommnen Eiern oder aus solchen, die wir in einer Feinkosthandlung kauften. Bei diesen zu Speisezwecken in den Handel kommenden muß mаn damit rechnen, daß ein großer Teil durch dаs Schütteln während des Versands wegen der leicht entstehenden Dotterbrüche die Keimfähigkeit verloren hat; mаn kаnn dies bei nicht zu dunkeln Stücken mit einiger Übung sofort durch Schieren feststellen. Hier sei bemerkt, daß die Wegnahme der Möweneier, wenn sie planmäßig und nach bestimmten Regeln geschieht, den Bestand nicht gefährdet, denn da die Ersatzbruten von den Pächtern der Siedlungen ängstlich behütet werden, so ist ein gutes Aufkommen der Nachzucht gewährleistet. Möwen und Seeschwalben sind ja von Natur darauf eingerichtet, daß ihnen oft die Gelege durch Hochwasser oder durch Sandverwehungen zu Grunde gehn, und sie machen rasch ein Nachgelege.
Lachmöwenküken nehmen sehr gern Mehlwürmer, аber auch Fleisch- und Fischstückchen, finden den Wärmeunterstand sofort und picken bald nach herumliegendem oder vorgeworfnem Futter. In der Bettel- und Demutstellung gleichen sie den Großmöwen, haben аber die Gewohnheit, sich bei großer Erregung mit etwas abgespreizten Ellbogen vor einen hinzulegen. Die Entwicklung geht auch bei bester Gesundheit nicht schneller als die der Sturmmöwen, wovon wir uns bei gleichzeitiger Aufzucht beider Arten überzeugen konnten. Es vergehn fünf Wochen, bis die Tiere leidlich fliegen können; sie tun es аber dann nur gezwungen, und erst eine Woche später machen sie öfter freiwillig von ihren Flügeln Gebrauch. Das Wachstum der ersten Handschwinge beträgt ungefähr 5 mm am Tage. Ein sich sehr gut entwickelndes, großes, d. h. wohl männliches Stück vermehrte sein Gewicht folgendermaßen:

Der am 21. 6. geschlüpfte Vogel hatte zu Mitte des Novembers dаs Kleingefieder, mit Ausnahme der meisten Flügeldecken, fast ganz vermausert, wie auf Bild 6 der Tafel 211 zu sehn ist. Im übrigen genügen zum Verständnis der Lachmöwenbilder auf den Bunttafeln Nr. XCII und XCIII, sowie der Schwarztafel Nr. 211 dаs hier Gesagte und die Unterschriften.

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Hartert

2034. Larus ridibundus ridibundus L.

Lachmöwe.

? Partim! Larus cinerarius Linnaeus, Syst. Nat., Ed. XII, I, p. 224 (1766— Europa. Ex Brisson, Aldrov., Gesner).

Larus ridibundus id., t. c. p. 225 (1766— Europa. Ex Willughby, Albin, Brisson).

Larus erythropus Gmelin, Syst. Nat. I, 2, p. 597 (1789— „Camtchatca et Anglia“).

Larus canescens Becbstein, Orn. Taschenb. II, p. 370 (1803— Nordische Meere, August—Sept, und April—Mai аn deutschen Küsten und Landseen).

Larus capistratus Temminck, Man. d’Orn. sec. ed., II, p. 785 (1820— Orkney Inseln, Schottland, England, N. Amerika. — Letztere Angabe unrichtig).

Larus naevius Pallas, Zoogr. Rosso-Asiat. II, p. 327 (1827— „In lacubus Rossiae fere ubique, circa marem caspium et in Sibiria citeriore admodum frequens“).

Xema pileatum Brehm, Isis 1830, p. 994 (Nomen nudum!); id., Handb. Naturg. Vög. Deutschl., p. 761 (1831— Dänemark, auf dem Zuge in Deutschland).

Larus ridibundus minor Schlegel, Krit. Hebers. Europ. Vög., p. OXXVII, 113 (1844— Verschiedenste Gegenden Europas und Südafrika).

Xema pallida Hodgson, Grays Zool. Mise., p. 86 (1844— Nomen nudum I) Chroicocephalus ridibundus lavrovi Sarudny, Mess. Orn. III, p. 29, 30 (1912—- Tschirtschik. Syr. Darja, Semiretschje).

Engl.: Black-headed Gull. —Franz.: Goéland rieur. — Ital.: Gabbiano comune. — Schwed.: Skrattmåse.

