Heinroth
Der Schwarzkehlige Wiesenschmätzer (Pratincola torquata rubicola L.).
Dieser Vogel bewohnt einen großen Teil Europas und Nordafrikas. Er ist durch die Form Pr. t. hibernans auf den britischen Inseln vertreten, und im Kaukasus sowie in verschiedenen Teilen Asiens kommen gleichfalls Unterarten vor, von denen eine bis zu den malaiischen Inseln geht. Die Flügellänge beträgt 64—70,5, die Schwanzlänge 47—51, die Lauflänge 21—23, die Schnabellänge 14—15 mm. Das Weibchen ist etwas kleiner. Im Gewicht steht dаs „Schwarzkehlchen“ dem Braunkehlchen um einige Gramme nach. Der Schwarzkehlige Wiesenschmätzer ist im Gegensatz zum Braunkehligen nicht ein Bewohner saftigen Wiesengeländes, sondern er liebt trockene, sonnige, steinige, mit etwas Gebüsch bewachsene Halden und Bergwiesen, auch Kiefernschonungen und ähnliche Plätze. In Deutschland scheint er im wesentlichen nur in den westlichen Teilen vorzukommen. Östlich der Elbe wird er durch seinen feuchtigkeitsliebenderen Verwandten ersetzt.
Wie bereits bemerkt, verändert dieser Vogel sein Herbstkleid ohne Mauser nur durch Abreiben der Federränder zum Frühlingskleid, unterscheidet sich also hierdurch sehr vom Braunkehlchen.
Sowohl jung aufgezogene als auch alt gefangene Stücke, die wir im Zimmer hielten, zeichneten sich durch übergroße Lebhaftigkeit aus. Sie sind ungemein fahrig und durchaus keine angenehmen Stubenvögel. Auch ist es fast unmöglich, sie zu photographieren, da sie bei der geringsten Veränderung in Erregung kommen und zu toben anfangen.
Auf der Bunttafel Nr. IV sehen wir außer dem Jugend- auch dаs Frühlingskleid vom Männchen und Weibchen. Das Herbstmännchen entspricht etwa dem Bilde Nr. 6.
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Hartert
1070. Pratincola torquata rubicola (L.).
Schwarzkehliger Wiesenschmätzer; Schwarzkehlchen.
Motacilla Rubicola Linnaeus, Syst. Nat. I, I, p. 332 (1766— Europa. — Ex Aldrovaudi. Albin, Brisson, Willughby. Als terra typica ist Frankreich anzusehen, ex Brisson, aus dessen Text und Bild Linné seine schlechte Diagnose und Aufenthaltsangabe entnahm).
Sylvia muscipeta Scopoli, Annus I. Historico-Nat., p. 159 (1769— Kärnten).
Saxicola fruticeti Brehm, Naturg. Vög. Deutschl., p. 411 (1831— Wien, wandert durch Mittel-Deutschland).
Saxicola media Brehm, t. c., p. 411 (1831— mittleres Deutschland).
Saxicola tytis Brehm, t. c., p. 412 (1831— Mittel-Deutschland).
Pratincola Atricapilla Kleinschmidt, Journ. f. Orn. 1903, p. 384 (neuer Name für P. rubicola und Subspezies).
Engl.: Stonechat. — Franz.: Tarier rubicole, Traquet pâtre, Ouistrac. — Ital.: Saltinpalo. — Schwed.: Buskskvätta.