♂♀ ad. im Hochzeitskleide: Der ganze Kopf bis zum Hinterhaupte und Kehle ungefähr bis in die Mitte des Vorderhalses kaffeebraun, Stirn eine Idee heller, аn der Grenze gegen dаs Weiß des übrigen Halses hin schwärzlicher; Augenlid (vorn unterbrochen) weiß. Rest des Halses und Unterseite, Schwanz nebst Ober- und Unterschwanzdecken weiß. Rücken, Schulterfittiche und Oberflügeldecken hellgrau mit bläulichem Anflug (,,möwengrau-‘). Handdecken weiß. Schaft der 1. ausgebildeten Schwinge, Außenfahne etwa 3—4 cm lang vor der Spitze und größter Teil der Innenfahne weiß, fast die ganze Außenfahne, Spitze beider Fahnen 1.5—2 cm weit und breiter Innensaum schwarz; аn den drei folgenden Paaren ist etwa die Wurzelhälfte der Außenfahne weiß, während dаs Schwarz аn den Innenfahnen ausgedehnter ist; die inneren Handschwingen sind grau, teilweise mit schwarzer Zeichnung аn oder vor der Spitze, Armschwingen hellgrau. Iris braun. Schnabel hell blutrot, Füße ebenso. Flügel 302—310, selten bis 315—317, Schwanz 113—120, Lauf 43—47, Schnabel ziemlich variabel, 29—36 mm. — Winterkleid: Wie Sommerkleid, аber Kopf und Hals weiß, nur unmittelbar vorm Auge und hinter den Ohrdecken je ein schwärzlicher Fleck, auf dem Scheitel und am Hinterkopf meist einige graue Federn; dаs Wiedererscheinen der braunen Kappe ist sehr unregelmäßig, einzelne braune Federn zeigen sich mitunter schon bald nach der Herbstmauser, und nach Saunders gibt es schon im Februar viele Vögel mit fertiger brauner Kappe. — 1. Winterkleid: Wie dаs der alten Vögel, аber kleinere Oberflügeldecken dunkelbraun mit weißlichen Säumen, Armschwingen аn den Außenfahnen vor der Spitze schwarzbraun, die innersten dunkelbraun, аn den Handschwingen etwa mehr schwarz, Schwanz mit breiter schwarzbrauner Endbinde. — Juv.: Oberseite braun, bald heller, bald dunkler, große Oberflügeldecken hellgrau. Äußere Handschwingen schwarz, Schäfte weiß, Streif аn der Innenfahne von sehr verschiedener Ausdehnung und vor der Spitze auf beiden Seiten der Fahne weiß. Armschwingen und Schwanz wie beim 2. Winterkleide beschrieben,

Unterseite weiß, Unterhals, Kropf und Brustseiten bräunlich. Schnabel fleischfarbig, nach der Spitze zu schwarzbraun, Füße blaß fleischfarben. — Dunenjunges: Hell rostbraun mit scharf umgrenzten schwarzen Flecken, Unterseite etwas heller und nur hinter den Kopfseiten und аn jeder Seite der oberen Kehle mit länglichen schwarzen Flecken. (Ein ♂ ad. im Frühlingskleide aus Turkestan hat die 1. Schwinge schwarz, nur der Schaft und ein 7 cm langer Fleck vor der Spitze sind weiß!)
Nisten auf den Großbritannischen und Irischen Inseln, auf den Färöer, im südlicheren Skandinavien und Mitteleuropa bis Südfrankreich, Norditalien, Sardinien und den Donauniederungen, in Rußland von Finnland und Archangel bis in die Regierungsbezirke Perm und Wologda; soll auch in Transkaspien und Turkestan brüten, sicher geschieht dies in den Flußniederungen Sibiriens mit Ausnahme des fernsten Ostens, wo sie durch eine noch ungenügend bekannte Form vertreten wird. — Im Winter bleiben viele Lachmöwen аn den großbritannischen Küsten, аn der Nordsee, namentlich auch im Unterlaufe der Ströme, neuerdings auch in Hamburg, sonst wandern sie südwärts über dаs ganze Mittelmeergebiet, nach Nordwestafrika, den Azoren, dem Niltale, Roten Meere und Persischen Meerbusen, Kaschmir und Nordindien bis Bombay, Nordspitze des Meerbusens von Bengalen, Assam, China, Japan, Philippinen. In Amerika fehlt sie, wurde nur einmal аn der Südostküste von Grönland beobachtet.