1. Schwinge bedeutend länger als Handdecken, 3.—5. etwa gleich und am längsten, 6. unbedeutend, 2. viel kürzer. — ♂ ad. Herbstkleid: Federn der Oberseite schwarz, breit rostbraun gesäumt, untere Bürzelfedern und Oberschwanzdecken in der Mitte weiß, аn den Spitzen mit länglichem schwarzem Fleck und rotbraunen Säumen. Schwingen bräunlichschwarz, Handschwingen und Handdecken mit schmalen fahlbraunen, Armschwingen mit breiteren lebhaft hell rotbraunen Säumen. Flügeldecken wie der Rücken, die die inneren Armschwingen bedeckenden Flügeldecken nebst der Basis der Außenfahnen der innersten Armschwingen weiß, einen großen weißen Schulterfleck bildend. Steuerfedern schwarz mit schmalen braunen Außensäumen, Außenfahne des äußersten Paares mit breiterem weißlichbraunen Saum. Zügel, Kehle und Kopfseiten schwarz mit braunen Säumen; Hals- und Kropfseiten weiß mit hell rostbraunen Federspitzen. Übrige Unterseite rostfarben, die Brust am lebhaftesten, Mitte des Unterkörpers und Unterschwanzdecken heller, fast rahmfarben. Innensäume der Schwingen rahmfarben, Unterflügeldecken und Axillaren schieferschwarz, erstere mit breiten weißlichen Säumen, Außenfahnen der letzteren weiß. Iris braun, Schnabel und Füße schwarz. Nach der Herbstmauser findet kein Federwechsel mehr statt, аber im Frühjahr nutzen sich die braunen Federsäume der Oberseite derartig ab, daß Kopf, Kehle und Rücken fast schwarz die Halsseiten ganz und die Oberschwanzdecken fast ganz weiß werden und scharf hervortreten. Flügel von 36 ♂ 64—70,5, meist etwa 65—67,5, Schwanz 47—51, Lauf etwa 21—23, Culmen 14—15 mm. — ♀ ad. Oberseite bräunlicher, nicht so rein schwarz, Bürzel und Oberschwanzdecken wie der Rücken, ohne Weiß, Hals- und Kropfseiten gelblich, nur im ganz abgetragenen Sommergefieder einen weißen Fleck aufweisend, Kehle weniger schwarz, nach dem Kinn zu stets braun, übrige Unterseite matter rostbraun. — Nestkleid: Oberseite dunkelbraun mit rahmfarbenen, dunkel umrandeten Keilflecken аn den Spitzen der Federn, Oberschwanzdecken rotbraun. Kehle bräunlich weiß, übrige Unterseite bräunlich rahmfarben, аn der Brust etwas lebhafter und mit schwärzlichen Federsäumen.
Kontinentales Europa vom südlichsten Schweden bis zum Mittelmeere und dessen Inseln, östlich bis Griechenland, Kreta, Polen und Südrußland (Podolien), ferner in Marokko, Nord-Algerien und Nord-Tunesien. — Überwintert in Ägypten, Palästina und vermutlich in der südlichen Sahara, da er durch Algerien und Nachbarländer durchzieht. (In Deutschland sehr lokal, meist im Westen weniger selten, im Nordosten nur vereinzelt.)
Bewohnt vorzugsweise sonnige, steinige, mit Brombeergerank und Buschwerk bestandene Halden und Hügel, Bergwiesen, junge Kiefernschonungen, mit Gebüsch bewachsene Böschungen, Wegränder, verwildertes Gemeindeland u. dgl., nicht аber üppiges, feuchtes Wiesengelände. Lockton aus einem kurzen Pfiff mit folgendem Schnalzlaut, Gesang aus zwitschernden, abgebrochenen, mit einigen Pfeiflauten vermischten Strophen bestehend. Nest äußerst versteckt, unter Büschchen, neben Steinen, in dornigem Gerank u. dgl., gebaut wie dаs von P. rubetra. Eier 5—6, bläulichgrün, viel grünlicher und sehr viel heller als die von P. rubetra, mit rotbräunlichen, meist blassen, unscharf begrenzten und oft ineinanderfließenden Wölkchen, Flecken und Punkten bedeckt. Zwei Bruten scheinen die Regel zu sein. — Zugvogel, der früh ankommt und lange verweilt, im Westen Deutschlands (am Rhein) auch vereinzelt überwintert. 38 Eier aus Deutschland und Griechenland (Rey, Reiser, Jourdain) messen im Durchschnitt 17.94 x 14.14, Maximum 20 x 14.5 und 17.6 x 14.9, Minimum 16.5 x 13.5 und 16.9 x 13.2 mm.
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Brehm
Die 22 Arten zählende, über ganz Europa und Afrika, einschließlich Madagaskar und die Maskarenen, sowie über ganz Asien bis Celebes und Neuguinea verbreitete Gattung der Wiesenschmätzer (Pratincola Koch) wird vielfach den Fliegenfängern zugerechnet. An diese erinnern besonders der verhältnismäßig kurze und breite, runde Schnabel und die kräftig entwickelten Mundwinkelborsten. Es sind kleine, buntfarbige, etwas plump gebaute Vögel mit mittellangen Flügeln, in denen die dritte Schwinge die längste, die vierte fast ebenso lang ist, mit kurzem, schmalfederigem Schwänze und hohen, schlankläufigen Beinen. Bei Pratincola rubetra finden zwei Mausern statt, sonst nur eine.
Das Braunkehlchen oder Kohlvögelchen, Braunellert, Krautlerche usw., Pratincola rubetra Koch (Abb., S. 155, u. Taf. „Sperlingsvögel II“, 2 u. 3, bei S. 126), die bei uns zulande häufigste Art der Gattung, ist auf der Oberseite schwarzbraun, wegen der breiten rostgrauen Federränder gefleckt, auf der Unterseite rostgelblichweiß, am Kinn und neben dem Vorderhalse, über den Augen und auf der Flügelmitte weiß. Beim Weibchen sind alle Farben unscheinbarer; der Augenbrauenstreifen ist gelblich und der lichte Flügelfleck wenig bemerkbar. Die Jungen sind auf der rostfarben und grauschwarz gemischten Oberseite rostgelblich in die Länge gestreift, auf der blaßroten Unterseite mit rostgelben Flecken und grauschwarzen Spitzenrändern gezeichnet. Die Iris ist dunkelbraun, Schnabel und Füße sind schwarz. Die Länge beträgt 14, die Breite 21, die Flügellänge 9, die Schwanzlänge 5 cm.
Das Schwarzkehlchen oder der Schollenhüpfer, Pratincola rubicola L., dаs aber, nach Hartert, als Unterart der afrikanischen Spezies Pratincola torquata L. zu gelten hat, ist etwas größer und schöner gefärbt als dаs Braunkehlchen. Oberseite und Kehle sind schwarz, die unteren Teile rostrot, Bürzel und Unterbauch sowie ein Flügel- und ein Halsseitenfleck reinweiß. Das Weibchen ist oben und аn der Kehle grauschwarz, auf der Unterseite rostgelb, jede Feder der Oberseite rostgelb gerandet.
Das Braunkehlchen ist in allen ebenen Gegenden Deutschlands und der benachbarten Länder sehr häufig, kommt außerdem in Nordeuropa bis zum 70. Breitengrad, in Südeuropa jedoch nur im Gebirge vor und besucht im Winter dаs tropische Afrika. Bei uns erscheint es erst Ende April und verweilt hier höchstens bis Ende September; in Spanien dagegen sieht mаn es während des ganzen Jahres; ja, schon Großbritannien verläßt es während des Winters nicht mehr. Das Schwarzkehlchen, im allgemeinen in Deutschland seltener als die verwandte Art und mehr im Westen unseres Vaterlandes heimisch, bewohnt die gemäßigten Länder Europas und Asiens, nach Norden hin bis zur Breite Südschwedens, und wandert im Winter ebenfalls bis nach Innerafrika.
Wiesen, die von Bächen durchschnitten werden oder in der Nähe von Gewässern liegen, аn freies Feld oder аn Waldungen grenzen und mit einzelnen niederen Gebüschen bestanden sind, sind die beliebtesten Aufenthaltsorte der Wiesenschmätzer. Diese meiden die Öde und finden sich ausschließlich im bebauten Lande. Je fruchtbarer eine Gegend ist, um so häufiger trifft mаn sie an. Während der Brutzeit halten sie fest аn den Wiesen, später wenden sie sich dem Felde zu und treiben sich hier am liebsten auf Kartoffel- oder Krautäckern umher. Da, wo sie vorkommen, wird mаn sie selten übersehen; denn sie wählen sich stets erhabene Punkte zu ihren Ruheorten und spähen von diesen nach Beute aus.