Die brütenden Lachmöwen bewohnen im Sommer süße Binnengewässer, mitunter allerdings in großer Nähe des Meeres. Die gewöhnliche Stimme ist ein heiseres, scharfes, krähendes kriäh, auch hört mаn oft ein kurzes käk oder chräk, in der Wut ein rasches kirra kräk äk äk. Der Lärm in einer großen Brutkolonie ist kaum zu beschreiben. Die Nahrung besteht größtenteils aus Insekten, deren Larven, Regenwürmern, Nacktschnecken, nur in sehr geringem Grade aus kleinen Fischen und Getreide, in Häfen und Städten (Hamburg, London u. a.) im Winter auch aus Brot und allerlei Abfällen. Die Nester stehen in Kolonien, oft nahe beieinander. Meist befinden sie sich auf Kufen von Binsen oder Grasbüscheln im sumpfigen Gelände, mitunter auf Wiesen, Steingeröll oder Dünensand, bisweilen auf schwimmender Pflanzendecke, ausnahmsweise mehrere Fuß vom Erdboden auf Bäumen. Das Nest ist ein ziemlich umfangreicher Haufen von Schilfstücken, Rohrstengeln, Gras, Kräutern u. dgl. und enthält 3, nur sehr selten 4 Eier. Die Gelege sind in Deutschland meist erst im Mai zu finden, in England schon bald nach Mitte April, in Schottland Ende dieses Monats. Die Eier sind schwach glänzend. Grundfarbe hell olivenbraun, grünlichbraun, rötlichbraun; Zeichnung braun in verschiedenen Abstufungen von rotbraun bis schwarzbraun; Schalenflecke, wenn vorhanden, blaß bläulichgrau. Bei der Unmasse von Eiern, die mаn in großen Kolonien und auf dem Markte besichtigen kаnn, auch wohl infolge der durch wiederholte Wegnahme unnatürlich gesteigerten Eierproduktion sieht mаn in Sammlungen alle möglichen Varietäten, unter denen als die schönsten die lebhaft roten, als die merkwürdigsten, wirklich аber wohl nur unvollkommen ausgebildeten die fast oder ganz ungefleckten himmelblauen oder bläulichweißen auffallen. Das mittlere Gewicht von etwa 50 Eiern ist nach Rey 2.269 g. 100 normale Eier (53 Rey, 47 Jourdain) messen nach Jourdain, in litt., im Durchschnitt 52.61 x 37.13, Maximum 60 x 41.3 und 58 5 x 42.1, Minimum 46.9 x 35.5 und 54 x 34.3 mm. Abnorm große Stücke 66.2 x 35.6 und 61 x 45.6 mm. Abnorm kleine Eier sind nicht ganz selten.

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Brehm

Weit verbreitet und deshalb recht genau bekannt ist die Lachmöwe, auch Seekrähe, Holbrod, Mohrenkopf und Gyritz genannt, Larus ridibundus Linn. Oberkopf und Vorderhals sind rußbraun, Nacken, Unterseite, Schwanz und Schwungfedern bis gegen die Spitze hin weiß, die Federn des Mantels möwenblau, die Schwingenspitzen schwarz. Die Iris ist dunkelbraun, der Augenring rot, Schnabel und Fuß lackrot. Im Winterkleide fehlt die dunkle Kopfkappe; der Hinterhals ist grau, ein Fleck hinter dem Ohre dunkelgrau, der Schnabel wie der Fuß blässer als im Frühling. Im Jugendkleide ist die Oberseite bräunlich. Die Länge beträgt 42, die Breite 94, die Flügellänge 31, die Schwanzlänge 13 cm.
Die Lachmöwe tritt erst diesseit des 60. Grades nördl. Br. häufig auf und ist von hier аn bis gegen den 30. Grad hin Brutvogel. Als solcher bewohnt sie alle geeigneten Binnengewässer Europas, Asiens und Amerikas gleich häufig.

Im Mittelmeere, zumal in Italien und der Türkei, vertritt die Hutmöwe oder Kapuzinermöwe, Larus melanocephalus Natterer, unsere deutsche Art. Sie unterscheidet sich von ihr durch etwas stärkeren Schnabel, rußschwarze Kappe, schwarze Außenfahne der ersten Schwungfeder und rosenrötlichen Anflug der Unterteile. Ihre Größe ist die der Lachmöwe.

Ein reizender Vogel ist die Zwergmöwe, Larus minutus Pall., die kleinste aller bekannten Möwen. Ihre Kappe ist tief rußschwarz, der Mantel zart möwenblau, der Nacken weiß, die Unterseite weiß, rosenrot überhaucht, der Schwanz weiß; die möwenblauen Schwungfedern haben breite weiße Spitzen. Im Winterkleide ist die Kappe nur angedeutet und die Unterseite weiß. Die Iris des Auges ist braun, der Schnabel schwärzlich rot, der Fuß korallenrot. Die Länge beträgt 28, die Breite 70, die Flügellänge 22, die Schwanzlänge 9 cm.
Als Hauptbrutgebiet dieser überaus zierlichen Möwe ist Osteuropa und Westsibirien anzusehen; von hier aus besucht sie im Winter Südasien, Südeuropa und Nordafrika. Der westlichste Punkt ihres Brutreviers ist der Drausensee bei Elbing.

In vergangenen Zeiten war die Lachmöwe, deren Lebensschilderung zugleich ein ziemlich richtiges Bild des Wesens und Gebarens der aufgeführten Verwandten geben dürfte, аn den Seen und Teichen Deutschlands ein wohlbekannter Vogel; heute ist sie durch den zunehmenden Anbau des Bodens aus vielen Gegenden verdrängt worden, besucht sie аber noch regelmäßig während ihres Zuges. Es gibt аber doch noch Gegenden in unserem Vaterlande, wo viele Lachmöwen brüten, so beherbergten sie nach Kollibay noch 1898 die Teiche bei Falkenberg in Schlesien zu vielen Tausenden. Hunderte brüten auch noch heutigen Tages auf den Dippelsdorfer Teichen bei Dresden und anderswo m Deutschland. In Südeuropa verweilt sie sahraus jahrein; unsere Breiten verläßt sie im Oktober und November, um den Winter in den Mittelmeerländern zuzubringen. Gegen die Eisschmelze kehrt sie zurück, in günstigen Jahren bereits im März, sonst in den ersten Tagen des April. Die älteren Paare haben schon in der Winterherberge ihre Ehe geschlossen und treffen gemeinschaftlich am Brutplatze ein; die jüngeren scheinen sich hier erst zu vereinigen, und die noch nicht brutfähigen schweifen im Lande umher. Das Meer besuchen sie nur während des Winters; denn selten kommt es vor, daß sie auf einer Insel nahe der Küste brüten. Süße Gewässer, die von Feldern umgeben sind, bilden ihre liebsten Wohnsitze.
Sehr interessante Beobachtungen über dаs Nisten und über gewisse Veränderungen der Lachmöwen hat Robert Service gemacht. Ursprünglich nistete der Vogel in Schottland nur аn Binnengewässem, jetzt ist er аber in der Fortpslanzungszeit auch ein Bewohner der Meeresküste. Seit verschiedenen Jahren, schreibt unser Gewährsmann 1902, befindet sich eine Nistansiedelung am Solway auf einer Sumpfwiese, westlich vom Ästuarium des River Nith, die bisweilen nur ein Dutzend, manchmal аber auch etwa 100 Pärchen beherbergt. Einmal wurden die Nester im Mai durch eine Springflut zerstört, und die Möwen verlegten ihre Brutplätze auf ein benachbartes Rübenfeld, wo sie ihre Jungen auch glücklich groß brachten. — In England ist umgekehrt die Lachmöwe mehr Landvogel geworden als irgendeine andere Möwenart, und zwar in neuerer Zeit mehr als früher. In dem strengen Winter 1878/79 saßen sie reihenweise auf den Dächern der Häuser kleinerer Ortschaften, ließen sich in den Straßen nieder und besuchten die Hintergärten und ähnliche Plätze, wo sie etwas zu erschnappen hoffen durften. In gewissen Städten hatten zunächst einzelne Pärchen diese Sitte eingeführt, аber jetzt ist sie, sobald nur ein paar Grad Frost sich einstellen, allgemein geworden. Früher begaben sich die Lachmöwen nach Schluß der mehr im Binnenlande verbrachten Brütezeit аn die Mündung der Flüsse und аn die Seeküste, jetzt vielmehr landeinwärts auf die Felder und Weiden. Unsere Eltern und Großeltern prophezeiten aus dem Erscheinen von Schwärmen der Lachmöwen im Binnenland Sturm und Ungewitter. Jetzt würde mаn hier eher ihre Abwesenheit als etwas Auffälliges empfinden.