Es läßt sich nicht bestreiten, daß die Wiesenschmätzer im ganzen langweilige Vögel sind; immerhin аber gehören sie zu den muntersten, bewegungslustigsten, unruhigsten und hurtigsten unseres Vaterlandes. Auf der Erde hüpfen sie schnellen Sprunges dahin, halten auf jeder Erhöhung an, beugen sich schnell vorwärts und wippen mit dem Schwanze nach unten. Im Fluge beschreiben sie kurze Bogen niedrig über dem Boden weg, wissen аber sehr gewandt zu schwenken und zu wenden und sind imstande, fliegende Insekten aller Art mit Sicherheit aufzunehmen. Am Tage sieht mаn sie fast immer in Tätigkeit: sie sitzen auf der Spitze eines niedrigen Busches oder Baumes, schauen sich hier nach allen Seiten um, stürzen plötzlich auf den Boden herab, nehmen die erspähte Beute auf und kehren zu dem früheren Sitze zurück oder fliegen einem andern erhabenen Punkte zu. Sie sind nicht gerade gesellig, аber doch ziemlich verträglich und hadern selten. Ihr Lockton ist ein schnalzendes „Tza“, аn dаs gewöhnlich die Silbe „teck“ angehängt wird, so daß dаs Ganze wie „tza-“ oder „tjaudeck“ klingt. Der hübsche Gesang besteht aus verschiedenen kurzen Strophen voller und reiner Töne, die in vielfacher Abwechselung vorgetragen und in die, je nach der Gegend, anderer Vögel Stimmen verwebt werden, so Teile aus den Liedern des Grünlings, Stieglitzes, Hänflings, des Finken, der Grasmücke usw. Die Braunkehlchen singen bis zu Anfang Juli fleißig, beginnen schon früh am Morgen, schweigen während des Tages selten und lassen sich bis in die Nacht hinein hören.
Die Wiesenschmätzer nähren sich von Insekten, vorzüglich von Käfern und deren Larven, kleinen Heuschrecken, Raupen, Ameisen, Fliegen, Mücken und dergleichen, die sie vom Boden absuchen oder im Fluge fangen. Das Nest steht regelmäßig auf den Wiesen im Grase, meist in einer seichten Vertiefung, zuweilen unter einem kleinen Busche, immer sehr gut verborgen, so daß es überaus schwer zu finden ist. „Sogar die Leute, welche dаs Gras abmähen“, sagt Naumann, „finden es seltener als die, welche dаs Heu nachher mit Harken zusammenbringen; ja, ich weiß Fälle, daß es bei alledem von keinem gefunden wurde und die Vögel, trotz der vorgegangenen großen Veränderung, ihre Brut glücklich aufbrachten. Es besteht aus einem lockeren Geflechte von trocknen Würzelchen, dürren Stengeln, Grashalmen und Grasblättern mit mehr oder weniger grünem Erdmoose vermischt, im Innern aus denselben, аber feineren Stoffen und schließlich aus einzelnen Pferdehaaren, die der Mulde die Vollendung geben.“ 5—7 sehr bauchige, 19 mm lange, 14 mm dicke, glattschalige, glänzend hell blaugrüne Eier, die zuweilen am stumpfen Ende fein gelbrot gepunktet sind (Eiertafel V, 3), bilden dаs Gelege, dаs Ende Mai oder Anfang Juni vollständig ist und in 13—14 Tagen vom Weibchen allein gezeitigt wird. Beide Eltern füttern die Brut, lieben sie im hohen Grade und gebrauchen allerlei List, um Feinde von ihr abzulenken. Ungestört brütet dаs Paar nur einmal im Jahre.
Viele Feinde, namentlich alle kleineren Raubtiere, Ratten und Mäuse, bedrohen die Jungen, unsere kleineren Edelfalken auch die alten Wiesenschmätzer. Der Mensch verfolgt sie nirgends regelrecht, schützt sie vielmehr hier und da. In der Schweiz ist der Volksglaube verbreitet, daß auf der Alpe, auf der ein Schwarzkehlchen getötet wird, die Kühe von Stund‘ аn rote Mich geben. In der Gefangenschaft sind die Wiesenschmätzer, auch wenn mаn sie im Zimmer frei herumfliegen läßt, langweilig und still.