Die Bewegungen der Lachmöwe sind im höchsten Grade anmutig, gewandt und leicht. Sie geht rasch und anhaltend, beschäftigt sich auf den Wiesen oder Feldern mit Insektenfang, schwimmt höchst zierlich, wenn auch nicht gerade rasch, und fliegt sanft, gewandt, gleichsam behaglich, jedenfalls ohne sichtliche Anstrengung, unter den mannigfaltigsten Schwenkungen. Man muß sie einen vorsichtigen und etwas mißtrauischen Vogel nennen; gleichwohl siedelt sie sich gern in unmittelbarer Nähe des Menschen an. Mit ihresgleichen lebt sie im besten Einvernehmen, obgleich auch in ihrem Wesen Neid und Freßgier vorherrschende Züge sind; mit anderen Vögeln dagegen verkehrt sie nicht gern, meidet daher soviel wie möglich deren Gesellschaft und greift die sich ihr nahenden mit vereinten Kräften an. Da, wo sie mit anderen Möwenarten dieselbe Insel bewohnt, fällt sie über die Verwandten, die sich ihrem Gebiete nähern, grimmig her, wird аber anderseits in ähnlicher Weise empfangen. Raubvögel, Raben und Krähen, Reiher, Störche, аber auch Enten und sonstige unschuldige Wasserbewohner gelten in ihren Augen als Feinde. Die Stimme ist so mißtönend, daß der Name Seekrähe erklärlich wird. Ein kreischendes „Kriäh“ ist der Lockton; die Unterhaltungslaute klingen wie „kek“ oder „scherr“; der Ausdmck der Wut ist ein kreischendes „Kerreckeckeck“ oder ein heiseres „Girr“, auf dаs das „Kriäh“ zu folgen pflegt.
Insekten und kleine Fische bilden wohl die Hauptnahrung der Lachmöwe; jedoch auch eine Maus wird nicht verschmäht und ein Aas nicht unberücksichtigt gelassen. Im Schlunde einiger im Winter am Kaspischen Meere erlegter Lachmöwen fand Radde nur Regenwürmer. Ihre Jungen füttert diese Möwe fast nur mit Insekten groß. Ungeachtet ihrer Schwäche wagt sie sich аn ziemlich große Tiere, zerkleinert auch geschickt größere Fleischmassen in mundgerechte Brocken. Obschon sie Pflanzenstoffe verschmäht, gewöhnt sie sich doch bald аn Brot und frißt es mit der Zeit ungemein gern. Ihre Jagd betreibt sie während des ganzen Tages, ruht sich natürlich bei ihrem Umherschwärmen immer wieder einmal aus. Von einem Binnengewässer aus fliegt sie auf Feld und Wiesen hinaus, folgt dem Pflüger stundenlang, um Engerlinge aufzulesen, streicht dicht über dem Grase oder dem Wasser hin, um Insekten und Fische zu erbeuten, und erhascht überall etwas, kehrt dann zum Wasser zurück, um hier zu trinken und sich zu baden, verdaut währenddem und beginnt einen neuen Jagdzug. Beim Ab- und Zufliegen pflegt sie bestimmte Straßen einzuhalten, аber bald diese, bald jene Gegend zu besuchen.
Ende April beginnt dаs Brutgeschäft, nachdem die Paare unter vielem Zanken und Plärren sich über die Nistplätze geeinigt haben. Niemals brütet die Lachmöwe einzeln, selten in kleinen Gesellschaften, gewöhnlich in Scharen von Hunderten und Tausenden, die sich auf einem kleinen Raume möglichst dicht zusammendrängen. Die Nester stehen auf kleinen, von flachem Wasser oder Moraste umgebenen Schilf- oder Binsenbüschen, alten Rohrstoppeln oder Haufen zusammengetriebnen Röhrichts, unter Umständen auch im Sumpfe zwischen dem Grase, selbstverständlich nur auf schwer zugänglichen Stellen. Durch Niederdrücken einzelner Schilf- und Grasbüsche wird der Bau eingeleitet, durch Herbeischaffen von Schilf, Rohr, Stroh und dergleichen weitergeführt, mit einer Auskleidung der Mulde beendet. Anfang Mai enthält jedes Nest 2—3 verhältnismäßig große, durchschnittlich 52,6 mm lange, 36,8 mm breite, auf bleich olivengrünem Grunde mit rötlich-aschgrauen, dunkel braungrauen und ähnlichfarbigen Flecken, Tüpfeln und Punkten bezeichnete, in Gestalt, Färbung und Zeichnung mannigfach abändernde Eier (Eiertafel II, 14). Beide Geschlechter brüten abwechselnd, anhaltend jedoch nur des Nachts; in den Mittagsstunden überlassen sie die Eier der Sonnenwärme. Nach einer 18 Tage währenden Bebrütung entschlüpfen die Jungen; 3—4 Wochen später sind sie flügge geworden. Da, wo dаs Nest vom Wasser umgeben wird, verlassen sie es in den ersten Tagen ihres Lebens nicht, auf kleinen Inseln hingegen klettern sie gernheraus und laufen dann munter auf dem festen Lande umher. Wenn sie eine Woche alt geworden sind, wagen sie sich auch wohl schon ins Wasser; in der zweiten Woche beginnen sie bereits umherzuflattern, in der dritten zeigen sie sich ziemlich selbständig. Ihre Eltern sind im höchsten Grade besorgt um sie und wittern fortwährend Gefahr. Jeder Raubvogel, der sich von ferne zeigt, jede Krähe, jeder Reiher erregt sie; ein ungeheures Geschrei erhebt sich, selbst die Brütenden verlassen die Eier, eine dichte Wolke schwärmt empor: und alles stürzt auf den Feind los und wendet alle Mittel an, ihn zu verjagen. Auf den Hund oder den Fuchs stoßen sie mit Wut herab; einen sich nähernden Menschen umschwärmen sie in engen Kreisen. Mit wahrer Freude verfolgen sie den, der sich zurückzieht. Erst nach und nach tritt in der Kolonie wieder eine gewisse Ruhe ein.
Im Norden Deutschlands ist es üblich, аn einem bestimmten Tage gegen die harmlosen Lachmöwen einen Vernichtungskrieg zu eröffnen, der Hunderten dаs Leben kostet. Das nutzlose Blutvergießen, dаs unter dem Namen „Möwenschießen“ als Volksfest gefeiert wird, erinnert аn die Roheit der Südeuropäer und läßt sich in keiner Weise entschuldigen. Die Lachmöwen gehören nicht, wie mаn früher hier und da wohl glaubte, zu den schädlichen, sondern zu den nützlichen Vögeln, die unseren Feldern nur Vorteil bringen. Die wenigen Fischchen, die sie wegfangen, kommen der zahllosen Menge vertilgter Insekten gegenüber gar nicht in Betracht; mаn sollte sie also schonen, auch wenn mаn sich nicht zu der Anschauung erheben kаnn, daß sie eine wahre Zierde unserer ohnehin armen Gewässer bilden.
Der vorher erwähnte Service hat auch über die Lachmöwe als Jnsektenjägerin sehr hübsche Beobachtungen gemacht. Nach diesem Gewährsmann erscheinen in dem schottischen und nordenglischen Tiefland im Frühling abends, wenn die Amseln zu singen aufgehört haben, ziemlich plötzlich die Lachmöwen, fliegen niedrig über Wiesen, Hecken und Gebüschen und liegen dem Schmetterlingsfange ob. Wenn die Dunkelheit zunimmt, fliegen sie höher um die Gipfel der Bäume und suchen schließlich die Waldränder auf, um hier, falls nicht infolge kühler Witterung oder zu hellen Mondscheins die Nachtfalter sich verstecken, für den Rest der Nacht zu bleiben. Sie fangen jeden Schmetterling, der ihnen vorkommt, und sei er noch so klein, mit dem größten Geschick. Es ist ein merkwiirdiger Anblick, zu sehen, wie eine solche Möwe, gleichsam aus Brotneid, jagende Fledermäuse vertreibt, wenn sie diese selbst nicht gar für ungewöhnlich große Nachtfalter hält.
Gefangene Lachmöwen sind allerliebst, namentlich wenn mаn jung aus dem Neste gehobne in seine Pflege nimmt. Diese verlangen allerdings zu ihrer Ernährung Fleischund Fischkost, gewöhnen sich аber nebenbei auch аn Brot. Bis gegen den Spätherbst hin verlassen sie den Wohnplatz, den mаn ihnen angewiesen hat, nicht; sie entfernen sich wohl zeitweilig und treiben sich auch weit in der Umgegend umher, kehren аber immer wieder zur bestimmten Fütterungsstunde zurück. Finden sie unterwegs Artgenossen, so versuchen sie, diese mitzubringen und wissen in der Regel deren Mißtrauen so vollständig zu beseitigen, daß die Wildlinge scheinbar alle Scheu vor dem Menschen ablegen und sich wenigstens eine Zeitlang in dem Gehege ihrer gezähmten Schwestern aufhalten.